Neue Medikamente bei Multipler Sklerose und Psoriasis: Ein Überblick

Die Behandlung von Multipler Sklerose (MS) und Psoriasis (Schuppenflechte) hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Insbesondere die Entwicklung neuer Medikamente, die auf innovative Wirkmechanismen setzen, bietet Patienten verbesserte Therapieoptionen. Dieser Artikel beleuchtet einige dieser neuen Medikamente und ihre potenziellen Vorteile für Menschen, die an diesen chronischen Erkrankungen leiden.

Fumarsäure: Eine deutsche Erfindung erobert die MS-Therapie

Der medizinische Einsatz von Fumarsäure, einem Zwischenprodukt des Zitratzyklus, ist gewissermaßen eine deutsche Erfindung. Der Biochemiker Walter Schweckendieck und der Allgemeinmediziner Günther Schäfer hatten 1959 über eine erfolgreiche Eigenbehandlung der Schuppenflechte berichtet. Seit 1994 ist in Deutschland eine orale Formulierung zur Behandlung der Psoriasis vulgaris zugelassen.

Wenige Jahre später fiel dem Dermatologen Peter Altmeyer zusammen mit dem Neurologen Horst Przuntek, beide Universität Bochum auf, dass sich unter der Therapie mit Fumarsäure bei zwei Psoriasispatienten auch die gleichzeitig bestehende multiple Sklerose gebessert hatte, was sich in einer Pilotstudien an zehn Patienten bestätigen sollte.

Die zur Behandlung der Psoriasis eingeführte Fumarsäure kann den Krankheitsverlauf bei der Multiplen Sklerose günstig beeinflussen. Dies zeigten zwei Phase-III-Studien im New England Journal of Medicine, in denen das Fumarsäure-Präparat „BG-12“ Placebo überlegen war und einen Vergleich mit Glatiramer bestand. Aufgrund der guten Verträglichkeit und der oralen Verfügbarkeit spricht die Deutsche Gesellschaft für Neurologie von einem „Meilenstein“. Der Hersteller hofft auf eine baldige Zulassung.

In zwei Phase-III-Studien in Europa (DEFINE) und den USA (CONFIRM) wurde die Wirkung von Dimethylfumarat schließlich an 1.234 MS-Patienten mit Placebo (DEFINE) und in 1.417 Patienten mit Glatiramer oder Placebo verglichen (CONFIRM).

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Wirksamkeit von Fumarsäure in Studien

In beiden Studien erwies sich Fumarsäure als wirksam. In DEFINE wurde die Schubrate während einer zweijährigen Studienzeitraumes von 46 Prozent (Placebo) unter zwei- oder dreimal täglicher Einnahme auf 27 beziehungsweise 26 Prozent gesenkt. Die jährliche Schubrate geben Ralf Gold von der Ruhr Universität Bochum und Mitarbeiter mit 0,17 und 0,19 in den beiden BG-12-Gruppen an. Gegenüber 0,36 unter den Placebo-Empfängern entspricht dies einer relativen Reduktion von 53 bzw. 48 Prozent oder in etwa einer Halbierung.

Ähnliche Ergebnisse berichten Robert Fox von der Cleveland Clinic und Mitarbeitern für die CONFIRM-Studie. Die jährliche Schubrate sank hier von 0,40 (unter Placebo) auf 0,22 und 0,20 unter BG-12. Sie lag damit sogar niedriger als unter Glatiramer. In einer Post-hoc-Analyse war die drei Mal tägliche Einnahme von BG-12 dem etablierten MS-Medikament sogar überlegen. Auch in der Reduktion neuer Läsionen könnte es Vorteile geben. Die Unterschiede zu Placebo sind signifikant.

Nebenwirkungen und Dosierung von Dimethylfumarat

Die Therapie mit Fumarsäure ist nicht ohne Nebenwirkungen. Häufig sind eine Gesichtsrötung und Hitzegefühl („Flush“) sowie gastrointestinale Beschwerden wie Diarrhoe, Nausea und Oberbauchschmerzen. Bedingt durch die immunmodulierende Wirkung kommt es zu einem Abfall der Lymphozyten. Sicherheitsrelevant ist ein Anstieg der Leberwerte, der auch bei der Behandlung der Psoriasis beobachtet wird (und dort ein Grund für die Zurückstufung zu einem Reservemedikament ist. Die topische Therapie hat bei der Psoriasis generell Vorrang). Schwere Leberschäden sind nach den bisherigen Erfahrungen in der Psoriasistherapie nicht zu befürchten. Allerdings wurde das Mittel in den MS-Studien teilweise doppelt so hoch dosiert.

Das MS-Präparat Tecfidera wird zweimal täglich mit oder nach einer Mahlzeit unzerkaut eingenommen. Dimethylfumarat wirkt immunmodulatorisch und antioxidativ. Der genaue Wirkmechanismus ist nicht geklärt. Dimethylfumarat (Tecfidera®) kommt zum einen bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 13 Jahren mit schubförmig remittierender Multipler Sklerose (MS) zum Einsatz. Es zählt hier bei mildem bis moderatem Verlauf zur Erstlinientherapie. Zum anderen wird Dimethylfumarat (Skilarence®, früher Fumaderm®) bei mittelschwerer bis schwerer Psoriasis vulgaris angewendet, insbesondere wenn eine topische Therapie nicht ausreichend wirksam war. Bei MS wird Dimethylfumarat in der ersten Woche mit zweimal täglich 120 mg dosiert. Die Erhaltungsdosis ab der zweiten Woche beträgt zweimal täglich 240 mg. Bei Psoriasis wird niedriger gestartet (einmal täglich 30 mg abends) und langsamer aufdosiert (über vier Wochen). Obwohl Dimethylfumarat immunmodulatorisch wirkt, war die Infektionsrate in klinischen Studien nicht höher als unter Placebo. Zu den sehr häufigen unerwünschten Wirkungen zählen Durchfall, Übelkeit und Bauchschmerzen, Hitzegefühl/Flush, Lympho- und Leukopenien sowie Ketonkörper im Urin. Häufig sind Kopfschmerzen, Fatigue, Juckreiz und Hautausschlag, Appetitlosigkeit, leichtes Fieber oder grippeähnliche Symptome. Selten können schwerwiegende Nebenwirkungen wie Leberfunktionsstörungen, schwere allergische Reaktionen oder eine progressive multifokale Leukoenzephalopathie (PML) auftreten. Zudem wurde über Fälle von Fanconi-Syndrom berichtet. Während der Behandlung mit Dimethylfumarat soll die gleichzeitige Anwendung anderer Fumarsäurederivate systemisch wie topisch vermieden werden. Eine gleichzeitige Anwendung nephrotoxischer Arzneimittel kann das Risiko renaler Nebenwirkungen erhöhen. Kombinationen von Dimethylfumarat mit antineoplastischen oder immunsuppressiven Therapien wurden nicht untersucht und sollten deshalb mit Vorsicht erfolgen. Das gilt auch für Skilarence in Kombination mit anderen systemischen Psoriasis-Therapien. Absolut kontraindiziert ist Tecfidera bei vermuteter oder bestätigter PML sowie bei schwerer Lymphopenie. Skilarence ist kontraindiziert bei schweren Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts, schweren Leber- oder Nierenfunktionsstörungen sowie Schwangerschaft und Stillzeit. Vorsicht ist auch hier bei PML und schwerer Lymphopenie angebracht. Im Tierexperiment wirkt Dimethylfumarat reproduktionstoxisch. Bei Psoriasis ist der Einsatz in der Schwangerschaft kontraindiziert. Bei Embryotox, dem Pharmakovigilanz - und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Berliner Charité heißt es, die Therapie mit Fumarsäureestern könne bis zum positiven Schwangerschaftstest erfolgen. Aus bislang beobachteten Schwangerschaften lasse sich keine Teratogenität erkennen. Es ist nicht bekannt, ob Dimethylfumarat oder seine Metaboliten in die Muttermilch übergehen. Stillen kann laut den Fachinformationen bei MS-Patientinnen, nicht aber bei Psoriasis-Patientinnen in Betracht gezogen werden.

Handelsnamen und Anwendungsgebiete

Aktuell sind als Dimethylfumarat-haltige Arzneimittel nur das MS-Präparat Tecfidara von Biogen und das Psoriasis-Medikament Skilarence von Almirall Hermal in Deutschland im Handel. Biogen hatte im Dezember 2024 angekündigt, den Vertrieb der Psoriasis-Medikamente Fumaderm® und Fumaderm initial einzustellen. Zum 15. April 2025 gingen sie endgültig außer Vertrieb. Fumaderm enthielt neben Dimethylfumarat noch Ethylhydrogenfumarat. Skilarence gilt als Weiterentwicklung und wurde 2017 eingeführt. Schon damals wurde über eine Marktrücknahme von Fumaderm spekuliert. Einen Patentstreit gibt es um Tecfidera. Im ABDA-Artikelstamm finden sich eine ganze Reihe Generika, allerdings als »außer Vertrieb« und »nicht verkehrsfähig«. Einige waren 2022 auf den Markt gekommen, aber Gerichtsentscheidungen stützten Biogens Patentanspruch. Nach einigem Hin und Her endete der Vermarktungsschutz für Tecfidera in der EU im Februar 2025. Anfang 2022 brachte Biogen mit Diroximelfumarat (Vumerity®) ein neues Fumarsäure-Präparat bei MS auf den Markt. Es gilt als Fumarat der nächsten Generation mit besserer Magen-Darm-Verträglichkeit.

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Handelsname: Tecfidera®; Skilarence®

Anwendungsgebiet:

  • Tecfidera®: Zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit schubförmig remittierender Multipler Sklerose (RRMS). (Stand: April 2014)
  • Skilarence®: Behandlung erwachsener Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Psoriasis vulgaris, die eine systemische Arzneimitteltherapie benötigen. (Stand: Juni 2017)

Stellungnahmen der AkdÄ

Nutzenbewertungs-Verfahren (Beginn) Anwendungsgebiet Verbindlich sind die Angaben der Fachinformation. Fazit der AkdÄ Über den Zusatznutzen beschließt der G-BA. Stellungnahme der AkdÄ (Stand) Erstbewertung (01.05.2014) schubförmig remittierende Multiple Sklerose In der Abwägung von Zusatznutzen und -risiken gelangt die AkdÄ - im Gegensatz zum IQWiG - zum jetzigen Zeitpunkt zu der Bewertung, dass ein Anhaltspunkt für einen geringen Zusatznutzen zu erkennen ist. Durch die BRIDGE-Studie wurde allerdings erstmals ausreichend valide dargestellt, dass Dimethylfumarat und Fumarsäureester bei mittelschwerer bis schwerer Psoriasis vulgaris eine Wirksamkeit besitzen. Wenngleich eine Nichtunterlegenheit methodisch nicht ausreichend valide belegt wurde, sind sie bzgl.

Polymorbidität: Wenn MS und Psoriasis gemeinsam auftreten

Es ist nicht schön, aber wahr: Wer an einer Autoimmunerkrankung leidet, trägt ein (etwas) höheres Risiko, dass noch weitere Autoimmunerkrankungen hinzukommen. Dieser Umstand ist schon lange bekannt (amsel.de hatte zuletzt aus dem together-Magazin berichtet: Komorbiditäten im Überblick: Wenn eine MS nicht die einzige Erkrankung ist). Ebenso, dass dies Einfluss auf die Therapie der Erkrankungen hat.

Besonders im Blick der Übersichtsarbeit stehen, zusätzlich zur MS, folgende Autoimmun-Krankheiten:

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  • Psoriasis (Schuppenflechte)
  • rheumatoide Arthritis
  • Morbus Crohn und
  • Colitis ulcerosa.

Rund 5 % der MS-Betroffenen leiden zugleich an einer weiteren Autoimmunerkrankung. Am häufigsten sind dies die Schuppenflechte, rheumatoide Arthritis und die beiden genannten chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen.

Therapieansätze bei mehreren Autoimmunerkrankungen

Das Autorenteam um Professor Stefan Bittner fasst nicht nur bisheriges Wissen zur Therapie polymorbide Autoimmunerkrankter zusammen, sondern bildet als interdisziplinäres Team einen Konsens zur Therapie, wenn mehrere Autoimmunerkrankungen gleichzeitig vorliegen. Ein wichtiges Thema, zumal sich die Therapieoptionen für einzelne Erkrankungen stetig verändern.

Im besten Fall „erschlägt“ man mehrere Fliegen mit einer Klappe. Will sagen, ein Medikament hilft gleich gegen zwei Autoimmunerkrankungen. Dies ist zum Beispiel der Fall bei Dimethylfumarat. Es hilft sowohl gegen Multiple Sklerose als auch gegen Schuppenflechte. Zudem ist es gegen beide Krankheitsbilder zugelassen.

Bei Ozanimod, beispielsweise, tritt der doppelte Nutzen dadurch ein, dass es sowohl gegen aktive schubförmig MS zugelassen ist als auch zur Therapie der Colitis ulcerosa. Aktuell laufen Untersuchungen, ob es auch bei Morbus Crohn hilft.

Für manche der anderen Autoimmunerkrankungen ist die Dosis der MS-Therapie schlicht zu gering. Es gibt jedoch auch Off-Label-Einsätze von nicht zugelassenen Medikamenten, von denen man weiß, dass das Angriffsziel bzw. das Wirkprinzip bei mehreren Autoimmunerkrankungen identisch ist. Manchmal lassen sich auch mehrere Therapien kombinieren.

Fumarsäure: Ein Medikament, das bei MS und Psoriasis wirkt

Ein zehntausendfach erprobtes Medikament, das standardmäßig gegen Schuppenflechte eingesetzt wird, ist auch wirksam bei Multipler Sklerose (MS). Das ergab eine Studie an 257 MS-Patienten, die unter Leitung von Prof. Dr. Ralf Gold (RUB-Neurologie St. Josef Hospital) und seinem Basler Kollegen Prof. Dr. Ludwig Kappos durchgeführt wurde. Der Wirkstoff Fumarsäure beeinflusst das Immunsystem so, dass bei MS-Patienten über 70 Prozent weniger neue Entzündungsherde im Gehirn und etwa ein Drittel weniger Schübe auftraten.

Die Fumarsäure, von einem selbst an Schuppenflechte (Psoriasis) erkrankten Biochemiker durch Selbstbehandlung in die Therapie der Psoriasis eingeführt, ist bis heute die meist verwendete Therapie bei schwerer Schuppenflechte in Deutschland. Die Schuppenflechte ist wie die Multiple Sklerose eine Autoimmunkrankheit, bei der sich die Immunabwehr gegen körpereigene Zellen richtet. Bei MS wird so die "Isolierschicht" der Nervenzellen zerstört. Die Fumarsäure beeinflusst das Immunsystem bei Schuppenflechte positiv - eine Tatsache, auf die der Direktor der Bochumer Universitätshautklinik, Prof. Dr. Peter Altmeyer, zu Beginn des Jahrzehnts seinen Kollegen Prof. Dr. Horst Przuntek, damals Direktor der Neurologischen Klinik der RUB am St. Josef-Hospital, hinwies. In Bochum startete Dr. Sebastian Schimrigk danach eine erste kleine Studie mit zehn in der RUB-Klinik behandelten MS-Patienten. Unabhängig davon begann zeitgleich Prof. Dr. Ralf Gold, damals noch beschäftigt am MS-Institut in Göttingen, mit Untersuchungen zur Fumarsäure-Wirkung am Tiermodell. Sowohl die kleine Anwendungsbeobachtung bei Patienten in Bochum als auch die tierexperimentellen Untersuchungen deuteten darauf hin, dass Fumarsäure eine hochaktive Substanz zur Behandlung der schubförmigen MS sein könnte. Neueste Ergebnisse von Dr. Ralf Linker aus der RUB-Neurologie sprechen nun dafür, dass Fumarsäure über einen zellulären Transkriptionsfaktor Nrf2 Nervenzellen schützt - ein neuer Wirkmechanismus. "Damit wäre diese Substanz eine der ersten, die bei der Therapie der Multiplen Sklerose so genannte Neuroprotektion vermittelt", so Prof. Gold. "Auch würde sie sich optimal für eine Kombinationsbehandlung zum Beispiel mit Interferonen eignen, weil sie die Wirkungen gegenseitig ergänzen." Die Bochumer Neurologen hoffen, dass die nun beginnenden Therapiestudien sowie die experimentellen Daten die Therapie der MS weiter verbessern werden. "Besonderer Dank gebührt dabei den Dermatologen!", unterstreicht Prof.

Psoriasis: Mehr als nur eine Hauterkrankung

Lange galt die Psoriasis als eine Hauterkrankung; davon ist man heute weg. Die Schuppenflechte ist eine chronisch-entzündliche, immunvermittelte Systemerkrankung, die sich primär an der Haut manifestiert, aber auch Gelenke, Gefäße und andere Organe betreffen kann. Nur eine Hauterkrankung? Hätte man die betroffenen Menschen gefragt - auf diese Idee wären viele gar nicht gekommen. Scrollt man durch Internetforen und Seiten wie „Bitte berühren - gemeinsam aktiv gegen Schuppenflechte“ werden die medizinischen, emotionalen und sozialen Folgen der Krankheit deutlich: Scham, Unsicherheit, Stress, Schlafstörungen oder Angst vor Ablehnung sind ständige Begleiter. Bei Menschen mit Psoriasis „ist die Wahrscheinlichkeit, depressive Symptome zu entwickeln, 1,5-mal höher und Angstsymptome treten häufiger auf (20-50 Prozent) als bei Menschen ohne Psoriasis,“ heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2022. 1,5-mal höher klingt nicht viel? Es sind 150 Prozent.

Arzneimittelinnovationen in der Psoriasis-Therapie

Verglichen mit heute war die Behandlung der Krankheit vor der Einführung des ersten biopharmazeutischen Arzneimittels (Biopharmazeutikum) zu Beginn der 2000er-Jahre eher von robuster Natur: Mit der Brechstange versuchte die Medizin damals das Immunsystem generell zu unterdrücken - einfach, weil es keine anderen Möglichkeiten gab. Oft waren die Nebenwirkungen so schwer, dass die Patient:innen die Therapie abbrachen.

Das ist heute anders - und das Ergebnis von mehr als zwei Jahrzehnten pharmazeutischer Forschung. Das erste in Europa verfügbare Biopharmazeutikum - ein sogenannter TNF-α-Inhibitor - wurde 2004 zugelassen, ihm folgten mehrere seiner Klasse. Später kamen die IL-12/23-Inhibitoren, schließlich die IL-17- und IL-23-Inhibitoren. Sie setzen auf eine gezielte Regulation der Entzündungsprozesse, haben deshalb ein deutlich günstigeres Nebenwirkungsprofil und ermöglichen eine dauerhafte Therapie. Heute stehen laut Psoriasis-Bund bereits 29 Biopharmazeutika und Biosimilars zur Verfügung. Bei mehr als 90 Prozent liegt der Anteil der Patient:innen, bei denen die Symptome zu mehr als 90 Prozent verschwinden.

Wirtschaftliche Aspekte der Psoriasis

Arbeitsausfall oder Frühverrentung durch Psoriasis: Hohe indirekte Kosten. Etwas mehr Männer (55 Prozent) als Frauen sind betroffen; die Diagnosen trifft sie meist in ihren zwanziger oder ihren fünfziger Lebensjahren - also dann, wenn sie beruflich aktiv sind.

Entsprechend ist der volkswirtschaftliche Abdruck, den die Krankheit hinterlässt: Neben den reinen Behandlungskosten für die Krankheit und ihren Begleiterkrankungen entstehen hohe indirekte Kosten durch den Verlust an Produktivität, Arbeitsausfall oder Frühverrentung. Eine Untersuchung aus den USA lässt den Schluss zu, dass die Kosten für die Medikamente dabei nur ein Fünftel der Gesamtkosten der Erkrankung ausmachen. Expert:innen gehen davon aus, dass ein breiterer Einsatz neuer Psoriasis-Medikamente die indirekten Kosten der Krankheit erheblich reduzieren könnte. „Hit hard and early“ - diese auch aus anderen Indikationen bekannte Behandlungsstrategie könnte dazu beitragen. Denn Studien zeigen, dass bei frühem Einsatz hochwirksamer Antikörper nicht nur die Remissionen länger anhalten, sondern auch Folgeerkrankungen reduziert werden können.

Der Innovationskreislauf in der Psoriasis-Therapie

Die Geschichte der Psoriasis-Therapie zeigt, wie der Innovationskreislauf der pharmazeutischen Industrie funktioniert: Weil die Behandlungsstrategien der 1990er-Jahre nicht tragbar waren, entwickelte die Wissenschaft zusammen mit der Industrie neue Wirkstoffe, die in der Herstellung zwar hoch komplex sind, aber den Unterschied machen. Solche Durchbruchsinnovationen sind vergleichsweise teuer, können aber Kosten an anderer Stelle reduzieren - zum Beispiel durch weniger Krankenhausaufendhalte.

Heute hat die erste Generation der Psoriasis-„Gamechanger“ keinen Patentschutz mehr - und steht als so genannte Biosimilars zu deutlich gesenkten Preisen zu Verfügung. Dieser Zyklus sorgt dafür, dass die Forschung weitergeht und sich niemand auf seinen medizinischen Lorbeeren ausruhen wird. Dafür gibt es auch keinen Grund: Denn trotz aller Erfolge spricht ein Teil der Menschen auf die neuen Therapien nicht oder nicht hinreichend an.

Tolebrutinib: Ein Hoffnungsträger in der MS-Therapie

Der Wirkstoff Tolebrutinib weckt große Hoffnungen für die Therapie der Multiplen Sklerose (MS): Am 8. April 2025 wurden im New England Journal of Medicine die Ergebnisse zweier groß angelegter, internationaler Phase-III-Studien veröffentlicht. Eine Publikation unter Letztautorschaft des Universitätsklinikums Freiburg befasst sich mit den Effekten bei schubförmiger MS (Gemini 1 und 2). Eine weitere (HERCULES) befasst sich mit MS, die nach anfänglichen Schüben eine langsame Verschlechterung mit sich bringt, was als nicht-relapsierende sekundär progrediente MS bezeichnet wird. Beide Studien finden positive Effekte bzw. Tendenzen für den Verlauf der MS.

Studienergebnisse zu Tolebrutinib

Die GEMINI-1- und 2-Studien zeigen, dass Tolebrutinib bei schubförmiger MS mindestens ebenso gut wie das Standardmedikament Teriflunomid akute Schübe reduziert. Der primäre Endpunkt einer Überlegenheit gegenüber Teriflunomid wurde aber nicht erreicht. Darüber hinaus gab es deutliche Hinweise darauf, dass die Krankheit langsamer voranschreitet - auch unabhängig von Rückfällen, ein Phänomen, das unter dem Begriff PIRA (progression independent of relapse activity) bekannt ist. Die GEMINI-Studien wurden randomisiert, placebokontrolliert und über mehrere Länder hinweg durchgeführt. Beide liefern starke Hinweise auf eine krankheitsmodifizierende Wirkung von Tolebrutinib über die bekannten Entzündungsprozesse hinaus. Parallel dazu belegte die HERCULES-Studie erstmals signifikant positive Effekte bei sekundär progredienter MS. Der primäre Endpunkt der Studie, nämlich dass das Fortschreiten der Behinderung verzögert wurde, wurde erreicht.

Bedeutung von Tolebrutinib für die MS-Therapie

„Unsere Ergebnisse zeigen dass Tolebrutinib bei MS-Patient*innen wirkt, bei denen keine aktiven Entzündungen mehr nachweisbar sind - und das ist ein absolut entscheidender Innovationspunkt“, sagt Wiendl. „Eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Studien ist, dass Tolebrutinib die Krankheit bremsen kann, selbst wenn keine akuten Entzündungen sichtbar sind“, betont Wiendl. „Die Ergebnisse sind ein wichtiger Schritt in der MS-Therapie. Es gibt einen dringenden Bedarf an Medikamenten, die das Fortschreiten der Behinderung verlangsamen“, sagt Wiendl.

Tolebrutinib ist Teil eines Studienprogramms der Firma Sanofi, das sich sowohl auf schubförmige als auch progrediente Formen der MS erstreckt. Die Studien wurden durch Sanofi unterstützt.

Individualisierte Therapieansätze bei MS

Die Behandlung von MS folgt oft noch dem Prinzip „One size fits all“. Doch jeder Mensch ist anders - und Faktoren wie Biomarker, Vortherapie, Alter, Adipositas und Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) sollten eine größere Rolle in der individuellen Therapieplanung spielen. Das betonte Prof. Dr. med. Refik Pul von der Universitätsmedizin Essen in einem unserer medizinischen Online-Vorträge zum Thema „MS & Multimorbidität - Was tun bei mehreren Erkrankungen mit MS?“.

Autoimmunerkrankungen als Begleiterkrankungen bei MS

Eine von Prof. Pul vorgestellte Auswertung zeigte, dass 16,1 % der MS-Patient*innen mindestens eine weitere Autoimmunerkrankung haben - in der Allgemeinbevölkerung sind es nur 4 %. Besonders häufig tritt die autoimmune Thyreoiditis (Hashimoto), eine Erkrankung der Schilddrüse, auf. In der Studie konnte kein genereller Einfluss einer autoimmunen Begleiterkrankung auf den MS-Verlauf gesehen werden. Eine Ausnahme könnte die rheumatoide Arthritis darstellen, bei der die Gelenke durch das körpereigene Immunsystem angegriffen werden. Eine Studie zeigte, dass eine gleichzeitig auftretende rheumatoide Arthritis die Schubrate der MS erhöhen könnte.

Berücksichtigung von Begleiterkrankungen bei der MS-Therapie

Deshalb ist es wichtig, Begleiterkrankungen in die Wahl der MS-Therapie einzubeziehen. Manche Medikamente wirken sowohl bei MS als auch bei anderen Autoimmunerkrankungen. Beispielsweise wird Dimethylfumarat sowohl zur Behandlung von MS als auch von Schuppenflechte eingesetzt. Vorsicht ist allerdings bei TNF-Hemmern geboten: Diese Medikamente, die oft bei rheumatoider Arthritis und Schuppenflechte eingesetzt werden, sollten bei MS nicht verwendet werden, da sie die Krankheit verschlimmern könnten.

Es lohnt sich, aktuelle Studien im Blick zu behalten, um neue Erkenntnisse zu Medikamenten zu gewinnen, die bei mehreren Autoimmunerkrankungen gleichzeitig helfen könnten. Prof. Pul berichtete von zwei MS-Patientinnen mit rheumatoider Arthritis bzw. Migräne ist eine weitere Erkrankung, die bei MS-Betroffenen gehäuft auftritt. Sie ist ebenfalls eine neurologische Erkrankung. Meist besteht sie bereits vor der MS-Diagnose, kann aber in seltenen Fällen auch erst durch eine MS-Therapie ausgelöst und verschlimmert werden - insbesondere unter der Behandlung mit Fingolimod, wie Prof. Auffällig ist, dass fast die Hälfte der MS-Patientinnen mit Migräne auch an einer Aura leiden. Bei ihnen kommt es vor und während des eigentlichen Kopfschmerz-Attacke zu Seh-, Gefühls- oder Sprachstörungen. Zum Vergleich: Bei Menschen ohne MS und mit Migräne tritt eine Aura nur in etwa 20 % der Fälle auf.

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