Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der weltweit etwa 2,8 Millionen Menschen betroffen sind. Allein in Deutschland wird sie jährlich bei mehr als 15.000 Menschen neu diagnostiziert. Die Symptome sind vielfältig und beeinträchtigen den Alltag der Betroffenen erheblich. Muskelkrämpfe, Bewegungsstörungen und chronische Schmerzen infolge von spastischen Lähmungserscheinungen gehören zu den häufigsten Beschwerden. Der Exopulse Suit, ein innovativer Neuromodulationsanzug, könnte hier eine neue Perspektive eröffnen.
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die schützende Myelinschicht der Nervenfasern angreift. Dieser Angriff führt zu einer Vielzahl von Symptomen, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein können. Zu den typischen Anzeichen gehören Fatigue (Erschöpfung), Muskelschwäche, Koordinationsprobleme und Sehstörungen. MS wird daher auch als die "Krankheit der tausend Gesichter" bezeichnet.
Die genaue Ursache von MS ist bis heute unbekannt, aber es wird angenommen, dass eine Kombination von genetischen und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Die Diagnose erfolgt in der Regel durch neurologische Untersuchungen und bildgebende Verfahren wie Magnetresonanztomographie (MRT).
Die Herausforderungen im Alltag von MS-Patienten
Für Menschen mit MS können alltägliche Aktivitäten zu einer großen Herausforderung werden. Kerstin, eine 41-jährige Erzieherin, die seit fast 27 Jahren an MS erkrankt ist, beschreibt eindrücklich, wie die Spasmen ihr Leben beeinträchtigten: "Morgens hatte ich Angst vor dem Tag und abends vor der Nacht - so war mein Leben." Ihre Selbstständigkeit war völlig dahin, und sie benötigte Hilfe bei einfachsten Dingen wie Anziehen oder Duschen.
Auch Louisa, bei der im Jahr 2008 MS diagnostiziert wurde, kämpft mit den Folgen der Erkrankung. In einem Vergleichsvideo ist zu sehen, wie sie mühsam einzelne Treppenstufen erklimmt oder versucht, nach einem Stift oder Wasserglas zu greifen. Ihre Spasmen machen ihre Bewegungen ungelenk und langsam.
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Der Exopulse Suit: Ein Hoffnungsschimmer?
Der Exopulse Suit ist ein Trainingsanzug mit eingenähten Elektroden, der gezielt Muskelgruppen am ganzen Körper stimulieren kann. Er wurde von dem schwedischen Chiropraktiker Fredrik Lundqvist entwickelt, der nach einer Möglichkeit suchte, die Spastizität und die damit verbundenen Schmerzen seiner Patienten zu lindern.
Im Jahr 2021 übernahm Ottobock das Start-up Exoneural Network, das den Anzug entwickelt hatte, und präsentierte anlässlich der Media Days 2025 eine verbesserte Version unter dem Namen "Exopulse Suit". Bei diesem Modell sorgen größere Elektroden für eine bessere Hautauflage, und die Steuereinheit ist in kleineren, leicht abnehmbaren Kästchen in Jacke und Hose verbaut.
Wie funktioniert der Exopulse Suit?
Der Exopulse Suit nutzt das Verfahren der transkutanen Elektrostimulation (TENS), um einen physiologischen Reflexmechanismus namens Antagonisten-Hemmung zu aktivieren. Dieser Mechanismus basiert auf dem harmonischen Zusammenspiel von Muskeln bei allen Körperbewegungen.
Normalerweise geben die Nerven einem Muskel durch eine Erhöhung seiner elektrischen Spannung das Signal, aktiv zu werden. Bei Patienten mit Spastik ist dieser Mechanismus jedoch gestört, da ihr Nervensystem nicht in der Lage ist, den Erregungszustand der betroffenen Muskeln abzustellen.
Der Exopulse Suit stimuliert nun nicht den aktiven, angespannten Muskel, sondern seinen jeweiligen Antagonisten. Ist beispielsweise der Bizeps aktiv, wird ein Signal über die Nerven an das zentrale Nervensystem abgegeben, das dafür sorgt, dass es "glaubt", der Trizeps sei angespannt. Dadurch wird der Bizeps entlastet, und die Spastik lässt nach.
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Anwendungsbereiche und Studien
Der Exopulse Suit kann nicht nur bei Spastik, sondern auch bei chronischen Schmerzerkrankungen wie Fibromyalgie eingesetzt werden. Hier wirkt die Elektrostimulation im Sinne des sogenannten "Gate Control", wobei die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark an das Gehirn durch elektrische Signale moduliert und so die Schmerzwahrnehmung blockiert wird.
In einer Open-Label-Studie zur Reaktion auf die Anzugstimulation bei Patienten mit Zerebralparese (CP), MS und Schlaganfall zeigten sich nachhaltige Auswirkungen auf das statische und dynamische Gleichgewicht, das Sturzrisiko, die Mobilität, sowie eine allgemeine Steigerung der Teilhabe und eine Verringerung der Schmerzen. Eine weitere Studie bei Fibromyalgie-Patienten belegte bei 78 Prozent der Teilnehmer eine deutliche Verbesserung des klinischen Gesamteindrucks.
Erfahrungen von MS-Patienten
Christine, eine MS-Patientin, die den Exopulse Mollii Suit getestet hat, berichtet von zahlreichen Verbesserungen: "Ich fühle mich wesentlich besser, ich fühle mich stabiler, mein Gleichgewicht ist besser, ich kann meine Hand besser öffnen und schließen, das Glas besser greifen, ich kann besser aufstehen,… ich kann schneller gehen und - im ganzen fühle ich mich einfach besser."
Nach einer vierwöchigen Testphase konnte Christine wieder ein paar Schritte am Rollator gehen, den Fuß besser anheben und war im Allgemeinen stabiler. Sie konnte länger stehen, sich die Hose selbst hochziehen, Zähne putzen oder auch beim Duschen eigenständiger sein. Auch ihre Fatigue hatte sich verbessert, und sie konnte wieder mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
Finanzierung und Verfügbarkeit
Obwohl der Exopulse Suit in Europa als medizinisches Hilfsmittel zertifiziert ist, müssen Anwender derzeit oft hart dafür kämpfen, um die Kosten von rund 8500 Euro erstattet zu bekommen. Die Krankenkassen argumentieren häufig, dass es sich um eine neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode handelt, die weder im Hilfsmittelverzeichnis der GKV gelistet ist noch eine positive Empfehlung des Gemeinsamen Bundesausschusses vorliegt.
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Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft empfiehlt den Einsatz des Anzugs derzeit ebenfalls nicht generell, da weitere Studien zur Wirksamkeit erforderlich seien.
Wo kann man den Exopulse Mollii Suit testen?
Ottobock hat mehr als 100 Sanitätshäuser zertifiziert, in denen sich testen lässt, ob Betroffene auf die Elektrostimulation des Anzugs reagieren. Wenn dies der Fall ist, muss er von den behandelnden Neurologen oder Hausärzten verschrieben werden.