Ein Schlaganfall kann zu einer Hemiparese führen, einer teilweisen Lähmung einer Körperseite, die oft die Armfunktion beeinträchtigt. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Therapieansätze zur Verbesserung der Armfunktion bei Hemiparese, wobei der Fokus auf der Constraint-Induced Movement Therapy (CIMT) und der Basalen Stimulation liegt. Darüber hinaus werden weitere relevante Therapiekonzepte und deren Anwendungsmöglichkeiten dargestellt.
Constraint-Induced Movement Therapy (CIMT)
Die Constraint-Induced Movement Therapy (CIMT), auch bekannt als "erzwungener Gebrauch", "Forced-use-Therapie" oder "Taub’sches Training", ist eine vielversprechende Therapiemethode für Patienten nach einem Schlaganfall mit Hemiparese.
Gelernter Nichtgebrauch
CIMT basiert auf dem Konzept des "gelernten Nichtgebrauchs" nach Edward Taub. Aufgrund anfänglicher Schwierigkeiten bei der Ausführung von Aktivitäten mit dem betroffenen Arm vermeidet der Patient dessen Einsatz im Alltag. Dieser verminderte Gebrauch verstärkt das Lernverhalten, indem der nicht-betroffene Arm kompensatorisch eingesetzt wird.
Ziel von CIMT und mCIMT
Ziel von CIMT und der modifizierten Form mCIMT ist es, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Durch die Immobilisation des nicht-betroffenen Armes soll der Patient dazu angeregt werden, den betroffenen Arm verstärkt einzusetzen und so dieFunktion zu verbessern.
Voraussetzungen für die Teilnahme an mCIMT
Um an mCIMT teilnehmen zu können, müssen bestimmte motorische Voraussetzungen erfüllt sein:
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- Handgelenk: 10° Dorsalextension
- Fingergrundgelenke: 20° Extension
- Schulter: 45° Abduktion
- Ellenbogen: 10° Flexion
- Schmerzfreies Bewegen von Arm und Hand
- Kein deutlicher Widerstand gegen passive Bewegung
- Weitgehende Selbstständigkeit in den Aktivitäten des täglichen Lebens (ADLs)
- Hohe Eigenmotivation und Durchhaltevermögen
Therapieablauf bei mCIMT
Vor Therapiebeginn werden gemeinsam mit dem Patienten realistische Ziele definiert und in einem Therapievertrag festgehalten, bei welchen Tätigkeiten die Schiene abgenommen werden darf. Neben dem alltagspraktischen Training zu Hause findet in der Praxis ein intensives, repetitives, funktionelles Training in einer Kleingruppe statt. Die Übungen werden individuell an den Leistungsstand des Patienten angepasst ("shaping").
Wirksamkeit von CIMT und mCIMT
Zahlreiche klinische Studien belegen die Wirksamkeit von CIMT und mCIMT. Eine zweiwöchige intensive Therapie führt zu einem vermehrten Einsatz der betroffenen Extremität im Alltag, Funktionszugewinn und verändertem Bewegungsverhalten, auch langfristig (6 Monate bzw. 1 Jahr nach Therapieende).
Basale Stimulation
Die Basale Stimulation ist ein pflegerisches Konzept, das darauf abzielt, die Wahrnehmung von Menschen mit schweren körperlichen oder geistigen Einschränkungen zu fördern. Sie wurde in den 1970er Jahren von Andreas Fröhlich für die Sonderpädagogik entwickelt und später durch ihn und Christel Bienstein weiterentwickelt.
Ziele der Basalen Stimulation
Die Schwerpunkte der basalen Stimulation sind je nach Person und Krankheitsbild unterschiedlich zu setzen. Im Allgemeinen zielt sie darauf ab:
- Die Wahrnehmung zu fördern
- Das Wohlbefinden zu steigern
- Die Kommunikation zu ermöglichen
- Die Würde des Menschen zu achten (insbesondere in der Sterbebegleitung)
Anwendungsformen der Basalen Stimulation
Die Basale Stimulation nutzt unterschiedliche Zugangswege, um die Wahrnehmung anzuregen:
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- Somatische Stimulation: Berührungen, Waschungen oder Massagen zur Förderung der Körperwahrnehmung. Wichtig ist hierbei das Einverständnis des Patienten.
- Vestibuläre Stimulation: Aktivierung des Gleichgewichtssinns durch Positionierungen oder Bewegungen wie Schaukeln.
- Vibratorische Stimulation: Stimulation tiefer liegender Körperebenen durch Vibrationen oder sanftes Klopfen.
- Orale Stimulation: Förderung der Mundmotorik und des Geschmackssinns durch unterschiedliche Texturen und Geschmäcker.
- Olfaktorische Stimulation: Aktivierung des Geruchssinns, um Erinnerungen und Emotionen zu wecken.
- Auditive Stimulation: Nutzung von Geräuschen und Musik, um den Hörsinn anzuregen und Erinnerungen sowie Emotionen zu wecken.
- Visuelle Stimulation: Anregung des Sehsinns durch Familienfotos, farbige Lampen oder sich bewegende Lichter.
- Taktile/Haptische Stimulation: Ansprache des Tastsinns durch Gegenstände mit verschiedenen Texturen.
Individualisierung der Basalen Stimulation
Um die basale Stimulation bestmöglich an die individuellen Bedürfnisse der betroffenen Person anzupassen, sollten persönliche Vorlieben und Erfahrungen berücksichtigt werden. War die Person beispielsweise eine Liebhaberin klassischer Musik, ist die auditive Stimulation am besten geeignet. Die somatische Stimulation ist für die meisten Menschen geeignet.
Basale Stimulation bei Demenz und in der Palliativpflege
Sinnvoll ist die basale Stimulation besonders für Menschen mit mittelschwerer und schwerer Demenz, die nicht mehr oder nur schwer in der Lage sind, verbal zu kommunizieren und sich zu verständigen. Auch in der Palliativpflege kann basale Stimulation durch Berührungen, vertraute Klänge oder Gerüche das Wohlbefinden steigern und eine Verbindung zur Außenwelt erhalten, Angst nehmen und Sicherheit geben.
Kurse zur Basalen Stimulation
Es gibt Kurse zur Basalen Stimulation, in denen neben Grundlagen auch Ideen vermittelt werden, wie Sie basale Stimulation in der Praxis anwenden können.
Bobath-Konzept
Das Bobath-Konzept ist ein weiterer wichtiger Therapieansatz zur Rehabilitation von Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall. Es wurde von Berta und Karel Bobath entwickelt und basiert auf der Fähigkeit des Nervensystems, ein Leben lang zu lernen (Neuroplastizität).
Ziele des Bobath-Konzepts
Die Ziele des Bobath-Konzepts liegen in erster Linie darin, dem Patienten die Bewältigung seines Alltags zu erleichtern. Dabei stehen die individuellen Bedürfnisse des Patienten, die sich aus seiner bisherigen Lebensweise und seinem Umfeld ergeben, im Mittelpunkt. Ihre Selbstständigkeit und Handlungsfähigkeit sollen erhöht werden, um eine eigenverantwortliche Lebensqualität wieder zu erlangen. Folgeschäden, wie zum Beispiel Gelenkeinschränkungen, eine Spastizität und Schmerzen, sollen mithilfe der Bobath Behandlung möglichst vermieden werden.
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Therapieansatz im Bobath-Konzept
Im Behandlungsprozess interagieren Patient und Therapeuten oder Betreuer aktiv miteinander. Der Therapeut unterstützt den Patienten nur soweit es nötig ist, denn die Eigenaktivität steht bei er Bobath Behandlung stets im Vordergrund. Durch Fordern und Fördern kann der Patient allmählich seine Bewegungskontrolle und Haltungsfähigkeit verbessern.
Bobath-Übungen
Die durchgeführten Übungen richten sich stets individuell nach der Schwere der Erkrankung und der Beweglichkeit des Körpers. Im Zentrum stehen jedoch Übungen, die das Gleichgewicht trainieren. Nur so kann der Patient in allen Lagen stabil und sicher sein.
- Klavierspieler: Ausgehend von einer sitzenden Position hat der Patient oder die Patientin den Auftrag, ein imaginäres, sehr breites Klavier zu spielen.
- Aufstehen aus dem Sitz: Der oder die Patient:in geht dabei vom Sitz in den Stand, während ein:e Physiotherapeut:in an seiner oder ihrer schwächeren Seite daneben sitzt.
Anwendungsbereiche des Bobath-Konzepts
Die Bobath Therapie richtet sich an Menschen mit Erkrankungen des zentralen Nervensystems und solche Patienten, die Schädigungen im Gehirn oder im Rückenmark erlitten haben. Insbesondere für Schlaganfall-Patienten wird die Bobath-Therapie häufig angewendet.
Weitere Therapieansätze und Überlegungen
Neben den genannten Therapieansätzen gibt es weitere wichtige Aspekte, die bei der Behandlung von Hemiparese berücksichtigt werden sollten:
- Früherkennung und Frühförderung: Cerebrale Bewegungsstörungen können in schweren Fällen schon frühzeitig erkannt werden. Eine früh einsetzende Förderung kann die Gesamtentwicklung des Kindes positiv beeinflussen.
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Die Förderung und Betreuung von Menschen mit cerebralen Bewegungsstörungen erfordert die Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen wie Medizin, Psychologie, Soziologie und Pädagogik.
- Umgang mit Begleiterkrankungen: Bei cerebralen Bewegungsstörungen können auch Mehrfachbehinderungen vorliegen, beispielsweise eine Kombination aus Bewegungsstörung und Intelligenzminderung oder epileptischen Anfällen.
- Hilfsmittelversorgung: Sowohl operative als auch nichtoperative Maßnahmen (Schienenbehandlung, Korsette etc.) können eine Hilfestellung für die Haltungs- und Bewegungsaufgaben des Alltags bieten.
- Physiotherapie: Die Physiotherapie orientiert sich bei der Behandlung an den Beschwerden und den Funktions- bzw. Aktivitätseinschränkungen des Patienten, die auf Grund einer Erkrankung oder Behinderung auftreten, sowie an seinen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Zielen.
Herausforderungen in der Therapie und mögliche Lösungsansätze
Die Therapie von Patienten mit Hemiparese kann aufgrund verschiedener Faktoren herausfordernd sein. Ein häufiges Problem ist mangelnde Motivation und Mitarbeit des Patienten. Im Folgenden werden einige mögliche Lösungsansätze für dieses Problem dargestellt:
- Kommunikation und Zielsetzung: Führen Sie ein offenes Gespräch mit dem Patienten, um seine Ziele und Wünsche zu erfragen. Formulieren Sie gemeinsam realistische Alltagsziele und machen Sie dem Patienten deutlich, dass seine aktive Mitarbeit für den Therapieerfolg unerlässlich ist.
- Motivation fördern: Suchen Sie nach Gründen, die den Patienten motivieren, an sich zu arbeiten. Dies können beispielsweise der Wunsch nach mehr Selbstständigkeit oder die Teilnahme an bestimmten Aktivitäten sein.
- Basale Stimulation: Setzen Sie Basale Stimulation ein, um den positiven Bezug des Patienten zu seinem eigenen Körper wiederherzustellen.
- Individuelle Therapiegestaltung: Passen Sie die Therapie individuell an die Bedürfnisse und Vorlieben des Patienten an. Bieten Sie Abwechslung und berücksichtigen Sie seine Tagesform.
- Schmerzmanagement: Klären Sie ab, inwiefern Schmerzen die Therapie hemmen und ob die Situation durch Medikamente oder andere Maßnahmen optimiert werden könnte.
- Klare Ansage: Machen Sie dem Patienten deutlich, dass Ergotherapie von der Krankenkasse bezahlt wird und ohne seine aktive Mitarbeit keine Erfolge erzielt werden können.
- Therapieabbruch oder -reduktion: Brechen Sie die Therapie ab oder reduzieren Sie sie auf ein Minimum (z.B. Kontrakturprophylaxe), wenn der Patient trotz aller Bemühungen nicht mitarbeitet. Kommunizieren Sie dies klar mit dem verordnenden Arzt.
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