Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Die Behandlung von Epilepsie zielt darauf ab, Anfälle zu kontrollieren oder zu verhindern, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und ihnen ein erfülltes Leben trotz der Erkrankung zu ermöglichen. Die medikamentöse Therapie spielt dabei eine zentrale Rolle, aber auch andere Therapieansätze können in bestimmten Fällen in Betracht gezogen werden.
Medikamentöse Therapie der Epilepsie
Die medikamentöse Therapie ist die wichtigste Behandlungsmethode bei Epilepsie. Ziel ist es, die Anfallsbereitschaft der Nervenzellen herabzusetzen und so Anfälle zu verhindern. Hierfür stehen verschiedene Anfallssuppressiva (Antikonvulsiva) zur Verfügung, die auf unterschiedliche Weise im Gehirn wirken.
Auswahl des geeigneten Medikaments
Die Auswahl des geeigneten Medikaments ist ein komplexer Prozess, der von verschiedenen Faktoren abhängt:
- Anfallsform: Manche Medikamente wirken nur bei bestimmten Anfallsformen (fokale oder generalisierte Anfälle). Einige Präparate sind nur bei fokalen Anfällen wirksam, andere wirken insbesondere bei generalisierten Anfällen. Wieder andere wirken bei beiden Anfallsformen oder nur bei ganz bestimmten Epilepsie-Syndromen.
- Epilepsie-Syndrom: Bestimmte Medikamente sind besonders wirksam bei bestimmten Epilepsie-Syndromen.
- Alter: Das Alter des Patienten spielt eine wichtige Rolle bei der Medikamentenauswahl.
- Geschlecht: Auch das Geschlecht kann die Wahl des Medikaments beeinflussen.
- Vorerkrankungen: Vorerkrankungen und Begleiterkrankungen müssen bei der Medikamentenauswahl berücksichtigt werden.
- Verträglichkeit: Die Verträglichkeit des Medikaments ist ein wichtiger Faktor, um Nebenwirkungen zu minimieren.
- Mögliche Wechselwirkungen: Mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten müssen beachtet werden.
- EEG-Befunde: Die Ergebnisse des Elektroenzephalogramms (EEG) können bei der Medikamentenauswahl helfen.
- Bisheriger Behandlungserfolg: Der bisherige Behandlungserfolg mit anderen Medikamenten wird berücksichtigt.
Zu Beginn der Therapie kann die Auswahl der richtigen Anfallssuppressiva, sowie die Entscheidung zwischen Mono- und Kombinationstherapie einige Zeit in Anspruch nehmen. Es ist wichtig, je nach Anfallsform, Ausprägung, Epilepsie-Syndrom und bisherigem Behandlungserfolg, verschiedene therapeutische Ansätze zu integrieren, von Medikamenten, über psychologische und soziale Maßnahmen, bis hin zu chirurgischen Eingriffen (sofern es sich um eine pharmakoresistente Epilepsie handelt).
Um das wirksamste und verträglichste Anfallssuppressivum für Betroffene zu finden, müssen bei der Wahl des Präparats weitere Faktoren, wie z. B. Alter, Gewicht, Kontraindikationen und Allergien berücksichtigt werden. Es gibt eine Vielzahl von Wirkstoffen, die je nach Verträglichkeiten, Alter und Form der Epilepsie als Mono- oder Kombinationsbehandlung verabreicht werden können.
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Gängige Substanzen bei Epilepsie sind z.B. Valproat, Ethosuximid, Carbamazepin, Lamotrigin und Levetiracetam. Die verwendeten Anfallssuppressiva und Medikamente werden immer in enger Abstimmung mit Arzt oder Ärztin gewählt. Mittel wie Valproat werden jedoch häufiger als andere für die Behandlung idiopathischer generalisierter Epilepsiesyndrome verschrieben, während z. B. Ethosuximid vor allem bei Absencen im Schulkindalter verwendet wird, da es besser verträglich ist. Da es aber noch weitaus mehr Faktoren bei der Auswahl zu berücksichtigen gilt, ist das vertrauensvolle Verhältnis zwischen behandelndem Ärztinnen und Ärzte und Patient*in sehr wichtig. Es gibt noch weitere Therapie-Ansätze, z. B. bei der Behandlung des West-Syndroms (auch BNS-Epilepsie), bei der Hormone wie ACTH und Glucocorticoide zum Einsatz kommen.
Medikamentenspiegel im Blut
Fast alle Anfallssuppressiva bewirken das Aufrechterhalten bzw. Wiederherstellen des Gleichgewichts der Neurotransmitter im Gehirn. Das ist allerdings nur möglich, solange eine bestimmte Menge des Wirkstoffs im Blut vorhanden ist. Sinkt der Medikamentenspiegel im Blut unter eine bestimmte für jeden Betroffenen individuell zu bestimmende Schwelle, wirkt das Präparat nicht.
Monotherapie vs. Kombinationstherapie
Ein zentraler Aspekt ist, ob die Epilepsie mit einem oder mehreren Medikamenten behandelt werden sollte. In der Regel wird mit einer Monotherapie begonnen. Wenn diese nicht erfolgreich ist, kann eine zweite Monotherapie oder auch bereits eine Kombinationstherapie in Erwägung gezogen werden.
Die Monotherapie, bei der nur ein Antikonvulsivum eingesetzt wird, ist in der Regel der erste Schritt in der Behandlung von Epilepsie. Der Vorteil dieser Methode liegt in ihrer Einfachheit: Es gibt eine klare Übersicht über Wirksamkeit und Nebenwirkungen, und die Medikamenten-Compliance der Patientinnen und Patienten ist am höchsten. Bei Epilepsien fokalen Ursprungs sind beispielsweise Carbamazepin, Lamotrigin, Levetiracetam, Topiramat und Valproinsäure Mittel der ersten Wahl.
Die Kombinationstherapie kommt ins Spiel, wenn die Monotherapie nicht den gewünschten Erfolg bringt. Hier werden zwei oder mehr Antikonvulsiva kombiniert, um verschiedene, sich ergänzende Wirkmechanismen zu nutzen. Dies kann die Wirksamkeit der Behandlung erhöhen.
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Die Entscheidung zwischen Mono- und Kombinationstherapie sollte immer individuell getroffen werden, basierend auf dem klinischen Bild der Patientinnen und Patienten, den bisherigen Therapieerfahrungen und den potenziellen Nebenwirkungen der Medikamente.
Regelmäßige Einnahme
Bei der medikamentösen Behandlung der Epilepsie ist es besonders wichtig, dass die Anfallssuppressiva regelmäßig und zu festen Zeiten eingenommen werden.
Nebenwirkungen
Oberstes Ziel einer jeden antiepileptischen Therapie muss Anfallsfreiheit oder doch wenigstens Anfallskontrolle sein und zwar mit möglichst geringen Nebenwirkungen. Es gibt beträchtliche Unterschiede in Bezug auf das Risiko für Nebenwirkungen. So sind bei Phenobarbital oder Primidon sehr viel häufiger negative Auswirkungen zu erwarten als bei Carbamazepin oder Valproat. Einige Anfallssuppressiva, wie z. B. Lamotrigin und Levetiracetam, zeichnen sich durch deutlich seltener auftretende kognitive Nebenwirkungen aus. Das Risiko steigt auch mit der Anzahl der Medikamente, die eine Therapie …
Pharmakoresistente Epilepsie
Stellt sich allerdings nach mindestens einem Jahr, unter maximal möglicher Dosierung und der Verabreichung von mindestens zwei unterschiedlichen Anfallssuppressiva (entweder in Mono- oder Kombinationstherapie) noch immer kein Behandlungserfolg ein, also eine Verbesserung des Anfallsgeschehens, handelt es sich eventuell um eine pharmakoresistente Epilepsie (Epilepsie spricht nicht auf Medikamente an). Dann gibt es weitere Optionen.
Weitere Therapieoptionen
In Fällen von pharmakoresistenter Epilepsie oder wenn Medikamente nicht ausreichend wirksam sind, können andere Behandlungsmöglichkeiten in Betracht gezogen werden:
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- Epilepsiechirurgie: Bei fokalen Epilepsien, bei denen die Anfälle von einem bestimmten Bereich im Gehirn ausgehen, kann eine Operation in Erwägung gezogen werden, um diesen Bereich zu entfernen oder zu isolieren.
- Neurostimulation: Verfahren wie die Vagusnervstimulation (VNS) können eingesetzt werden, um die Anfallsfrequenz zu reduzieren. Dabei wird ein Gerät implantiert, das elektrische Impulse an den Vagusnerv sendet, der mit dem Gehirn verbunden ist.
- Ketogene Ernährungstherapie: Eine spezielle Diät, die reich an Fetten und arm an Kohlenhydraten ist, kann bei einigen Patienten mit Epilepsie die Anfallsfrequenz reduzieren.
- Psychotherapie: Psychotherapie kann helfen, die psychischen Belastungen im Zusammenhang mit Epilepsie zu bewältigen und die Lebensqualität zu verbessern.
- Neuropsychologie: Neuropsychologische Untersuchungen können helfen, kognitive Beeinträchtigungen zu identifizieren und gezielte Therapien zu entwickeln.
- Gezielte Anfallsunterbrechung: In bestimmten Fällen können Maßnahmen zur gezielten Anfallsunterbrechung eingesetzt werden, um die Anfallsfrequenz zu reduzieren.
Rolando-Epilepsie: Besonderheiten der Behandlung
Die Rolando-Epilepsie ist eine häufige Form der Epilepsie im Kindesalter, die in der Regel einen milden Verlauf hat und oft von selbst ausheilt. Die Anfälle treten vor allem im Schlaf auf und sind durch Zuckungen im Gesichtsbereich und vorübergehende Sprechstörungen gekennzeichnet.
Nicht jedes Kind mit Rolando-Epilepsie benötigt Medikamente. Wenn die nächtlichen Anfälle nur selten vorkommen und das Kind nicht darunter leidet, ist eine medikamentöse Behandlung unnötig. Diese Entscheidung sollte jedoch in Absprache mit dem behandelnden Arzt und den Eltern getroffen werden. Dabei ist es wichtig, auch das Kind selbst zu befragen, um zu erfahren, wie es selbst die Anfälle wahrnimmt und es Angst vor ihnen hat.
Sultiam kann bei der Behandlung der Rolando-Epilepsie eingesetzt werden. Vor Beginn einer Behandlung mit Sultiam ist ein sorgfältiges differenzialdiagnostisches Vorgehen gegenüber anderen Epilepsieformen im Kindesalter angezeigt. Die Filmtabletten sollten mit reichlich Flüssigkeit (ca. ein Glas Wasser) und auf drei Einzelgaben verteilt (aufgrund der kurzen Halbwertszeit) eingenommen werden. Die Umstellung von einem anderen Wirkstoff oder von einer Kombinationsbehandlung sollte schrittweise erfolgen. Es empfiehlt sich, Blutbild, Leberenzyme und Nierenfunktionsparameter zu kontrollieren (zunächst vor der Behandlung mit Sultian, dann in wöchentlichen Abständen im ersten Monat der Behandlung, danach in monatlichen Abständen).
Ganzheitlicher Ansatz in der Epilepsiebehandlung
Die Behandlung von Epilepsie zielt nicht nur auf die Kontrolle epileptischer Anfälle ab, sondern berücksichtigt den gesamten Menschen in seiner individuellen Lebenssituation. Es geht darum, die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu verbessern und ihnen trotz der Erkrankung ein erfülltes Leben zu ermöglichen. Dabei stehen nicht nur medizinische Aspekte im Vordergrund, sondern auch psychologische, soziale und emotionale Faktoren.
Die Epilepsie wird als Systemerkrankung betrachtet, die nicht nur Anfälle verursacht, sondern auch andere Bereiche des Lebens beeinflussen kann. Daher ist ein ganzheitlicher, interdisziplinärer Ansatz in der Behandlung essentiell. Die Beziehung zwischen Ärztinnen und Ärzte und Patientinnen und Patienten ist zentral. Es geht nicht nur darum, eine Krankheit zu behandeln, sondern einen Menschen in einer bestimmten Lebensphase mit all seinen Ängsten, Hoffnungen und Wünschen.
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