Multiple Sklerose: Klassifikation und Arten

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn und Rückenmark betrifft. Sie manifestiert sich meist im frühen Erwachsenenalter. Die Symptome und der Verlauf der MS sind von Patient zu Patient sehr unterschiedlich. Die MS wird daher auch als chamäleonartige Krankheit bezeichnet. Es gibt keinen einheitlichen Krankheitsverlauf, der auf jeden Patienten zutrifft.

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden angreift, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark umhüllen. Diese Schädigung der Myelinscheiden führt zu einer Störung der Nervenimpulsübertragung, was eine Vielzahl von neurologischen Symptomen verursacht.

Die verschiedenen Verlaufsformen der MS

Die Medizin unterscheidet hauptsächlich drei Verlaufsformen der MS, die sich in ihrem Krankheitsverlauf und ihren Symptomen unterscheiden:

  • Schubförmig-remittierende MS (RRMS)
  • Sekundär progrediente MS (SPMS)
  • Primär progrediente MS (PPMS)
  • Progressive rezidivierende MS (PRMS)

Schubförmig-remittierende MS (RRMS)

Die schubförmig-remittierende MS (RRMS) ist die häufigste Verlaufsform der MS. Bei über 85 bis 90 % der Patienten beginnt die MS mit einem schubförmig remittierenden Verlauf (englisch: Relapsing Remitting MS; RRMS). Sie ist durch klar definierte Schübe gekennzeichnet, in denen neue Symptome auftreten oder sich bestehende Symptome verschlimmern. Ein MS-Schub tritt auf, wenn mehr als 24 Stunden und mehr als 30 Tage nach Beginn des letzten Schubs neue oder bekannte Symptome auftreten. Einen MS-Schub zu erkennen, ist gar nicht so einfach. Die Dauer eines Multiple Sklerose-Schubs variiert zwischen einigen Stunden, Tagen oder Wochen. Danach klingen die Beschwerden langsam ab.

Zwischen den Schüben kommt es zu einer teilweisen oder vollständigen Remission, bei der sich die Symptome zurückbilden oder ganz verschwinden. Die Dauer der Remissionen kann variieren. Die Häufigkeit der Schübe, die Schwere der auftretenden Symptome und die Dauer der Abstände zwischen den Schüben sind nicht vorhersehbar. Im Durchschnitt haben Menschen mit schubförmig remittierender MS einen oder zwei Schübe pro Jahr.

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Sekundär progrediente MS (SPMS)

Die sekundär progrediente MS (SPMS) entwickelt sich bei vielen Patienten, die zunächst eine RRMS hatten. Im Durchschnitt geht die Erkrankung nach rund 15 bis 20 Jahren in einen sekundär fortschreitenden Verlauf über. Zu dieser Verlaufsform kommt es allerdings nicht bei allen Betroffenen. Bei dieser Form der MS kommt es zu einer kontinuierlichen Verschlechterung der neurologischen Funktionen, unabhängig von Schüben. Es treten keine typischen Schübe mehr auf, stattdessen verschlechtern sich die Symptome langsam und kontinuierlich. Dies kann zu einer allmählichen Beeinträchtigung der körperlichen und geistigen Funktionen führen. Es ist wichtig zu betonen, dass der Übergang von der schubförmig remittierenden MS zur sekundär progredienten MS nicht bei allen Betroffenen eintritt. Manche bleiben viele Jahre in der RRMS-Phase, während andere früher oder später in die SPMS übergehen. Da der Verlauf meist schleichend ist, wird die Diagnose oft erst rückblickend gestellt.

Primär progrediente MS (PPMS)

Die primär progrediente MS (PPMS) ist eine weniger häufige Form der MS, die etwa 10 bis 15 % der MS-Erkrankten betrifft. Etwa 10 bis 15 % der MS-Erkrankten erfahren von Beginn an eine kontinuierliche Verschlechterung ihrer Beschwerden, ohne dass sie Schübe haben. Bei dieser Form der MS kommt es von Anfang an zu einer kontinuierlichen Verschlechterung der neurologischen Funktionen, ohne dass es zu deutlichen Schüben oder Remissionen kommt. Die Beschwerden können vielfältig sein und hängen von den jeweils betroffenen Bereichen des zentralen Nervensystems ab. Durch das fortschreitende Krankheitsbild fällt es vielen Betroffenen schwer, ihren Alltag uneingeschränkt zu bewältigen.

Progressive rezidivierende MS (PRMS)

Eine seltene und besonders herausfordernde Form ist die progressive rezidivierende Multiple Sklerose (PRMS). Dieser Verlaufstyp zeichnet sich durch eine kontinuierliche Verschlechterung der Symptome von Beginn an aus, wobei jedoch gelegentliche Schubphasen auftreten können. Diese Schübe unterscheiden sich von denen der schubförmig remittierenden MS, da sie meist weniger ausgeprägt und schwerer vorhersehbar sind. Das erschwert sowohl die Diagnose als auch die Behandlung.

Symptome der Multiplen Sklerose

Die Symptome der MS sind vielfältig und können von Patient zu Patient unterschiedlich sein, abhängig davon, welche Bereiche des Gehirns und Rückenmarks betroffen sind. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Motorische Störungen: Muskelschwäche, Spastik, Koordinationsstörungen, Gleichgewichtsprobleme
  • Sensibilitätsstörungen: Taubheitsgefühle, Kribbeln, Schmerzen
  • Sehstörungen: Doppelbilder, verschwommenes Sehen, Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis)
  • Kognitive Beeinträchtigungen: Gedächtnisprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten
  • Fatigue: Chronische Müdigkeit und Erschöpfung
  • Blasen- und Darmstörungen: Inkontinenz, Verstopfung
  • Sexuelle Funktionsstörungen: Erektionsstörungen, verminderte Libido

Diagnose der Multiplen Sklerose

Die Diagnose der MS kann schwierig sein, da die Symptome oft unspezifisch sind und auch bei anderen Erkrankungen auftreten können. Die Diagnose basiert in der Regel auf einer Kombination aus:

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  • Anamnese und neurologischer Untersuchung: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten und führt eine umfassende neurologische Untersuchung durch, um neurologische Defizite festzustellen.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT ist ein bildgebendes Verfahren, das detaillierte Bilder des Gehirns und Rückenmarks liefert. Bei MS-Patienten können im MRT typische Entzündungsherde (Läsionen) nachgewiesen werden. Die MRT-Untersuchung ist das geeignetste Verfahren dafür ist die MRT-Untersuchung.
  • Liquoruntersuchung: Bei einer Liquoruntersuchung wird Nervenwasser aus dem Rückenmark entnommen und analysiert. Bei MS-Patienten können im Liquor bestimmte Antikörper (oligoklonale Banden) nachgewiesen werden.

Therapie der Multiplen Sklerose

Eine Multiple Sklerose ist derzeit nicht heilbar. Die Behandlung dient dazu, die Beschwerden der Krankheit möglichst weit einzudämmen. Die MS-Therapie zielt darauf ab:

  • Schübe zu behandeln: Im akuten Schub werden vor allem Kortisonpräparate zur Verfügung, die die Entzündungen eindämmen sollen. Im akuten Schub werden sie über drei bis fünf Tage als Infusion verabreicht (Hochdosis-Schubtherapie). In vielen Fällen wird auf eine sogenannte Blutwäsche ausgewichen (Plasmapherese), bei der Blut entnommen, gereinigt und wieder in den Körper zurückgeleitet wird. Nebenwirkungsärmer ist eine spezielle Form der Blutwäsche: die sogenannte Immunadsorption. Hierbei wird das Blut in Plasma (Blutflüssigkeit) und Blutzellen getrennt. Diese Form der Behandlung eröffnet neue Perspektiven beispielsweise bei schweren Schüben, die nicht auf eine Cortisontherapie ansprechen. Die Therapie erfolgt stationär und dauert etwa ein bis zwei Wochen. Dabei wird etwa jeden zweiten Tag eine Behandlung von etwa drei Stunden Dauer durchgeführt.
  • Den Krankheitsverlauf zu verlangsamen: Um das unterschwellig laufende Entzündungsgeschehen im Zentralnervensystem zu verringern, werden verschiedene verlaufsmodifizierende Medikamente eingesetzt.
  • Symptome zu lindern: Symptome wie beispielsweise Blasenstörungen, Spastik, Schmerzen o. a., werden mit unterschiedlichen Therapieansätzen behandelt. Für pflegebedürftige Menschen mit Multiple Sklerose bietet das sogenannte Bobath-Konzept eine Möglichkeit, ihre motorischen Fähigkeiten zu fördern.

Zusätzlich zu den medikamentösen Therapien können auch nicht-medikamentöse Behandlungen wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Psychotherapie hilfreich sein, um die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Viele MS-Betroffene greifen zu Mitteln aus der Naturmedizin, um ihre Beschwerden und Symptome zu lindern. Johanniskraut ist zum Beispiel eine beliebte und wichtige Heilpflanze bei depressiven Verstimmungen. Viele Symptome, die im Verlauf einer Multiplen Sklerose auftreten, können auch begleitend mit homöopathischen Mitteln behandelt werden. Je nach MS-Symptomen und Beschwerden stehen Betroffenen unterschiedliche Homöopathische Arzneien zur Verfügung, die für ein erfolgreiches Therapieverfahren individuell ausgewählt und abgestimmt werden müssen. Um die passende homöopathische Arznei zu finden, sollten Betroffene den Einsatz daher immer mit dem Arzt und einem Therapeuten besprechen.

Leben mit Multipler Sklerose

Die Diagnose Multiple Sklerose macht den meisten Menschen zunächst große Angst. Natürlich ist das Leben auch mit einer MS-Diagnose lebenswert. Vorausgesetzt, die Betroffenen nehmen ihre Erkrankung an und gestalten ihr Leben mit der MS - statt gegen sie. Beeinträchtigungen annehmen, aber nicht zum Hauptinhalt des Lebens zu machen: Wenn das Gehen mal schwerfällt, ist Radfahren vielleicht leichter. Die körperlichen Belastungsgrenzen anerkennen und zum Beispiel das Sportprogramm so dosieren, dass Sie Ihre Leistungsfähigkeit nicht überschreiten. Generell sind Ihren Vorlieben beim Sport keine Grenzen gesetzt. Ob Sie nun Wassergymnastik bevorzugen oder Klettern im Hochgebirge. Ihre Ernährung können Sie auf Ihre Erkrankung abstimmen: Es gibt zwar keine spezielle MS-Diät, aber eine Fülle von Empfehlungen, zum Beispiel eine vegane Ernährungsweise, eine antientzündliche Diät oder auch eine Ernährung, bei der möglichst wenig Kohlehydrate (low carb), aber viele Proteine aufgenommen werden. Vitamin D bei MSHochdosierte Vitamin-D-Gaben können MS-Schübe vermindern, also die MS-Aktivität etwas verlangsamen. Vitamin D wird vom Körper gebildet, sobald er Sonnenlicht bekommt. Auf Dauer kann eine MS die Psyche belasten - vor allem bei regelmäßigen Schmerzen. Dabei entwickeln viele Patienten depressive Symptome und Ängste. Manchmal ist es schwer, mit anderen Menschen über die eigenen Belastungen zu sprechen und Hilfe anzunehmen. Doch ist genau das in vielen Situationen hilfreich. Wenn für Sie die Hürde zu groß erscheint, können Sie auch auf digitale Programme zurückgreifen. levidex ist eine DiGA für Menschen mit MS, in der Sie wertvolles Krankheitswissen, psychologische Unterstützung und spezielle Bewältigungsstrategien an die Hand bekommen. Das Programm können Sie ergänzend zu Ihrer aktuellen Therapie nutzen. Sprechen Sie dazu Ihren Arzt an. Er kann Ihnen ein Rezept für levidex ausstellen, das Sie bei Ihrer Krankenkasse einreichen. Es gibt mittlerweile viele MS-Selbsthilfegruppen. Die MS-Selbsthilfe gibt Betroffenen Halt und ermöglicht den Austausch untereinander. Das erhöht die Lebensqualität immens.

Eine Patientenverfügung stellt sicher, dass Ihre medizinischen Wünsche auch in unerwarteten Situationen respektiert werden und bewahrt so Ihre Selbstbestimmung. Sie greift in Situationen, in denen Sie aufgrund von Krankheit oder Verletzung nicht in der Lage sind, sie selbst auszudrücken. Dieses Dokument entlastet zudem Ihre Angehörigen von schwierigen Entscheidungen, vermeidet Missverständnisse und schützt vor unerwünschter Über- oder Unterbehandlung.

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Forschung und Ausblick

Die Forschung an den Ursachen und der Behandlung von MS beschäftigt Experten schon lange. Die Wissenschaft hat die Krankheit Multiple Sklerose mittlerweile ganz für sich entdeckt. Die Forschung konzentriert sich auf die Entwicklung neuer Therapien, die den Krankheitsverlauf beeinflussen und die Symptome lindern können. Vielversprechende Forschungsansätze umfassen unter anderem:

  • Neue Medikamente, die das Immunsystem modulieren und die Entzündungsprozesse im ZNS reduzieren
  • Therapien, die die Reparatur der Myelinscheiden fördern
  • Stammzelltherapien, die beschädigte Nervenzellen ersetzen können

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