Stammzelltherapie bei Multipler Sklerose: Ein Neustart für das Immunsystem?

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark angreift. Dies führt zu Entzündungsreaktionen und zur Zerstörung der Myelinscheide, der Schutzschicht um die Nervenfasern. Die Folge sind Störungen der Reizübertragung, die sich in vielfältigen Symptomen wie Lähmungen, Schmerzen und Erschöpfung äußern können.

In den letzten Jahren hat es bedeutende Fortschritte in der MS-Behandlung gegeben. Neben krankheitsmodifizierenden Therapien (DMTs), die das Immunsystem regulieren und die Progression der Erkrankung verlangsamen, rückt die Stammzelltherapie zunehmend in den Fokus. Sie bietet die Chance, das Immunsystem neu zu starten und die Erkrankung zum Stillstand zu bringen.

Was ist eine Stammzelltherapie bei MS?

Die Stammzelltherapie, genauer gesagt die autologe hämatopoetische Stammzelltransplantation (AHSZT), zielt darauf ab, das fehlgeleitete Immunsystem des Patienten zu "resetten". Dabei werden dem Patienten zunächst eigene Blutstammzellen entnommen. Anschließend wird das Immunsystem durch eine Chemotherapie nahezu vollständig zerstört. Danach werden die zuvor entnommenen Stammzellen wieder in den Körper transplantiert, wo sie ein neues, "fehlerfreies" Immunsystem aufbauen sollen.

Der Ablauf einer Stammzelltherapie

Die Stammzelltherapie bei MS umfasst mehrere Schritte:

  1. Voruntersuchung und Aufklärung: Eine gründliche Untersuchung durch Neurologen und Hämatoonkologen ist notwendig, um die Eignung des Patienten für die Therapie festzustellen und ihn umfassend über Risiken und Nutzen aufzuklären. Dabei werden auch Begleiterkrankungen und chronische Infektionen berücksichtigt.
  2. Stammzellmobilisierung und -entnahme: Stammzellen aus dem Knochenmark werden ins Blut freigesetzt, entnommen und eingefroren (kryokonserviert).
  3. Chemotherapie: Das fehlgeleitete Immunsystem wird durch eine Chemotherapie zerstört. Dies erfordert einen stationären Aufenthalt von mindestens zwei Wochen in Isolation, da das Immunsystem in dieser Zeit stark geschwächt ist. Bekannte Nebenwirkungen der Chemotherapie sind Übelkeit, Schleimhautschädigung und vorübergehender Haarverlust.
  4. Stammzelltransplantation: Die entnommenen, körpereigenen Stammzellen werden nach der Chemotherapie wieder in den Körper transplantiert.
  5. Immunrekonstitution und Nachsorge: Die transplantierten Stammzellen bauen ein neues Immunsystem auf, das idealerweise die Nervenzellen nicht mehr als Feind erkennt. Während der Aufbauphase des Immunsystems ist der Körper besonders anfällig für Infektionen.

Die Rolle der Thymusdrüse

Eine wichtige Rolle bei der Wiederherstellung des Immunsystems spielt die Thymusdrüse. Dort "lernen" die T-Zellen, fremde Strukturen von körpereigenen zu unterscheiden. Interessanterweise wird die Thymusdrüse nach einer Stammzelltransplantation wieder aktiviert, auch im Erwachsenenalter, was zur Entwicklung eines neuen, toleranteren Immunsystems beiträgt.

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Für wen ist die Stammzelltherapie geeignet?

Die Stammzelltherapie ist eine intensive und risikoreiche Behandlung, die nicht für alle MS-Patienten geeignet ist. Sie kommt vor allem für jüngere Menschen mit hochaktiven, aggressiven Formen der MS in Betracht, bei denen andere hochwirksame Therapien versagt haben. Dabei sollte die Krankheitsdauer möglichst kurz sein (weniger als 10-15 Jahre) und eine Restmobilität von mindestens 100 Metern Gehstrecke vorhanden sein.

Wann sollte man eine Stammzelltherapie in Betracht ziehen?

Eine Stammzelltherapie kann in Erwägung gezogen werden, wenn:

  • eine hochaktive MS vorliegt, die durch häufige Schübe und/oder neue Läsionen im MRT gekennzeichnet ist.
  • hochwirksame Therapien (Immunsuppressiva, Immunmodulatoren, Antikörper) versagt haben.
  • die MS trotz Therapie fortschreitet.

Es ist wichtig zu betonen, dass die Stammzelltherapie bereits bestehende Schäden und Behinderungen im Nervengewebe nicht rückgängig machen kann. Ziel der Therapie ist es, die Erkrankung zu stoppen und ein weiteres Fortschreiten zu verhindern.

Erfolgsaussichten und Studienergebnisse

Studien haben gezeigt, dass die Stammzelltherapie bei einem hohen Prozentsatz der behandelten Patienten zu einer langfristigen Krankheitsfreiheit führen kann. Eine Studie des Universitätsspitals Zürich ergab, dass 80 % der behandelten Patienten lange Zeit oder sogar für immer krankheitsfrei blieben.

Eine jüngst publizierte Studie verglich die Wirksamkeit der Stammzelltransplantation mit der von medikamentösen verlaufsmodifizierenden Therapien bei Patienten mit hochaktiver RRMS. Das Ergebnis zeigte, dass bei Patienten, die eine Stammzelltransplantation erhalten hatten, die Erkrankung deutlich weniger fortschritt als in der Gruppe, die medikamentös behandelt worden war.

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Eine Metaanalyse von 27 Studien mit insgesamt 1.626 Patienten zeigte, dass zwei Jahre nach der Stammzelltransplantation 74 % aller behandelten MS-Patienten keine Zunahme der klinischen Beeinträchtigung aufwiesen.

NEDA-Raten

Ein wichtiger Parameter zur Beurteilung des Therapieerfolgs ist die NEDA-Rate (No Evidence of Disease Activity), die die Abwesenheit jeglicher Krankheitsaktivität (keine Schübe, keine Progression, keine MRT-Aktivität) widerspiegelt. Studien haben gezeigt, dass die NEDA-Raten nach Stammzelltransplantation deutlich höher sind als bei herkömmlichen MS-Therapien.

Risiken und Nebenwirkungen

Die Stammzelltherapie ist mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Da das Immunsystem im Verlauf der Therapie fast vollständig gelöscht wird, besteht ein erhöhtes Risiko für Infektionen. Die Chemotherapie kann Herz und Lunge angreifen und die Fruchtbarkeit schädigen. Als Spätfolgen sind neu auftretende Autoimmunerkrankungen, sekundäre Krebserkrankungen oder eine progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) möglich.

Mögliche Komplikationen

  • Infektionen: Aufgrund des geschwächten Immunsystems besteht ein hohes Risiko für bakterielle, virale oder Pilzinfektionen.
  • Blutungen: Die Chemotherapie kann zu einer Verminderung der Blutplättchen führen, was das Risiko für Blutungen erhöht.
  • Organschäden: Die Chemotherapie kann Herz, Lunge, Leber und Nieren schädigen.
  • Unfruchtbarkeit: Die Chemotherapie kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen.
  • Sekundäre Krebserkrankungen: In seltenen Fällen kann die Chemotherapie das Risiko für die Entwicklung von Krebs erhöhen.
  • Autoimmunerkrankungen: Nach der Stammzelltransplantation können neue Autoimmunerkrankungen auftreten.
  • Progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML): PML ist eine seltene, aber schwerwiegende Viruserkrankung des Gehirns, die bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem auftreten kann.
  • Sterblichkeit: In seltenen Fällen kann die Stammzelltherapie zum Tod führen.

Kosten und Verfügbarkeit

Die Stammzelltherapie ist eine kostspielige Behandlung. In Deutschland ist die Kostenübernahme durch die Krankenkassen nicht immer gewährleistet. Aufgrund des großen Interesses an der Methode kommt es immer häufiger vor, dass Patienten mit MS die AHSZT auf eigene Kosten im Ausland durchführen lassen.

Die Therapie wird in spezialisierten Zentren angeboten. In Deutschland gibt es bisher keine strukturierten Erfahrungen mit der AHSZT bei MS. Das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) hat daher Kriterien und Informationsmaterialien zum gezielten Einsatz der AHSZT bei MS entwickelt.

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Fazit

Die Stammzelltherapie ist eine vielversprechende, aber auch risikoreiche Behandlungsoption für ausgewählte MS-Patienten mit hochaktiven Verlaufsformen, bei denen andere Therapien versagt haben. Sie bietet die Chance, das Immunsystem neu zu starten und die Erkrankung zum Stillstand zu bringen. Allerdings ist eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich.

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