Vitamin D, oft als "Sonnenhormon" bezeichnet, spielt eine wichtige Rolle für unsere Gesundheit, insbesondere für den Kalzium- und Phosphatstoffwechsel, die Knochengesundheit und die Immunfunktion. Die Beziehung zwischen Vitamin D und Multipler Sklerose (MS) ist seit langem Gegenstand von Untersuchungen. Ein Mangel an diesem wichtigen Nährstoff wird als Risikofaktor für die Entwicklung von MS angesehen. Doch welche Auswirkungen hat die Einnahme von Vitamin D auf den Verlauf der Krankheit? Und welche Empfehlungen gibt es für MS-Patienten?
Vitamin D und MS: Ein Überblick
Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der die Myelinscheiden der Nervenfasern angegriffen werden. Dies führt zu einer Vielzahl von Symptomen wie Sehstörungen, Taubheitsgefühlen, Lähmungserscheinungen und Fatigue. Die Ursachen von MS sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass genetische Faktoren und Umweltfaktoren eine Rolle spielen.
Vitamin D ist eigentlich ein fettlösliches Hormon, dessen Vorstufen mit Hilfe von UV-Strahlung in unserer Haut gebildet werden. Daher stammt auch die Bezeichnung „Sonnenhormon“. Es beeinflusst Tumore und stärkt die Knochengesundheit. Besonders relevant für den Zusammenhang mit MS ist jedoch seine Wirkung auf Immunzellen. Die Bestimmung des Vitamin-D-Status erfolgt durch die Messung von 25-Hydroxyvitamin-D im Blut.
Aktuelle Studienergebnisse: Vitamin D bei klinisch isoliertem Syndrom (KIS)
Eine aktuelle randomisierte, Placebo-kontrollierte, multizentrische Studie aus Frankreich [1] hat die Wirkung von oralem Vitamin D3 (Cholecalciferol) in einer Dosierung von 100.000 IU alle zwei Wochen auf die Krankheitsaktivität bei Patientinnen und Patienten mit sogenanntem klinisch isoliertem Syndrom (KIS) untersucht. Das KIS ist die mutmaßlich erste klinische Manifestation einer Multiplen Sklerose (MS).
Insgesamt 316 Personen mit KIS (mittleres Alter, 34 [28-42] Jahre; 70 % weiblich) wurden randomisiert, 288 schlossen die Studie ab. Personen, deren Vitamin-D-Spiegel über 100 nmol/l lag, wurden aus Sicherheitsgründen nicht in die Studie aufgenommen.
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Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass die Vitamin-D-Gabe über zwei Jahre zu einer geringeren Krankheitsaktivität führte. Die Krankheitsaktivität wurde definiert durch das Auftreten von MS-Schüben und/oder neuen oder Kontrastmittel-aufnehmenden Läsionen im MRT. Krankheitsaktivität wurde bei 94 Betroffenen (60,3 %) in der Vitamin-D-Gruppe und bei 109 (74,1 %) in der Placebogruppe beobachtet (HR: 0,66 [95%CI, 0,50-0,87]; p = 0,004). Die mediane Dauer bis zum Auftreten von Krankheitsaktivität war in der Vitamin-D-Gruppe signifikant länger (432 vs. 224 Tage; p = 0,003).
Ebenso wiesen die Ergebnisse der Bildgebung auf einen positiven Effekt der Vitamin-D-Gabe hin: Bei nur 89 der behandelten Patientinnen und Patienten (57,1 %) gegenüber 96 der nicht-behandelten (65,3 %) zeigte sich MRT-Aktivität. Neue Läsionen traten bei 72 vs. 87 Patientinnen und Patienten auf, Kontrastmittel-aufnehmende Läsionen bei 29 vs. 50.
In einer Subgruppenanalyse wurden aus der Studienpopulation gesondert 247 Personen ausgewertet, welche die McDonald-Diagnosekriterien für eine schubförmig remittierende Multiple Sklerose erfüllten, aber noch keine krankheitsmodifizierende Immuntherapien erhalten hatten. Bei ihnen konnten vergleichbare positive Effekte der Vitamin-D-Gabe beobachtet werden.
Expertenmeinung und Leitlinienempfehlungen
Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), ordnet die Ergebnisse ein: „Dieser Befund könnte bedeuten, dass Vitamin D die Krankheitsprogression nicht nur beim klinisch isolierten Syndrom, sondern auch in der Frühphase der MS signifikant verlangsamen kann. Immerhin wurde in dieser Studie durch die Vitamingabe eine Schubratenreduktion erzielt wie unter einem Immuntherapeutikum. Daher muss dieser Therapieansatz weiter untersucht werden, möglicherweise auch in Kombination mit den etablierten krankheitsmodifizierenden Immuntherapien.“
Die vor wenigen Tagen publizierte S3-Leitinie zur Diagnose und Therapie der MS, NMOSD und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen [2] empfiehlt derzeit die Vitamin-D-Supplementierung nur, wenn ein Mangel besteht. Bei Normalwerten könne aber die Gabe bis in den hochnormalen Bereich von 50-125 nmol/l erwogen werden. Die tägliche Dosis sollte 4000 IU nicht überschreiten.
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Experten raten von hochdosierter Vitamin-D-Einnahme in Eigenregie ab. Prof. Achim Berthele, Leitlinienautor, warnt ausdrücklich davor, Vitamin D in hoher Dosierung ohne ärztliche Verschreibung einzunehmen. „Leider ist es so, dass solche positiven Studienergebnisse oft dazu führen, dass Betroffene in Eigenregie und ohne ärztliche Begleitung das Vitamin als Nahrungsergänzungsmittel in hohen Dosierungen einnehmen - doch davon raten wir dringend ab.“
Vorsicht vor Ultra-Hochdosis-Therapien
Ein Fallbericht aus der Schweiz [Quelle: Lutz N et al.] verdeutlicht die Risiken von Ultra-Hochdosis-Therapien mit Vitamin D. Ein Patient mit primär progredienter Multipler Sklerose (PPMS) nahm über mehrere Monate täglich 100.000 IU Vitamin D ein, betreut von einem Arzt, der nach dem sogenannten Coimbra-Protokoll behandelte. Dieses Protokoll geht von einer genetisch bedingten Vitamin-D-Resistenz bei Autoimmunerkrankungen aus und empfiehlt daher sehr hohe Dosen.
Der Patient entwickelte eine Hyperkalzämie (erhöhter Kalziumspiegel im Blut) und eine Niereninsuffizienz. Die Symptome der akuten Intoxikation mit Vitamin D haben als gemeinsame Ursache die Hyperkalzämie. Unter der Rehydrierung und der Gabe von Calcitonin und Zolendronat normalisierten sich die Werte für Kalzium und Kreatinin rasch. Allerdings stieg nach der Entlassung aus der Klinik das Kalzium erneut an.
Die Autoren des Fallberichts empfehlen, MS-Kranken und anderen Patienten mit Autoimmunkrankheiten von der Ultra-Hochdosistherapie mit Vitamin D abzuraten. Zum einen gebe es keine Evidenz für deren Nutzen, zum anderen drohe die Gefahr einer akuten, aber auch chronischen Niereninsuffizienz. Entscheiden sich Patienten dennoch für diese Therapie, sollten die Kalziumspiegel in Serum und Urin regelmäßig kontrolliert werden. Wichtig ist auch die Aufklärung über Symptome der Hyperkalzämie wie Polyurie, Durst, Müdigkeit und Obstipation, damit die Patienten gegebenenfalls frühzeitig den Arzt aufsuchen.
Heterogene Studienlage: Nicht alle Studien zeigen positive Effekte
Es ist wichtig zu beachten, dass die Studienlage zur Wirkung von Vitamin D bei MS heterogen ist. Eine randomisierte, doppelblinde Studie aus Neuseeland und Australien 2023 [3] hatte keinen Nutzen einer Vitamin-D-Supplementierung mit täglicher Dosis von bis zu 10.000 IU im Hinblick auf die Konversion von einem klinisch isolierten Syndrom zu einer MS ergeben.
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Prof. Berthele gibt zu bedenken: „Die Datenlage im Hinblick auf die Wirkung ist also zu diesem Zeitpunkt noch heterogen."
Praktische Konsequenzen für MS-Patienten
Welche praktische Konsequenz sollten MS-Patienten nun aus der neuen Studie ziehen?
„Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich niemandem, der auf eine krankheitsmodifizierende Immuntherapie eingestellt ist, dazu raten, diese wirksame Therapie abzubrechen und auf Vitamin D umzustellen. Eine Vitamin D-Substitution darf auch nicht den Beginn einer Immuntherapie mit dafür zugelassenen Medikamenten verzögern. Die Studie unterstreicht aber klar die Bedeutung einer Vitamin D-Bestimmung zum Krankheitsbeginn, denn Personen mit erniedrigten Vitamin-D-Spiegeln profitierten am deutlichsten. Ein Vitamin-D-Mangel sollte also ganz unabhängig von anderen therapeutischen Entscheidungen immer ausgeglichen werden."
Nach Ansicht des Experten bedarf es unbedingt weiterer Studien zum Stellenwert von Vitamin D, bevor Therapieregimes und Leitlinienempfehlungen verändert werden.
Vitamin D-Mangel vermeiden: Tipps für den Alltag
Ein Vitamin-D-Mangel kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden, wie z.B. geringe Sonnenexposition, dunkle Hautfarbe, Übergewicht und bestimmte Erkrankungen. Um einem Mangel vorzubeugen, gibt es einige einfache Maßnahmen:
- Regelmäßige Sonnenexposition: Gehen Sie regelmäßig ins Freie und setzen Sie Ihre Haut dem Sonnenlicht aus. In unseren Breitengraden genügt es von März bis Oktober schon, regelmäßig für mindestens eine halbe Stunde mit hochgekrempelten Ärmeln ins Freie zu gehen. Eine Überdosierung durch Sonnenlicht ist unmöglich, da die Haut die Vitamin-D-Produktion selbst reguliert.
- Vitamin-D-reiche Ernährung: Essen Sie Lebensmittel, die von Natur aus Vitamin D enthalten, wie z.B. fettreiche Fische (z.B. Lachs, Hering), Eier und Pilze.
- Vitamin-D-Supplementierung: Wenn Sie einen Vitamin-D-Mangel haben oder zu einer Risikogruppe gehören, kann eine Supplementierung sinnvoll sein. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die richtige Dosierung.
Fazit
Die aktuelle Studienlage deutet darauf hin, dass Vitamin D eine Rolle bei der Multiplen Sklerose spielen könnte, insbesondere in der frühen Phase der Erkrankung. Die Ergebnisse der D-Lay-MS-Studie sind vielversprechend, aber es bedarf weiterer Forschung, um den Stellenwert von Vitamin D in der MS-Therapie vollständig zu klären.
Es ist wichtig, den Vitamin-D-Status bei MS-Patienten zu überprüfen und einen Mangel gezielt zu behandeln. Eine eigenständige Hochdosis-Therapie ohne ärztliche Kontrolle ist jedoch abzulehnen. MS-Patienten sollten sich nicht auf Vitamin D als alleinige Therapie verlassen, sondern weiterhin die etablierten krankheitsmodifizierenden Immuntherapien in Anspruch nehmen. Vitamin D kann jedoch als ergänzende Maßnahme in Betracht gezogen werden, um den Krankheitsverlauf möglicherweise günstig zu beeinflussen.
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