Multiple Sklerose und Rauchen: Ein gefährlicher Cocktail

Rauchen ist allgemein als Risikofaktor für zahlreiche Erkrankungen bekannt, darunter Lungenkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch auch bei Multipler Sklerose (MS) spielt Nikotinkonsum eine bedeutende Rolle. Rauchen erhöht nicht nur das Risiko, an MS zu erkranken, sondern verschlimmert auch den Verlauf der Krankheit erheblich.

Rauchen als Risikofaktor für MS

Es ist seit langem bekannt, dass Rauchen ein Risikofaktor für MS ist. Die Wahrscheinlichkeit, an dieser Nervenerkrankung zu erkranken, ist bei Rauchern um etwa 50 Prozent höher als bei Nichtrauchern. Dies wurde in verschiedenen Studien nachgewiesen und unterstreicht die Bedeutung des Nichtrauchens für die Prävention von MS.

Die Rolle von Genen und DNA-Methylierung

Eine Studie des Karolinska-Instituts in Stockholm brachte neue Erkenntnisse über die Mechanismen, die Rauchen und MS verbinden. Die Forscher untersuchten die sogenannte DNA-Methylierung, einen Prozess, bei dem der Körper kleine chemische Schnipsel (Methylgruppen) an das Erbgut (DNA) anheftet. Es zeigte sich, dass Nikotinkonsum das Muster und den Grad der DNA-Methylierung entscheidend verändert. Bei Rauchern fiel der Grad der Methylierung viel geringer aus, insbesondere am AHRR-Gen.

Die Studie umfasste 50 Frauen mit MS und einem genetischen Risiko für die Erkrankung, sowie 132 andere MS-Patienten und 135 gesunde Personen. Die Ergebnisse zeigten, dass die geringere DNA-Methylierung auch bei gesunden Rauchern nachweisbar war, der Effekt bei MS-Patienten jedoch viel stärker ausgeprägt war. Dies deutet darauf hin, dass MS die schädlichen Effekte des Rauchens noch verstärkt.

Negativer Einfluss auf den MS-Verlauf

Rauchen beeinflusst nicht nur das Risiko, an MS zu erkranken, sondern auch den Verlauf der Krankheit negativ. Bei Rauchern besteht eine erhöhte Gefahr, dass eine schubförmig verlaufende MS in eine sekundär chronisch-fortschreitende Form übergeht. Zudem fallen die durch MS bedingten Behinderungen bei Nikotinkonsumenten schwerer aus.

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Studie aus Großbritannien bestätigt Ergebnisse

Eine Studie mit 895 Patienten, veröffentlicht in der Fachzeitschrift "Brain", bestätigte, dass MS bei Rauchern einen schwereren Verlauf nimmt und schneller voranschreitet als bei Nichtrauchern. Die Ärzte um Professor Cris S. Constantinescu an der Universität von Nottingham werteten die Daten der Patienten aus und stellten fest, dass die Raucher auf der EDSS-Skala (Expanded Disability Status Scale), die den Schweregrad der Behinderung erfasst, um durchschnittlich 0,68 Punkte schlechter abschnitten.

Die Studie zeigte auch, dass Raucher ein um 64 Prozent höheres Risiko hatten, den Schweregrad 4 auf der EDSS-Skala zu erreichen (nicht mehr voll gehfähig), und ein um 49 Prozent erhöhtes Risiko, den Schweregrad 6 zu erreichen (ohne Unterstützung nicht weiter als 100 Meter gehen können).

Die Mechanismen hinter dem Zusammenhang

Professor Ralf Gold (Bochum), Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), erklärte, dass der heiße Rauch und die Teerstoffe das Immunsystem der Lunge anregen und auf diese Weise die Autoimmunität der MS verstärken können. Diese Erkenntnis verdeutlicht, wie Rauchen direkt in die Immunprozesse eingreift, die bei MS eine zentrale Rolle spielen.

Neurodegenerative Auswirkungen

Die Studie von Kleerekooper et al. deutet darauf hin, dass Personen mit MS empfindlicher für die neurodegenerativen Auswirkungen von Rauchen sind. Rauchen steht im Zusammenhang mit erhöhtem oxidativem Stress, Neuroinflammation und verminderter Neuroprotektion. Diese Faktoren tragen dazu bei, dass die Krankheit fortschreitet und die Behinderungen zunehmen.

Rauchstopp verbessert die Prognose

Die gute Nachricht ist, dass die schädliche Wirkung des Rauchens nachlässt, wenn eine Person mit dem Rauchen aufhört. Die britische Studie fand Beweise für den möglichen Nutzen eines Rauchstopps bezüglich des Fortschreitens der MS. Der Verzicht auf Zigaretten nützte sowohl Patienten, die vor dem Ausbruch der MS mit dem Rauchen aufgehört hatten, als auch denjenigen, die erst später auf Zigaretten verzichteten. Für beide Gruppen sank das Risiko, einen EDSS-Wert von 4 oder 6 zu erreichen, um etwa ein Drittel im Vergleich zu Patienten, denen es nicht gelang, mit dem Rauchen aufzuhören.

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Einfluss auf die Umwandlung zu SPMS

Untersuchungen an Rauchern mit MS zeigten, dass jedes zusätzliche Raucherjahr nach der MS-Diagnose die Umwandlung zu einer sekundär chronischen MS (SPMS) um 4,7% beschleunigte. Diejenigen, die weiterrauchten, entwickelten SPMS im Durchschnittsalter von 48 Jahren im Vergleich zu 56 Jahren bei Rauchstopp.

Tipps und Strategien zur Raucherentwöhnung

Es ist nie zu spät, mit dem Rauchen aufzuhören. Auch wenn es schwierig ist, gibt es zahlreiche Strategien und Hilfsmittel, die den Ausstieg erleichtern können.

Sich selbst überlisten

Manche schaffen es, mit dem Rauchen aufzuhören, nachdem sie eine heftige Grippe hatten oder wegen einer neuen Liebe. Es kann wichtig sein, sich selbst zu überlisten, die Belohnungserwartung, die früher durch eine Zigarette befriedigt wurde, mit etwas anderem zu füllen und neue Gewohnheiten zu schaffen.

Unterstützung suchen

Studien zeigen, dass die Chancen, mit dem Rauchen aufzuhören, deutlich steigen, wenn eine Kombination aus Medikamenten und Beratung genutzt wird. Es ist wichtig, während des Aufhörens gut unterstützt zu werden. Sprechen Sie mit Ihrer Familie und Ihren Betreuern darüber, warum es so wichtig für Sie ist, mit dem Rauchen aufzuhören, und bitten Sie sie um Hilfe.

Medikamentöse Unterstützung

Zu den Nikotinersatztherapien gehören Nikotinpflaster, Kaugummi, Inhalatoren, Mundspray oder Lutschtabletten. Es gibt auch Medikamente wie Vareniclin und Bupropion, die bei der Raucherentwöhnung helfen können.

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Organisationen und Apps

Es gibt Organisationen, die kostenlose Unterstützung anbieten, wie z. B. telefonische Unterstützung und Telefon-Apps. Diese können Ihnen zeigen, wie viel Geld Sie sparen und welche gesundheitlichen Vorteile Sie haben.

Sport und Bewegung

Als Dr. Claudia Marck mit dem Rauchen aufhörte, fing sie an zu laufen. Bewegung kann helfen, Stress abzubauen und die Entzugserscheinungen zu lindern.

Weitere Risikofaktoren und Lebensstil-Anpassungen bei MS

Neben dem Rauchen gibt es weitere Faktoren, die den Verlauf von MS beeinflussen können.

Vitamin-D-Spiegel

Menschen erkranken seltener an MS, je näher sie am Äquator, also in Regionen mit hoher Sonneneinstrahlung, leben. Dies hängt vermutlich mit einem höheren Vitamin-D-Spiegel zusammen. MS-Patienten mit normalen Vitamin-D-Spiegeln können, nach Rücksprache mit ihrem Arzt, Vitamin D ergänzend einnehmen.

Körperliche Aktivität

Regelmäßige körperliche Aktivität ist wichtig für die Gesundheit. Bei Menschen mit MS kann schon regelmäßiges Gehen alleine die Mobilität verbessern.

Ernährung

Eine gesunde Ernährung verringert das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und neurodegenerative Erkrankungen. Es gibt keine Diät, die MS heilen oder den Verlauf stoppen kann, aber bestimmte Ernährungsformen (paläolithisch, mediterran, low-fat) könnten helfen, Fatigue zu verringern.

Stressbewältigung

Traumatische Lebensereignisse und posttraumatische Belastungsstörungen erhöhen das Risiko für Autoimmunerkrankungen, einschließlich MS. Verschiedene Methoden zur Stressbewältigung, wie Achtsamkeitstraining, Meditation, Yoga oder autogenes Training, können helfen.

Übergewicht

Übergewicht kann das Risiko erhöhen, an MS zu erkranken, und auch zu einem ungünstigeren Verlauf der Krankheit führen.

Reisen mit MS

Wenn Menschen mit Multipler Sklerose verreisen wollen, ist eine gute Planung wichtig. Extremes Klima sollte vermieden, nötige Impfungen mit Ärzten abgesprochen und die medizinische Versorgung vor Ort in Erfahrung gebracht werden.

Hitze vermeiden

Bei vielen Menschen mit MS haben Hitze und Wärme ungünstigen Einfluss auf das körperliche Befinden. Sie sollten nicht in die (Sub-)Tropen reisen.

Medikamente

Müssen Medikamente gekühlt werden, muss die Kühlkette auch während der Reise gegeben sein. Je nach Therapie sind Spritzen und Kanülen notwendig. Um bei Zollabfertigungen am Flughafen keine unnötigen Probleme zu bekommen, sollte ein ärztliches Attest (am besten auf Englisch) mitgeführt werden.

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