Multiple Sklerose Forschung: Neue Therapieansätze eröffnen Hoffnung

Multiple Sklerose (MS), auch bekannt als "Krankheit der 1.000 Gesichter", ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die bei jedem Patienten anders verläuft. Die ersten Berichte über MS stammen aus dem Mittelalter, aber die Krankheit existiert vermutlich schon immer. Obwohl MS nicht heilbar ist, haben die Fortschritte in der Forschung und Therapie in den letzten zwei Jahrzehnten die Lebensqualität der Betroffenen erheblich verbessert.

Historische Entwicklung der MS-Therapie

Bis 1993 dauerte es, bis Ärzt:innen mit Beta-Interferon-1b das erste wirksame Medikament verschreiben konnten. Dies war ein Meilenstein, da es erstmals gelang, die Anzahl der Krankheitsschübe deutlich zu reduzieren und das Fortschreiten der Krankheit hinauszuzögern. Heute stehen rund zwanzig verschiedene Substanzen für die verschiedenen Ausprägungen der Krankheit zur Verfügung. Diese Entwicklung hat die Lebenserwartung von MS-Patienten deutlich erhöht, sodass sie heute eine ähnlich hohe Lebenserwartung haben wie Menschen ohne MS. Vor der Einführung der in den Krankheitsprozess eingreifenden Arzneimittel zeigten Studien, dass bei älteren Menschen bis zu sieben Lebensjahre verloren gehen konnten.

Aktuelle Therapieansätze und Innovationen

Neben den etablierten Therapien wird intensiv nach neuen Behandlungsansätzen gefahndet, darunter die CAR-T-Zelltherapie, die aus der Onkologie übernommen wurde. Diese Therapieform wird bereits seit einigen Jahren erfolgreich bei verschiedenen Blutkrebsarten eingesetzt und wird zunehmend für Autoimmunerkrankungen wie MS erforscht.

CAR-T-Zelltherapie bei MS

Die CAR-T-Zelltherapie zielt darauf ab, das Immunsystem der Betroffenen so zu verändern, dass es die Angriffe auf die Myelinscheide der Nervenzellen einstellt. Bei MS greifen die Zellen des Immunsystems den eigenen Körper an und schädigen die Myelinscheide, eine Schutzhülle der Nervenfasern. Durch die Schädigung der Myelinscheide können die Nervenimpulse nicht mehr richtig weitergeleitet werden, was zu Sehstörungen, Nervenschmerzen, Lähmungen und anderen Symptomen führt.

In einer klinischen Studie wurde ein neues Verfahren zur Behandlung der MS erfolgreich geprüft. Dabei werden dem Patienten T-Zellen entnommen und im Labor genetisch verändert, sodass sie B-Zellen erkennen und unschädlich machen können. Diese veränderten T-Zellen, sogenannte CAR-T-Zellen, können auch bei Autoimmunerkrankungen wie MS wirksam sein.

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Vereinfacht dargestellt, werden bei der CAR-T-Zelltherapie weiße Blutkörperchen (Leukozyten) aus dem Blut der MS-Patienten entnommen und im Labor mit kurzen Eiweißen (Peptiden) der Myelinscheide versehen. Diese Peptide werden vom Immunsystem der MS-Patienten fälschlicherweise als fremd erkannt. Nach der Infusion der veränderten Leukozyten in den Patienten wird das Immunsystem ausgetrickst: Die Leukozyten sterben ab und werden in die Milz transportiert, wo ihre Bestandteile dem Immunsystem präsentiert werden. Dadurch entwickelt sich eine Immuntoleranz, und die T-Zellen lernen, die Myelinpeptide als körpereigen zu erkennen.

Die Ergebnisse der klinischen Studie waren vielversprechend: Die Therapie wurde von allen neun Patienten gut vertragen, und es traten keine Sicherheitsrisiken auf. Bei Patienten, die eine hohe Dosierung erhalten hatten, konnten sogar positive Effekte auf den Krankheitsverlauf beobachtet werden.

Biomarker für eine frühere Diagnose

Ein zentrales Innovationsfeld sind Biomarker wie das Neurofilament-Leichtkettenprotein (NfL). Ein einfacher Bluttest kann NfL-Werte erfassen und so frühzeitig Krankheitsaktivität anzeigen - oft noch vor sichtbaren MRT-Veränderungen - und damit eine individuellere Therapieüberprüfung ermöglichen.

Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer (BTKi)

Ein weiterer vielversprechender Therapieansatz sind Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer (BTKi), die möglicherweise noch in diesem Jahr zugelassen werden. BTKi könnten einen Durchbruch in der Therapie der schleichenden MS darstellen, indem sie chronische Entzündungsprozesse bremsen und die Neurodegeneration verlangsamen.

Tolebrutinib, ein Vertreter der BTKi, zeigte in Studien positive Effekte bei schubförmiger und sekundär progredienter MS. In den GEMINI-Studien konnte Tolebrutinib die jährliche Schubrate zwar nicht stärker senken als das Standardmedikament Teriflunomid, jedoch zeigte es sich bei der Verringerung der Behinderungsprogression überlegen. In der HERCULES-Studie erreichte Tolebrutinib den primären Endpunkt der Verringerung der Behinderungsprogression bei schubfreier, wenig aktiver, sekundär-progredienter MS.

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Die Stärken von Tolebrutinib scheinen also in der Eindämmung der progredienten Verschlechterung zu liegen, weniger in der Entzündungshemmung. Dies ist besonders vielversprechend, da es bisher nur wenige und wenig stark wirksame Mittel gegen schleichende Verläufe gibt.

KI-Analyse zur Neubewertung des Krankheitsverlaufs

Eine große internationale Studie der Universitätsklinik Freiburg und der Universität Oxford hat mithilfe von KI-gestützten Analysen über 8.000 Patientendaten mit mehr als 118.000 Visiten sowie mehr als 35.000 MRT-Aufnahmen ausgewertet. Das Ergebnis: MS ist kein starres System mit festen „MS-Typen“, sondern eher ein kontinuierlicher Krankheitsprozess, der sich in verschiedene Zustände einteilen lässt.

Das neue Modell beschreibt MS als Abfolge von Zuständen mit spezifischen Übergangswahrscheinlichkeiten. Frühere, milde Zustände gehen meist über entzündliche Zwischenphasen in fortgeschrittene, irreversible Krankheitsstadien über. Wer einmal ein klinisch fortgeschrittenes Zustandsbild erreicht hat, kehrt nicht mehr in die frühen Stadien zurück.

Das neue Modell könnte bei einer individuellen Risikoeinschätzung helfen. Statt Patienten zu kategorisieren, sollten wir ihren Zustand quantifizieren und dynamisch verfolgen. Patienten mit aktiver, aber klinisch stummer Entzündungsaktivität benötigen nach dem Modell gerade frühzeitige Therapieentscheidungen.

Personalisierte Therapie durch genetische Tests

Eine Studie unter Leitung der Universität Münster hat einen genetischen Biomarker identifiziert, der vorhersagt, ob MS-Patienten besonders gut auf eine Behandlung mit Glatirameracetat (GA) ansprechen. Menschen mit dem Gewebetyp HLA-A*03:01 profitieren demnach signifikant stärker von GA als von Interferon-beta (IFN).

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Diese Erkenntnis kann schon kurzfristig in der Therapieberatung angewendet werden, da ein HLA-Test die fragliche Genvariante findet. Die Studie liefert nicht nur einen klinisch relevanten Biomarker, sondern auch neue Hinweise auf den Wirkmechanismus von GA.

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Auswirkungen

Unbehandelt führt MS im Laufe der Zeit zu immer schwerwiegenderen Behinderungen. Die Hälfte der Patient:innen ist vor Erreichen des Rentenalters teilweise oder vollständig arbeitsunfähig, schwere Fälle werden häufig pflegebedürftig. Die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Krankheit sind hoch - rund 23.000 Euro pro Betroffenen und Jahr sind allein die direkten Kosten (Stand: 2016), wobei Arzneimittel den größten Block ausmachen. Bei den indirekten Kosten sind es rund 20.000 Euro pro Jahr und Betroffenen; der größte Teil entsteht durch Erwerbsminderung bzw. Frühverrentung.

Die ersten Arzneimittel, die krankheitsmodifizierend wirken, sind bereits generisch oder als Biosimilars verfügbar, da ihr Patentschutz abgelaufen ist. Sie stehen der Gesellschaft zu deutlich niedrigeren Erstattungsbeträgen zur Verfügung.

Die Rolle der Forschung für die Zukunft der MS-Therapie

Die Geschichte der MS wäre ohne die Entwicklung neuartiger Therapieansätze anders verlaufen. Die Suche nach immer neuen Behandlungsansätzen für diese komplexe Nervenerkrankung hat dazu beigetragen, die Einschränkungen und das Leiden der Betroffenen zu verringern, um ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben möglichst lange zu ermöglichen. In den kommenden Jahren sind weitere Verbesserungen zu erwarten - wenn Forschung und Entwicklung in diesem Tempo weitergehen.

Die Forschung entwickelt sich derzeit in mehreren vielversprechenden Richtungen weiter - mit dem Ziel, die Erkrankung früher zu erkennen, gezielter zu behandeln und deren Fortschreiten möglichst zu verhindern.

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