Einleitung
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die oft mit einer Vielzahl von Symptomen einhergeht. Schluckstörungen, auch Dysphagie genannt, sind eine häufige Komplikation bei MS, die die Nahrungsaufnahme erschweren und zu Mangelernährung führen kann. In solchen Fällen kann eine flüssige Ernährung eine wichtige Rolle spielen, um den Ernährungsbedarf zu decken und die Lebensqualität zu verbessern. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der flüssigen Ernährung bei MS, einschließlich der Ursachen von Schluckstörungen, der Bedeutung einer angepassten Ernährung, verschiedener Ernährungsformen und spezifischer Nährstoffe, die bei MS eine Rolle spielen.
Schluckstörungen bei Multipler Sklerose
Ursachen und Auswirkungen
Schluckstörungen können die Folge verschiedener Erkrankungen sein, darunter auch Multiple Sklerose. Bei MS können neurologische Schäden die Koordination der Muskeln beeinträchtigen, die für das Schlucken erforderlich sind. Dies kann dazu führen, dass Betroffene Schwierigkeiten haben, feste und/oder flüssige Speisen oder Getränke sicher zu schlucken. Eine Schluckerschwernis für feste und/oder flüssige Speisen oder Getränke wird als Dysphagie bezeichnet. Treten beim Schlucken zusätzlich noch Schmerzen hinter dem Brustbein oder in der Magengrube auf, so spricht man von einer Odynophagie.
Die Auswirkungen von Schluckstörungen können vielfältig sein:
- Mangelernährung: Schluckstörungen führen fast immer dazu, dass weniger gegessen und getrunken wird. Gründe dafür sind zum einen, dass das Essen und Trinken viel Konzentration erfordert und länger dauert, wodurch eine Sättigung empfunden werden, bevor tatsächlich ausreichend gegessen wurde. Betroffene lehnen Speisen und Getränke oftmals ab, weil sie fürchten, sich zu verschlucken. Zudem essen und trinken Betroffene oft weniger, weil sie sich dafür schämen, „nicht richtig“ essen und trinken zu können.
- Aspiration: Gelangen Speichel, Getränke oder Speisebrei in die Luftröhre, kann dies zum Verschlucken (Aspiration) und in Folge davon zu einer Lungenentzündung führen.
- Dehydration: Eine unzureichende Flüssigkeitsaufnahme kann zu Dehydration führen, was insbesondere bei MS-Patienten negative Auswirkungen haben kann.
- Reduzierte Lebensqualität: Die Schwierigkeiten beim Essen und Trinken können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und zu sozialer Isolation führen.
Symptome und Diagnose
Zu den Symptomen, die auf eine Störung im Mund-Halsbereich (oropharyngeale Dysphagie) hindeuten, zählen unter anderem langsames Essen oder Essensverweigerung, Sabbern, Würgen oder Husten während oder nach der Nahrungsaufnahme, eine nasse und gurgelnde Stimme oder Essensrückstände im Mund nach Beendigung der Mahlzeit. Zu den Symptomen, die auf eine Störung in der Speiseröhre hinweisen (ösophageale Dysphagie), zählen unter anderem Druckgefühl, Brennen und Schmerzen hinter dem Brustbein und saures sowie nicht saures Aufstoßen.
Die Diagnose von Schluckstörungen umfasst in der Regel eine ausführliche Anamnese, eine klinische Untersuchung und instrumentelle Untersuchungen wie die transnasale Fiberendoskopie. Ist der Patient bei Bewusstsein, bietet sich zunächst immer ein ausführliches Anamnesegespräch, in der Regel durch eine Logopädin, zur Diagnostik an. So ist es möglich, eine erste Einschätzung zum Ausmaß der Schluckbeschwerden zu bekommen. Gibt das Anamnesegespräch keine ausreichenden Anhaltspunkte im Hinblick auf eine Dysphagieerkrankung oder wird die Ursache nicht ersichtlich, wird beispielsweise eine transnasale Fiberendoskopie durchgeführt. Die instrumentelle Untersuchung umfasst die Ruhebeobachtung und die Funktionsprüfung (mit unterschiedlichen Konsistenzen) vom Rachen (Pharynx) bis zum Kehlkopf (Larynx).
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Die Rolle der flüssigen Ernährung
Anpassung der Konsistenz
Die erste Wahl der Ernährungstherapie ist die Änderung der Flüssigkeits- und Nahrungskonsistenz. Flüssigkeiten (Suppen, Getränke) werden angedickt und feste Nahrung wird als Püree oder in weicherer Form zubereitet. Ein weiteres Kriterium der Dysphagie-Kost ist eine homogene Konsistenz der Nahrung, das heißt beispielsweise kein Joghurt mit Früchten oder Nudelsuppe. Um den Schluckreflex auszulösen, empfiehlt es sich, die Speisen, mit einem sauren Zusatz wie Zitrone, zuzubereiten. Das Schlucken von Wasser stellt für die meisten Betroffenen große Probleme dar, weil es ungehindert in die Luftröhre gelangen kann. Thermische Reize wirken sich ebenfalls positiv auf die Schluckauslösung aus. Sehr warme und sehr kalte Speisen stimulieren die Thermorezeptoren stärker als lauwarme Speisen.
Enterale Ernährung
Führen Veränderungen der Getränke- und Speisekonsistenz nicht zum Ziel oder ist Schlucken dennoch unmöglich, ist frühzeitig auf enterale Ernährung über Sondennahrung umzustellen.
Medizinische Trinknahrung
Wenn normale Kost bei neurologischen Erkrankungen den Körper nicht mit genügend Nährstoffen versorgt, bietet sich konsistenzadaptierte hochkalorische medizinische Trinknahrung als Ergänzung an. Ihre viskose Konsistenz erleichtert bei Schluckstörungen das Schlucken und ermöglicht so die Aufnahme ausreichender Mengen an Nährstoffen für den Betroffenen. Die Einnahme der medizinischen Trinknahrung sollte immer mit dem Hausarzt besprochen werden. Dieser kann sie auch auf Rezept verschreiben, sodass die Kosten von der Krankenkasse übernommen werden.
Vollwertige Ernährung bei Multipler Sklerose
Allgemeine Prinzipien
Eine vollwertige Ernährung bei MS unterstützt den Körper bei seinem Kampf gegen Viren, Bakterien und freie Radikale. Letztere können wichtige Proteine, Zellwände oder sogar die Erbsubstanz (DNS) angreifen und Zellschäden verursachen. Der Körper schützt sich dagegen unter Zuhilfenahme von Vitaminen, Spurenelementen und Enzymen, den sogenannten Antioxidantien.
Die Prinzipien einer vollwertigen Ernährung umfassen:
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- Abwechslungsreiche Ernährung: Essen Sie abwechslungsreich und bewusst. Pflanzliche Lebensmittel, Obst und Gemüse werden den tierischen Produkten gegenüber bevorzugt, bei Getreideprodukten zudem die Vollkornvariante.
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Nehmen Sie sich Zeit, wenn Sie etwas essen, und kauen Sie gründlich. Zu einer richtigen Ernährung bei MS gehört auch, über den Tag immer ausreichend zu trinken.
- Antioxidantien: Für die entzündungshemmende Ernährung bei Multipler Sklerose sind die Antioxidantien Vitamin A, Vitamin C, Vitamin E und β-Karotin ebenso wie die Spurenelemente Kupfer, Selen und Zink von besonderer Bedeutung.
- Ballaststoffe: Ernähren Sie sich ballaststoffreich. Greifen Sie bei Broten und Brötchen eher nach der Vollkornvariante.
- Zucker und Salz: Achten Sie auf Zucker. So versteckt sich z. B. in vielen Fertigprodukten ein hoher Zuckeranteil! Besser ist es, wenn Sie Ihre Mahlzeiten frisch und selbst zubereiten. Damit haben Sie eine Kontrolle über den Zuckergehalt. Gleiches gilt für versteckte Salze.
- Genuss in Maßen: Gönnen Sie sich hin und wieder auch etwas Besonderes! Ob Kuchen, Pizza oder Wein. Im Rahmen eines gemütlichen Abendessens oder eines festlichen Anlasses müssen Sie nicht vollständig darauf verzichten. Versuchen Sie jedoch, von einem regelmäßigen oder intensiven Genuss alkoholischer Getränke abzusehen.
Spezifische Nährstoffe bei MS
- Vitamin D: Experten konnten inzwischen einen Vitamin-D-Mangel mit einer erhöhten Schubrate und Krankheitsaktivität in Verbindung bringen. Der Körper kann Vitamin D unter Einfluss von UV-Licht selbst erzeugen. Bereits täglich 10 Minuten in der Sonne reichen aus, um genügend Vitamin D zu produzieren.
- Vitamin C: Vitamin C kann vom Körper immer nur in begrenzter Menge aufgenommen werden. Daher sollten die Vitamin-C-haltigen Lebensmittel über den Tag verteilt zu sich genommen werden.
- Vitamin A und Beta-Carotin: Vitamin A in seiner reinen Form ist nur in tierischen Produkten enthalten. ß-Karotin ist die fettlösliche Vorstufe von Vitamin A und findet sich in Gemüse.
- Spurenelemente: Die Spurenelemente Selen, Zink und Kupfer sind Bestandteil antioxidativ wirksamer, entzündungshemmender Enzyme. Sie kommen in unserem Körper in sehr geringen Mengen vor. Nahrungsergänzungsmittel sind in der Regel nicht nötig. Die Einnahme dieser Präparate sollte daher immer nur in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen. Eine Überversorgung kann in einigen Fällen sogar schaden.
Ernährungskonzepte bei MS
- Naturbelassene Vollwertkost nach Dr. med. Joseph Evers: Seine Ernährungstherapie beinhaltet vorwiegend vegetarische Frischkost, die mit fettarmen Milchprodukten kombiniert wird. Die positiven Wirkungen der Diät von Dr. med. Joseph Evers bei Multipler Sklerose werden einerseits den verschiedenen Inhaltsstoffen der Lebensmittel zugeschrieben und anderseits damit begründet, dass auf entzündungsfördernde Inhaltsstoffe (zum Beispiel Arachidonsäure aus Fleisch) weitestgehend verzichtet wird.
- Mediterrane Küche: Als ideale Ernährungsform sehen viele Ernährungsexperten bei Multipler Sklerose die mediterrane Küche, denn sie vereint die Vorteile von verschiedenen Ernährungskonzepten. Die Gerichte sind in der Regel leicht zuzubereiten. Sie zeichnet sich durch einen hohen Anteil an unerhitzten oder schonend zubereiteten pflanzlichen Lebensmitteln aus.
- Swank-Diät: Im Mittelpunkt seines modifizierten Ernährungskonzepts bei Multipler Sklerose stehen Omega-3-Fettsäuren zusammen mit einer vegetarischen Kost, die arm an tierischen Fetten ist.
- Kousmine-Diät: Die Kousmine-Diät basiert auf der Öl-Eiweiß-Diät von Johanna Budwig. Die Ärztin nahm an, dass viele Krankheiten durch falsche Ernährung entstehen. Verantwortlich für die Erkrankung sei ein hoher Säureanteil im Körper.
Milchprodukte und MS
Es gibt Hinweise darauf, dass Milchprodukte bei manchen MS-Patienten die Symptome verschlimmern können. MS-Patienten, die allergisch gegen Kuhmilch-Casein sind und diese Allergie irgendwann im Laufe ihres Lebens entwickelt haben, sollten fortan auf Milchprodukte verzichten, da dies eine MS verschlimmern kann. Ein Eiweiß aus Kuhmilch ähnelt Strukturen von Myelin - der Isolierschicht im Zentralnervensystem, die bei Menschen mit Multipler Sklerose zerstört wird.
Weitere Aspekte der Ernährung bei MS
Störungen des Geschmackssinns
Störungen des Geschmackssinns können jeden 5. bis 6. Patienten mit MS betreffen. Der systematische Review umfasste Beobachtungsstudien aus den medizin-wissenschaftlichen Datenbanken PubMed, Embase, Scopus und Web of Science mit Veröffentlichungsdaten bis 29. Juni 2024. Die Metaanalyse schloss 9 Studien mit zusammen 1 385 Personen mit MS ein. Die zusammengefasste Prävalenz von Geschmackssinn-Störungen bei MS betrug 16,4 % (95 % Konfidenzintervall, KI: 8,7 - 24,1 %; I² = 90 %; p < 0,01).
Cephalische Reflexe
Das Kauen und Schlucken von Speisen sendet weitere Sättigungssignale an das Gehirn. Der Körper reagiert mit einer gesteigerten Speichel- und Magensaftproduktion. Wir sprechen dann von sogenannten cephalischen Reflexen, die auch die Bauchspeicheldrüse zur Bildung von Insulin anregen können. Studien weisen zudem darauf hin, dass längeres Kauen bei einer Mahlzeit besser sättigt. Denn bewusst nehmen wir Sättigungssignale erst nach etwa 20 Minuten wahr. Auch Ablenkungen während des Essens wie Fernsehen, Telefonieren, Chatten oder Surfen führen zu schnellerem und unbewussterem Essen.
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