Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die oft als "Krankheit der tausend Gesichter" bezeichnet wird. Die Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen sind vielfältig. Viele Menschen mit MS fragen sich, wie sie ihren Lebensstil anpassen können, um den Verlauf der Erkrankung positiv zu beeinflussen. Dabei spielen die Themen Rauchen und Alkoholkonsum eine wichtige Rolle.
Alkohol und Multiple Sklerose: Ein Glas in Ehren?
Für viele Menschen gehört ein gelegentliches Glas Wein oder Bier zu einem genussvollen Leben dazu. Auch mit Multipler Sklerose muss man nicht grundsätzlich darauf verzichten. Die Angst, dass Alkohol das Fortschreiten der MS beeinflussen könnte, ist unbegründet. Beim Thema Alkohol gelten für MS-Patienten die gleichen Regeln wie für gesunde Menschen. In moderaten Mengen ist Alkoholgenuss nicht schädlich und auch trotz MS erlaubt - es sei denn, der behandelnde Arzt rät davon ab.
Empfehlungen für moderaten Alkoholkonsum
Am besten orientiert man sich an den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese rät, das tägliche Limit nicht zu überschreiten und an mindestens zwei Tagen pro Woche keinen Alkohol zu trinken.
Mögliche Auswirkungen von Alkohol auf MS-Symptome
Auch wenn Alkohol in Maßen als unbedenklich gilt, kann der Konsum unter Umständen einige MS-Symptome verstärken. Dazu zählen Fatigue, Gefühls-, Seh- und Gleichgewichtsstörungen. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass Wechselwirkungen mit Medikamenten auftreten. MS-Betroffene reagieren möglicherweise selbst auf geringe Mengen Alkohol sensibler als gesunde Personen. Grund dafür können die MS-Symptome, die Gesamtkonstitution und die eingenommenen Medikamente sein. Alkohol und manche MS-Medikamente können eine gefährliche Kombination darstellen. Daher sollte man immer den Arzt fragen, ob man unbesorgt anstoßen kann.
Alkohol und Sturzrisiko
Eine Studie deutet darauf hin, dass Raucher mit MS ein erhöhtes Sturzrisiko haben, welches sich möglicherweise reduziert, wenn sie zusätzlich Alkohol konsumieren. Allerdings ist dieser Zusammenhang noch unklar und bedarf weiterer Forschung. Es könnte beispielsweise damit zusammenhängen, dass Personen mit schwereren Erkrankungen und entsprechenden Medikationen häufiger auf Alkohol verzichten.
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Rauchen und Multiple Sklerose: Ein absolutes No-Go
Anders als beim Alkoholkonsum, bei dem moderate Mengen erlaubt sein können, ist Rauchen bei MS besonders tückisch. Hier kann man wirklich nur dringend davon abraten. Rauchen fördert wahrscheinlich nicht nur das Entstehen einer Multiplen Sklerose, sondern beeinflusst auch den Verlauf der MS ungünstig.
Die schädlichen Auswirkungen des Rauchens
Nikotin und weitere giftige Produkte des Zigarettenrauchs greifen die äußeren Schutzhüllen von Nerven an (die sogenannten Markscheiden) und stören die Übertragung von Nervenimpulsen. Damit schädigt Rauchen genau die Nervenregionen, die bei MS ohnehin schon angegriffen sind. Auch auf das Immunsystem hat Rauchen ungünstige Effekte.
Rauchen beschleunigt das Fortschreiten der MS
Eine schwedische Studie ergab, dass jedes zusätzliche Jahr des Rauchens nach der MS-Diagnose die Zeit bis zur Konversion zu einer sekundär chronischen MS (SPMS) um 4,7% beschleunigte. Darüber hinaus entwickelten diejenigen, die weiter rauchten, SPMS in einem Durchschnittsalter von 48 Jahren, verglichen mit denjenigen, die mit dem Rauchen aufhörten, die SPMS in einem Durchschnittsalter von 56 Jahren.
Rauchen erhöht das Risiko für Behinderungen
Rauchen geht auch mit einem fortschreitenden Behinderungsgrad einher. Das Risiko, einen EDSS-Score von 4 oder 6 zu erreichen, ist bei ehemaligen Rauchern höher. Ein Rauchverzicht reduziert signifikant die Wahrscheinlichkeit, einen EDSS-Score von 4 zu erreichen. Die Daten deuten darauf hin, dass regelmäßiges Rauchen mit einer schwereren Erkrankung und einem schnelleren Fortschreiten der Behinderung verbunden ist.
Rauchen und Neurodegeneration
Personen mit MS scheinen anfälliger für die neurodegenerativen Auswirkungen von Rauchen zu sein. Daten zur Alzheimer-Demenz haben gezeigt, dass Rauchen mit erhöhtem oxidativem Stress, Neuroinflammation, verminderter Neuroprotektion zusammenhängt.
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Rauchstopp verbessert die Prognose
Es ist ermutigend zu wissen, dass MS-Patienten durch Rauchverzicht ihr Fortschreitungsrisiko positiv beeinflussen können. Die Studie von Kleerekooper et al. deutet sogar darauf hin, dass Nichtrauchen die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung von MS beeinflussen könnte. Der Verzicht auf Zigaretten nützte sowohl Patienten, die vor dem Ausbruch der MS mit dem Rauchen aufgehört hatten, als auch denjenigen, die erst später auf Zigaretten verzichteten. Für beide Gruppen sank das Risiko, einen EDSS-Wert von 4 oder 6 zu erreichen, um etwa ein Drittel im Vergleich zu Patienten, denen es nicht gelang, mit dem Rauchen aufzuhören.
Die entzündungsfördernde Wirkung von Nikotin
Der heiße Rauch und die Teerstoffe regen das Immunsystem der Lunge an und können auf diese Weise die Autoimmunität der MS verstärken.
Unterstützung beim Rauchstopp
Am besten ist es demnach natürlich, sofort ganz mit dem Rauchen aufzuhören. In der Natur des Rauchens liegt es aber leider, dass nicht jeder Raucher den Absprung so einfach schafft. Hier kann man sich professionelle Hilfe suchen.
Weitere wichtige Aspekte für ein Leben mit MS
Neben dem Verzicht auf das Rauchen und dem maßvollen Umgang mit Alkohol gibt es weitere Aspekte, die das Leben mit MS positiv beeinflussen können:
Lebensstilmanagement
Die Leitlinie zu Multipler Sklerose empfiehlt, den Lebensstil anzupassen. Dazu gehören die Themen "Körperliche Aktivität, Sport und Training", "Ernährung und Gewicht", "Vitamin D", "Osteoporose", "Mentale Gesundheit und Stress" sowie "Genussgifte: Rauchen und Alkohol".
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Körperliche Aktivität
Für alle MS-Erkrankten, deren Behinderungsgrad auf der "Expanded Disability Status Scale" (EDSS) unter 7 liegt, werden 75 Minuten intensives oder 150 Minuten moderates Ausdauertraining pro Woche empfohlen. Regelmäßiges Gehen kann alleine die Mobilität verbessern.
Ernährung
Betroffene sollten Übergewicht vermeiden und sich ausgewogen ernähren. Eine nach aktuellen Ernährungsstandards ausgewogene Ernährung und in Bezug auf die kardiovaskuläre Gesundheit präventiv wirksame Ernährungsweise wird geraten. Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Ernährungsformen (paläolithisch, mediterran, low-fat) helfen könnten, Fatigue zu verringern.
Vitamin D
Ein Vitamin-D-Mangel sollte ausgeglichen werden. MS-Patienten mit normalen Vitamin-D-Spiegeln können, nach Rücksprache mit ihrem Arzt, Vitamin D ergänzend einnehmen, da sie von einem hohen Vitamin-D-Spiegel profitieren können. Sie sollten jedoch nicht mehr als 4.000 IE (internationale Einheiten) täglich nehmen. Vitamin-D-Hochdosistherapien (z.B. "Coimbra-Protokoll") sind nicht zu empfehlen. Die Einnahme von Vitamin D in hohen Dosen kann giftig sein und langfristig gesundheitsschädlich wirken.
Mentale Gesundheit und Stressbewältigung
Traumatische Lebensereignisse und posttraumatische Belastungsstörungen erhöhen das Risiko für Autoimmunerkrankungen, einschließlich MS. Zudem zeigen erste Studien, dass traumatische Erlebnisse möglicherweise zu einer schnelleren Verschlechterung der MS führen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Stress Schübe auslösen kann. Verschiedene Methoden zur Stressbewältigung, z.B. Achtsamkeitstraining, Meditation, Yoga oder autogenes Training, können helfen.
Umgang mit Fatigue
Bei Fatigue (starke Erschöpfbarkeit) können z.B. Energiemanagement-Programme oder Achtsamkeitstraining helfen. Für Medikamente gegen Fatigue gibt es keine nachgewiesene Wirksamkeit. Jedoch können bei einer gleichzeitig bestehenden Depression ggf. Medikamente helfen.
Hitzemanagement
Hitze und/oder eine erhöhte Körpertemperatur können bei Menschen mit MS dazu führen, dass sie sog. Pseudo-Schübe bekommen. Dabei treten vorübergehend neue MS-Symptome auf oder bestehende Symptome verschlechtern sich. Für MS-Betroffene ist es jedoch wichtig, sich körperlich zu bewegen und ausreichend frische Luft und Sonnenlicht zu bekommen. Aktiv für Kühlung sorgen, z.B. Kühl duschen. Beim Sport darauf achten, dass der Körper nicht überhitzt.
Reisen mit MS
Wenn Menschen mit Multipler Sklerose verreisen wollen, ist eine gute Planung wichtig: Extremes Klima sollte vermieden, nötige Impfungen mit Ärzten abgesprochen und die medizinische Versorgung vor Ort in Erfahrung gebracht werden. Vor und während der Reise sollte Stress so gut wie möglich vermieden werden. Alle wichtigen Dokumente (z.B. Reisepass, Impfausweis, Liste aller Medikamente, usw.) sollten ggf. kopiert werden. Müssen Medikamente gekühlt werden, muss die Kühlkette auch während der Reise gegeben sein. Um bei Zollabfertigungen am Flughafen keine unnötigen Probleme zu bekommen, sollte ein ärztliches Attest (am besten auf Englisch) mitgeführt werden. Wer auf einen Rollstuhl angewiesen ist, sollte ein behinderungsgerechtes Hotel wählen und die An- bzw. Abreise entsprechend planen.
Selbsthilfe
Angebote der Selbsthilfe können Menschen mit MS unterstützen.