Multiple Sklerose: Aktuelle Forschung und Nachrichten

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Leben von über 280.000 Menschen in Deutschland beeinträchtigt, mit jährlich etwa 15.000 Neuerkrankungen. Die Krankheit manifestiert sich individuell und ist durch vielfältige Symptome gekennzeichnet, was ihr den Namen "Krankheit der 1000 Gesichter" eingebracht hat. Trotz erheblicher Fortschritte in der Therapie bleibt MS unheilbar, was vor allem an den noch immer nicht vollständig verstandenen Ursachen liegt. Die Forschung konzentriert sich daher intensiv auf neue Therapieansätze und ein besseres Verständnis der Krankheitsmechanismen.

Lebensstilfaktoren und MS

Die Entstehung und der Verlauf von MS werden nicht nur durch genetische Faktoren beeinflusst. Ein Drittel der Ursachen sind genetisch bedingt, während zwei Drittel auf Umwelteinflüsse zurückzuführen sind. Die Forschung untersucht intensiv, wie sich verschiedene Lebensstilfaktoren auf die Erkrankung auswirken.

Fortschritte in der MS-Therapie

In den letzten Jahrzehnten hat die Entwicklung von MS-Therapien enorme Fortschritte gemacht. Mittlerweile sind 19 Wirkstoffe zur Behandlung von MS zugelassen. Ein Meilenstein war die Einführung von Beta-Interferon-1b im Jahr 1993, das erstmals die Anzahl der Krankheitsschübe deutlich reduzieren und das Fortschreiten der Krankheit hinauszögern konnte. Heute stehen rund zwanzig verschiedene Substanzen für die verschiedenen Ausprägungen der Krankheit zur Verfügung.

Ein vielversprechender neuer Therapieansatz ist die CAR-T-Zelltherapie, die ursprünglich in der Onkologie eingesetzt wurde. Bei dieser experimentellen Therapie werden T-Zellen aus dem Blut der Patienten entnommen, genetisch verändert und so zu CAR-T-Zellen umgewandelt. Diese können dann andere Immunzellen, die sogenannten B-Zellen, erkennen und unschädlich machen. Erste Erfolge dieser Therapie wurden bereits bei Autoimmunerkrankungen wie Lupus oder Myasthenie erzielt. Auch bei Multipler Sklerose gab es erste Erfolge.

Stefan Tenoth, bei dem vor fast 25 Jahren MS diagnostiziert wurde, erhielt im Januar CAR-T-Zellen. Nach fünf Monaten zeigte eine MRT-Untersuchung, dass sämtliche Entzündungen, insbesondere in seiner Halswirbelsäule, komplett verschwunden waren.

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Tolebrutinib: Ein Hoffnungsträger für die MS-Therapie

Der Wirkstoff Tolebrutinib weckt große Hoffnungen für die Therapie der Multiplen Sklerose (MS). Zwei große klinische Studien zu schubförmiger und chronisch fortschreitender MS wurden im April veröffentlicht und zeigen positive Effekte bzw. Tendenzen für den Verlauf der MS.

Die GEMINI-1- und 2-Studien unter der Letztautorschaft von Prof. Dr. Heinz Wiendl (Universitätsklinikum Freiburg) zeigen, dass Tolebrutinib bei schubförmiger MS mindestens ebenso gut wie das Standardmedikament Teriflunomid akute Schübe reduziert. Darüber hinaus gab es deutliche Hinweise darauf, dass die Krankheit langsamer voranschreitet - auch unabhängig von Rückfällen (PIRA).

Die HERCULES-Studie belegte erstmals signifikant positive Effekte bei sekundär progredienter MS. Der primäre Endpunkt der Studie, nämlich die Verzögerung des Fortschreitens der Behinderung, wurde erreicht. Damit ist Tolebrutinib eines der wenigen Medikamente mit Wirkung bei dieser schwer behandelbaren Verlaufsform.

Laut Wiendl wirken Tolebrutinib bei MS-Patienten, bei denen keine aktiven Entzündungen mehr nachweisbar sind. Dies sei ein bedeutender Fortschritt gegenüber bisherigen Therapien, die primär auf die Kontrolle akuter Entzündungsprozesse abzielen.

Die US-amerikanische Zulassungsbehörde hat ihr Zeitziel für Tolebrutinib aufgrund neuer Analysen vertagt. Der Wirkstoff soll für schubfreie sekundär-progrediente Verläufe zugelassen werden.

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KI-basierte Analyse der MS

Eine Studie unter deutscher Leitung zeigt, dass eine starre Einteilung in schubförmige oder progrediente Verlaufsformen der MS zu kurz greift. KI-basierte Analysen betrachten die MS als einen dynamischen Prozess und ermöglichen so ein besseres Verständnis der Erkrankung.

Organspende trotz MS?

Ob Menschen mit MS als Organspender infrage kommen, ist eine komplexe Frage. Es hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie dem Stadium der Erkrankung und dem Zustand der Organe. Eine individuelle Beratung durch einen Arzt ist in jedem Fall erforderlich.

Risikofaktoren für MS im Kindes- und Jugendalter

Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und des Universitätsklinikums Heidelberg (UKHD) haben im Rahmen der NAKO Gesundheitsstudie potenzielle Risikofaktoren für Multiple Sklerose (MS) im Kindes- und Jugendalter untersucht. Ihre Analyse zeigt, dass häufig auftretende Infektionen in der Kindheit, schwere belastende Lebensereignisse, ein höheres Alter der Mutter bei der Geburt des ersten Kindes sowie geringe körperliche Aktivität mit einem erhöhten MS-Risiko in Zusammenhang stehen können.

Die Rolle der Darmflora bei MS

Die Forschung untersucht auch die Rolle der Darmflora bei der Entstehung von MS. Bisherige Studien konnten zahlreiche Bakterienstämme identifizieren, durch die sich die Darmflora von MS-Patienten und gesunden Personen unterscheidet.

Ein Team mehrerer Forschungseinrichtungen unter der Leitung von Dr. Anneli Peters (Biomedizinisches Centrum der LMU) und Professor Hartmut Wekerle (Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz) etablierte eine Zwillingsstudie, um unerwünschte Einflüsse zu minimieren. In dieser Studie wurden Darmbakterien identifiziert, die bei Patienten mit Multipler Sklerose vorkommen, und erstmals Hinweise auf deren Pathogenität gefunden.

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Die Forschenden untersuchten die Stuhlproben von 81 Zwillingspaaren aus der MS TWIN STUDY und verglichen deren Zusammensetzung. Zudem wurden endoskopisch Proben aus dem Dünndarm entnommen und in transgene Mäuse eingebracht. Symptome zeigten daraufhin hauptsächlich die Mäuse, die mit Proben der MS-Patienten besiedelt worden waren. Als potenzielle krankheitsauslösende Faktoren wurden zwei Mitglieder der Familie der Lachnospiraceen identifiziert: Lachnoclostridium sp. und Eisenbergiella tayi.

Die SOX6-Bremse: Ein neuer Ansatzpunkt für die MS-Therapie

Ein US-Forschungsteam hat eine Entdeckung gemacht, die die Tür zu einer Therapie öffnen könnte. Die Forschenden beschreiben es als eine Art Bremse, die die Reifung wichtiger Gehirnzellen steuert. Bei Multipler Sklerose (MS) scheine diese Bremse zu lange angezogen zu bleiben. Könnte man diese Bremse lösen, die Zellreifung steuern, dann würde das einen potenziellen Ansatz liefern, um durch MS und ähnliche Erkrankungen des Nervensystems verursachte Schäden zu reparieren.

Im Fokus steht das Protein SOX6, das wie eine Bremse wirkt und Zellen durch ein als "Genschmelze" bekanntes Phänomen in einem unreifen Zustand blockiert. Im Hirngewebe von MS-Patienten stellten die Forschenden fest, dass ungewöhnlich viele Zellen in einem unreifen Zustand steckengeblieben waren.

Um das zu testen, verwendete das Team ein auf das Protein gerichtetes molekulares Medikament namens Antisense-Oligonukleotid (ASO), um SOX6 in Mausmodellen zu reduzieren.

Genetischer Biomarker für die Wahl der MS-Therapie

Eine Studie unter Leitung der Universität Münster hat einen genetischen Biomarker identifiziert, der vorhersagt, ob MS-Patientinnen und -Patienten besonders gut auf eine Behandlung mit Glatirameracetat (GA) ansprechen. Menschen mit dem Gewebetyp HLA-A*03:01 profitieren demnach signifikant stärker von GA als von Interferon-beta (IFN).

Die internationale Arbeitsgruppe analysierte die T-Zell-Rezeptor-Sequenzen (TZR) im Blut von 3.021 MS-Patientinnen und MS-Patienten. Dabei fielen T-Zell-Klone auf, die sich nach GA-Therapie nur bei den Patienten fanden, die zudem Träger bestimmter HLA-Moleküle sind, und zwar von HLA-A03:01 oder HLA-DRB115:01. Liegt eines dieser beiden HLA-Moleküle vor, reagiert also das Immunsystem auf die Therapie mit GA. Praktisch profitieren Patientinnen und Patienten jedoch nur in einem der beiden Fälle: Denn ausschließlich Betroffene mit der Genvariante HLA-A*03:01 haben nachweislich einen klinischen Behandlungsvorteil, ihnen geht es also dank GA-Therapie besser.

Dieser genetische Test kann bereits kurzfristig in der Therapieberatung angewendet werden.

Sobek Forschungspreis für Prof. Dr. Dr. Roland Liblau

Prof. Dr. Dr. Roland Liblau erhielt den Sobek Forschungspreis für seine wissenschaftlichen Beiträge zu den autoimmunen T-Lymphozyten und deren fundamentaler Rolle bei MS sowie anderen neurologischen Autoimmunerkrankungen.

Im Zentrum der Forschungsarbeiten von Prof. Liblau steht eine bestimmte Gruppe von Immunzellen: die autoreaktiven T-Lymphozyten, insbesondere CD8+-T-Zellen, auch T-Killerzellen genannt. Er gehörte zu den Ersten, die gezeigt haben, dass bei MS nicht nur CD4+-„Helfer“-T-Zellen, sondern auch CD8+-Zellen maßgeblich an Entzündungen und Gewebeschädigungen im zentralen Nervensystem (ZNS) beteiligt sind und speziell im Gehirn einen „entzündlichen Schwelbrand“ auslösen und aufrechterhalten.

Professor Liblaus Arbeiten haben gezeigt, dass die gewebsständigen T-Zellen die Gehirnzellen in ihrer Umgebung schädigen oder zerstören. Diese neu entdeckten Schädigungsmechanismen liefern konkrete Angriffspunkte für zukünftige Therapien, die auf diese gewebsständigen T-Zellen und ihre Aktivierung zielen.

Die Bedeutung medizinischer Innovationen für MS-Patienten

Dank medizinischer Innovationen haben MS-Patienten heute eine gleich hohe Lebenserwartung wie Menschen ohne die Krankheit. Die Schubrate konnte mit Arzneimittelinnovationen deutlich gesenkt werden. Immer besser kann auch die schleichende MS behandelt werden; neue Wirkstoffe zielen darauf ab, chronische Entzündungsprozesse zu bremsen und die Neurodegeneration zu verlangsamen.

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Auswirkungen von MS

Unbehandelt führt MS im Laufe der Zeit zu immer schwerwiegenderen Behinderungen. Die Hälfte der Patient:innen ist vor Erreichen des Rentenalters teilweise oder vollständig arbeitsunfähig, schwere Fälle werden häufig pflegebedürftig.

Die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Krankheit sind hoch - rund 23.000 Euro pro Betroffenen und Jahr sind allein die direkten Kosten (Stand: 2016), wobei Arzneimittel den größten Block ausmachen. Bei den indirekten Kosten sind es rund 20.000 Euro pro Jahr und Betroffenen; der größte Teil entsteht durch Erwerbsminderung bzw. Frühverrentung.

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