Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden angreift, die die Nervenfasern umhüllen. Dies führt zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen, die von Sehstörungen und Kribbeln bis hin zu Lähmungen reichen können. Die MS manifestiert sich in verschiedenen Verlaufsformen, wobei schubförmige und progrediente Varianten unterschieden werden. Während die Forschung intensiv nach einer ursächlichen Therapie sucht, konzentrieren sich die aktuellen Behandlungsansätze darauf, Entzündungsreaktionen zu reduzieren, funktionelle Einschränkungen zu stabilisieren und Begleitsymptome zu lindern. In den letzten Jahren hat es bedeutende Fortschritte im Verständnis und in der Behandlung von MS gegeben, die die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessern.
Historischer Überblick und Entwicklung der MS-Therapie
In den letzten 25 Jahren hat sich die Behandlung von MS grundlegend gewandelt. Prof. B. Kornek, der seit 1997 MS-Patienten betreut, betont, dass es zu diesem Zeitpunkt lediglich eine zugelassene MS-Therapie gab. Heute stehen über sechzehn verschiedene Therapieoptionen zur Verfügung. Diese Entwicklung hat zu einem besseren Verständnis der Erkrankung geführt und ermöglicht es, eine gute Langzeitprognose zu erreichen, wenn die MS frühzeitig und effektiv behandelt wird. Daten zeigen, dass sich die Prognose mit jedem Jahr der Diagnosestellung verbessert, was bedeutet, dass Menschen, die heute eine MS-Diagnose erhalten, eine deutlich bessere Prognose haben als diejenigen, die ihre Diagnose im Jahr 2000 erhielten. Dies führt in erster Linie zu einer besseren Lebensqualität und weniger bleibenden Behinderungen.
Aktuelle Therapieansätze bei Multipler Sklerose
Die Behandlung der MS umfasst zwei Hauptsäulen: die Schubtherapie und die immunprophylaktische Therapie.
Schubtherapie
Während eines akuten MS-Schubes wird in der Regel hochdosiertes Cortison eingesetzt, um die Entzündung zu hemmen. Bei unzureichender Rückbildung der Beschwerden kann die Cortisonbehandlung in höherer Dosis wiederholt werden.
Immunprophylaktische Therapie
Zur Vorbeugung von Schüben werden verschiedene Therapiestufen unterschieden. Bei milden bis moderaten Verlaufsformen kommen Beta-Interferone oder Glatirameracetat zum Einsatz. Diese immunmodulatorischen Medikamente hemmen schädigende und fördern schützende Prozesse des Immunsystems. Seit 2013/14 sind auch Teriflunomid und Dimethylfumarat (DMF) als Behandlungsoptionen für MS-Patienten mit schubförmigem Verlauf zugelassen. Beide Substanzen wirken vorwiegend entzündungshemmend, jedoch auf unterschiedliche Weise. Das Immunsuppressivum Azathioprin wird nur noch in Ausnahmefällen als Alternative eingesetzt.
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In seltenen und gut begründeten Ausnahmefällen, z. B. bei Patienten mit einem hochaktiven Verlauf oder unzureichendem Ansprechen auf Basistherapeutika, kann eine Eskalationstherapie notwendig werden. Hierzu zählen die monatliche Infusionstherapie mit Natalizumab, die das Einwandern von Immunzellen in die Entzündungsherde des ZNS verhindert, sowie Fingolimod, das Immunzellen in den Lymphknoten zurückhält. Seit 2013 ist auch Alemtuzumab zur Therapie der schubförmigen MS zugelassen, ein monoklonaler Antikörper, der zu einer nachhaltigen Elimination von T- und B-Zellen im Immunsystem führt. In seltenen Fällen kommen auch Immunsuppressiva wie Mitoxantron oder Cyclophosphamid infrage.
CAR-T-Zell-Therapie: Ein Hoffnungsschimmer bei Autoimmunerkrankungen
Ein vielversprechender neuer Ansatz in der Behandlung von Autoimmunerkrankungen wie MS ist die CAR-T-Zell-Therapie. Diese Zelltherapie, die bisher vor allem gegen Blutkrebsarten eingesetzt wurde, rückt zunehmend in den Fokus der Forschung zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen. Bei dieser Therapie werden bestimmte Immunzellen (T-Zellen) aus dem Blut der Patienten entnommen und genetisch so verändert, dass sie B-Zellen im Blut zerstören können. B-Zellen spielen bei Autoimmunerkrankungen eine entscheidende Rolle, da sie Antikörper aussenden, die sich gegen den eigenen Körper richten.
Die ersten Erfolge mit CAR-T-Zellen gegen Autoimmunerkrankungen wurden bei Patientinnen mit der seltenen Erkrankung Lupus erzielt. Auch bei MS gibt es erste vielversprechende Ergebnisse. So konnte bei Stefan Tenoth, einem MS-Patienten, durch eine CAR-T-Zell-Therapie eine deutliche Reduktion der Entzündungen erreicht werden. Fünf Monate nach der Behandlung zeigte eine MRT-Untersuchung, dass sämtliche Entzündungen, insbesondere in der Halswirbelsäule, vollständig verschwunden waren. Obwohl sich sein Zustand vermutlich nicht verbessern wird, besteht die Hoffnung, dass die Beweglichkeit in seinen Armen und Händen erhalten bleibt.
Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die CAR-T-Zell-Therapie derzeit noch experimentell ist und nur für wenige Patienten infrage kommt, da sie mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sein kann. Zudem ist die Therapie sehr kostspielig, wobei Fachleute aktuell mit einem Preis von etwa 150.000 Euro rechnen.
Personalisierte Therapieentscheidung durch genetische Tests
Eine Studie unter Leitung der Universität Münster hat einen genetischen Biomarker identifiziert, der vorhersagt, ob MS-Patienten besonders gut auf eine Behandlung mit Glatirameracetat (GA) ansprechen. Menschen mit dem Gewebetyp HLA-A*03:01 profitieren demnach signifikant stärker von GA als von Interferon-beta (IFN). Dieser Fortschritt ermöglicht eine personalisierte Therapieentscheidung, da ein HLA-Test die fragliche Genvariante identifizieren kann.
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Die Rolle von Lifestyle-Faktoren und nichtmedikamentösen Maßnahmen
Neben der medikamentösen Therapie spielen auch Lifestyle-Faktoren und nichtmedikamentöse Maßnahmen eine wichtige Rolle bei der Behandlung von MS. Vorbeugung ist hier die wirksamste Intervention. Die medikamentöse Therapie ist zwar aufgrund der Natur der Erkrankung notwendig, aber es gibt zahlreiche nichtmedikamentöse Erweiterungen, die den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen können.
Herausforderungen und zukünftige Perspektiven
Ein großes und noch ungelöstes Problem ist die Behandlung der progredienten Multiplen Sklerose, sowohl der primär progredienten Verlaufsform als auch der sekundär progredienten MS. Die Progression ohne entzündliche Aktivität ist nach wie vor schwer zu behandeln. Hier gibt es laufende Studien zu neuen Therapieansätzen, unter anderem den BTK-Inhibitoren.
Der Wirkstoff Tolebrutinib weckt große Hoffnungen für die Therapie der MS. Studien haben gezeigt, dass Tolebrutinib bei schubförmiger MS mindestens ebenso gut wie das Standardmedikament Teriflunomid akute Schübe reduziert und möglicherweise auch das Fortschreiten der Behinderung verlangsamt - und das unabhängig von sichtbarer Entzündung. Zudem belegte eine Studie signifikant positive Effekte bei sekundär progredienter MS.
Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die MS-Versorgung
Die COVID-19-Pandemie hat die Versorgung von MS-Patienten vorübergehend erschwert. Zu Beginn der Pandemie herrschte große Unsicherheit über das Risiko für MS-Patienten, einen schweren COVID-19-Verlauf zu erleiden. Dies führte zu einer Tendenz, weniger hochwirksame Medikamente zu verschreiben. Zudem war die Betreuung mit mehr Hürden verbunden, da Krankenhausbesuche erschwert waren und viele Patienten sich aus Angst vor einer Infektion nicht ins Krankenhaus trauten.
Die MS-Gesellschaft Wien reagierte schnell auf die Pandemie und bot Online-Veranstaltungen, aktuelle Informationen zu COVID-19 und zur Impfung sowie Online-Beratungen an. Mittlerweile gibt es zahlreiche großangelegte Studien zur COVID-19-Impfung bei MS, die zeigen, dass die Impfung gut verträglich ist und keine Schübe auslöst. Allerdings kann die Impfwirksamkeit durch bestimmte MS-Medikamente herabgesetzt sein.
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Die Bedeutung der Rehabilitation
Ein weiteres wichtiges Anliegen ist, dass derzeit kaum Anträge für stationäre Rehabilitationen bewilligt werden. Zudem waren viele Rehabilitationszentren während der Pandemie geschlossen, was zu einem Rückstau an Reha-Aufenthalten geführt hat. Eine konsequente Rehabilitation und ambulante physikalische Therapie sind jedoch essenziell für MS-Patienten.