Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der weltweit rund 2,8 Millionen Menschen betroffen sind. Ein Wiener Forschungsteam hat einen Bluttest entwickelt, der das Risiko für die Entwicklung einer Multiplen Sklerose (MS) bereits Jahre vor dem Auftreten erster Symptome mit hoher Sicherheit erkennen kann. Dieser Test könnte dazu beitragen, Menschen mit einem erhöhten MS-Risiko frühzeitig zu identifizieren. Die neue Methode wurde von Forschungsteams um Elisabeth Puchhammer-Stöckl und Hannes Vietzen vom Zentrum für Virologie der MedUni Wien sowie um Thomas Berger und Paulus Rommer von der Universitätsklinik für Neurologie der MedUni Wien entwickelt. Die Forschungsarbeit wurde im Fachjournal „Nature Communications“ publiziert.
Die Grundlagen der Multiplen Sklerose
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, die weltweit etwa 2,8 Millionen Menschen betrifft. Sie entsteht, wenn das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinhülle der Nervenbahnen im Gehirn und Rückenmark angreift, was zu neurologischen Ausfällen und Entzündungen führt. Bisher war eine Früherkennung der Krankheit nicht möglich, da die typischen Nervenschäden erst im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung sichtbar werden. MS ist zwar keine Erbkrankheit, doch manchmal würde es einen schon interessieren, gerade wenn jemand in der Familie an MS erkrankt ist, ob es einen selbst auch treffen wird. Zugegeben: Mindestens genauso oft wird man den Gedanken an das potenziell mögliche Schicksal einer chronischen Erkrankung lieber verdrängen wollen. Viele Verlaufsformen, unklare Ursachen: Multiple Sklerose (MS) zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankhungen, die bei Betroffenen häufig zu Behinderungen führt.
Der neue Bluttest: Funktionsweise und Ergebnisse
Der von einem Wiener Forschungsteam entwickelte Bluttest basiert auf einem immunologischen Test, der spezifische Antikörper gegen ein Protein des Epstein-Barr-Virus (EBV) identifiziert. Konkret werden durch den Test Autoantikörper, also Antikörper gegen körpereigene Strukturen, die auf einen bestimmten Abschnitt des EBV-Proteins EBNA-1 (Epstein-Barr nuclear antigen 1) gerichtet sind, erkannt. Diese Antikörper treten bereits innerhalb von drei Jahren nach einer EBV-Infektion auf - lange bevor bei den betroffenen Personen klinische Symptome einer MS beobachtet werden. Durch die wiederholte Messung dieser Antikörperspiegel kann ein deutlich erhöhtes Risiko für eine spätere MS-Diagnose erkannt werden.
Für ihre retrospektive Studie analysierte das Forschungsteam um Hannes Vietzen alte Blutproben von 704 MS-Patienten und nahezu 5400 gesunden Kontrollpersonen. Dabei entdeckten sie, dass charakteristische Antikörper, die an das EBV-Protein EBNA-1 binden, bei MS-Patienten signifikant häufiger und in höheren Konzentrationen vorkommen. Diese Antikörper können zudem auch menschliche Gehirnproteine angreifen und somit zur Schädigung der Neuronen beitragen. Im Blut der MS-Patienten kommen charakteristische Antikörper häufiger vor, die spezifisch ein Protein des Epstein-Barr-Virus binden: das EBNA-1-Protein. Gleichzeitig können solche Antikörper aber auch an mehrere Proteine im menschlichen Gehirn binden und so die Neuronen zerstören. Bei 98 Prozent der MS-Patienten fanden die Forschenden solche Antikörper im Blut, aber nur bei 78 Prozent der Kontrollpersonen. Damit eignet sich dieser Antikörperwert als zuverlässiger Biomarker für Multiple Sklerose, wie das Team erklärt.
Frühzeitige Erkennung durch Antikörper
Besonders bemerkenswert ist, dass diese Antikörper bereits zwischen neun Monaten und drei Jahren nach einer EBV-Infektion im Blut nachweisbar sind - im Durchschnitt 5,4 Jahre bevor klinische Symptome einer MS auftreten. Bei einigen Patienten konnten die Biomarker sogar bis zu zwölf Jahre vor den ersten Anzeichen der Krankheit festgestellt werden. Die Ergebnisse deuten laut Studienautoren darauf hin, dass der Antikörperwert als zuverlässiger Biomarker für Multiple Sklerose dienen könnte. Personen mit konstant hohen Antikörperspiegeln über einen Zeitraum von mehr als drei Jahren haben demnach ein signifikant höheres Risiko, später an MS zu erkranken. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass Personen, bei denen diese Antikörper an mindestens zwei Messzeitpunkten nachweisbar sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Folgejahren eine MS entwickeln“, ergänzt Vietzen.
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In einem Teil der Kohorte konnte sogar der Zeitpunkt der EBV-Erstinfektion eindeutig nachvollzogen werden. In dieser Gruppe zeigte sich, dass konstant hohe Antikörperspiegel mit einem sehr hohen Risiko und einer raschen Entwicklung einer MS assoziiert waren.
Die Rolle des Epstein-Barr-Virus (EBV)
Die Entstehung der MS ist mit immunologischen Prozessen verbunden, die unter anderem durch eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus angestoßen werden können. Nahezu alle Menschen (90-95%) infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit dem EBV, das dann lebenslang im Körper verbleibt. Die Infektion verläuft oft unbemerkt, kann aber auch als infektiöse Mononukleose (Pfeiffer’sches Drüsenfieber) symptomatisch werden. Ein Forschungsteam aus Münster hat eine auffällig hohe Zahl von Epstein-Barr-Virus-spezifischen T-Zellen bei Patienten mit Multipler Sklerose gefunden.
Perspektiven für die Zukunft
Der neue Biomarker könnte daher künftig genutzt werden, um Personen mit besonders hohem MS-Risiko zu identifizieren. Denkbar wäre etwa, vorsorglich das Blut von Menschen zu untersuchen, die nach einer EBV-Infektion Pfeiffer’sches Drüsenfieber entwickelt hatten. Der Bluttest würde demnach eine frühe Diagnose ermöglichen und die Therapie verbessern. Die retrospektive Studie basierte auf Blutproben von mehr als 700 MS-Patienten und mehr als 5000 Kontrollpersonen.
Potenzial für frühe Intervention
„Unsere Studie zeigt, dass eine sehr frühe Phase der MS-Krankheitsentwicklung lange vor Auftreten von ersten Symptomen bereits immunologisch erkennbar ist“, berichtet Studienleiterin Elisabeth Puchhammer-Stöckl, Leiterin des Zentrums für Virologie der MedUni Wien. Andere Marker wie Neurofilament Light Chain (NfL) oder Glial Fibrillary Acidic Protein (GFAP), die Nervenzellschäden anzeigen, steigen erst später im Verlauf an. „So wäre es möglich, diese Personen so früh zu untersuchen und zu behandeln, dass der Ausbruch der MS verzögert oder vielleicht sogar verhindert werden kann“, ergänzt Co-Studienleiter Rommer. „Aufgrund unserer Ergebnisse stellen wir ein Screening von Bevölkerungsgruppen mit erhöhtem MS-Risiko - etwa nach durchgemachtem Pfeiffer’schen Drüsenfieber - zur Diskussion“, blickt Thomas Berger, Leiter der Universitätsklinik für Neurologie der MedUni Wien in die Zukunft. Damit könnten diagnostische und therapeutische Maßnahmen in Zukunft so früh gesetzt werden, dass der Ausbruch der Erkrankung verzögert oder sogar verhindert werden kann.
Klinische Anwendung und weitere Forschung
Bevor der Test in die klinische Anwendung kommen kann, sind jedoch weitere klinische Studien mit größeren Patientenzahlen nötig. Prof. Thomas Berger, Leiter der Universitätsklinik für Neurologie an der MedUni Wien, erklärt auf Nachfrage, dass ein entsprechender Test bei Personen sinnvoll wäre, die tatsächlich das Krankheitsbild Pfeiffersches Drüsenfieber entwickeln. Diese könne man auf anhaltend hohe Antikörperspiegel untersuchen. Interessant wären vor allem jene, bei denen ein oder zwei Jahre nach der Erkrankung immer noch diese hohen Antikörperwerte nachweisbar sind. Der Wissenschaftler schätzt, dass dies nur bei ungefähr fünf Prozent der Mononukleose-Erkrankten der Fall ist. „Bei ihnen wäre es zukünftig vermutlich sehr sinnvoll, eine MRT-Untersuchung des Gehirns zu machen“, so Berger. So ließe sich feststellen, ob das Gehirn für MS typische MRT-Veränderungen zeigt.
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Auswirkungen auf die Behandlung
In dem Fall wäre es vorstellbar, mit einer MS-Therapie zu beginnen, selbst wenn der oder die Betreffende noch keine neurologischen Beschwerden hat. So ließe sich der Ausbruch einer MS-Erkrankung bei möglichst allen verhindern, hofft der Forscher. Ob das tatsächlich der Fall ist, müssen künftige großangelegte Untersuchungen allerdings erst noch zeigen. Zudem sei der neue Test derzeit noch nicht für die klinische Routine verfügbar und müsse in weiteren Studien geprüft werden. „Doch er könnte künftig ein entscheidender Baustein für die präventive Neurologie werden - und vielen Menschen eine chronische Erkrankung ersparen“, so die Hoffnung von Berger.
Herausforderungen in der personalisierten MS-Behandlung
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des ZNS mit hoher individueller Variabilität hinsichtlich Symptomausprägung, Krankheitsverlauf und Pathogenese. Der frühzeitige Einsatz hochwirksamer krankheitsmodifizierender Therapien (DMT) verbessert nachweislich langfristige Outcomes. Eine zentrale Herausforderung liegt jedoch darin, die passende Therapie zum optimalen Zeitpunkt für die jeweilige Patientengruppe zu wählen. Einflussfaktoren wie Komorbiditäten, Therapietreue, Sicherheitsaspekte und Ressourcenverfügbarkeit erschweren diese Entscheidungen zusätzlich.
MSDA-Test als Entscheidungshilfe
Molekulare Biomarker gewinnen zunehmend an Bedeutung in der personalisierten MS-Therapie. Der MS Disease Activity (MSDA)-Test von Octave Bioscience ist ein validierter, kommerziell erhältlicher Bluttest, der auf 18 Proteinparametern basiert. Er bewertet vier pathophysiologische Krankheitsachsen - etwa Immunmodulation und Neuroinflammation - und liefert einen Gesamtscore zur Krankheitsaktivität (Skala 1-10; höhere Werte bedeuten stärkere Krankheitsaktivität). Dieser Score korreliert mit klinischen und bildgebenden Parametern wie Gadolinium-positiven Läsionen im MRT. Obwohl analytische und klinische Validierungen vorliegen, war die klinische Nutzbarkeit im Versorgungsalltag bislang nicht ausreichend belegt.
Real-World-Daten zur klinischen Relevanz des MSDA-Tests
Im Rahmen einer multizentrischen, retrospektiven Chart-Review-Studie untersuchten 20 Behandelnde aus 14 US-Kliniken insgesamt 352 Patienten mit MS, bei denen der MSDA-Test im Versorgungsalltag angewendet wurde. Die Analyse der Therapieentscheidungen vor und nach der Testdurchführung zeigte deutliche Auswirkungen. Ergänzend wurden die Behandelnden zur subjektiven Relevanz des Tests befragt - sowohl für Einzelzeitpunkte als auch für wiederholte Testungen im longitudinalen Verlauf. Nach Vorliegen der MSDA-Ergebnisse wurde in 19,4 % der Fälle die Therapie angepasst - durch Einleitung, Wechsel oder Absetzen von DMT. Dies übertraf die Benchmark-Werte von 7 % bzw. 13 % deutlich. Besonders hohe Anpassungsraten fanden sich bei Ersttestungen (23,4 %), bei Folgeuntersuchungen blieb die Änderungsrate ebenfalls signifikant.
Vergleich mit MRT und anderen Biomarkern
Die Änderungsraten nach MSDA-Testung lagen deutlich über denen MRT-gestützter Therapieanpassungen - etwa bei Progression in der Bildgebung ohne klinische Verschlechterung (4,4 %). Im Vergleich zu Einzelbiomarkern wie Neurofilament Light Chain (NfL), die ebenfalls Teil des Panels sind, bietet der multiproteinbasierte MSDA-Test umfassendere Darstellung krankheitsrelevanter Prozesse. Die Studie bestätigt die Anwendbarkeit des MSDA-Tests unter realen Versorgungsbedingungen - insbesondere bei longitudinaler Nutzung. In Kombination mit klinischen und bildgebenden Parametern stellt der Test ein objektivierbares Instrument zur Therapiebewertung dar und kann als ergänzendes Monitoring-Tool dienen.
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