Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Leben von Millionen Menschen weltweit beeinträchtigt. Obwohl MS derzeit nicht heilbar ist, haben intensive Forschungsbemühungen in den letzten Jahrzehnten zu erheblichen Fortschritten bei der Behandlung und dem Verständnis der Krankheit geführt. Dieser Artikel beleuchtet die neuesten Forschungsergebnisse, Therapieansätze und vielversprechenden Entwicklungen, die Hoffnung auf eine Zukunft mit effektiveren Behandlungsmethoden und möglicherweise sogar einer Heilung der MS geben.
Die Geschichte der MS-Forschung: Ein Meilenstein nach dem anderen
Die ersten Beschreibungen von MS reichen bis ins Mittelalter zurück, auch wenn die Erkrankung vermutlich schon immer existierte. Ein entscheidender Moment in der MS-Behandlung war das Jahr 1993, als mit Beta-Interferon-1b das erste Medikament zur Verfügung stand, das die Anzahl der Krankheitsschübe deutlich reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung hinauszögern konnte. Heute stehen etwa zwanzig verschiedene Substanzen für die unterschiedlichen Ausprägungen der Krankheit zur Verfügung.
Die Forschung konzentriert sich nun auf innovative Therapieansätze wie die CAR-T-Zelltherapie, die ursprünglich in der Onkologie entwickelt wurde. Professor Dr. Mathias Mäurer, ein Experte auf dem Gebiet der MS, erklärt, dass diese Therapie, die sich in der Behandlung verschiedener Blutkrebsarten bewährt hat, zunehmend für Autoimmunerkrankungen wie MS erforscht wird.
Fortschritte in der MS-Therapie: Ein Blick auf die Erfolge
Ulrika Fröbel, Leitung Neurologie beim forschenden Pharmaunternehmen Novartis Deutschland, betont, dass die MS sich bei jedem Patienten anders entwickelt und als "Krankheit der 1.000 Gesichter" bezeichnet werden kann. Sie hebt hervor, dass die Forschung und Therapie dieser entzündlichen Erkrankung in den letzten zwei Jahrzehnten wesentliche Fortschritte gemacht haben. Daten zeigen, dass eine frühzeitige und hochwirksame Therapie im frühen Stadium der schubförmigen MS langfristig von Vorteil sein kann.
Der Report „Der Wert medizinischer Innovationen“ von LAWG Deutschland, einem Verein von 17 weltweit agierenden Pharmaunternehmen, unterstreicht den Nutzen der Forschung für Menschen mit MS:
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- Lebenserwartung: MS-Patienten haben heute eine ähnlich hohe Lebenserwartung wie Menschen ohne die Krankheit. Vor der Einführung krankheitsmodifizierender Medikamente konnten Studien zeigen, dass ältere Menschen bis zu sieben Lebensjahre verlieren konnten.
- Schubrate: Arzneimittelinnovationen haben die Schubrate, einen wichtigen Indikator für das Fortschreiten der Erkrankung, deutlich gesenkt.
- Behandlung der schleichenden MS: Neue Wirkstoffe zielen darauf ab, chronische Entzündungsprozesse zu bremsen und die Neurodegeneration zu verlangsamen. Ein Bruton-Tyrosin-Kinase-Hemmer (BTKi) wird voraussichtlich bald zugelassen und gilt als möglicher Durchbruch in der Therapie der schleichenden MS.
Unbehandelt führt MS im Laufe der Zeit zu schwerwiegenden Behinderungen. Eine Auswertung des Deutschen MS-Registers aus dem Jahr 2022 zeigt, dass die Hälfte der Patienten vor Erreichen des Rentenalters teilweise oder vollständig arbeitsunfähig ist und schwere Fälle häufig pflegebedürftig werden.
Wirtschaftliche Aspekte der MS: Forschung lohnt sich
Die gesamtgesellschaftlichen Kosten der MS sind hoch. Allein die direkten Kosten belaufen sich auf rund 23.000 Euro pro Betroffenen und Jahr (Stand: 2016), wobei Arzneimittel den größten Kostenblock darstellen. Die indirekten Kosten betragen etwa 20.000 Euro pro Jahr und Betroffenen, hauptsächlich aufgrund von Erwerbsminderung bzw. Frühverrentung. Diese Ausgaben steigen mit zunehmender Schubaktivität. Daher sind Forschung und Entwicklung nicht nur medizinisch, sondern auch volkswirtschaftlich sinnvoll. Zudem sind die ersten krankheitsmodifizierenden Arzneimittel bereits als Generika oder Biosimilars verfügbar, was die Behandlungskosten senkt.
Innovationen und zukünftige Perspektiven: Der Blick nach vorn
Die Geschichte der MS wäre ohne die Entwicklung neuer Therapieansätze anders verlaufen. Die Suche nach immer neuen Behandlungsansätzen hat dazu beigetragen, die Einschränkungen und das Leiden der Betroffenen zu verringern und ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben möglichst lange zu ermöglichen. In den kommenden Jahren sind weitere Verbesserungen zu erwarten, wenn Forschung und Entwicklung in diesem Tempo weitergehen.
Ulrika Fröbel von Novartis Deutschland betont, dass sich die Forschung in mehreren vielversprechenden Richtungen weiterentwickelt, um die Erkrankung früher zu erkennen, gezielter zu behandeln und deren Fortschreiten möglichst zu verhindern. Ein zentrales Innovationsfeld sind Biomarker wie das Neurofilament-Leichtkettenprotein (NfL). Ein einfacher Bluttest kann NfL-Werte erfassen und so frühzeitig Krankheitsaktivität anzeigen - oft noch vor sichtbaren MRT-Veränderungen - und damit eine individuellere Therapieüberprüfung ermöglichen.
Der Nutzen dieser Innovationen geht weit über das Patientenindividuelle hinaus: Wenn weniger Menschen zu früh sterben und der Grad der Behinderungen vermieden, abgeschwächt oder nach hinten geschoben werden kann, profitiert davon nicht zuletzt der Wirtschaftsstandort.
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MS verstehen: Ursachen, Symptome und Diagnose
Bei MS greift das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden an, die die Nervenfasern schützen. Dies führt zu Entzündungen und Narbenbildung, die die Kommunikation zwischen Gehirn und Körper stören. Die Symptome sind vielfältig und reichen von Müdigkeit und Sehstörungen bis hin zu Muskelschwäche und Koordinationsproblemen. Die genaue Ursache ist unbekannt, aber es wird eine Kombination aus genetischen und Umweltfaktoren vermutet.
Ein bemerkenswerter Fortschritt ist die Identifizierung von drei unterschiedlichen Endophänotypen der Erkrankung. Diese messbaren Merkmale, die zwischen den Genen und den Symptomen liegen, ermöglichen ein besseres Verständnis der Krankheitsverläufe und ebnen den Weg für eine personalisierte Medizin.
Immunmodulation und klinische Studien: Neue Wege in der Therapie
Ein vielversprechender Ansatz ist die Entwicklung von Therapien, die das Immunsystem gezielt modulieren, um schädliche Angriffe auf die Myelinscheiden zu verhindern. Klinische Studien spielen eine entscheidende Rolle bei der Überprüfung der Wirksamkeit und Sicherheit neuer Therapien und bieten Patienten die Möglichkeit, frühzeitig von neuen Behandlungsansätzen zu profitieren.
CAR-T-Zelltherapie: Ein Hoffnungsschimmer aus der Onkologie
Die CAR-T-Zelltherapie, die bereits erfolgreich bei Blutkrebs eingesetzt wird, weckt auch Hoffnungen bei Autoimmunerkrankungen wie MS. Bei einigen Patienten konnten die Entzündungen gestoppt werden. Bei dieser Therapie werden bestimmte Immunzellen aus dem Blut der Patienten genetisch so verändert, dass sie B-Zellen im Blut zerstören können, die bei Autoimmunerkrankungen Antikörper gegen den eigenen Körper richten.
Stefan Tenoth, ein MS-Patient, erhielt im Januar an der Uniklinik Tübingen eine CAR-T-Zell-Therapie. Fünf Monate später zeigte eine MRT-Untersuchung, dass sämtliche Entzündungen, insbesondere in seiner Halswirbelsäule, komplett verschwunden waren. Obwohl sich sein Zustand vermutlich nicht verbessern wird, hofft er, die Beweglichkeit in seinen Armen und Händen zu behalten.
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Medikamentöse Behandlung der MS: Vielfalt und Fortschritt
Die Behandlung der MS stützt sich auf mehrere Säulen:
- Schubtherapie: Behandlung akuter Schübe mit Cortison-Präparaten, um die Symptome schnell zu lindern.
- Verlaufsmodifizierende Therapie (Basistherapie): Reduktion der Schwere und Häufigkeit der Schübe, um die beschwerdefreie Zeit zu verlängern. Zu den Basistherapeutika zählen Betainterferon-Präparate und Glatirameracetat, die regelmäßig gespritzt werden müssen. Seit 2011 gibt es auch Basistherapeutika in Tablettenform mit den Wirkstoffen Fingolimod, Siponimod, Ponesimod, Ozanimod, Teriflunomid, Dimethylfumarat und Cladribin.
- Symptomatische Therapie: Linderung von MS-Beschwerden und Vorbeugung möglicher Komplikationen.
Für Patienten mit primär-progredienter MS (PPMS) gab es lange Zeit kein zugelassenes Basis-Medikament. Im Jahr 2018 kam mit Ocrelizumab erstmals ein solches Medikament heraus, das die Krankheitsaktivität dämpfen kann.
Die Medikamente in der MS-Therapie greifen an verschiedenen Stellen in den Entzündungsprozess ein. Einige verhindern die Vermehrung bestimmter Immunzellen, andere hindern T- und B-Lymphozyten daran, ins ZNS einzudringen oder stören die Kommunikation zwischen Immunzellen.
Aktuelle Forschungsschwerpunkte und Medikamente in der Entwicklung
Ein wichtiger Schwerpunkt der klinischen Forschung liegt auf der Weiterentwicklung von immunmodulatorischen Substanzen, die das Voranschreiten der Behinderung effektiver unterbinden sollen. Andere Studien zielen darauf ab, den Anwendungskomfort durch längere Anwendungsintervalle oder eine orale Verabreichung zu erhöhen.
Beispiele für Medikamente in Erprobung oder im Zulassungsverfahren sind:
- Siponimod (BAF-312): Verhindert die Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten. Mayzent ist in der EU seit 01/2020 gegen sekundär progrediente MS zugelassen.
- Ozanimod: Verhindert als S1P1- und S1P5-Rezeptorantagonist die Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten. OCREVUS ist in der EU seit 05/2020 gegen schubförmige MS zugelassen.
- Ponesimod: Verhindert die Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten und befindet sich in klinischer Erprobung (Phase III).
- Immunoglobulin Octagam: Wirksam bei der Immunmodulation.
Neue Entdeckung: Die "Bremse" der Zellreifung
Ein US-Forschungsteam hat eine Entdeckung gemacht, die die Tür zu einer Therapie öffnen könnte. Sie beschreiben es als eine Art Bremse, die die Reifung wichtiger Gehirnzellen steuert. Bei MS scheine diese Bremse zu lange angezogen zu bleiben. Könnte man diese Bremse lösen, die Zellreifung steuern, dann würde das einen potenziellen Ansatz liefern, um durch MS verursachte Schäden zu reparieren.
Dabei geht es um die Myelinscheiden im Gehirn, die zu den Behinderungen bei MS führen. Die einzigen Zellen, die sie reparieren können, sind sogenannte Oligodendrozyten. Die Forschenden fanden heraus, dass ein Protein namens SOX6 wie eine Bremse wirkt und Zellen in einem unreifen Zustand blockiert. Im Hirngewebe von MS-Patienten stellten sie fest, dass ungewöhnlich viele Zellen in einem unreifen Zustand steckengeblieben waren. Um das zu testen, verwendeten sie ein auf das Protein gerichtetes molekulares Medikament namens Antisense-Oligonukleotid (ASO), um SOX6 in Mausmodellen zu reduzieren.
Immuntherapie: Das Immunsystem zur Toleranz "überreden"
Ergebnisse einer ersten klinischen Studie mit einer innovativen Zelltherapie lassen hoffen, dass das Immunsystem von MS-Patienten dazu gebracht werden kann, Attacken gegen das eigene Nervensystem einzustellen. Bei diesem Verfahren werden aus dem Blut der MS-Patienten weiße Blutkörperchen entnommen und mit Peptiden der Myelinscheide gekoppelt. Diese veränderten Leukozyten werden den Patienten als Infusion wieder verabreicht. In der Milz werden die Peptide dem Immunsystem präsentiert, und es entwickelt sich Immuntoleranz.
In einer klinischen Studie wurde die Therapie von allen neun Patienten gut vertragen. Bei den Patienten, die eine hohe Dosierung erhalten hatten, konnten sogar positive Effekte auf den Krankheitsverlauf beobachtet werden.
Tolebrutinib: Ein Wirkstoff mit Potenzial für progrediente MS
Der Wirkstoff Tolebrutinib weckt große Hoffnungen für die Therapie der MS. Studien zeigen positive Effekte bzw. Tendenzen für den Verlauf der MS, sowohl bei schubförmiger als auch bei sekundär progredienter MS. Damit rückt ein Medikament in greifbare Nähe, das nicht nur Schübe reduziert, sondern möglicherweise auch das Fortschreiten der Behinderung verlangsamt - und das unabhängig von sichtbarer Entzündung.
Personalisierte Therapie: Der genetische Fingerabdruck als Wegweiser
Eine Studie unter Leitung der Universität Münster hat einen genetischen Biomarker identifiziert, der vorhersagt, ob MS-Patienten besonders gut auf eine Behandlung mit Glatirameracetat (GA) ansprechen. Menschen mit dem Gewebetyp HLA-A*03:01 profitieren demnach signifikant stärker von GA als von Interferon-beta (IFN). Dies ist ein entscheidender Fortschritt für die personalisierte MS-Behandlung.