Multiple Sklerose: Heilung in Sicht? Innovative Therapien und Forschungserfolge

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Lange Zeit galt die MS als unheilbar, doch aktuelle Forschungsergebnisse und innovative Therapieansätze lassen Hoffnung auf eine mögliche Heilung oder zumindest eine deutliche Verbesserung des Krankheitsverlaufs aufkeimen.

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheide angreift, eine Schutzhülle, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark umgibt. Durch diese Attacken wird die Myelinscheide beschädigt, was die Weiterleitung von Nervenimpulsen stört. Dies führt zu vielfältigen Symptomen wie Sehstörungen, Muskelschwäche, Gefühlsstörungen und Koordinationsproblemen.

Die Ursachen für die Entstehung von MS sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Zu den möglichen Risikofaktoren zählen Virusinfektionen, Vitamin-D-Mangel, Rauchen und Übergewicht in der Kindheit.

Innovative Zelltherapie: Immunsystem austricksen

Ein vielversprechender Ansatz zur Behandlung von MS ist eine innovative Zelltherapie, die darauf abzielt, das Immunsystem der Betroffenen umzuprogrammieren. Das Prinzip dieser Therapie ist es, die T-Zellen, die für die Angriffe auf die Myelinscheide verantwortlich sind, dazu zu bringen, diese Angriffe einzustellen.

Der Ablauf der Zelltherapie

  1. Entnahme von Leukozyten: Aus dem Blut der MS-Patienten werden weiße Blutkörperchen, die Leukozyten, entnommen.
  2. Verarbeitung im Reinlabor: Die Zellen werden in einem Reinlabor unter hohen Sicherheitsauflagen weiterverarbeitet.
  3. Kopplung mit Myelinpeptiden: An die Oberfläche der Zellen werden sieben Peptide gekoppelt, die Bestandteil der Myelinscheide sind. Diese Peptide werden vom Immunsystem der MS-Patienten fälschlicherweise als fremd erkannt.
  4. Infusion der veränderten Leukozyten: Die veränderten Leukozyten werden den Patienten als Infusion wieder verabreicht.

Wie das Immunsystem ausgetrickst wird

Im Körper der Patienten sterben die veränderten Leukozyten durch programmierten Zelltod. Die toten Leukozyten werden in die Milz transportiert, wo ihre Bestandteile - einschließlich der Myelinpeptide - dem Immunsystem präsentiert werden. Dadurch entwickelt sich Immuntoleranz, d.h., den T-Zellen wird "beigebracht", diese Myelinpeptide nicht als fremd, sondern als körpereigen zu erkennen.

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Erste klinische Studie mit vielversprechenden Ergebnissen

In einer ersten klinischen Studie wurde dieser innovative Therapieansatz an neun MS-Patienten geprüft. Die Therapie wurde von allen Patienten gut vertragen, und es traten keine Hinweise auf Sicherheitsrisiken auf. Bei Patienten, die eine hohe Dosierung erhalten hatten, konnten sogar positive Effekte auf den Krankheitsverlauf beobachtet werden.

Weitere Forschungsansätze und Therapieentwicklungen

Neben der Zelltherapie gibt es weitere vielversprechende Forschungsansätze und Therapieentwicklungen im Bereich der MS:

Neues MS-Medikament mit innovativem Therapieansatz

In der Schweiz laufen Phase-1b- und Phase-2a-Studien zur Entwicklung eines neuartigen MS-Medikaments, das einen völlig neuen Therapieansatz verfolgt. Dabei werden dem Immunsystem von MS-Erkrankten in Milz und Leber manipulierte Eigenblutzellen (Lymphozyten) präsentiert, die mit Peptiden gekoppelt sind, die die wichtigsten Zielantigene bei MS darstellen. Ziel ist es, eine dauerhafte Korrektur des Immunsystems zu erreichen und die MS tatsächlich zu beenden oder zu heilen.

Tolebrutinib: Hoffnung auf Wirkung unabhängig von Entzündungen

Der Wirkstoff Tolebrutinib weckt große Hoffnungen für die Therapie der Multiplen Sklerose (MS). Ergebnisse zweier groß angelegter, internationaler Phase-III-Studien zeigen positive Effekte bzw. Tendenzen für den Verlauf der MS. Damit rückt ein Medikament in greifbare Nähe, das nicht nur Schübe reduziert, sondern möglicherweise auch das Fortschreiten der Behinderung verlangsamt - und das unabhängig von sichtbarer Entzündung.

CAR-T-Zelltherapien: Ein Ansatz aus der Onkologie

Sogenannte CAR-T-Zelltherapien, die aus der Onkologie "entliehen" wurden, werden zunehmend für Autoimmunerkrankungen wie MS erforscht.

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Hemmung von SOX6 zur Förderung der Zellreifung

Ein US-Forschungsteam hat eine Art Bremse entdeckt, die die Reifung wichtiger Gehirnzellen steuert. Bei Multipler Sklerose (MS) scheine diese Bremse zu lange angezogen zu bleiben. Könnte man diese Bremse lösen, die Zellreifung steuern, dann würde das einen potenziellen Ansatz liefern, um durch MS und ähnliche Erkrankungen des Nervensystems verursachte Schäden zu reparieren. Dabei geht es um die Myelinscheiden im Gehirn, die zu den Behinderungen bei MS führen.

Stammzelltransplantation: Neustart des Immunsystems

Für Patient:innen mit einem hochaggressiven, fortschreitenden Verlauf der MS kommt ein anderer Behandlungsansatz in Frage, der ursprünglich für die Krebsmedizin entwickelt wurde. Dabei wird in einer Art "Reboot" das fehlgesteuerte Immunsystem zunächst komplett heruntergefahren und anschließend neu gestartet. Dabei spielen körpereigene, autologe Stammzellen eine besondere Rolle.

Bedeutung der Forschung für MS-Patienten

Die Fortschritte in der MS-Forschung haben bereits jetzt einen enormen Nutzen für die Betroffenen:

  • Gleich hohe Lebenserwartung: MS-Patienten haben heute eine gleich hohe Lebenserwartung wie Menschen ohne die Krankheit.
  • Reduzierte Schubrate: Die Schubrate konnte mit Arzneimittelinnovationen deutlich gesenkt werden.
  • Bessere Behandlung der schleichenden MS: Neue Wirkstoffe zielen darauf ab, chronische Entzündungsprozesse zu bremsen und die Neurodegeneration zu verlangsamen.

Herausforderungen und Ausblick

Trotz der vielversprechenden Entwicklungen gibt es weiterhin Herausforderungen bei der Behandlung von MS. So ist es beispielsweise noch nicht möglich, alle Schübe zu verhindern oder die Krankheit vollständig zu heilen. Zudem sind die verfügbaren Medikamente nicht für alle Patienten geeignet und können mit Nebenwirkungen verbunden sein.

Die MS-Forschung entwickelt sich jedoch stetig weiter, und es gibt zahlreiche vielversprechende Therapieansätze, die in den kommenden Jahren neue Möglichkeiten zur Behandlung der MS eröffnen könnten. Ein zentrales Innovationsfeld sind Biomarker wie das Neurofilament-Leichtkettenprotein (NfL), die eine frühere Erkennung von Krankheitsaktivität ermöglichen und damit eine individuellere Therapieüberprüfung ermöglichen.

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Leben mit Multipler Sklerose

Auch wenn die MS derzeit noch nicht heilbar ist, können Betroffene durch eine Kombination aus medikamentöser Therapie, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und psychologischer Unterstützung ein weitgehend normales Leben führen. Wichtig ist es, die Erkrankung anzunehmen, die eigenen Belastungsgrenzen zu erkennen und das Leben aktiv zu gestalten.

Tipps für den Alltag mit MS

  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse undBallaststoffen kann sich positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken.
  • Bewegung: Regelmäßige Bewegung und Sport können die Muskelkraft undKoordination verbessern und die Fatigue reduzieren.
  • Psychische Gesundheit: Psychologische Unterstützung kann helfen, mit denBelastungen der Erkrankung umzugehen und depressive Verstimmungen undÄngste zu bewältigen.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen inSelbsthilfegruppen kann Halt geben und die Lebensqualität verbessern.

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