Multiple Sklerose, Copaxone und Schwangerschaft: Erfahrungen und Überlegungen

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die oft im gebärfähigen Alter diagnostiziert wird. Dies wirft viele Fragen und Bedenken bei Frauen mit Kinderwunsch auf. Dieser Artikel beleuchtet Erfahrungen und Aspekte rund um MS, die Anwendung von Copaxone (Glatirameracetat) und Schwangerschaft, um Betroffenen eine umfassende Informationsgrundlage zu bieten.

Einführung

Der Kinderwunsch ist ein zentrales Thema im Leben vieler Menschen. Wenn eine Frau an MS erkrankt ist, stellen sich besondere Fragen: Wie beeinflusst die MS die Schwangerschaft? Welche Medikamente sind sicher? Welche Erfahrungen haben andere Frauen gemacht? Dieser Artikel soll Antworten geben und Mut machen, den Kinderwunsch trotz MS zu verwirklichen.

Erfahrungen von Frauen mit MS und Kinderwunsch

Viele Frauen mit MS haben erfolgreich Kinder bekommen und positive Erfahrungen während der Schwangerschaft gemacht. Einige berichten, dass sich ihre MS-Symptome während der Schwangerschaft sogar verbessert haben. Dies wird oft auf die hormonelle Umstellung zurückgeführt, die eine immunmodulatorische Wirkung haben kann.

Persönliche Berichte

Einige Frauen teilen ihre Erfahrungen mit MS und Schwangerschaft:

  • Eine Frau, bei der 2003 MS diagnostiziert wurde, setzte das Spritzen von Medikamenten bei Kinderwunsch ab und erlitt einen Minimalschub, den sie ohne Medikamente überstand. Sie ist nun in der 13. Schwangerschaftswoche und hofft, dass es weiterhin gut verläuft. Da sie stillen möchte, plant sie, die Therapie erst nach dem Abstillen wieder aufzunehmen.

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  • Eine andere Frau, bei der 2010 MS diagnostiziert wurde, ist in der 7. Schwangerschaftswoche und tendiert aufgrund der Angst vor einem Schub durch das Pressen zu einem Kaiserschnitt.

  • Eine weitere Frau, die seit 2009 MS hat, setzte Rebif bei Kinderwunsch ab und ist nun in der 13. Woche schwanger. Sie plant eine normale Geburt, schließt aber einen Kaiserschnitt nicht aus, falls neurologische Probleme auftreten sollten. Sie möchte stillen, solange es geht, und betont, dass ihre MS während der Schwangerschaft sehr gut verläuft.

  • Eine Frau, die seit April 2007 MS hat und Copaxone bis zum positiven Schwangerschaftstest spritzte, möchte nach der Geburt nicht stillen, um direkt mit einer Therapie weitermachen zu können. Sie möchte Copaxone jedoch nicht mehr spritzen, da ihre Haut nicht mehr mitmacht.

Schwangerschaftsplanung und medizinische Betreuung

Eine gute Planung und enge Zusammenarbeit mit Ärzten sind entscheidend. Es wird empfohlen, sich bei Spezialisten für MS und Kinderwunsch anzumelden, um individuelle Therapieoptionen und Risiken zu besprechen. Das St. Josef Hospital in Bochum mit Frau Dr. Hellwig ist eine Anlaufstelle für MS und Kinderwunsch.

Copaxone (Glatirameracetat) und Schwangerschaft

Copaxone ist ein Immunmodulator, der zur Behandlung der schubförmig remittierenden MS eingesetzt wird. Die Fachinformation zu Copaxone wurde angepasst, sodass eine Anwendung während der Schwangerschaft in Betracht gezogen werden kann, falls notwendig.

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Studienergebnisse und Zulassung

Eine Analyse aus dem Jahr 2016 des Deutschen MS- und Kinderwunschregisters (DMSKW) zeigte keine Unterschiede bei Malformationen, Frühgeburtlichkeit oder Kaiserschnitt bei Schwangerschaften mit Glatirameracetat-Exposition (GA-E) im ersten Trimester. Diese Ergebnisse wurden durch weitere Analysen aus der weltweiten Teva-Pharmakovigilanz-Erfassung bestätigt.

Empfehlungen und Sicherheit

Die Zulassungsanpassung gibt Ärzten und Patientinnen zusätzliche Sicherheit für die Therapie mit Copaxone auch während der Schwangerschaft. Ein großer Teil der MS-Medikamente muss bei Kinderwunsch in der Regel aufgrund schwangerschaftsbezogener Risiken abgesetzt werden. Copaxone bietet hier eine mögliche Alternative.

Geburtsplanung und Entbindung

Die Wahl der Geburtsmethode ist ein individueller Entscheidungsprozess, der in Absprache mit den behandelnden Ärzten getroffen werden sollte. Einige Frauen mit MS haben Bedenken, dass das Pressen während der Geburt einen Schub auslösen könnte.

Natürliche Geburt vs. Kaiserschnitt

Einige Frauen bevorzugen einen Kaiserschnitt, um das Risiko eines Schubs zu minimieren. Andere wiederum entscheiden sich für eine natürliche Geburt, da es keine eindeutigen Beweise dafür gibt, dass das Pressen Schübe auslöst. Es ist wichtig, die Vor- und Nachteile beider Optionen mit den Ärzten zu besprechen und eine informierte Entscheidung zu treffen.

PDA und Schmerzlinderung

Es gibt die allgemeine Meinung bei einigen Ärzten, dass bei MS-Patientinnen keine PDA (Periduralanästhesie) gesetzt werden darf. Dies beruht jedoch auf Unsicherheit und ist nicht wissenschaftlich belegt. Eine PDA kann zur Schmerzlinderung während der Geburt eingesetzt werden, sollte aber im Vorfeld mit dem Arzt besprochen werden.

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Stillen und MS-Therapie

Die Entscheidung, ob gestillt werden soll oder nicht, ist ebenfalls sehr persönlich. Einige Frauen möchten stillen, da sie die Vorteile für Mutter und Kind schätzen. Andere wiederum ziehen es vor, nicht zu stillen, um direkt nach der Geburt mit einer MS-Therapie beginnen zu können.

Medikamentenübergang in die Muttermilch

Viele MS-Medikamente sind in der Stillzeit nur eingeschränkt zugelassen. Es ist wichtig, mit dem Arzt zu besprechen, welche Medikamente sicher sind und ob ein Übergang in die Muttermilch stattfindet. Für einige Medikamente, wie z.B. Copaxone, wird ein Übergang in die Muttermilch als sehr unwahrscheinlich angesehen.

Schubrisiko nach der Schwangerschaft

Nach der Schwangerschaft besteht ein erhöhtes Schubrisiko. Daher ist es wichtig, frühzeitig mit dem Arzt über eine mögliche Therapie nach der Geburt zu sprechen. Eine frühzeitige Wiederaufnahme der Therapie kann helfen, Schübe zu verhindern und die langfristige Gesundheit zu erhalten.

Tipps und Empfehlungen für Frauen mit MS und Kinderwunsch

  • Frühzeitige Planung: Sprechen Sie frühzeitig mit Ihrem Neurologen und Gynäkologen über Ihren Kinderwunsch.
  • Individuelle Therapieanpassung: Lassen Sie Ihre MS-Therapie individuell an Ihre Bedürfnisse und Ihren Kinderwunsch anpassen.
  • Information und Austausch: Informieren Sie sich umfassend über MS, Schwangerschaft und Stillzeit. Tauschen Sie sich mit anderen Betroffenen aus.
  • Psychische Unterstützung: Nehmen Sie psychische Unterstützung in Anspruch, wenn Sie Ängste oder Sorgen haben.
  • Gesunde Lebensweise: Achten Sie auf eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung, ausreichend Bewegung und Stressbewältigung.
  • Anlaufstellen: Nutzen Sie Anlaufstellen wie ms-und-kinderwunsch.de und die DMSG (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft).

Weitere MS-Therapien und Schwangerschaft

Neben Copaxone gibt es weitere MS-Therapien, die bei Kinderwunsch und Schwangerschaft berücksichtigt werden müssen. Einige Medikamente sind kontraindiziert, während andere nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden können.

Interferone

Beta-Interferone können nach Risiko-Nutzen-Abwägung bei Frauen mit hoher Krankheitsaktivität während der Schwangerschaft fortgeführt werden. Es gibt keine eindeutigen Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für angeborene Fehlbildungen.

Dimethylfumarat

Es liegen Daten zu mehr als 450 Schwangerschaften unter Dimethylfumarat vor, die kein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten oder Fehlbildungen zeigen. Die Anwendung sollte jedoch in der Schwangerschaft und Stillzeit vermieden werden, da ein potenzielles Risiko für den Fötus nicht ausgeschlossen werden kann.

Teriflunomid

Teriflunomid ist in Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert. Frauen im gebärfähigen Alter müssen während der Therapie effektive Verhütungsmaßnahmen anwenden. Bei geplanter Schwangerschaft sollte eine beschleunigte Elimination des Medikaments durchgeführt werden.

S1P-Rezeptor-Modulatoren

Fingolimod, Siponimod, Ozanimod und Ponesimod sind in der Schwangerschaft kontraindiziert. Frauen im gebärfähigen Alter müssen während der Therapie effektive Verhütungsmaßnahmen anwenden.

Natalizumab

Natalizumab kann im Einzelfall bei hochaktiven MS-Verläufen weitergegeben werden. Es gibt Hinweise auf eine Reproduktionstoxizität, und der Wirkstoff wird in die Muttermilch abgegeben.

Studien und Register

Das deutschsprachige Multiple Sklerose Kinderwunschregister (DMSKW) sammelt und vergleicht Daten von schwangeren MS-Patientinnen mit und ohne krankheitsmodifizierende Therapie. Diese Daten tragen dazu bei, die Sicherheit von MS-Medikamenten in der Schwangerschaft besser zu beurteilen und evidenzbasierte Empfehlungen zu geben.

Studienergebnisse des DMSKW

Eine Analyse des DMSKW von 3722 Schwangerschaften zeigte, dass die meisten Frauen mit krankheitsmodifizierender Therapie diese im Median 7,4 Wochen vor der Schwangerschaft oder nach 4,4 Schwangerschaftswochen beendeten. Die meisten Frauen, die ihre Therapie beibehielten, waren auf Interferon-β, Glatirameracetat oder Natalizumab eingestellt.

Risiken und Komplikationen

Die Studienautoren fanden nur selten negative Schwangerschaftsausgänge. Es gab jedoch Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Frühgeburten unter Teriflunomid und ein geringeres Geburtsgewicht bei Anwendung von S1P-Rezeptormodulatoren.

Die Rolle der Apotheke

Apotheker können eine wichtige Rolle bei der Beratung von Frauen mit MS und Kinderwunsch spielen. Sie können über die verschiedenen MS-Medikamente, ihre Auswirkungen auf Schwangerschaft und Stillzeit sowie über mögliche Risiken und Nebenwirkungen informieren. Zudem können sie auf Anlaufstellen und Informationsquellen verweisen.

Fazit

Eine Schwangerschaft mit Multipler Sklerose ist möglich und in den meisten Fällen gut zu bewältigen. Eine sorgfältige Planung, enge Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzten und eine individuelle Therapieanpassung sind entscheidend. Copaxone kann eine Option für Frauen sein, die während der Schwangerschaft eine MS-Therapie benötigen. Es ist wichtig, sich umfassend zu informieren, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und auf die eigenen Bedürfnisse und Bedenken zu hören.

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