Multiple Sklerose und Kompressionsstrümpfe: Wirkung und Anwendung

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die primär die Myelinschicht der Axone schädigt. Sie manifestiert sich anfangs meist in Schüben (RRMS) und kann später in eine progrediente Form (SPMS) übergehen. In Deutschland sind etwa 224.000 Menschen von MS betroffen, wobei jährlich etwa 12.600 Neuerkrankungen hinzukommen. Gangstörungen und Mobilitätseinschränkungen sind häufige und relevante Probleme bei MS-Patienten. Kompressionsstrümpfe können in bestimmten Fällen eine unterstützende Maßnahme sein, um einige der mit MS einhergehenden Beschwerden zu lindern.

Kompressionstherapie: Grundlagen und Wirkungsweise

Die Kompressionstherapie umfasst medizinische Behandlungen, die durch Druckausübung den Abfluss von Flüssigkeiten verbessern. Im engeren Sinne bezieht sie sich auf das venöse Beingefäßsystem. Venenleiden sind oft mit Wassereinlagerungen und Transportproblemen im Flüssigkeitskreislauf verbunden. Kompressionsstrümpfe, die im Sanitätsfachhandel erhältlich sind, üben Druck auf die Venen aus, wodurch sich der Rückstrom des Blutes erhöht und die Funktion der Venenklappen verbessert. Dies führt dazu, dass weniger Flüssigkeit ins Gewebe übertritt, Schmerzen gelindert und Schwellungen reduziert werden.

Anwendungsbereiche der Kompressionstherapie bei MS

Obwohl Kompressionsstrümpfe primär bei Venenleiden eingesetzt werden, können sie auch bei MS-Patienten in bestimmten Situationen sinnvoll sein:

  • Schwere, müde Beine: MS kann zu Muskelschwäche und Koordinationsproblemen führen, was wiederum die Blutzirkulation beeinträchtigen und schwere, müde Beine verursachen kann. Kompressionsstrümpfe können hier den Blutfluss unterstützen und die Beschwerden lindern.
  • Ödeme: Bei fortgeschrittenem Krampfaderleiden oder nach Operationen können Ödeme (Wassereinlagerungen) auftreten. Kompressionsstrümpfe helfen, das Gewebswasser zurück in den Blutkreislauf zu transportieren und so die Schwellungen zu reduzieren.
  • Thromboseprophylaxe: Insbesondere bei längeren Reisen, wie Flugreisen, besteht für MS-Patienten ein erhöhtes Thromboserisiko. Kompressionsstrümpfe können dieses Risiko verringern, indem sie die Durchblutung fördern und die Bildung von Blutgerinnseln verhindern.
  • Restless-Legs-Syndrom (RLS): Eine Studie deutet darauf hin, dass Kompressionsmanschetten bei RLS-Patienten die Symptome lindern können. Die Kompression könnte die Freisetzung von endothelialen Mediatoren stimulieren, die die RLS-Symptome beeinflussen.

Arten von Kompressionsstrümpfen

Es gibt verschiedene Arten von Kompressionsstrümpfen, die sich in Material, Länge, Stärke und Verarbeitung unterscheiden:

  • Kompressionsstrümpfe: Diese sind Maßarbeit und werden im Sanitätsfachhandel genau vermessen und angepasst. Sie üben einen Druck aus, der im Knöchelbereich am stärksten ist und zur Kniekehle hin abnimmt. Kompressionsstrümpfe sind in verschiedenen Kompressionsklassen erhältlich, die den notwendigen Druck im Fesselbereich angeben.
  • Stützstrümpfe: Diese sind dünner als Kompressionsstrümpfe und üben einen gleichmäßigen Druck aus. Sie sind im Fachhandel in verschiedenen Größen erhältlich und dienen der Vorbeugung von schweren, müden Beinen. Bei bestehenden Venenerkrankungen reichen Stützstrümpfe jedoch nicht aus.
  • Anti-Thrombosestrümpfe: Diese werden im Krankenhaus nach Operationen eingesetzt und sind speziell für liegende und sitzende Patienten geeignet. Sie fördern die Durchblutung und beugen der Bildung von Blutgerinnseln vor.
  • Flach- und rundgestrickte Strümpfe: Die Verarbeitung richtet sich nach dem Ausmaß der Schädigung und der erforderlichen Druckausübung.

Anwendung und Tipps zur Kompressionstherapie

  • Anpassung und Vermessung: Kompressionsstrümpfe müssen exakt passen, um ihre optimale Wirkung zu entfalten. Lassen Sie sich im Sanitätsfachhandel von Fachkräften vermessen und beraten. Der beste Zeitpunkt zum Vermessen ist morgens, wenn sich noch kein Wasser in den Beinen eingelagert hat.
  • Anziehen: Das Anziehen von Kompressionsstrümpfen erfordert etwas Übung und Kraft. Verwenden Sie spezielle Gummihandschuhe, um das Material nicht zu beschädigen, und rollen Sie die Strümpfe über Fuß und Beine ab, anstatt zu ziehen. Im Sanitätshaus erhalten Sie Anziehhilfen und Tipps, wie das Anziehen leichter gelingt.
  • Tragedauer: Je öfter Sie Ihre Kompressionsstrümpfe tragen, desto effizienter können sie wirken. Besprechen Sie die empfohlene Tragedauer mit Ihrem Arzt oder Therapeuten.
  • Pflege: Waschen Sie Ihre Kompressionsstrümpfe regelmäßig (mindestens alle zwei Tage), um die Fasern zu festigen und den Druck zu optimieren.
  • Bewegung: Aktivieren Sie die Wirkung Ihrer Kompressionsstrümpfe durch regelmäßige Bewegung. Geeignete Sportarten sind Wandern, Tanzen, Radfahren und Venengymnastik. Auch kalte Fußduschen wirken förderlich.
  • Verschreibung: Bei medizinischer Notwendigkeit kann Ihnen der Arzt zwei Paar Kompressionsstrümpfe pro Jahr auf Rezept verschreiben, die von der Krankenkasse übernommen werden.

Weitere unterstützende Maßnahmen bei MS

Neben der Kompressionstherapie gibt es weitere Maßnahmen, die MS-Patienten helfen können, ihre Beschwerden zu lindern und ihre Lebensqualität zu verbessern:

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  • Physiotherapie, Ergotherapie und Logotherapie: Diese Therapieformen können bei verschiedenen MS-Symptomen wie Muskelschwäche, Koordinationsproblemen, Gangunsicherheit und Sprachstörungen unterstützen.
  • Medikamentöse Therapie: Medikamente können eingesetzt werden, um Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.
  • Gesunder Lebensstil: Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität und ausreichend Ruhe sind essenziell für MS-Patienten.
  • Hilfsmittel: Im Alltag können verschiedene Hilfsmittel wie Gehstock, Rollator, Rollstuhl, Flaschenöffner, Knopfschließer und Anziehhilfen die Selbstständigkeit und Lebensqualität verbessern.
  • Psychologische Unterstützung: Bei Depressionen oder anderen psychischen Problemen ist es wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann eine wertvolle Unterstützung sein.

Funktionelle Elektrostimulation (FES)

Eine vielversprechende Therapieoption für MS-Patienten mit Gangstörungen ist die funktionelle Elektrostimulation (FES). Dabei werden Muskeln, die für die Bewegung wichtig sind, durch elektrische Impulse stimuliert. Dies kann insbesondere bei Fußheberschwäche und Schwäche des M. quadriceps hilfreich sein. Moderne FES-Systeme sind leicht und werden direkt am Körper getragen. Sie können individuell an den Gang des Patienten angepasst werden und zu einer signifikanten Reduktion der wahrgenommenen Anstrengung beim Gehen sowie zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität führen.

Fatigue und ihre Behandlung

Fatigue, eine erhöhte Erschöpfbarkeit, ist ein häufiges Symptom bei MS. Sie kann durch Wärme verstärkt werden (Uhthoff-Phänomen). Kühlmaßnahmen, wie Kühlwesten, können hier Abhilfe schaffen. Zudem kann die Gangausdauer durch gezieltes Training verbessert werden. FES kann dabei einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie die Stimulation an die motorische Ermüdung anpasst.

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