Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der weltweit etwa 2,9 Millionen Menschen betroffen sind, davon mehr als 280.000 in Deutschland. Die Krankheit beeinträchtigt psychomotorische Funktionen und die kognitive Leistungsfähigkeit, was die Alltagsbewältigung erschwert und die Lebensqualität mindert. Sport und körperliche Aktivität haben sich als wichtiger Therapiebaustein etabliert, der nicht nur Symptome lindern, sondern möglicherweise auch den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann.
Die Rolle von Sport und Bewegung bei MS
Regelmäßiger Sport ist sowohl in der allgemeinen Bevölkerung als auch bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) mit verbessertem Wohlbefinden und psychischer Gesundheit assoziiert. Zahlreiche Studien zeigen, dass Bewegungsinterventionen motorischen, kognitiven und affektiven Symptomen von MS effizient entgegenwirken und die Lebensqualität der Betroffenen erhöhen können. Körperliche Bewegung und Sport können sogar dazu beitragen, typische MS-Symptome zu lindern. Dazu zählen Symptome wie zum Beispiel Fatigue, Spastiken oder Koordinationsstörungen.
Sportliche Betätigung und das Immunsystem
Forschende vermuten, dass ein regelmäßiges gezieltes Training sich nicht nur auf MS-bedingte Symptome auswirkt, sondern sogar direkt ins Krankheitsgeschehen der MS eingreifen kann. Ein relevanter Anteil dieser positiven Effekte wird sportbedingten Veränderungen des Immunsystems zugesprochen. Präklinische Daten lassen vermuten, dass Sport nicht nur das periphere antiinflammatorische Geschehen fördert, sondern auch inflammatorischen Prozessen im ZNS entgegenwirkt.
Eine systematische Recherche und Metaanalyse über 11 Studien zeigte, dass Sport die Mengen des entzündungsfördernden Zyotkins TNF-α bei MS-Patienten senkt und dadurch womöglich dazu beiträgt, den Krankheitsfortschritt zu bremsen. TNF-α-Level sind bei MS typischerweise, abhängig vom Schweregrad der Erkrankung, erhöht. Allerdings haben regelmäßige sportliche Betätigungen einen spezifisch anti-inflammatorischen Effekt auf TNF-α-Level bei Patienten mit MS, der in dieser Studie sogar zu einer Normalisierung der Werte im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen führte. TNF-α im Blut könnte somit auch als Marker für die Wirkung therapeutischen Sports dienen.
Immunologische Mechanismen
Der positive Einfluss, den regelmäßige Bewegung auf die klinische Symptomatik bei Menschen mit MS hat, wird hauptsächlich auf antiinflammatorische Eigenschaften zurückgeführt. Akute körperliche Belastungen provozieren intensitätsabhängig zuerst einen inflammatorischen Zustand (bewegungsinduzierte Leukozytose), dem durch die Produktion und Ausschüttung von anti-inflammatorisch wirkenden löslichen Faktoren (z. B. IL-10, IL-1ra, sTNF-R) entgegengesteuert wird. Man nimmt an, dass diese wiederkehrende kompensatorische Induktion eines antiinflammatorischen Zustands nach der Bewegung auf Dauer zu einer Verschiebung der Zellfraktionen der unterschiedlichen Immunzellen in Ruhe führt.
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Hinsichtlich des angeborenen Immunsystems gibt es Untersuchungen, die auf das Potenzial von regelmäßiger Bewegung für die Repolarisierung der Makrophagen vom inflammatorischen Zustand (M1) in den antiinflammatorischen Zustand (M2) hindeuten. Zudem weisen noch nicht veröffentlichte Ergebnisse darauf hin, dass ein 3-wöchiges hochintensives Intervalltraining bei Menschen mit MS die Neutrophilen-Lymphozyten-Ratio (NLR) signifikant absenkt.
Sport und die Blut-Hirn-Schranke
Bewegung kann direkt und indirekt positiv auf neuroinflammatorische Prozesse einwirken. Ein systematisches Review von 51 Tierstudien zeigte, dass ein erhöhter peripherer Inflammationszustand die Aktivierung hirnständiger Immunzellen (Mikroglia) maßgeblich fördert. Die bereits erwähnte allmähliche Etablierung eines peripheren antiinflammatorischen Zustands durch Sport lässt vermuten, dass darüber indirekt die Aktivierung von Immunzellen im ZNS herabgesetzt wird. Zudem hat Bewegung einen positiven Effekt auf die Ausschüttung von neurotrophen Faktoren, von denen der „brain-derived neurotrophic factor“ (BDNF) das wohl am besten untersuchte Molekül ist.
Tryptophan-Kynurenin-Serotonin-Stoffwechsel
Bei der MS ist der Kynureninpfad sowohl in der Peripherie als auch im ZNS im Vergleich zu Gesunden pathologisch erhöht. Interessanterweise sind vor allem inflammatorische Zytokine verantwortlich für eine verstärkte Expression der IDO, die ebenso nach akuten körperlichen Belastungen ansteigt. Das Kynurenin selbst wirkt immunmodulatorisch und scheint für die Etablierung der Immunhomöostase wichtig zu sein, da es die Differenzierung noch nicht aktivierter CD4+-T-Zellen zu den antiinflammatorischen Tregs fördert.
Empfehlungen für sportliche Aktivität bei MS
Es ist wichtig, eine Form der körperlichen Betätigung zu finden, die Dir persönlich guttut und die Du gerne betreibst, sodass es Dir leicht(er) fällt, sie regelmäßig aufzunehmen. Du brauchst also nicht „dem einen“ optimalen Sportprogramm für Menschen mit MS nacheifern oder Dich mit anderen vergleichen. Ob hochintensives Krafttraining mit Gewichten, Spazieren gehen, Schwimmen, Jogging, Tanzen oder Yoga: Jedem Menschen machen unterschiedliche Aktivitäten Spaß. Besprich mit Deinem Behandlungsteam, welche individuellen Empfehlungen es Dir persönlich geben kann, um regelmäßig in Bewegung zu sein.
Es muss nicht gleich der Megamarsch sein: Auch Wandern oder Wege im Alltag zu Fuß zurückzulegen, kann zu Deiner Fitness beitragen. Auch kleine Veränderungen können dazu beitragen, den Alltag aktiver zu gestalten: Bist Du zum Beispiel oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, kannst Du eine Haltestelle früher als gewohnt aussteigen, sodass du einen Teil Deiner Strecke zu Fuß zurücklegst.
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Aktuell wird untersucht, inwieweit kürzere, aber intensive Trainingseinheiten besonders geeignet für Menschen mit MS sind. Dabei strengst Du Dich stärker an, jedoch für weniger lange Phasen.
Worauf sollte man achten?
- Tagesform: Achte auf Deine Tagesform und werde Dir bewusst, welche Zusammenhänge bestehen können.
- Uthoff-Phänomen: Verstärken sich aufgrund des Uthoff-Phänomens zum Beispiel an heißen Tagen Deine Symptome vorübergehend, reduziere die Anstrengung und plane Deine Sporteinheiten für früh morgens oder spät abends.
- Unterstützung: Schränken Dich bestimmte MS-Symptome ein, kannst Du Unterstützung von Expertinnen und Experten in Anspruch nehmen.
- Physiotherapie: Neben dem selbstständigen Training zuhause sollten Menschen mit MS aber auch regelmäßig zur Physiotherapie gehen. Denn eben diese Kombination aus Übungen unter Anleitung und eigenständiger sportlicher Aktivität verspricht den größten Nutzen.
- Sportarten: Wer zusätzlich zu den Fitnessübungen und der regelmäßigen Physiotherapie zum Sport gehen möchte, für den bieten sich unter anderem Schwimmen, Yoga, Nordic Walking und Tai-Chi an. Viele Sportvereine bieten spezielle Kurse für Menschen mit Multipler Sklerose an.
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