Multiple Sklerose: Ursachen, Symptome, Tiermodelle und Behandlungsansätze

Multiple Sklerose (MS), auch Encephalomyelitis disseminata oder G35 genannt, ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), bei der die Nervenfasern geschädigt werden. Weltweit sind etwa 2,8 Millionen Menschen betroffen, in Deutschland leiden ca. 250.000 Menschen an dieser degenerativen Nervenkrankheit. Die Krankheit beginnt meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, kann aber auch im Kindesalter auftreten. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Trotz intensiver Forschung sind die genauen Ursachen und Mechanismen der MS noch nicht vollständig geklärt.

Symptome und Verlauf

Die Symptome der MS sind vielfältig und können von Patient zu Patient stark variieren. Daher wird die MS auch als "Krankheit der tausend Gesichter" bezeichnet. Häufig treten die Symptome in Schüben auf, bei denen sich ein oder mehrere Symptome über einen Zeitraum von mindestens 24 Stunden bis zu mehreren Wochen zeigen. Diese bilden sich - insbesondere am Anfang häufig - vollständig oder teilweise wieder zurück (schubförmig remittierende MS = Relapsing-Remitting MS = RRMS).

Mit fortschreitender Krankheitslänge erfolgt meist nur eine unvollständige Remission, so dass sich die Symptome oder der Schweregrad der Symptome aufaddieren und somit das Leben der Betroffenen sukzessive einschränken. Dieser Verlauf wird als sekundär progrediente MS (engl. Secondary Progressive MS = SPMS) bezeichnet. Bei ca. 10% der Betroffenen erfolgt von Anfang an eine langsame Verschlechterung des Zustandes ohne klar abzugrenzende Schübe; hier spricht man von primär progredienter MS (engl. Primary Progressive MS = PPMS).

Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Sehstörungen: Entzündung des Sehnervs, verschwommene Sicht, Schmerzen im Auge
  • Motorische Störungen: Lähmungen, Koordinationsstörungen, Gleichgewichtsstörungen
  • Sensibilitätsstörungen: Taubheitsgefühle, Kribbeln, Schmerzen
  • Fatigue: Chronische Erschöpfung, die durch Schlaf und Ruhepausen nicht verschwindet
  • Kognitive Beeinträchtigungen: Gedächtnisprobleme, Konzentrationsstörungen
  • Weitere Symptome: Schwindel, Blasenfunktionsstörungen, Darmfunktionsstörungen, sexuelle Funktionsstörungen

Ursachen und Risikofaktoren

MS ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Strukturen angreift. Im Fall von MS richtet sich das Immunsystem gegen die Myelinscheiden, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark umhüllen. Diese Myelinscheiden sind für die schnelle und reibungslose Weiterleitung von Nervenimpulsen unerlässlich. Werden sie zerstört (Demyelinisierung), können die Nervenimpulse nicht mehr richtig weitergeleitet werden, was zu den vielfältigen neurologischen Symptomen führt.

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Die genauen Ursachen, die zu dieser Fehlfunktion des Immunsystems führen, sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass ein Zusammenspiel verschiedener genetischer und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.

Zu den diskutierten Risikofaktoren gehören:

  • Genetische Veranlagung: MS tritt gehäuft in Familien auf, was auf eine genetische Komponente hindeutet. Es sind inzwischen mehr als 200 Gene bekannt, die die Prädisposition für MS beeinflussen.
  • Infektionen: Bestimmte Virusinfektionen, insbesondere mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV), werden als mögliche Auslöser diskutiert. Eine Studie aus dem Jahr 2022 deutet darauf hin, dass eine EBV-Infektion die Hauptursache für MS sein könnte. Auch andere bakterielle und virale Infektionen im Kindesalter werden diskutiert.
  • Vitamin-D-Mangel: Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel im Blut wird mit einem erhöhten MS-Risiko in Verbindung gebracht.
  • Darmflora (Mikrobiom): Jüngste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Zusammensetzung der Darmflora eine wichtige Rolle bei der Entstehung von MS spielen könnte. Studien haben gezeigt, dass die Darmflora von MS-Patienten im Tiermodell eine MS-ähnliche Hirnentzündung auslösen kann. Bestimmte Bakterienarten könnten entzündungsfördernde oder -hemmende Eigenschaften haben und somit den Krankheitsverlauf beeinflussen.
  • Ernährung: Die Ernährung kann die Zusammensetzung der Darmflora beeinflussen und somit indirekt das MS-Risiko beeinflussen. Es gibt Hinweise darauf, dass eine weizenreduzierte Ernährung die Symptome bei MS-Patienten lindern kann.
  • Geografische Faktoren: Die Häufigkeit von MS variiert stark in verschiedenen Regionen der Welt. Dies könnte mit unterschiedlichen Ernährungsfaktoren, Umweltfaktoren oder genetischen Unterschieden zusammenhängen.

Tiermodelle in der MS-Forschung

Da die MS bei Tieren nicht natürlich vorkommt, werden in der Forschung Tiermodelle eingesetzt, um die Krankheitsmechanismen zu untersuchen und neue Therapieansätze zu entwickeln. Dabei werden bei den Tieren MS-ähnliche Erkrankungen experimentell induziert.

Zu den häufigsten Tiermodellen gehören:

  • Experimentelle Autoimmune Enzephalomyelitis (EAE): Bei der EAE werden den Versuchstieren Proteine aus den Myelinscheiden injiziert, die eine Autoimmunreaktion auslösen und zur Demyelinisierung führen. Die EAE ist das am häufigsten verwendete Tiermodell für MS. Allerdings sind die EAE-Läsionen hauptsächlich durch Degeneration der Axone gekennzeichnet und weniger durch Demyelinisierung, was einen wesentlichen Unterschied zur humanen MS darstellt.
  • Theilervirus-Enzephalomyelitis: Das Theilervirus führt bei empfänglichen Mäusen zu einer dauerhaften Virusinfektion des Zentralnervensystems mit chronisch-entzündlicher Demyelinisierung.
  • Cuprizon-Modell: Die Zugabe der Chemikalie Cuprizon in das Futter führt bei Mäusen zur Zerstörung von Oligodendrozyten im Gehirn und zu Lähmungserscheinungen. Allerdings heilen diese Lähmungen aus, sobald Cuprizon nicht mehr verabreicht wird.
  • Transgene Tiermodelle: Bei diesen Modellen wird durch Genveränderung eine Überproduktion bestimmter Entzündungsfaktoren im Zentralnervensystem der Tiere bewirkt, was zu spontanen Demyelinisierungen führt.
  • Andere Tiermodelle: Neben Mäusen werden auch Ratten, Zebrafische und Primaten (z.B. Weißbüschelaffen) in der MS-Forschung eingesetzt.

Kritik an Tiermodellen

Obwohl Tiermodelle wichtige Erkenntnisse über die MS-Pathogenese liefern, gibt es auch Kritik an ihrer Verwendung. Ein Hauptproblem ist die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen. Die in Tiermodellen induzierten Erkrankungen ähneln der MS oft nur in bestimmten Aspekten, weisen aber auch wesentliche Unterschiede auf. So sind beispielsweise die Läsionsmuster, die beteiligten Immunzellen und die Krankheitsverläufe oft unterschiedlich.

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Eine Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover aus dem Jahr 2014 verglich die Genexpressionsmuster in verschiedenen MS-Tiermodellen mit denen von MS-Patienten. Die Ergebnisse zeigten, dass die transkriptionellen Veränderungen der Tiermodelle untereinander ähnlicher sind als der MS beim Menschen. Dies wirft die Frage auf, inwieweit die Ergebnisse aus Tierversuchen auf die Situation beim Menschen übertragbar sind.

Trotz dieser Einschränkungen sind Tiermodelle weiterhin ein wichtiges Werkzeug in der MS-Forschung, um grundlegende Mechanismen zu untersuchen und neue Therapieansätze zu testen.

Aktuelle Behandlungsansätze

Bisher gibt es keine Heilung für MS. Die Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Schübe zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.

Die wichtigsten Behandlungsansätze sind:

  • Schubtherapie: Bei akuten Schüben werden hochdosierte Kortikosteroide eingesetzt, um die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu lindern.
  • Basistherapie (immunmodulatorische Therapie): Diese Medikamente zielen darauf ab, das Immunsystem zu modulieren und die Häufigkeit und Schwere der Schübe zu reduzieren. Zu den häufig verwendeten Medikamenten gehören Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid und Dimethylfumarat.
  • Eskalationstherapie (Immunsuppressive Therapie): Diese Medikamente werden bei schweren Verläufen eingesetzt, wenn die Basistherapie nicht ausreichend wirksam ist. Sie unterdrücken das Immunsystem stärker und haben daher auch ein höheres Risiko für Nebenwirkungen. Zu den eingesetzten Medikamenten gehören Natalizumab, Fingolimod, Alemtuzumab und Ocrelizumab.
  • Symptomatische Therapie: Diese Behandlung zielt darauf ab, die einzelnen Symptome der MS zu lindern, z.B. Spastik, Schmerzen, Fatigue, Blasenfunktionsstörungen.
  • Rehabilitation: Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie können helfen, die körperlichen Funktionen zu verbessern und die Lebensqualität zu erhalten.
  • Tiergestützte Therapie: Therapien mit Tieren, wie z.B. Reittherapie, können MS-Patienten auf physischer und psychischer Ebene helfen.

Neue Therapieansätze

Die MS-Forschung ist weiterhin sehr aktiv und es werden ständig neue Therapieansätze entwickelt. Einige vielversprechende Ansätze sind:

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  • Darmflora-basierte Therapien: Da die Darmflora eine wichtige Rolle bei der Entstehung von MS spielen könnte, werden Therapien entwickelt, die die Zusammensetzung der Darmflora positiv beeinflussen sollen. Dazu gehören z.B. die Einnahme von Probiotika oder eine spezielle Ernährung.
  • Impfungen gegen EBV: Wenn sich der Zusammenhang zwischen EBV-Infektion und MS bestätigt, könnten Impfungen gegen EBV möglicherweise das MS-Risiko reduzieren.
  • Gezielte Immuntherapien: Es werden Therapien entwickelt, die spezifisch auf bestimmte Immunzellen oder Entzündungsfaktoren abzielen, die an der MS-Pathogenese beteiligt sind.
  • Remyelinisierungsstrategien: Da die Zerstörung der Myelinscheiden ein zentrales Merkmal der MS ist, werden Strategien entwickelt, die die Remyelinisierung fördern sollen.

Ernährung und MS

Die Ernährung spielt eine wichtige Rolle für die Gesundheit und das Wohlbefinden von MS-Patienten. Es gibt zwar keine spezielle MS-Diät, aber einige Ernährungsempfehlungen können helfen, die Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

  • Entzündungshemmende Ernährung: Eine Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, gesunden Fetten (z.B. Olivenöl, Nüsse, Fisch) und wenig tierischen Fetten kann helfen, chronische Entzündungen im Körper zu reduzieren.
  • Weizenreduzierte Ernährung: Einige Studien deuten darauf hin, dass eine weizenreduzierte Ernährung die Symptome bei MS-Patienten lindern kann. Dies könnte mit den Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI) im Weizen zusammenhängen, die Entzündungen im Körper fördern können.
  • Vitamin-D-Supplementierung: Da ein Vitamin-D-Mangel mit einem erhöhten MS-Risiko in Verbindung gebracht wird, kann eine Vitamin-D-Supplementierung sinnvoll sein.
  • Ballaststoffreiche Ernährung: Eine ballaststoffreiche Ernährung fördert eine gesunde Darmflora und kann somit indirekt das Immunsystem positiv beeinflussen.
  • Individuelle Anpassung: Die Ernährung sollte individuell an die Bedürfnisse und Vorlieben des Patienten angepasst werden. Eine Ernährungsberatung kann helfen, eine geeignete Ernährungsstrategie zu entwickeln.

Tiergestützte Therapie

Tiergestützte Therapien, insbesondere die Reittherapie (Hippotherapie), können für MS-Patienten eine wertvolle Ergänzung zur konventionellen Behandlung sein.

  • Reittherapie: Beim Reiten werden Muskeln angesprochen, die auch beim Gehen benutzt werden. Dies kann Menschen mit MS helfen, ihre motorischen Fähigkeiten zu verbessern. Die Bewegungen des Pferdes können entspannend wirken und Anspannungen und Verkrampfungen in den Gliedmaßen reduzieren. Zudem kann der Kontakt mit dem Pferd eine beruhigende Wirkung haben und das psychische Wohlbefinden verbessern.
  • Assistenzhunde: Assistenzhunde können MS-Patienten im Alltag unterstützen, indem sie z.B. Gegenstände aufheben, Türen öffnen oder bei An- und Ausziehen helfen.
  • Weitere Tiere: Auch andere Tiere, wie z.B. Lamas, Katzen oder Kaninchen, können eine positive Wirkung auf MS-Patienten haben. Sie können den Alltag strukturieren, die soziale Interaktion fördern und das emotionale Wohlbefinden verbessern.

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