Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn und Rückenmark betrifft. Die Diagnose MS kann ein komplexer Prozess sein, da die Symptome vielfältig und unspezifisch sein können und sich von Person zu Person unterscheiden. Die Magnetresonanztomographie (MRT) spielt eine zentrale Rolle bei der Diagnose und Verlaufsbeurteilung der MS. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung der MRT-Diagnosekriterien, insbesondere im Kontext der aktuellen McDonald-Kriterien.
Die Bedeutung der MRT in der MS-Diagnostik
Die Magnetresonanztomographie (MRT), auch Kernspintomographie genannt, ist ein bildgebendes Verfahren, das detaillierte Querschnittsaufnahmen der Gewebestrukturen in Gehirn und Rückenmark erzeugt. Im Gegensatz zu Röntgenuntersuchungen kommt die MRT ohne belastende Röntgenstrahlung aus. Stattdessen nutzt sie die Eigenschaften von Wasserstoffatomen, die sich in einem magnetischen Feld ausrichten. Die MRT zeichnet sich durch eine hohe Auflösung aus, was sie zu einem wertvollen Werkzeug bei der Diagnose von MS macht.
Wie funktioniert eine MRT-Untersuchung?
Das MRT-Gerät ist röhrenförmig aufgebaut und verfügt über eine elektrisch verstellbare Liege. Während der Untersuchung liegt der Patient bequem auf dieser Liege, die dann in die Öffnung des MRT-Geräts gefahren wird. Es ist wichtig, dass sich der Patient während der Untersuchung ruhig verhält und Bewegungen vermeidet, da dies die Bildqualität beeinträchtigen kann. Da das MRT-Gerät laute Klopfgeräusche verursacht, wird dem Patienten in der Regel ein Gehörschutz angeboten.
Vor der Untersuchung müssen alle metallischen Gegenstände wie Schmuck, Uhren oder Gürtelschnallen abgelegt werden, da das Magnetfeld die Funktion elektronischer Geräte beeinträchtigen kann. Patienten mit Herzschrittmachern können sich in der Regel keiner MRT unterziehen, da das Magnetfeld die Funktion des Geräts beeinträchtigen kann.
Was zeigt die MRT bei MS?
Die MRT ermöglicht es, Entzündungsherde (Läsionen) im Gehirn und Rückenmark sichtbar zu machen, die typisch für MS sind. Diese Läsionen entstehen durch die Zerstörung der Myelinscheide, einer Schutzschicht um die Nervenfasern. Die MRT kann sowohl frische als auch bereits abgeklungene Läsionen darstellen. Frische Läsionen zeichnen sich oft durch eine Kontrastmittelaufnahme aus, was auf eine aktive Entzündung hinweist.
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Die MRT-Bilder liefern wichtige Informationen für die Diagnose und Verlaufsbeurteilung der MS. Sie ermöglichen es dem Arzt, die Anzahl, Größe und Lokalisation der Läsionen zu beurteilen und Veränderungen im Laufe der Zeit zu erkennen.
Die McDonald-Kriterien: Ein Standard für die MS-Diagnose
Die McDonald-Kriterien sind international anerkannte Diagnosekriterien für MS. Sie wurden mehrfach überarbeitet, um den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen Rechnung zu tragen. Die Kriterien basieren auf dem Konzept der räumlichen und zeitlichen Dissemination der Läsionen im ZNS.
- Räumliche Dissemination (DIS): Der Nachweis von Läsionen an verschiedenen Stellen im ZNS, z. B. im Gehirn, Rückenmark und Sehnerv.
- Zeitliche Dissemination (DIT): Der Nachweis von Läsionen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgetreten sind, was auf eine anhaltende Krankheitsaktivität hindeutet.
Die McDonald-Kriterien ermöglichen eine frühzeitige und sichere Diagnose der MS, sodass die Behandlung frühzeitig begonnen werden kann.
Aktuelle Änderungen der McDonald-Kriterien (2017 und später)
Die McDonald-Kriterien wurden zuletzt 2017 überarbeitet. Eine wesentliche Neuerung war die stärkere Betonung der Liquordiagnostik. Der Nachweis von oligoklonalen Banden (OCB) im Nervenwasser kann nun den Nachweis der zeitlichen Dissemination ersetzen, wenn die Kriterien für die räumliche Dissemination erfüllt sind.
Auch bezüglich der MRT-Bildgebung gab es wichtige Änderungen. Erstens zählen nun neben den juxtakortikalen auch die rein kortikalen Läsionen als Belege für den Nachweis der räumlichen Dissemination. Zweitens dürfen nun auch Läsionen, die zum Zeitpunkt der MRT-Untersuchung symptomatisch sind, zum Nachweis der räumlichen bzw. zeitlichen Dissemination mitberücksichtigt werden.
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Auf der Jahrestagung der europäischen MS-Gesellschaft ECTRIMS in Barcelona im September 2024 wurde auf der Basis eines Treffens mit 55 MS-Expertinnen und Experten aus 16 Ländern eine weitere Überarbeitung der Diagnosekriterien für die Multiple Sklerose vorgeschlagen.
Radiologisch isoliertes Syndrom (RIS)
Eine wichtige Neuerung betrifft das radiologisch isolierte Syndrom (RIS). RIS liegt vor, wenn in MRT-Aufnahmen bei Personen ohne MS-Symptomatik zufällig typische MS-Veränderungen entdeckt werden. Nach den Kriterien von 2024 kann nun bei einer Untergruppe von RIS-Patienten die Diagnose MS gestellt werden, wenn zusätzliche Hinweise dafür vorliegen, zum Beispiel:
- Läsionen an mehreren typischen Stellen (periventrikulär, juxtakortikal, infratentoriell oder im Rückenmark)
- Das Vorhandensein von oligoklonalen Banden im Liquor
- Spezifische MRT-Merkmale, die eine Verschlechterung vorhersagen
Diese Änderung bestätigt, dass einige Menschen mit RIS bereits eine stille Entzündungsaktivität aufweisen, die mit ziemlicher Sicherheit zu MS führen wird.
Beteiligung des Sehnerven
Die neuen Kriterien erkennen ausdrücklich an, dass Schädigungen des Sehnervs als Hinweis auf eine räumliche Ausbreitung gelten. Dies ist hilfreich in Fällen, in denen optische Symptome zuvor nicht ausreichten, um MS zu bestätigen. Eine Beteiligung des Nervs kann in der MRT nachgewiesen werden, aber auch über abnorme visuell evozierte Potenziale oder einen Befund bei der optischen Kohärenztomografie (OCT).
Läsionen in vier Arealen reichen für eine MS-Diagnose
Weisen Personen mit MS-Symptomen in der MRT in vier der fünf typischen ZNS-Regionen T2-Läsionen auf, genügt dies für eine MS-Diagnose. Ein Nachweis der zeitlichen Dissemination ist nicht mehr nötig.
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Weitere diagnostische Verfahren bei MS
Neben der MRT und der Liquordiagnostik gibt es weitere diagnostische Verfahren, die bei der Abklärung einer MS eingesetzt werden können.
Neurologische Untersuchung
Im Rahmen der neurologischen Untersuchung werden verschiedene Funktionen des Nervensystems getestet, wie z. B. Kraft, Koordination, Reflexe, Sensibilität und Gleichgewicht. Die Multiple Sklerose führt zu Einschränkungen u. a. in den Bereichen Koordination, Gleichgewicht, Reflexe, Muskelkraft oder Sensibilität.
Elektrophysiologie
Die Elektrophysiologie analysiert die Funktionalität elektrochemischer Signalübertragungen im Nervensystem. Ein zentrales Gebiet ist dabei die elektrische und chemische Interaktion und Kommunikation zwischen Nervenzellen und Muskeln.
Augendiagnostik mittels optischer Kohärenztomographie (OCT)
Die optische Kohärenztomographie (OCT) ist ein bildgebendes Verfahren, das detaillierte Aufnahmen der Netzhaut des Auges ermöglicht. Da die Netzhaut Nervenzellen und Nervenzellfortsätze enthält, können Veränderungen, die durch MS verursacht werden, mit der OCT sichtbar gemacht werden.
Schluckdiagnostik
Das Schlucken geschieht in einem komplexen Zusammenspiel aus einer Vielzahl von Muskeln, Nerven und mehreren Hirnregionen. Bei Schluckstörungen kann eine Schluckdiagnostik durchgeführt werden, um die Ursache der Störung zu ermitteln.
Labordiagnostik
Im Rahmen einer Labordiagnostik werden Blut und Liquor (Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit) analysiert. Blutparameter wie Leber- und Nierenwerte oder Entzündungsmarker geben Hinweise auf begleitende internistische Erkrankungen und unterstützen beim Ausschluss von Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen (Differenzialdiagnostik).
Bei der Liquordiagnostik wird der Wirbelkanal auf Höhe der mittleren bis unteren Lendenwirbelsäule mit einer feinen Hohlnadel erreicht (Lumbalpunktion) und Liquor entnommen. Im Falle einer Multiplen Sklerose lassen sich typischerweise eine leichte Zellzahlerhöhung bei einem normalen Proteingehalt (Eiweißgehalt) nachweisen. Es wird außerdem nach Zeichen für eine immunologische Reaktion gesucht: Dabei fokussiert man sich auf die sogenannten oligoklonalen Banden (OKB), die als Folge einer gesteigerten Antikörperproduktion entstehen. Um zu beweisen, dass sich die Entzündung auf das zentrale Nervensystem beschränkt (wie es bei der Multiplen Sklerose der Fall ist), sollten diese Antikörper nur im Liquor, nicht jedoch im Blut nachweisbar sein. Da in wenigen Fällen trotz Vorliegen einer Multiplen Sklerose keine oligoklonalen Banden nachweisbar sind, muss diese Diagnostikmethode mit anderen Methoden ergänzt werden.
Differenzialdiagnostik
Die Differenzialdiagnostik ist die Abgrenzung der MS gegenüber anderen Erkrankungen, die ähnliche Symptome verursachen können. Es gibt viele ZNS-Erkrankungen, die differentialdiagnostisch gegenüber der MS abgegrenzt werden müssen wie z. B. die Neuromyelitis Optica, die irrtümlicherweise lange als MS-Subtyp anstatt als eigenständige Entität verstanden wurde.
Therapiekontrolle mittels MRT
Für eine individualisierte medikamentöse Therapie der MS sind routinemäßige MR-Kontrolluntersuchungen unabdingbar. Diese sollten alle sechs bis zwölf Monate stattfinden und zwar unabhängig vom klinischen Zustand des Patienten. Das Ziel ist es, die MS mit der Therapie so einzudämmen, dass eben keine neue Krankheitsaktivität entsteht. Deshalb denkt man heutzutage auch dann über eine Medikamentenumstellung nach, wenn am Patienten keine klinische Verschlechterung festzustellen ist, aber während einer Verlaufskontrolle eine neue Läsion in der MR-Bildgebung zu sehen ist.