Multiple Sklerose Spezialisten in den USA: Aktuelle Entwicklungen und personalisierte Behandlungsansätze

Multiple Sklerose (MS) ist eine der häufigsten Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die meist im jüngeren Erwachsenenalter beginnt und Frauen doppelt so oft betrifft wie Männer. Die Erkrankung kann zu vorübergehenden oder bleibenden Behinderungen führen, die sich auf verschiedene Lebensbereiche auswirken. Glücklicherweise haben sich die Behandlungsmöglichkeiten in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt, wodurch der Krankheitsverlauf günstig beeinflusst und die Lebensqualität verbessert werden kann.

Aktuelle Forschung und Entwicklungen

KI-gestützte Online-Plattform zur individuellen Vorhersage des Krankheitsverlaufs

Ein internationales Konsortium unter der Leitung der Charité - Universitätsmedizin Berlin arbeitet an der Entwicklung einer KI-gestützten Online-Plattform, die den Verlauf der MS individuell vorhersagen kann. Ziel ist es, die jeweils beste Therapie leichter festlegen zu können. In die Algorithmen sollen klinische Daten wie MRT-Bilder, Ergebnisse aus Blut- und Augenuntersuchungen sowie Angaben der Patient:innen zu ihren Symptomen und ihrem Befinden einfließen.

CLAIMS-Projekt für personalisierte MS-Behandlung

Das Projekt CLAIMS (Clinical and Artificial Intelligence aided Management Solutions for Multiple Sclerosis) wird als eines der ersten fünf Projekte im Rahmen der Innovative Health Initiative (IHI) mit rund 9,9 Millionen Euro für vier Jahre gefördert. Ziel ist es, die Behandlung von Menschen mit MS noch stärker zu personalisieren. Dazu werden Vorhersagemodelle entwickelt, die den Krankheitsverlauf für jede Patientin und jeden Patienten auf Basis der individuellen Daten prognostizieren und die Wirkung verschiedener Medikamente simulieren können.

Internationale Allianz zur Bekämpfung progredienter Multipler Sklerose

Die International Progressive MS Alliance ist eine weltweite Gemeinschaft, die sich zum Ziel gesetzt hat, die schleichende Form der Multiplen Sklerose zu beenden. Im Rahmen von ECTRIMS / ACTRIMS, dem weltweit größten Multiple-Sklerose-Kongress, hat die Alliance die ersten unterstützten Projekte bekanntgegeben und 22 Millionen Euro investiert, um den schleichenden Verlauf zu bekämpfen.

Teilweise Aussetzung der klinischen Prüfung von Evobrutinib in den USA

Merck, ein führendes Wissenschafts- und Technologieunternehmen, gab bekannt, dass die US-amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) eine teilweise Aussetzung der klinischen Prüfung von Evobrutinib angeordnet hat. Diese betrifft die Einleitung der Behandlung mit Evobrutinib bei neuen Patienten in den USA sowie jene US-Patienten, die weniger als 70 Tage mit der Studienmedikation behandelt wurden. Anlass für diese Maßnahme war die Bewertung von zwei kürzlich gemeldeten Fällen mit Laborwerten, die auf eine arzneimittelbedingte Leberschädigung hindeuten und während der Phase-III-Studien festgestellt wurden.

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Symptome und Therapieziele

Die Komplexität der Multiplen Sklerose manifestiert sich in vielfältigen Symptomen, die je nach betroffenem Nervenbereich variieren können. Dazu gehören Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme sowie motorische und weitere neurologische Einschränkungen. Paroxysmale Symptome, wie einschießende Schmerzen, plötzliche Gefühls-, Sprech- oder Bewegungsstörungen, treten überfallartig und kurz auf. Ataxie, eine ataktische Bewegungsstörung, äußert sich in Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen. Blasenstörungen, eine weitere häufige Begleiterscheinung, können sich in Form von häufigem Harndrang, Inkontinenz oder verzögerter Blasenentleerung äußern.

Die Therapieziele bei MS sind vielfältig und zielen darauf ab, die Symptome zu lindern, den Krankheitsverlauf zu beeinflussen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Dazu gehören:

  • Vermeidung der jeweiligen Symptome ohne Beeinträchtigung des Patienten durch die Therapie
  • Verbesserung der Feinmotorik und Erhalt der Gehfähigkeit
  • Verbesserung der Speicherfunktion der Blase und ihre möglichst vollständige Entleerung
  • Normalisierung des Harndrangs
  • Vermeidung von Komplikationen wie wiederholte Harnwegsinfekte, Nierensteinbildung und eingeschränkte Nierenfunktion

Therapieansätze

Die Behandlung von Multipler Sklerose umfasst verschiedene Therapieansätze, die je nach Symptomen und Krankheitsverlauf individuell angepasst werden.

Nicht-medikamentöse Therapie

  • Physiotherapie: Eine intensive Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage (Bobath, propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation und andere) ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Ataxie und Tremor.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, die Feinmotorik zu verbessern und die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten.
  • Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Autogenes Training oder die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson können helfen, Stress abzubauen und die Symptome zu lindern.
  • Hilfsmittel: Gehstöcke, Rollatoren oder spezielle Bestecke können den Alltag erleichtern.
  • Verhaltensänderungen: Regelmäßig ausreichend trinken, regelmäßige Toilettengänge und die Kontrolle von Trink- und Urinmenge durch ein Tagebuch können Blasenfunktionsstörungen günstig beeinflussen.

Medikamentöse Therapie

  • Krankheitsmodifizierende Therapien (DMT): DMT zielen darauf ab, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und Schübe zu reduzieren. In den USA werden häufig monoklonale Antikörper eingesetzt, die B-Zellen depletieren.
  • Antiepileptika: Antiepileptika wie Carbamazepin, Gabapentin oder Lamotrigin können bei paroxysmalen Symptomen eingesetzt werden.
  • Antispastika: Antispastika wie Baclofen können bei Spastik eingesetzt werden.
  • Anticholinergika: Anticholinergika können zur Dämpfung eines überaktiven Blasenmuskels eingesetzt werden.
  • Alphablocker: Alphablocker können bei Blasenentleerungsstörungen mit Restharnbildung eingesetzt werden.
  • Botulinumtoxin: Botulinumtoxin kann bei häufigem Harndrang mit kleinen Urinmengen und Inkontinenz direkt in den Detrusormuskel gespritzt werden.

Invasive Therapie

  • Thermokoagulation des Ganglion Gasseri: Bei schweren Fällen von Trigeminusneuralgie kann der Trigeminus-Nerv thermisch oder chemisch teilweise ausgeschaltet werden.
  • Stereotaktische Operation mit Stimulation der Stammganglien: Bei erheblichem Tremor kann eine sehr dünne Sonde in einem bestimmten Gehirnareal platziert und mit einem Schrittmacher verbunden werden, um das Zittern zu verringern oder zu unterbinden.

Personalisierte Medizin bei Multipler Sklerose

Die personalisierte Medizin zielt darauf ab, die richtige Therapie für den richtigen Patienten zu finden. Dabei werden verschiedene Faktoren berücksichtigt, wie z.B.:

  • Krankheitsaktivität: Das Ausmaß der Krankheitsaktivität (z.B. Anzahl aktiver Läsionen im Gehirn und Rückenmark) beeinflusst die Wahl der Therapie.
  • Risikofaktoren: Risikofaktoren für eine schlechtere Prognose (z.B. unvollständige Erholung vom ersten Schub, männliches Geschlecht, höheres Alter bei Krankheitsbeginn) werden berücksichtigt.
  • Begleiterkrankungen: Begleiterkrankungen (z.B. andere Autoimmunerkrankungen, Krebsvorgeschichte, Bluthochdruck) können die Wahl der Therapie beeinflussen.
  • Biomarker: Bluttests zur Überwachung der Krankheitsaktivität (z.B. Neurofilament-Leichtkette) können helfen, das Risiko für eine erhöhte Krankheitsaktivität zu beurteilen.

MS-Spezialisten in den USA

In den USA gibt es zahlreiche MS-Zentren und Spezialisten, die eine umfassende Betreuung von MS-Patienten anbieten. Diese Zentren verfügen über erfahrene Neurologen, Krankenschwestern, medizinische Assistenten und Therapeuten, die eng zusammenarbeiten, um die bestmögliche Behandlung für jeden Patienten zu gewährleisten. Viele Zentren sind auch an klinischen Studien beteiligt, um neue Medikamente und Therapien zu entwickeln.

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Dr. Barry Singer

Dr. Barry Singer ist Direktor eines MS-Zentrums in St. Louis, im Herzen der Vereinigten Staaten. Er leitet ein umfassendes MS-Zentrum, in dem über 4.000 Patienten betreut werden. Außerdem führt er eine Menge klinischer Forschung durch und betreibt seit fünf Jahren den MS Living Well-Podcast.

Ernährung und Lebensstil bei Multipler Sklerose

Neben den konventionellen Therapien spielen auch Ernährung und Lebensstil eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Multipler Sklerose. Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Ernährungsweisen und Lebensstiländerungen den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen können.

Das Wahls-Protokoll

Das Wahls-Protokoll ist ein Ernährungs- und Lebensstilprogramm, das von Dr. Terry Wahls entwickelt wurde, einer Medizinprofessorin, die selbst an MS erkrankt ist. Das Protokoll basiert auf einer strukturierten Diät, die auf Zellgesundheit zielt. Es beinhaltet den Verzicht auf Gluten, Milchprodukte und industriell hergestelltes Essen, stattdessen werden neun Tassen frisches, buntes Gemüse, Obst und Salat am Tag empfohlen, dazu ausreichend Protein, inklusive Innereien. Das Protokoll beinhaltet auch Empfehlungen zur Stressreduktion und körperlichen Aktivität.

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