Viele Menschen, die mit der Diagnose Multiple Sklerose (MS) konfrontiert werden, fragen sich, wie diese Erkrankung ihr Leben beeinflussen wird. Es gibt keine pauschale Antwort, da die MS sich bei jedem Menschen anders äußert und verläuft. Die Erkrankung ist individuell sehr unterschiedlich und endet nicht zwangsläufig im Rollstuhl. Dieser Artikel soll Betroffenen und Angehörigen einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Therapieansätze und Lebensbereiche geben, die von MS betroffen sein können.
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn und Rückenmark betrifft. Dabei werden Nervenstrukturen zerstört, was zu vielfältigen Symptomen führt. MS wird auch Encephalomyelitis disseminata (ED) genannt und beginnt meist im jungen Erwachsenenalter, wobei Frauen etwa zwei- bis dreimal häufiger betroffen sind als Männer.
Ursachen
Die genauen Ursachen der MS sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren eine Rolle spielt. Dazu gehören genetische Veranlagung, Virusinfektionen (z.B. Masern-, Herpes- oder Epstein-Barr-Viren), Vitamin-D-Mangel und Rauchen. Auch das Geschlecht scheint einen Einfluss zu haben, da mehr Frauen als Männer an MS erkranken.
Symptome und Verlauf
MS äußert sich durch eine Vielzahl von Symptomen, was ihr den Namen "Krankheit der 1000 Gesichter" eingebracht hat. Häufige Symptome sind:
- Sehstörungen (Verschwommen- oder Nebelsehen, Sehausfall)
- Krämpfe, Muskelzuckungen, Schwerfälligkeit, spastische Lähmungserscheinungen
- Müdigkeit, allgemeine Mattigkeit oder Konzentrationsstörungen (Fatigue)
- Gefühlsstörungen der Haut (Kribbeln, Taubheitsgefühl)
- Unsicherheiten beim Gehen, Störungen der Bewegungskoordination
- Lähmungen oder Störungen beim Entleeren von Darm oder Blase
Meist verläuft die Erkrankung in Schüben (schubförmig-remittierende MS), bei etwa 10 % der Patienten schreitet sie von Beginn an unaufhaltsam fort (primär progrediente MS). Es gibt auch eine Mischform, die sekundär progrediente MS, die sich aus der schubförmigen MS entwickelt, wenn sich die Symptome nach einem Schub kaum noch oder gar nicht mehr zurückbilden.
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Diagnose
Die Diagnose der MS ist oft ein komplexer Prozess, da es keinen einzelnen "MS-Test" gibt. Die Diagnose wird in der Regel durch eine Kombination aus neurologischer Untersuchung, Anamnese, Magnetresonanztomographie (MRT) und Untersuchung des Nervenwassers (Lumbalpunktion) gestellt. Entscheidend ist der Nachweis von Entzündungsherden an mehreren Stellen im Gehirn oder Rückenmark.
Therapie der Multiplen Sklerose
Obwohl MS nicht heilbar ist, gibt es verschiedene Therapieansätze, die den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen und die Symptome lindern können. Die Therapie stützt sich auf mehrere Säulen:
- Schubtherapie: Behandlung akuter Schübe, meist mit Cortison-Präparaten, um die Symptome schnell zu reduzieren. Seltener kann auch eine Blutwäsche (Apherese) eingesetzt werden.
- Verlaufsmodifizierende Therapie (Basistherapie): Reduktion der Schwere und Häufigkeit der Schübe, um die beschwerdefreie Zeit zu verlängern. Hier stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die in Tablettenform oder als Injektion verabreicht werden. Dazu zählen Betainterferon-Präparate, Glatirameracetat, Fingolimod, Siponimod, Ponesimod, Ozanimod, Teriflunomid, Dimethylfumarat und Cladribin. Bei hoher Schubrate können auch Antikörperpräparate (Natalizumab, Ocrelizumab, Ofatumumab, Alemtuzumab) oder Chemotherapeutika eingesetzt werden.
- Symptomatische Therapie: Linderung von MS-Beschwerden und Vorbeugung möglicher Komplikationen. Hier kommen verschiedene Medikamente und Therapien zum Einsatz, z.B. Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie.
Medikamente für Patienten mit primär-progredienter MS
Für Patienten mit primär-progredienter MS (PPMS) gab es lange Zeit kein zugelassenes Basis-Medikament. Seit 2018 ist der Antikörper Ocrelizumab verfügbar, der die Krankheitsaktivität dämpfen kann.
MS-Forschung und neue Medikamente
Die Forschung im Bereich MS schreitet stetig voran. Pharmaforscher arbeiten kontinuierlich an der Entwicklung neuer Medikamente, die wirksamer und besser verträglich sind. Ein Schwerpunkt liegt auf der Weiterentwicklung von immunmodulatorischen Substanzen, die das Voranschreiten der Behinderung effektiver unterbinden sollen. Auch die Erforschung der Rolle von T-Zellen und B-Zellen steht im Fokus, um die Mechanismen der Autoimmunreaktion besser zu verstehen.
Beispiele für Medikamente in Erprobung oder im Zulassungsverfahren:
- Siponimod (BAF-312): Verhindert die Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten. Mayzent ist in der EU seit 01/2020 gegen sekundär progrediente MS zugelassen.
- Ozanimod: Verhindert als S1P1- und S1P5-Rezeptorantagonist die Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten.
- Ponesimod: Verhindert die Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknoten. Befindet sich in klinischer Erprobung, Phase III.
- Immunoglobulin Octagam:
Wie Medikamente wirken
Die Medikamente in der MS-Therapie greifen an verschiedenen Stellen in den Entzündungsprozess ein. Einige Präparate verhindern die Vermehrung bestimmter Immunzellen. Andere hindern T- und B-Lymphozyten daran, die Lymphknoten zu verlassen und ins ZNS einzudringen. Wieder andere stören die Kommunikation zwischen Immunzellen, so dass diese ihren Angriff nicht koordinieren können.
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Leben mit Multipler Sklerose
Die Diagnose MS kann das Leben der Betroffenen stark beeinflussen. Es gibt jedoch viele Möglichkeiten, die Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern.
Multiple Sklerose im Berufsleben
Viele Menschen mit MS können trotz ihrer Beschwerden über Jahre hinweg produktiv arbeiten. Offenheit am Arbeitsplatz kann dabei helfen, die Arbeit an die veränderte Situation anzupassen. Anpassungen am Arbeitsplatz können zum Beispiel der Wechsel von Vollzeit- zu Teilzeitbeschäftigung, zusätzliche Pausen oder ein neues Aufgabenfeld sein. Auch die Tätigkeit im Home-Office ist eine etablierte Alternative.
Eine Kündigung aufgrund der Diagnose MS ist nicht zulässig, solange die Arbeitsleistung erbracht werden kann. Arbeitgeber sind verpflichtet, den Arbeitsplatz behindertengerecht zu gestalten.
Es ist ratsam, sich bezüglich des Berufes und Berufswunsches frühzeitig Gedanken zu machen. Riskant sind Tätigkeiten, bei denen das Risiko besteht, sich selbst oder andere zu gefährden. Bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten sollte man sich frühzeitig einen Plan B überlegen.
Reisen mit Multipler Sklerose
Auch mit MS muss man nicht auf Reisen verzichten. Wichtig ist eine gute Planung und Vorbereitung, um die Reise nicht zur Belastung werden zu lassen. Es empfiehlt sich, Reisen frühzeitig zu planen, Pausen einzuplanen und sich medizinisch beraten zu lassen. Eine Reiseapotheke mit den benötigten MS-Medikamenten und Pflegematerialien ist unerlässlich.
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Psychische Gesundheit
Chronische Erkrankungen können zu Depressionen führen. Auch bei MS sind negative Gedanken und Gefühle häufig. Es ist wichtig, diese wahrzunehmen und zu verarbeiten. Eine Psychotherapie, insbesondere eine kognitive Verhaltenstherapie, kann helfen, mit belastenden Situationen und Gedanken umzugehen. Auch der Austausch mit anderen Betroffenen in einer Gruppentherapie ist empfehlenswert.
Familie und Partnerschaft
MS kann auch Auswirkungen auf die Familie und Partnerschaft haben. Es ist wichtig, offen über die Erkrankung zu sprechen und sich gegenseitig zu unterstützen. Als Angehöriger kann man eine unterstützende Umgebung schaffen, in der sich der Betroffene sicher und verstanden fühlt.
Auch Themen wie Kinderwunsch und Schwangerschaft sollten offen angesprochen werden. Eine Schwangerschaft mit MS gilt nicht als Risikoschwangerschaft, dennoch sollten die Medikamente und der Verlauf der Erkrankung berücksichtigt werden.
Weitere Aspekte
- Ernährung: Eine gesunde Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Fisch und Vollkornprodukten kann sich positiv auf den Verlauf der MS auswirken.
- Sport und Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität ist ein wirksames Mittel gegen Fatigue und kann die Beweglichkeit erhalten.
- Soziale Kontakte: Auch mit MS ist es wichtig, soziale Kontakte zu pflegen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Tipps für Betroffene und Angehörige
- Nehmen Sie die Diagnose an und suchen Sie sich professionelle Hilfe.
- Informieren Sie sich umfassend über die Erkrankung und ihre Behandlungsmöglichkeiten.
- Sprechen Sie offen mit Ihrem Partner, Ihrer Familie und Ihren Freunden über Ihre Ängste und Sorgen.
- Nehmen Sie an Selbsthilfegruppen teil und tauschen Sie sich mit anderen Betroffenen aus.
- Achten Sie auf eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung und regelmäßiger Bewegung.
- Setzen Sie sich realistische Ziele und feiern Sie Ihre Erfolge.
- Verlieren Sie nicht den Mut und die Hoffnung.