Multiple Sklerose Forschungszentren in Deutschland: Ein Überblick

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die weltweit über 2,8 Millionen Menschen betrifft, davon rund 250.000 in Deutschland. Die Krankheit ist nach wie vor nicht heilbar und ihr Verlauf individuell sehr unterschiedlich, was die Behandlung komplex macht. In den letzten Jahren wurden jedoch erhebliche Fortschritte in der MS-Forschung und -Therapie erzielt. Dieser Artikel beleuchtet die Forschungslandschaft in Deutschland, wobei der Fokus auf Kompetenzzentren, Förderinitiativen und aktuellen Studien liegt.

Kompetenzzentren für MS und Neuroimmunologie

Die Behandlung von entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems, wie MS, Neuromyelitis optica Spektrum Erkrankungen und Myasthenia gravis, wird immer individueller und komplexer. Dies erfordert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ärzt*innen verschiedener Fachrichtungen, um die bestmögliche medizinische Versorgung zu gewährleisten.

Universitätsklinikum Münster (UKM)

Am UKM gibt es ein Kompetenzzentrum „MS und Neuroimmunologie“, das sich dieser Herausforderung stellt. Das Zentrum wird von Univ.-Prof. Dr. med. Jan Lünemann (Universitätsprofessur für Neurologie mit Schwerpunkt Neuroimmunologie), Univ.-Prof. Dr. med. Gerd Meyer zu Hörste (Stv. Medizinischer Leiter des Liquorlabors), Univ.-Prof. Dr. med. Luisa Klotz (Universitätsprofessur für Neurologische Immuntherapie) und Dr. med. Catharina Korsukewitz (Leiterin der Neuroimmunologischen Ambulanz) geleitet.

Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS)

Das KKNMS ist ein Netzwerk von deutschen Universitäten, wissenschaftlichen Einrichtungen und assoziierten MS-Behandlungszentren. Ziel ist es, die Versorgung von MS-Patienten durch Forschung und Qualitätssicherung zu verbessern.

Geschichte und Finanzierung:

Das KKNMS wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) initiiert und von 2009 bis 2019 gefördert. In dieser Zeit erhielt das Netzwerk insgesamt 14,7 Millionen Euro für Forschungsprojekte, Kohorten- und Registerstudien sowie den Aufbau der Netzinfrastruktur. Seit 2020 finanziert sich das KKNMS ausschließlich durch Spendengelder von Privatpersonen und Firmen.

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Aufgaben und Angebote:

Die Geschäftsstelle des KKNMS unterstützt den Vorstand, die Mitglieder und die Gremien bei ihren Aufgaben. Sie kümmert sich um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie um das Fundraising. Zu den kostenfreien Angeboten des KKNMS zur Qualitätssicherung der MS-Versorgung gehört beispielsweise das Qualitätshandbuch.

Mitgliedschaft und Assoziierung:

Privatpersonen und öffentliche Einrichtungen können die Vereinsarbeit als fördernde Mitglieder unterstützen. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, eigene wissenschaftliche Projekte zum KKNMS zu assoziieren und so die Daten und Bioproben der NationMS Kohorte zu nutzen.

NationMS Kohorte:

Die NationMS Kohorte ist eine der größten MS-spezifischen Kohortenstudien in Deutschland mit über 5.500 Visiten bei 1.374 Betroffenen mit früher MS aus 22 teilnehmenden Studienzentren.

Charité - Universitätsmedizin Berlin

Die Charité - Universitätsmedizin Berlin betreibt in Zusammenarbeit mit dem Max Delbrück Center das Experimental and Clinical Research Center (ECRC). Unter der Leitung von Professor Friedemann Paul forschen Wissenschaftler am ECRC an einer Online-Plattform, die den Verlauf der MS vorhersagt und die Behandlung personalisiert.

CLAIMS-Projekt:

Das Projekt CLAIMS („Clinical impact through AI-assisted MS care“) wird im Rahmen der Innovative Health Initiative (IHI) mit rund 9,9 Millionen Euro gefördert. Ziel ist es, Vorhersagemodelle zu entwickeln, die den Krankheitsverlauf für jede Patientin und jeden Patienten auf Basis der individuellen Daten prognostizieren und die Wirkung verschiedener Medikamente simulieren können. Dazu werden klinische Daten, MRT-Bilder, Ergebnisse aus Blut- und Augenuntersuchungen sowie Angaben der Patient*innen über eine App analysiert.

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Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München

Am Klinikum rechts der Isar entsteht ein europaweit einzigartiges Gebäude: Das Zentrum für Multiple Sklerose und Neurowissenschaften wird Forschung, Therapieentwicklung und Behandlung unter einem Dach bündeln.

Universitätsklinikum Freiburg

Das Universitätsklinikum Freiburg führt eine Vielzahl von klinischen und wissenschaftlichen Studien zur Multiplen Sklerose durch. Das Studien-Team verfügt über eine langjährige Erfahrung in klinischen MS-Studien und bietet eine spezielle MS-Sprechstunde an.

Förderinitiativen für MS-Forschung

Neben den genannten Kompetenzzentren gibt es in Deutschland auch verschiedene Förderinitiativen, die die MS-Forschung unterstützen.

Karl und Veronica Carstens-Stiftung

Die gemeinnützige Karl und Veronica Carstens-Stiftung wurde 1981 gegründet und setzt sich für die Verankerung von Naturheilkunde und Komplementärmedizin in der medizinischen Forschung und Patientenversorgung ein. Die Stiftung fördert Forschungsprojekte im Bereich der Komplementären und Integrativen Medizin, die sich positiv auf den Krankheitsverlauf von MS und die Lebensqualität von Betroffenen auswirken können.

Förderbedingungen:

Antragsberechtigt sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ausgewiesener Expertise in der MS-Forschung, die an universitären oder außeruniversitären gemeinnützigen Forschungsinstituten in Deutschland tätig sind. Die eingereichten Projekte sollten Modellcharakter haben und ein möglichst hohes Innovationspotential bieten.

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Oppenheim-Förderpreis

Der Oppenheim-Förderpreis wird von der Novartis Pharma GmbH für innovative Multiple-Sklerose-Forschung vergeben. Im Jahr 2025 wurde Dr. Thanos Tsaktanis vom Uniklinikum Erlangen für seine Studie „Multimodales Monitoring und Immunmodulation bei progredienter MS: von der Biobank zur personalisierten Therapie“ ausgezeichnet.

Sobek Forschungspreis

Der Sobek Forschungspreis wird für wissenschaftliche Beiträge zu den autoimmunen T-Lymphozyten und deren fundamentaler Rolle bei MS sowie anderen neurologischen Autoimmunerkrankungen vergeben. Im Jahr 2025 erhielt Professor Dr. Dr. Roland Liblau den Preis für seine Arbeiten über die Rolle von CD8+-T-Zellen bei MS.

Aktuelle Forschungsschwerpunkte

Die MS-Forschung in Deutschland konzentriert sich auf verschiedene Schwerpunkte:

  • Personalisierte Therapie: Entwicklung von Vorhersagemodellen, die den Krankheitsverlauf für jede Patientin und jeden Patienten auf Basis der individuellen Daten prognostizieren und die Wirkung verschiedener Medikamente simulieren können.
  • Identifizierung neuer Therapieansätze: Untersuchung der Prozesse in der progredienten Phase der MS und Entwicklung von Strategien, um ZNS-intrinsische inflammatorische Prozesse zu hemmen.
  • Komplementäre und Integrative Medizin: Erforschung der positiven Auswirkungen von Bewegungstherapie, Yoga oder Akupunktur auf den Krankheitsverlauf von MS und die Lebensqualität von Betroffenen.
  • Rolle von Immunzellen: Untersuchung der Rolle von autoreaktiven T-Lymphozyten, insbesondere CD8+-T-Zellen, bei Entzündungen und Gewebeschädigungen im zentralen Nervensystem.
  • Früherkennung und gezielte Behandlung der Krankheitsprogression: Entwicklung innovativer Ansätze, um die Krankheitsprogression bei fortschreitender MS frühzeitig erkennen und gezielt behandeln zu können.

Klinische Studien

Eine Vielzahl von neuen und vielversprechenden Präparaten zur Behandlung der Multiplen Sklerose befindet sich derzeit in der klinischen Prüfung oder kurz vor der Zulassung. Einige Beispiele für aktuelle klinische Studien in Deutschland sind:

  • Studien am Universitätsklinikum Freiburg: Studien zu verschiedenen Aspekten der MS, wie z.B. Fatigue, Kognition, Vitamin D-Spiegel und venöser Blutfluss.
  • SOLAR-Studie: Eine Phase II-Studie zur schubförmigen MS, die den Zusammenhang zwischen dem Vitamin D-Spiegel im Serum und der Krankheitsaktivität untersucht.
  • Studien zur progredienten MS: Studien für MS-Patienten mit primär chronisch progredientem Verlauf, die neue Therapieansätze untersuchen.

Herausforderungen und Perspektiven

Trotz der erheblichen Fortschritte in der MS-Forschung gibt es noch viele Herausforderungen. Eine der größten Herausforderungen ist die Entwicklung von Therapien, die das Fortschreiten der Erkrankung aufhalten oder wenigstens die Beschwerden lindern können, insbesondere in der progredienten Phase. Hierbei spielt die Blut-Hirn-Schranke eine wichtige Rolle, da viele Medikamente diese nicht oder nur schlecht überqueren können.

Zukünftig sind neue Ansätze dringend notwendig, um die progredienten Krankheitsstadien bei neuroinflammatorischen Erkrankungen wie der MS oder Leukodystrophien sowie neurodegenerativen Erkrankungen wie dem Morbus Alzheimer, dem Morbus Parkinson oder dem Morbus Huntington effektiv zu behandeln.

Die enge Zusammenarbeit von Grundlagenforschung und klinischer Forschung, wie sie beispielsweise am Universitätsklinikum Göttingen durch den Aufbau einer Fraunhofer Aussenstelle „Translationale Neuroinflammation und automatisierte Mikroskopie“ gefördert wird, ist ein wichtiger Schritt, um erfolgversprechende Ansätze aus der experimentellen Forschung möglichst zügig und effizient in die klinische Prüfung zu überführen.

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