Die Diagnose Multiple Sklerose (MS) kann für Betroffene und Angehörige ein Schock sein. Die Therapie der MS ist komplex und individuell. Dieser Artikel bietet einen grundlegenden Überblick über die medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten der MS.
Einführung in die Multiple Sklerose Therapie
Die Multiple Sklerose Behandlung umfasst die Schubtherapie, die verlaufsmodifizierende Therapie und die symptomatische Therapie. Die Behandlung wird individuell auf den Betroffenen abgestimmt. Ziel ist es, die Krankheit einzudämmen.
Verlaufsformen und Therapieansätze
Die aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) unterteilen die MS in fünf Verlaufsformen:
- Schubförmig remittierende MS (RRMS)
- Primär progrediente MS (PPMS)
- Sekundär progrediente MS (SPMS)
- Klinisch isoliertes Syndrom (CIS)
- Relapsing Multiple Sclerosis (RMS)
Das klinisch isolierte Syndrom (CIS) ist das erste Symptom, das Verdacht auf eine MS aufkommen lässt, z.B. Seh- oder Sensibilitätsstörungen. Bei der schubförmig remittierenden MS (RRMS) bilden sich Beschwerden nach einem Schub ganz oder teilweise zurück. Die sekundär progrediente MS (SPMS) entwickelt sich im Laufe der Jahre aus dem schubförmigen Verlauf der RRMS. Bei der primär progredienten MS (PPMS) nehmen die Symptome langsam und kontinuierlich zu. Relapsing Multiple Sclerosis (RMS) umfasst die schubförmigen Verläufe der MS wie CIS, RRMS und die aktive sekundär progrediente MS.
Die DGN teilt die Medikamente in drei Wirksamkeitskategorien ein:
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- Wirksamkeitskategorie I: Reduktion der Schubrate um 30-50 % im Vergleich zu Placebo.
- Wirksamkeitskategorie II: Reduktion der Schubrate um 50-60 % im Vergleich zu Placebo.
- Wirksamkeitskategorie III: Reduktion der Schubrate um mehr als 60 % im Vergleich zu Placebo oder mehr als 40 % im Vergleich zu Substanzen der Kategorie 1.
Die Wahl des Medikaments hängt von der Verlaufsform, der Krankheitsaktivität, den Nebenwirkungen, der Anwendungsform, den Patientenvorlieben, dem Alter und den Begleiterkrankungen ab.
Medikamentöse Therapie der schubförmigen MS
Zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose werden Medikamente eingesetzt, die die Anzahl und Schwere der Schübe reduzieren und das Fortschreiten der Behinderung aufhalten sollen.
Medikamente für milde/moderate Verläufe
Für die milde/moderate Verlaufsform stehen folgende Medikamente zur Verfügung:
- Interferone:
- Interferon-beta 1a i.m. (Avonex®)
- Interferon-beta 1a s.c. (Rebif®)
- Interferon-beta 1b s.c. (Betaferon® oder Extavia®)
- Peginterferon-beta 1a s.c (Plegridy ®)
- Glatirameracetat (Copaxone® s.c., Clift® s.c.)
- Dimethylfumarat (Tecfidera®)
- Teriflunomid (Aubagio®)
- Azathioprin (z.B. Imurek®), nur in Ausnahmefällen
- Immunglobuline, nur in der Stillzeit als Einzelfallentscheidung
Medikamente für aktive/hochaktive Verläufe
Für die aktive/hochaktive Verlaufsform stehen folgende Medikamente zur Verfügung:
- Fingolimod (Gilenya®)
- Cladribin (Mavenclad®)
- Ocrelizumab (Ocrevus®)
- Natalizumab (Tysabri®)
- Alemtuzumab (Lemtrada®) mit Einschränkung
Wirkprinzipien der Medikamente
Die MS-Medikamente greifen direkt in das Abwehrsystem ein. Entweder verändern sie es oder sie dämpfen es. Die Immunmodulatoren stellen das Gleichgewicht zwischen entzündungsfördernden und entzündungshemmenden Faktoren wieder her. Die Immunsuppressiva unterdrücken die Abwehrzellen des Körpers, sodass diese das Nervensystem nicht weiter angreifen können.
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Einnahme in Tablettenform
- Interferone: Beeinflussen Entzündungszellen und verhindern deren Einwanderung ins Gehirn.
- Glatirameracetat: Beeinflusst die Funktion von Entzündungszellen und könnte eine gewebeschützende Wirkung haben.
- Dimethylfumarat: Erhöht die Anzahl immunmodulierender Zellen und vermindert die Anzahl entzündungsfördernder Zellen.
- Teriflunomid: Hemmt die Teilung und Vermehrung aktivierter weißer Blutkörperchen.
- Azathioprin: Führt dazu, dass sich Lymphozyten langsamer vermehren und unterdrückt so überschießende Entzündungsreaktionen.
- Fingolimod: Hält aktivierte Lymphozyten in den lymphatischen Organen zurück.
- Cladribin: Vermindert insbesondere Lymphozyten und unterdrückt so Entzündungsreaktionen.
Monoklonale Antikörper (Infusion)
- Natalizumab: Blockiert ein Molekül auf der Zelloberfläche von weißen Blutkörperchen und verhindert so deren Eindringen in Gehirn und Rückenmark.
- Ocrelizumab: Zerstört bestimmte B-Lymphozyten, die eine wichtige Rolle bei der Entstehung der autoimmunen Entzündungsaktivität spielen.
- Alemtuzumab: Entfernt Lymphozyten mit einem bestimmten Oberflächenmarker und führt so zu einem Wiederaufbau des Immunsystems.
Immunsuppressiva
In Ausnahmefällen können folgende immunsuppressive Therapien zur Anwendung kommen:
- Mitoxantron
- Cyclophosphamid
- Methotrexat
Diese Medikamente werden nur noch selten bei hochaktiver MS-Erkrankung eingesetzt, wenn andere Präparate nicht in Frage kommen, zum Teil auch bei einem sekundär chronisch-progredientem Verlauf.
Schubtherapie
Das klassische Medikament in der MS Schubtherapie ist Cortison. Es wirkt stark entzündungshemmend und wird während eines akuten Schubes in hoher Dosierung für wenige Tage verabreicht. Meist erfolgt die Gabe intravenös als Infusionstherapie im Krankenhaus. Ein häufig verwendeter Wirkstoff ist zum Beispiel Methylprednisolon.
Symptomatische Therapie
Die symptomatische Therapie behandelt spezifische Symptome der Erkrankung. Dazu gehören:
- Physiotherapie
- Ergotherapie
- Logopädie
- Psychotherapie
- Hilfsmittelversorgung (z.B. Gehstützen, Rollstuhl)
- Medikamente zur Verringerung von spastischen Muskelverkrampfungen
Die Bedeutung der Früherkennung und Langzeittherapie
Multiple Sklerose ist eine chronische, lebenslange Erkrankung. Je früher die Krankheit erkannt wird, desto früher kann mit der Therapie begonnen werden, um einen möglichst günstigen Verlauf zu ermöglichen. Die MS Behandlung dauert in der Regel ein Leben lang.
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Aktuelle Forschung und neue Medikamente
Die Forschung zu MS wird stetig vorangetrieben. Es wird aktiv an neuen MS Medikamenten geforscht. Ein wichtiger Schwerpunkt liegt auf der Weiterentwicklung von immunmodulatorischen Substanzen, die das Voranschreiten der Behinderung effektiver unterbinden sollen.
Herausforderungen und Perspektiven
Die Wahl des richtigen Medikaments ist eine Herausforderung. Es gibt zwei Strategien: die "schrittweise Therapieeskalation" und "hit hard and early". Die "schrittweise Therapieeskalation" beginnt mit einem niedrig potenten Medikament und reagiert bei neuer Krankheitsaktivität mit aktiveren Medikamenten. Die "hit hard and early" Strategie setzt frühzeitig hochwirksame Medikamente ein, um Krankheitsaktivitäten möglichst vollständig zu stoppen.
Die Diagnose „Multiple Sklerose“ hat seit Verfügbarkeit der hochwirksamen Medikamente an Schrecken verloren. Die Prognose einer MS ist heute um „Lichtjahre“ besser als in den 1980er oder 1990er Jahren.
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