Multiple Sklerose und das Immunsystem: Ein komplexes Zusammenspiel

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden, die Schutzhüllen der Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark, angreift. Dieser Angriff beeinträchtigt die Signalübertragung zwischen Gehirn und Körper und kann zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen führen.

Das Immunsystem im Visier der MS-Forschung

Um Multiple Sklerose zu verstehen, ist es zunächst wichtig, sich mit dem normalen, funktionierenden Immunsystem auseinanderzusetzen. Unser Immunsystem ist wie eine Lebensversicherung, die Gewebsschädigungen durch Krankheitserreger verhindern soll. Doch nicht nur das - es überwacht auch unser eigenes Gewebe und bekämpft schadhafte Zellen, einschließlich potenzieller Tumorzellen. Multiple Sklerose basiert auf Autoimmunität, was bedeutet, dass das Immunsystem fälschlicherweise körpereigenes Gewebe angreift. Um dies zu verstehen, werfen wir einen Blick darauf, wie das Immunsystem normalerweise zwischen eigen und fremd unterscheidet. Wir müssen zwischen dem angeborenen und adaptiven Immunsystem unterscheiden. Das angeborene Immunsystem reagiert schnell auf Bedrohungen, während das adaptive Immunsystem hochspezifisch und anpassungsfähig ist. Zu den Schlüsselzellen des Immunsystems gehören die B- und T-Lymphozyten. Der Thymus, ein Organ hinter dem Brustbein, spielt eine entscheidende Rolle bei der Ausbildung und Differenzierung von T-Lymphozyten. Da die Feinabstimmung des Immunsystems gestört ist, reagiert das adaptive Immunsystem übermäßig auf körpereigenes Gewebe. Autoreaktive T-Zellen können in das Zentralnervensystem eindringen und Entzündungen und Gewebsschädigungen verursachen. Im Laufe des Lebens verliert das Immunsystem seine Fähigkeit, neue Antigene zu lernen, während die Anzahl der Gedächtniszellen zunimmt. Dies kann zu einer verminderten Reaktion des Immunsystems im Alter führen. Bei MS kann dies sowohl Vor- als auch Nachteile haben, da die Entzündungsaktivität im Laufe der Zeit abnehmen kann. Die Kenntnis der molekularen Mechanismen des Immunsystems ermöglicht es Forscher*innen, gezielte Therapien zu entwickeln. Ein fundiertes Basiswissen über das Immunsystem ist entscheidend, um die komplexe Pathophysiologie von MS zu verstehen und wirksame Behandlungsstrategien zu entwickeln.

Die Rolle der Immunzellen bei MS

Bei MS spielen verschiedene Immunzellen eine Rolle, insbesondere T-Zellen, B-Zellen und Zellen des angeborenen Immunsystems.

  • T-Zellen: CD8-T-Zellen, eine Untergruppe der T-Zellen, spielen bereits in frühen Stadien der Erkrankung eine Rolle. Sie weisen eine erhöhte Wanderungsfähigkeit auf, sind entzündungsfördernd und stark aktiviert. Diese Zellen wandern ins zentrale Nervensystem, wo sie Entzündungen verursachen und zur Zerstörung der Myelinscheiden beitragen. Studien haben gezeigt, dass bei MS-Patienten und Personen mit frühen Anzeichen der Erkrankung CD8-T-Zellen mit denselben spezifischen Veränderungen vorkommen.
  • B-Zellen: B-Zellen sind ebenfalls an der Pathogenese der MS beteiligt. Sie produzieren Antikörper, die gegen Bestandteile des Nervensystems gerichtet sind und so zur Entzündung und Schädigung beitragen.
  • Angeborenes Immunsystem: Zellen des angeborenen Immunsystems, wie neutrophile Granulozyten und proinflammatorische M1-Makrophagen, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle in der Pathogenese und dem Progress der MS. Therapieansätze, die den Aktivitätsgrad dieser Zellen modulieren, werden erforscht.

Immunologische Mechanismen im Detail

Die genauen immunologischen Mechanismen, die zur Entstehung und zum Fortschreiten der MS führen, sind komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Prädisposition und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.

  • Autoimmunität: Bei MS stuft das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Bestandteile, insbesondere die Myelinscheiden, als fremd ein und greift sie an. Die Immunzellen reagieren gegen das Eiweiß der Myelinscheiden, was zu einer chronischen Entzündung und Zerstörung der Isolierschicht führt.
  • Entzündungskaskade: Die Entzündung im ZNS wird durch eine Kaskade von Ereignissen ausgelöst, an denen verschiedene Immunzellen und Botenstoffe beteiligt sind. Proinflammatorische Zytokine, wie TNF-alpha und IL-17, spielen eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der Entzündung und der Schädigung des Nervensystems.
  • Blut-Hirn-Schranke: Die Blut-Hirn-Schranke (BHS) ist eine hochselektive Struktur, die den Eintritt von Zellen und Molekülen in das ZNS kontrolliert. Bei MS ist die BHS oft gestört, was den Übertritt von aktivierten Immunzellen aus der Peripherie in das ZNS erleichtert. Enzyme, die Tight Junctions abbauen, sind zum Beispiel Matrix-Metalloproteinasen (MMPs). MMPs nehmen im Kontext der MS eine zentrale Rolle ein und werden von aktivierten Immunzellen sowie Astrozyten als Hauptgliazellen des ZNS vermehrt ausgeschüttet. Abhängig vom Krankheitsstadium der MS werden erhöhte MMP-Serumkonzentrationen beobachtet.

Therapieansätze zur Modulation des Immunsystems bei MS

Die aktuellen Therapieansätze bei MS zielen hauptsächlich darauf ab, das Immunsystem zu modulieren und die Entzündung im ZNS zu reduzieren.

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Verlaufsmodifizierende Therapien

Verlaufsmodifizierende Therapien (DMTs) sind Medikamente, die darauf abzielen, den Krankheitsverlauf der MS zu verlangsamen, die Schubrate zu reduzieren und die Anhäufung von Behinderungen zu verhindern. Diese Therapien wirken, indem sie verschiedene Aspekte des Immunsystems beeinflussen.

  • Immunsuppressiva: Immunsuppressiva unterdrücken die Aktivität des Immunsystems und reduzieren so die Entzündung im ZNS. Beispiele für Immunsuppressiva, die bei MS eingesetzt werden, sind Mitoxantron und Cyclophosphamid.
  • Immunmodulatoren: Immunmodulatoren verändern die Aktivität des Immunsystems, ohne es vollständig zu unterdrücken. Sie können die Produktion von entzündungsfördernden Zytokinen reduzieren oder die Funktion von regulatorischen Immunzellen verbessern. Beispiele für Immunmodulatoren, die bei MS eingesetzt werden, sind Interferon-beta und Glatirameracetat.
  • Antikörpertherapien: Antikörpertherapien zielen gezielt auf bestimmte Immunzellen oder Botenstoffe ab, die an der Pathogenese der MS beteiligt sind. Beispiele für Antikörpertherapien, die bei MS eingesetzt werden, sind Natalizumab, Ocrelizumab und Rituximab.

Stammzelltransplantation

Die autologe hämatopoetische Stammzelltransplantation (aHSZT) ist ein intensiverer Therapieansatz, der bei hochaktiver, schubförmig remittierender MS (RRMS) eingesetzt werden kann. Bei diesem Verfahren werden die blutbildenden Stammzellen des Patienten entnommen, das Immunsystem durch eine Chemotherapie vollständig heruntergefahren und die Stammzellen anschließend zurückgegeben, um ein neues Immunsystem aufzubauen.

  • Immun-Reboot: Die Stammzelltransplantation ermöglicht einen "Reboot" des Immunsystems, bei dem das fehlgesteuerte Immunsystem des Patienten vollständig heruntergefahren und ein neues, "fehlerfreies" Immunsystem aufgebaut wird.
  • Wirksamkeit: Studien haben gezeigt, dass die Stammzelltransplantation bei Patienten mit hochaktiver RRMS wirksamer sein kann als medikamentöse verlaufsmodifizierende Therapien. In einer Studie kam es bei Patienten, die eine Stammzelltransplantation erhalten hatten, seltener zu einer Krankheitsprogression als in der Gruppe, die medikamentös behandelt worden war.
  • Risiken: Die Stammzelltransplantation ist jedoch ein risikoreiches Verfahren, das mit Nebenwirkungen wie Infektionen und dem Versagen des Aufbaus eines neuen Immunsystems verbunden sein kann.

Sport und Immunmodulation

Sportliche Betätigung kann einen positiven Einfluss auf das Immunsystem und den Verlauf der MS haben.

  • Antiinflammatorische Effekte: Regelmäßige Bewegung kann antiinflammatorische Prozesse fördern und inflammatorischen Prozessen im ZNS entgegenwirken. Akute körperliche Belastungen provozieren intensitätsabhängig zuerst einen inflammatorischen Zustand, dem durch die Produktion und Ausschüttung von anti-inflammatorisch wirkenden löslichen Faktoren entgegengesteuert wird.
  • Repolarisierung von Makrophagen: Studien deuten darauf hin, dass regelmäßige Bewegung die Repolarisierung der Makrophagen vom inflammatorischen Zustand (M1) in den antiinflammatorischen Zustand (M2) fördern kann.
  • Einfluss auf Tregs: Sportliche Betätigung kann die Anzahl und Aktivität von regulatorischen T-Zellen (Tregs) erhöhen. Tregs spielen eine wichtige Rolle bei der Begrenzung neuroinflammatorischer Prozesse und können pathologischen Veränderungen im ZNS entgegenwirken.
  • Reduktion von viszeralem Fettgewebe: Sport kann zur Reduktion von viszeralem Fettgewebe beitragen, das als Inflammationsherd maßgeblich zu einem chronischen niedriggradigen Inflammationszustand beiträgt.

Neue Erkenntnisse und Forschungsperspektiven

Die MS-Forschung ist weiterhin aktiv auf der Suche nach neuen Erkenntnissen über die Ursachen und Mechanismen der Erkrankung sowie nach neuen Therapieansätzen.

  • Rolle der Darmflora: Neuere Hypothesen nehmen auch die Darmflora in den Fokus. MS-Betroffene weisen eine andere Zusammensetzung an Mikroorganismen im Darm auf als Nicht-Betroffene. Es wird vermutet, dass entzündungsfördernde Darmbakterien, die ähnliche Oberflächenstrukturen wie die Myelinschicht der Nerven besitzen, das Immunsystem aufwiegeln und so zur Entstehung und zum Fortschreiten der MS beitragen.
  • Genetische Faktoren: Die Identifizierung von neuen Genvarianten, die mit der Entstehung von MS in Verbindung stehen, hat tiefe Einblicke in die Biologie der Erkrankung ermöglicht. Viele der erkannten Gene stehen in direktem Zusammenhang mit dem Immunsystem, was auf eine Immunschwäche als wahrscheinliche Ursache von MS hindeutet.
  • Personalisierte Therapie: Die Entwicklung von personalisierten Therapieansätzen, die auf die individuellen immunologischen Profile der Patienten zugeschnitten sind, könnte die Wirksamkeit der Behandlung verbessern und Nebenwirkungen reduzieren.

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