Einleitung
Die Impfung gehört zu den bedeutendsten Errungenschaften der Medizin. Seit der Entwicklung der ersten Impfstoffe durch Edward Jenner, Louis Pasteur und Emile Roux hat die Vakzinologie enorme Fortschritte gemacht. Impfprogramme zielen auf Individualschutz und die Eliminierung von Krankheiten wie Pocken und Polio ab. Impfungen gelten im Allgemeinen als sicher, wobei zwischen Impfreaktionen, -nebenwirkungen und -schäden unterschieden wird. Trotz unbegründeter Bedenken, wie der widerlegten Verbindung zwischen MMR-Impfung und Autismus, ist es wichtig, die Sicherheit und Wirksamkeit von Impfstoffen zu verstehen, insbesondere für vulnerable Gruppen wie Menschen mit Multipler Sklerose (MS).
Impfungen und Multiple Sklerose: Ein Überblick
Trotz früherer Bedenken hinsichtlich eines erhöhten MS-Risikos im Zusammenhang mit bestimmten Impfungen, wie der Hepatitis-B-Impfung, haben umfangreiche Studien keine Verursachung oder Auslösung von MS durch Impfungen nachweisen können. Es gibt auch keine Beweise dafür, dass Impfungen MS-Schübe auslösen, mit Ausnahme einiger Fallserien zur Gelbfieberimpfung. Interessanterweise wurde sogar ein potenziell positiver Einfluss der Typhusimpfung auf den Verlauf der MS vermutet. Darüber hinaus deuten Studien darauf hin, dass Impfungen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit verbunden sind, innerhalb der nächsten 5 Jahre an MS zu erkranken.
COVID-19-Impfstoffe: Entwicklung und Zulassung
Die COVID-19-Pandemie hat zu einer beispiellosen Entwicklung von Impfstoffen geführt. Weltweit befinden sich 275 SARS-CoV-2-Impfstoffe in der Entwicklung, von denen bereits 14 zugelassen wurden. In der Europäischen Union (EU) sind die mRNA-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna sowie die Vektorimpfstoffe von AstraZeneca und Johnson & Johnson zugelassen. Auch in anderen Ländern wurden weitere Impfstoffe zugelassen, darunter Sputnik V in Russland und Covaxin in Indien.
Wirksamkeit und Sicherheit von COVID-19-Impfstoffen
Die mRNA-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna weisen eine hohe Wirksamkeit von etwa 95 % bzw. 94,1 % bei der Prävention von COVID-19 auf. Ihr Sicherheitsprofil gilt als sehr gut, wobei die Nebenwirkungen hauptsächlich auf lokale Reaktionen und milde systemische Reaktionen beschränkt sind. Auch der Impfstoff von AstraZeneca zeigt eine gute Wirksamkeit, wobei die Vergleichbarkeit mit den mRNA-Impfstoffen aufgrund unterschiedlicher Studienbedingungen eingeschränkt ist. Obwohl in der klinischen Phase-III-Studie von AstraZeneca Fälle von transverser Myelitis (TM) dokumentiert wurden, wurden diese von einem unabhängigen Expertengremium als unwahrscheinlich im Zusammenhang mit der Impfung stehend bewertet.
Besondere Vorsicht bei AstraZeneca-Impfstoff
Im Zusammenhang mit dem AstraZeneca-Impfstoff wurden seltene Fälle von zerebraler Venenthrombose (CVT) und splanchnischer Venenthrombose gemeldet, insbesondere bei Frauen unter 60 Jahren. Diese Thrombosen traten in der Regel 4 bis 16 Tage nach der Impfung auf und gingen mit einer Thrombozytopenie einher, was auf eine immunologische Genese hindeutet. Trotz dieser Bedenken überwiegt laut EMA weiterhin der Nutzen dem Risiko. Die STIKO empfiehlt jedoch, dass Personen unter 60 Jahren nicht mehr mit AstraZeneca geimpft werden sollten und dass Personen, die bereits eine Dosis erhalten haben, als zweite Dosis einen mRNA-Impfstoff erhalten sollten.
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Virusmutationen und Impfstoffresistenz
Im Laufe der Pandemie sind verschiedene Virusmutationen aufgetreten, die potenziell die Wirksamkeit der Impfstoffe beeinträchtigen könnten. Während einige Varianten, wie der B.1.1.7-Stamm, keine Resistenz gegenüber impfstoffinduzierten neutralisierenden Antikörpern aufweisen, zeigten andere, wie der B.1.351-Stamm, im Labor-Setting eine gewisse Resistenz. Um einen effektiven Umgang mit Virusvarianten zu gewährleisten, wurde von der EU die Behörde für die Krisenvorsorge und -reaktion bei gesundheitlichen Notlagen (HERA) ins Leben gerufen.
Impfstofftypen: Ein Überblick
Es gibt verschiedene Arten von Impfstoffen, darunter:
- Klassische Impfstoffe: Inaktivierte und attenuierte Lebendimpfstoffe, die seit langem etablierte Biotechnologien nutzen.
- Proteinbasierte Impfstoffe: Virus-like-particles(VLP)-Impfstoffe und Subunit-(Proteinuntereinheiten‑)Impfstoffe, denen Adjuvanzien zugesetzt werden müssen, um die Immunreaktion zu verstärken.
- Vektorimpfstoffe: Verwenden virale Vektoren, um die genetische Information für das Impfantigen in Körperzellen einzuschleusen.
- Genbasierte Impfstoffe (Nukleinsäureimpfstoffe): Werden auch als Nukleinsäureimpfstoffe bezeichnet.
Empfehlungen für Menschen mit Multipler Sklerose in der COVID-19-Pandemie
Angesichts der COVID-19-Pandemie und der Verfügbarkeit von Impfstoffen sollten Menschen mit MS die folgenden Empfehlungen beachten:
- Schutzmaßnahmen: Die AHA+L-Regel (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften) sollte weiterhin beachtet werden, insbesondere bei Treffen in geschlossenen Räumen.
- Impfung: Die STIKO empfiehlt die Auffrischungsimpfung für alle Menschen ab dem 12. Lebensjahr mit einem der Omikron-adaptierten bivalenten mRNA-Impfstoffe. Bislang noch ungeimpfte Personen sollen grundsätzlich eine Impfserie (zwei Impfungen) mit mRNA-Impfstoffen erhalten.
- Immundefizienz: Menschen mit Immundefizienz (ab dem fünften Lebensjahr) sollten frühestens sechs Monate nach der ersten Auffrischung eine zweite Auffrischung mit einem mRNA-Impfstoff erhalten.
- Virostatika: Bei einer SARS-CoV-2-Infektion können Virostatika wie Paxlovid® in der Frühphase der Erkrankung einen schweren Verlauf verhindern, insbesondere bei Menschen mit Immundefizienz.
- Rücksprache mit dem Neurologen: Bei Eintreten einer SARS-CoV-2-Infektion und vorhandener Immundefizienz sollte umgehend der behandelnde Neurologe kontaktiert werden.
- Hygieneregeln: Auch genesene, geimpfte und geboostete Menschen mit MS sollten angesichts der nach wie vor hohen Ansteckungszahlen die bekannten Hygieneregeln einhalten.
Aktuelle Empfehlungen der STIKO
Die STIKO hat am 25. Mai 2023 neue Empfehlungen zur COVID-19-Impfung veröffentlicht. Diese Empfehlungen berücksichtigen den Übergang von der pandemischen in die endemische Phase des Infektionsgeschehens und zielen darauf ab, längerfristige Impfempfehlungen zu entwickeln. Die STIKO empfiehlt, dass alle Personen im Alter ≥ 18 Jahre über eine Basisimmunität gegen SARS-CoV-2 verfügen sollten, die durch mindestens 3 SARS-CoV-2-Antigenkontakte erreicht wird. Für Personen mit Grunderkrankungen, die mit einem erhöhten Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf einhergehen, gibt es spezifische Empfehlungen für weitere Auffrischimpfungen im Mindestabstand von 12 Monaten zum letzten bekannten Antigenkontakt.
Die Rolle der DMSG und des KKNMS
Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) und das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) geben gemeinsam Empfehlungen zur Impfung von Menschen mit MS heraus. Sie betonen, dass eine MS grundsätzlich keine Kontraindikation für Impfungen darstellt und dass Impfungen keine MS auslösen oder die Krankheitsaktivität beeinflussen. Sie empfehlen, bei Impfungen im Einzelfall das Risiko der Krankheit, vor der die Impfung schützen soll, und das Risiko der Impfung abzuwägen.
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