Musiktherapie bei Demenz: Aktuelle Studienlage und Anwendung

Die Musiktherapie hat sich als vielversprechender Ansatz in der Behandlung von Demenz etabliert. Zahlreiche Studien belegen ihre positiven Auswirkungen auf verschiedene Aspekte des Lebens von Demenzpatienten. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage, die zugrunde liegenden Mechanismen und die praktische Anwendung der Musiktherapie bei Demenz.

Einleitung

Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung, die mit einem Verlust kognitiver Fähigkeiten einhergeht. Neben den kognitiven Beeinträchtigungen leiden viele Betroffene unter Begleiterscheinungen wie Unruhe, Angst, Depression und sozialem Rückzug. Die Musiktherapie bietet einen nicht-medikamentösen Ansatz, um diese Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Grundlagen der Musiktherapie bei Demenz

Die Musiktherapie nutzt die positiven Auswirkungen von Musik auf das Gehirn, um kognitive, emotionale und soziale Prozesse zu aktivieren. Dabei werden verschiedene Ansätze unterschieden:

  • Rezeptive Musiktherapie: Hierbei hören die Patienten gezielt ausgewählte Musikstücke, die idealerweise einen biographischen Bezug haben. Dies kann zur Entspannung beitragen oder Erinnerungen wecken.
  • Aktive Musiktherapie: Die Patienten singen, tanzen oder spielen selbst ein Instrument. Dies fördert die Geselligkeit, die Kontaktaufnahme und das Selbstwertgefühl.

Studienlage zur Musiktherapie bei Demenz

Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit der Musiktherapie bei Demenz ist vielfältig und vielversprechend. Aktuelle Studien haben messbare symptomatische Verbesserungen im Zusammenhang mit personalisierter Musiktherapie oder Hörprogrammen untersucht und gefunden.

Verbesserungen im Verhalten und der Stimmung

Eine umfassende Studie der University of California hat gezeigt, dass personalisierte Musik eine enorm günstige Wirkung auf angstbesetzte Verhaltensweisen bei Demenzpatienten hat. Im Rahmen des Programms "Music & Memory" konnte der Einsatz von Antipsychotika um 13% und von Medikamenten gegen Angstzustände um 17% reduziert werden. Zudem sank die Häufigkeit von depressiven Symptomen und aggressivem Verhalten um 16% bzw. 20%, und die Häufigkeit von Schmerzen um 17%.

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Auswirkungen auf die Kognition

Systematische Übersichten zeigen ein gemischtes Bild: Eine Meta-Analyse (2023) fand Verbesserungen kognitiver Funktionen wie Aufmerksamkeit und Exekutivleistung bei Alzheimer-Demenz, bei überwiegend guter Studienqualität. Gleichzeitig wird gefordert, Methoden und Ziele stärker zu standardisieren.

Cochrane-Reviews betonen dagegen Unsicherheit und begrenzte Evidenz für anhaltende Effekte auf Kognition und Agitation. Hinweise auf Nutzen gibt es vor allem bei depressiven Symptomen und Verhalten, aber die Evidenzqualität ist unterschiedlich. Wichtig ist: Musik zeigt im Alltag oft spürbare Wirkung, auch wenn die „harte“ Studienlage uneinheitlich bleibt.

Linderung von Dysphagie

Eine Interventionsstudie der Initiative ‚Music& Memory’ in Kooperation mit der Stony Brook University School of Medicine in New York hat erstmalig herausgefunden, dass vertraute Musik-Playlisten das Schlucken bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz verbessert. Dies könnte langfristig zu besseren Ernährungsergebnissen bei Demenzpatienten führen, Komplikationen durch ungewolltes Verschlucken sowie die Notwendigkeit und den Einsatz von Ernährungssonden verringern.

Aktivierung des Gehirns

Forscher der University of Utah haben mit bildgebender Diagnostik des Gehirns gezeigt, dass biographisch bedeutungsvolle Musik ein alternativer Weg für die Kommunikation mit fortgeschrittenen Alzheimer-Patienten sein könnte. Die persönlichen Soundtracks aktivierten viele Regionen des Gehirns, darunter das Salienznetzwerk, das visuelle Netzwerk, das exekutive Netzwerk und Teile des Kleinhirns. Zudem erzeugten sie eine signifikant höhere funktionelle Verbindung dieser Regionen.

Die Rolle des Salienznetzwerks

Ein besonderes Augenmerk gilt dem Salienznetzwerk, einem Hirnareal, das für die Erkennung und Filterung bedeutsamer Reize zuständig ist. Dieses Netzwerk ist eng mit den Belohnungsschaltkreisen verbunden und spielt eine Schlüsselrolle bei der Verarbeitung der Musikwahrnehmung und dem Musikgenuss. Überraschenderweise ist die Salienz-Region eine Insel des Gedächtnisses, die lange Zeit von der Zerstörung durch die Alzheimer-Krankheit verschont bleibt. Insofern ist das Gehirnregion besonders interessant für eine Therapie im späten Stadium, selbst wenn sprachliche und visuelle Gedächtnisbahnen bereits zerstört sind: sie könnte der Schlüssel für effiziente musikbasierte Behandlungen sein.

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Personalisierte Musik als Schlüssel zum Erfolg

Wichtig ist dabei, dass Musik eingesetzt wird, die jeweils biographisch von Bedeutung ist. Dazu gehören beispielsweise die Lieblingslieder aus der Kindheit und der Jugend. Während (nicht personalisierte) Live-Musik, Hintergrund- oder Entspannungsmusik weniger Nutzen für die Lebensqualität von Alzheimer-Patienten brachte, haben dagegen vertraute Musikprogramme in aktuellen Studien deutliche Verbesserungen in der Symptomatik von Patienten mit fortgeschrittener Demenz gezeigt.

Psycholog:innen sprechen vom „Reminiscence Bump“: Erinnerungen aus Jugend und früher Erwachsenenzeit (ca. 10-30 Jahre) sind besonders emotional aufgeladen. Lieder dieser Zeit sind eng mit Autobiografie verknüpft - erste Liebe, Ausbildung, Umzüge, Feste.

Wenn Menschen mit Demenz diese biografischen Soundtracks hören, werden musik-evozierte autobiografische Erinnerungen (MEAMs) aktiviert: Bilder, Gefühle, Worte blitzen auf - oft erstaunlich schnell. Studien stützen, dass Erinnern mit Musik stabiler sein kann als ohne, und dass präferierte Musik besonders stark wirkt.

Praktische Anwendung der Musiktherapie

Die Musiktherapie kann sowohl im häuslichen Umfeld als auch in stationären Einrichtungen angewendet werden.

Ermittlung der biografischen Musik

Um die passende Musik für den Patienten zu finden, können Angehörige befragt werden:

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  • Welche Lieder liefen zwischen 10 und 30?
  • Gab es bestimmte Radiosender, Tanzlokale oder Chöre, die eine Rolle spielten?
  • Welche Musikstücke wecken gute Gefühle?

Es ist ratsam, die Titel nach Jahrzehnten zu sortieren (z.B. 1960er Schlager, 1970er Disco, 1980er NDW) und die Reaktionen des Patienten auf die Musik zu beobachten und zu dokumentieren.

Integration in den Alltag

Die Musik kann auf verschiedene Weise in den Alltag integriert werden:

  • Persönliche Playlist-Rituale: Regelmäßiges Abspielen der Lieblingslieder des Patienten.
  • Live-Musik: Kleine, nahbare Darbietungen mit biografischem Bezug.
  • Gemeinsames Singen: Singen von bekannten Liedern in der Gruppe oder mit Angehörigen.

Hinweise für die Anwendung

  • Kein Zwang zum Mitsingen - auch ein Lächeln zählt.
  • Zustimmung sollte, wenn möglich, eingeholt werden, ansonsten über Angehörige.
  • Auch bei fortgeschrittener Demenz kann Musik positive Effekte haben.
  • Alltagsmusik wirkt bereits stark, professionelle Musiktherapie kann jedoch gezielt bei Angst oder Apathie eingesetzt werden.

Initiativen und Projekte

Es gibt verschiedene Initiativen und Projekte, die sich für die Förderung der Musiktherapie bei Demenz einsetzen:

  • Music & Memory: Eine US-amerikanische gemeinnützige Organisation, die Pflegeheime mit iPods ausstattet und Mitarbeiter für die therapeutische Umsetzung personalisierter Musik schult.
  • Singende Krankenhäuser: Ein Projekt, das die heilsame Kraft des Singens für Menschen erlebbar machen möchte.
  • HOMESIDE: Eine internationale Studie, die die Wirkung von Musik- und Leseangeboten auf Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen untersucht.
  • BIMuD (Bundesinitiative Musik und Demenz): Hier arbeiten Künstler:innen, Musikgeragog:innen und Musiktherapeut:innen zusammen.
  • Nationale Demenzstrategie: Eine Initiative der Bundesregierung, deren Ziel es ist, die Lebenssituation von Demenzerkrankten und ihren An- und Zugehörigen in Deutschland zu verbessern.

Herausforderungen und Zukunftsperspektiven

Obwohl die Studienlage vielversprechend ist, gibt es noch einige Herausforderungen:

  • Die Studienqualität ist nicht immer einheitlich, und es bedarf weiterer randomisierter kontrollierter Studien.
  • Es gibt noch zu wenig Wissen über die spezifischen Effekte der einzelnen Methoden der Musiktherapie.
  • Externe Faktoren wie die Atmosphäre, das räumliche Umfeld und die Dauer der Therapie müssen genauer untersucht werden.
  • Die Finanzierung der Musiktherapie ist im ambulanten Bereich oft nicht gesichert.

Trotz dieser Herausforderungen bietet die Musiktherapie ein großes Potenzial zur Verbesserung der Lebensqualität von Demenzpatienten. Mit zunehmender Forschung und einer stärkeren Integration in die Regelversorgung könnte sie zukünftig eine noch größere Rolle in der Behandlung von Demenz spielen.

Fazit

Die Musiktherapie ist ein vielversprechender Ansatz zur Behandlung von Demenz. Sie kann das Verhalten und die Stimmung verbessern, die Kognition aktivieren, Dysphagie lindern und das Gehirn stimulieren. Besonders wichtig ist die Verwendung personalisierter Musik, die einen biographischen Bezug hat. Die Musiktherapie kann sowohl im häuslichen Umfeld als auch in stationären Einrichtungen angewendet werden und bietet eine wertvolle Ergänzung zu anderen Therapieformen.

Ausblick

Die Musiktherapie ist eine relativ junge Profession, die immer weiter wächst und immer differenzierter untersucht wird. Zukünftige Forschung sollte sich auf die Entwicklung neuer Methoden konzentrieren, die den Bedürfnissen der kommenden Generationen gerecht werden. Zudem ist es wichtig, die Finanzierung der Musiktherapie zu sichern und sie stärker in die Regelversorgung zu integrieren.

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