Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die Gehirn und Rückenmark betrifft. Sie ist nicht ansteckend, nicht zwangsläufig tödlich, kein Muskelschwund und keine psychische Erkrankung. Entgegen der weit verbreiteten Vorurteile, dass MS in jedem Fall zu einem Leben im Rollstuhl führt, kann die Krankheit sehr unterschiedlich verlaufen und mit vielfältigen Symptomen einhergehen, weshalb sie auch als die „Krankheit der 1.000 Gesichter“ bezeichnet wird. Schmerzen sind ein häufiges Symptom bei MS und können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Muskelschmerzen bei MS und stellt verschiedene Behandlungsansätze vor.
Multiple Sklerose: Eine Übersicht
Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheide angreift, eine Schutzschicht, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark umgibt. Dieser Angriff führt zu Entzündungen und Schädigungen der Nervenfasern, was die Übertragung von Nervensignalen beeinträchtigt. Die Symptome von MS sind vielfältig und können je nach betroffenem Bereich des Nervensystems variieren. Häufige Symptome sind Sehstörungen, Lähmungen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle in Armen oder Beinen, Konzentrationsstörungen und starke Erschöpfung (Fatigue).
Die Erkrankung manifestiert sich für gewöhnlich zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Die Zahl der MS-Betroffenen steigt kontinuierlich an, insbesondere in den Industrieländern. In Deutschland hat sich die Zahl der Menschen mit MS seit 1980 verdoppelt - auf schätzungsweise 280.000 Menschen.
MS verläuft in Schüben, bei denen ein oder mehrere Entzündungsherde im zentralen Nervensystem (ZNS) auftreten. Wird das Nervengewebe geschädigt, treten die MS-Symptome auf. Diese sind vielfältig und auch davon abhängig, welche Stelle des Nervensystems von der/den Entzündungen betroffen ist.
Diagnose von MS
Die Diagnose von MS kann eine Herausforderung sein, da es keinen Einzeltest gibt, der die Krankheit eindeutig nachweisen kann. Die Diagnose basiert in der Regel auf einer Kombination von Faktoren, darunter:
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- Neurologische Untersuchung: Beurteilung der neurologischen Funktionen wie Reflexe, Koordination, Sensibilität und Sehkraft.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Bildgebung des Gehirns und Rückenmarks, um Läsionen (Entzündungsherde) nachzuweisen.
- Lumbalpunktion: Entnahme von Nervenwasser (Liquor) zur Analyse auf bestimmte Marker, die auf eine Entzündung im zentralen Nervensystem hindeuten können.
- Evozierte Potentiale: Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns als Reaktion auf bestimmte Reize, um die Funktion der Nervenbahnen zu beurteilen.
Verlauf von MS
Multiple Sklerose kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich verlaufen. Stark vereinfacht gesagt, gibt es zwei Verlaufstypen:
- Schubförmig: Bei einem Schub treten neurologische Symptome über mindestens 24 Stunden auf. Häufig bilden sich diese Beschwerden nach einiger Zeit ganz oder teilweise wieder zurück. Bis zum nächsten Schub vergehen Wochen oder teils Jahre.
- Voranschreitend (progredient): Bei einem voranschreitenden Verlauf nehmen die Krankheitszeichen eher kontinuierlich zu. Teilweise geht ein schubförmiger Verlauf in einen voranschreitenden Verlauf über.
Behandlung von MS
Derzeit ist eine Multiple Sklerose nicht heilbar. Die Therapie zielt darauf ab, den Krankheitsverlauf möglichst günstig zu beeinflussen und die Symptome zu lindern. Die Behandlung sollte immer auf die Patientin oder den Patienten und den individuellen Krankheitsverlauf abgestimmt sein. Ärztinnen und Ärzte wägen Nutzen und mögliche Risiken der Behandlungsmöglichkeiten gemeinsam mit den Betroffenen ab.
- Behandlung eines Schubes: Kortisonpräparate können die Entzündungsreaktion eindämmen und Symptome rasch zum Abklingen bringen. In einigen Fällen kann eine Blutwäsche (Apherese) eingesetzt werden.
- Immuntherapie: Medikamente, die auf das Immunsystem wirken, sollen den Krankheitsverlauf langfristig günstig beeinflussen. Es gibt eine Vielzahl von Immuntherapeutika, die sich in ihrer Wirkweise und ihrem Nebenwirkungsprofil unterscheiden.
- Symptomatische Therapie: Behandlung einzelner Symptome wie Schmerzen, Spastik, Blasen- oder Darmfunktionsstörungen, Fatigue oder Depressionen. Hier kommen Medikamente, Physiotherapie, Ergotherapie, Psychotherapie und andere nicht-medikamentöse Behandlungen infrage.
- Rehabilitation: Eine mehrwöchige Rehabilitation kann Betroffene dabei unterstützen, ihren Alltag bei möglichst hoher Lebensqualität weiterhin gut zu bewältigen.
Schmerzen bei Multipler Sklerose
Schmerzen sind ein häufiges Symptom bei MS und treten bei ca. 86 % der Patientinnen und Patienten auf. Sie können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und zu funktionellen Einschränkungen führen. Schmerzen bei MS werden in zwei Hauptkategorien eingeteilt: neuropathische und nozizeptive Schmerzen.
- Neuropathische Schmerzen: Diese Schmerzen entstehen als direkte Folge der MS durch eine Schädigung der Nervenfasern im zentralen Nervensystem. Die fehlerhafte Übermittlung der Nervensignale vom und zum Gehirn und Rückenmark führt zu Missempfindungen und Schmerzen. Neuropathische Schmerzen werden oft als brennend, stechend, schneidend oder elektrisierend beschrieben.
- Nozizeptive Schmerzen: Diese Schmerzen entstehen als indirekte Folge der MS-Symptome durch eine Reizung der Schmerzrezeptoren im Körper. Sie sind oft die Folge von Veränderungen des Bewegungsapparates, Muskelverspannungen oder Entzündungen.
Arten von Schmerzen bei MS
Verschiedene Arten von Schmerzen können bei MS auftreten:
Neuropathische Schmerzen
- Dysästhetische Schmerzen: Konstante, brennende Schmerzen, die ohne externe Reize auftreten. Besonders häufig sind die Beine und Füße betroffen.
- Trigeminusneuralgie: Intensive Schmerzen im Gesichtsbereich, die durch eine Schädigung des Trigeminusnervs verursacht werden. Die Schmerzen treten unvermittelt auf und können durch alltägliche Aktivitäten wie Sprechen, Essen oder Zähneputzen ausgelöst werden.
- Lhermitte-Zeichen: Ein elektrisierendes Gefühl, das vom Nacken den Rücken hinunterläuft, oft ausgelöst durch Kopfbewegungen.
- Schmerzen im Zusammenhang mit Optikusneuritis: Entzündung des Sehnervs, die zu Sehstörungen und Schmerzen hinter dem Auge führen kann.
Nozizeptive Schmerzen
- Muskelschmerzen: Sind die Folge von Veränderungen des Bewegungsapparates. Durch das Einnehmen von unangenehmen Körperpositionen, aufgrund von Gleichgewichtsstörungen, Muskelsteifheit, fehlender Koordination in Armen und Beinen oder anderen Veränderungen, kann es zu einer Überlastung der Bein- oder Rückenmuskeln und somit Schmerzen kommen.
- Schmerzhafte tonische Krämpfe: Unerwartet auftretende Krämpfe infolge von Spastik, die charakteristisch für MS sind.
Weitere Ursachen für Schmerzen
- Schmerzen im Schub: Nervenentzündung
- Schmerzen unter medikamentöser Therapie: Nebenwirkungen von Medikamenten
- MS-unabhängige Schmerzen: Schmerzen, die nicht direkt mit der MS zusammenhängen, z.B. Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Gelenkschmerzen.
Muskelschmerzen bei MS: Ursachen im Detail
Muskelschmerzen sind eine häufige Begleiterscheinung der Multiplen Sklerose und können verschiedene Ursachen haben. Sie entstehen in der Regel indirekt durch die Auswirkungen der MS auf den Bewegungsapparat.
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Veränderungen des Bewegungsapparates
Die MS kann zu einer Reihe von Veränderungen im Bewegungsapparat führen, die Muskelschmerzen verursachen können:
- Gleichgewichtsstörungen: MS kann das Gleichgewicht beeinträchtigen, was zu einer instabilen Körperhaltung und einer Überlastung bestimmter Muskelgruppen führen kann. Um das Gleichgewicht zu halten, müssen die Muskeln ungleichmäßig arbeiten, was zu Verspannungen und Schmerzen führen kann.
- Muskelsteifheit (Spastik): Spastik ist ein häufiges Symptom von MS und äußert sich durch eine erhöhte Muskelspannung und Steifheit. Die betroffenen Muskeln sind oft schmerzhaft und können die Beweglichkeit einschränken. Muskelstarre ist einer der Hauptgründe für Behinderungen bei MS.
- Fehlende Koordination: MS kann die Koordination von Bewegungen beeinträchtigen, was zu ungeschickten und unkontrollierten Bewegungen führen kann. Dies kann zu einer Überlastung bestimmter Muskelgruppen und zu Schmerzen führen.
- Unangenehme Körperpositionen: Aufgrund von Gleichgewichtsstörungen, Muskelsteifheit oder fehlender Koordination nehmen MS-Patienten oft unangenehme Körperpositionen ein, um sich zu stabilisieren oder bestimmte Bewegungen auszuführen. Diese Fehlhaltungen können zu einer Überlastung der Muskeln und zu Schmerzen führen.
Schmerzhafte tonische Krämpfe
Eine der häufigsten Beschwerden unter denen MS-Patientinnen und Patienten leiden sind Krämpfe infolge von Spastik. Tonische Krämpfe, welche unerwartet auftreten, sind charakteristischen Spasmen dieser Erkrankung. Die Muskelkrämpfe können sehr schmerzhaft sein und die Beweglichkeit einschränken.
Weitere Faktoren
Neben den direkten Auswirkungen der MS auf den Bewegungsapparat können auch andere Faktoren zu Muskelschmerzen beitragen:
- Inaktivität: Aufgrund von Fatigue, Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen neigen MS-Patienten oft zu Inaktivität. Dies kann zu einer Schwächung der Muskeln und zu einer erhöhten Anfälligkeit für Schmerzen führen.
- Überlastung: Durch ungewohnte oder übermäßige Belastung können Muskeln überlastet werden und Schmerzen verursachen.
- Begleiterkrankungen: Andere Erkrankungen wie Arthrose, Bandscheibenvorfälle oderFibromyalgie können ebenfalls Muskelschmerzen verursachen und die Beschwerden bei MS verstärken.
Behandlung von Muskelschmerzen bei MS
Die Behandlung von Muskelschmerzen bei MS zielt darauf ab, die Ursachen der Schmerzen zu bekämpfen und die Symptome zu lindern. Ein multimodaler Ansatz, der verschiedene Therapieformen kombiniert, ist oft am wirksamsten.
Medikamentöse Therapie
- Schmerzmittel: Abhängig von der Art und Intensität der Schmerzen können verschiedene Schmerzmittel eingesetzt werden, z.B. nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR), Opioide oder Antidepressiva.
- Muskelrelaxantien: Medikamente, die die Muskelspannung reduzieren und Krämpfe lösen können.
- Antispastika: Medikamente zur Behandlung von Spastik, z.B. Baclofen oder Tizanidin.
- Cannabinoide: In einigen Fällen können Cannabinoide zur Linderung von Schmerzen und Spastik eingesetzt werden.
Nicht-medikamentöse Therapie
- Physiotherapie: Krankengymnastik oder Kälte-/Wärmebehandlungen sowie moderate Sportübungen etc. können dazu beitragen, Muskelprobleme zu verbessern. Physiotherapeuten können Übungen und Techniken anleiten, um die Muskelkraft zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und die Körperhaltung zu korrigieren.
- Ergotherapie: Ergotherapeuten können Hilfsmittel und Anpassungen im Alltag empfehlen, um die Belastung der Muskeln zu reduzieren und Schmerzen zu vermeiden.
- Verhaltenstherapie: Verhaltenstherapie zur Behandlung von Schmerzen bei MS kann eine geeignete Alternative für MS-Patienten darstellen. Die Therapien zielen darauf ab, die psychologischen Veränderungen der Multiplen Sklerose zu behandeln, welche nachweislich ebenso eine große Rolle spielen wie die körperlichen Veränderungen.
- Alternative Therapien: Einige Patienten berichten von positiven Erfahrungen mit alternativen Therapien wie Akupunktur, Massage oder Yoga.
Weitere Maßnahmen
- Regelmäßige Bewegung: Moderate körperliche Aktivität kann die Muskelkraft stärken, die Beweglichkeit verbessern und Schmerzen lindern. Geeignete Sportarten sind z.B. Schwimmen, Walking oder Radfahren.
- Gewichtsmanagement: Übergewicht kann die Muskeln und Gelenke zusätzlich belasten und Schmerzen verstärken. Eine gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung können helfen, das Gewicht zu reduzieren oder zu halten.
- Stressmanagement: Stress kann Muskelverspannungen und Schmerzen verstärken. Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen.
- Ergonomische Anpassung des Arbeitsplatzes: Eine ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes kann helfen, Fehlhaltungen und Überlastungen der Muskeln zu vermeiden.
- Hilfsmittel: Bei Bedarf können Hilfsmittel wie Gehstöcke, Rollatoren oder orthopädische Schuhe eingesetzt werden, um die Belastung der Muskeln zu reduzieren und die Stabilität zu verbessern.
Umgang mit Schmerzen im Alltag
Neben den genannten Behandlungsansätzen gibt es auch einige Maßnahmen, die MS-Patienten selbst ergreifen können, um mit ihren Schmerzen im Alltag besser umzugehen:
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- Schmerztagebuch: Führen Sie ein Schmerztagebuch, um Verlauf, Häufigkeit, Intensität und Dauer Ihrer Schmerzen zu dokumentieren. Dies kann Ihrem Arzt helfen, die Ursachen der Schmerzen besser zu verstehen und die Behandlung entsprechend anzupassen.
- Achten Sie auf Veränderungen: Im Laufe der Erkrankung können sich Ihre Symptome verändern. Sowohl in ihrer Ausprägung als auch in der Häufigkeit. Achten Sie auf Veränderungen und sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wenn Sie dies bemerken.
- Ausgewogene Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und gesunden Fetten kann dazu beitragen, Entzündungen im Körper zu reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern.
- Vermeiden Sie Trigger: Identifizieren Sie Faktoren, die Ihre Schmerzen verstärken, und versuchen Sie, diese zu vermeiden. Dies können bestimmte Bewegungen, Körperpositionen, Aktivitäten oder Stressoren sein.
- Nehmen Sie sich Zeit für Entspannung: Regelmäßige Entspannungsübungen können helfen, Muskelverspannungen zu lösen und Schmerzen zu lindern.
- Suchen Sie Unterstützung: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, Ihrer Familie oder Freunden über Ihre Schmerzen. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann ebenfalls hilfreich sein. Selbsthilfeorganisationen wie die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) bieten Unterstützung und Informationen für MS-Patienten und ihre Angehörigen.
- Wenden Sie sich an Ihr Behandlungsteam: Wenn Sie unter Missempfindungen oder Schmerzen leiden, wenden Sie sich bitte zügig an Ihr Behandlungsteam. Auch kann es sein, dass sich der Schmerz im Verlauf der Erkrankung verändert - und das vielleicht, weil sich die Quelle des Schmerzes verändert hat.