Einführung
Die Corona-Pandemie und die darauf folgenden Impfkampagnen haben die Welt vor große Herausforderungen gestellt. Während die Impfstoffe als entscheidend im Kampf gegen das Virus angesehen werden, gibt es Berichte über seltene Nebenwirkungen und Komplikationen im Zusammenhang mit der Impfung. Ein solcher Fall ist der einer jungen Frau, die nach einer Corona-Schutzimpfung an Myasthenia gravis erkrankte, einer seltenen Autoimmunerkrankung. Dieser Artikel beleuchtet diesen Fall, gibt Einblicke in die Krankheit Myasthenia gravis und diskutiert die Empfehlungen für Impfungen bei dieser Erkrankung.
Der Fall Selin: Ein Leben verändert durch Myasthenie nach Corona-Impfung
Vor dem Landgericht Wuppertal klagt eine 19-jährige Frau aus Solingen, Selin, gegen BionTech auf Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 500.000 Euro. Die ehemalige Leistungsturnerin erkrankte kurz nach einer Corona-Schutzimpfung im Jahr 2021 an Myasthenia gravis und ist seitdem auf den Rollstuhl angewiesen.
Selin kann nur wenige Schritte gehen, bevor sie sich erschöpft in ihr Bett fallen lassen muss. Die junge Frau leidet seit ihrer Corona-Impfung 2021 an der extrem seltenen Autoimmunerkrankung Myasthenia Gravis. Obwohl sich ihr Zustand in den letzten Monaten stabilisiert hat, ist ihr Immunsystem durch die notwendigen Medikamente stark beeinträchtigt, was sie anfällig für Infektionen macht. Zudem birgt das Medikament starke Nebenwirkungen und das Risiko, Krebs zu verursachen.
"Ein normales Leben kann ich nicht leben", sagt sie. "Aber ich versuche trotzdem auch viel raus zu kommen, trotzdem Sachen zu unternehmen, weil dieses zuhause rumsitzen macht einen noch mehr fertig."
Selins Leben hat sich grundlegend verändert. Vor ihrer Erkrankung war sie gesund, aktiv und hatte Zukunftspläne. Ihre Mutter, Aylin Dalgül, kämpfte dafür, dass Selins Erkrankung als Corona-Impfschaden anerkannt wird. Selin ist eine von 133 Menschen in Nordrhein-Westfalen, deren Impfschaden anerkannt wurde, was ihr unbürokratische Hilfe im Alltag, Hilfsmittel und eine monatliche Rente ermöglicht. Aktuell überprüfen die Landschaftsverbände in NRW 2283 Anträge auf Corona-Impfschäden, während 794 Anträge seit Beginn der Impfungen abgelehnt wurden.
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Selin und ihre Mutter empfinden es als ungerecht, dass Betroffene die Beweispflicht tragen müssen. "Wenn ein Leben zerstört ist, haben viele doch gar nicht die Kraft, dann auch noch für Unterstützung zu kämpfen", sagt Aylin Dalgül. Daher haben sie BionTech auf Schadenersatz verklagt, um anzuerkennen, dass es Impfgeschädigte gibt und dass Selin durch den Impfstoff erkrankt ist. Das Landgericht Wuppertal muss nun entscheiden, ob BionTech zu Schmerzensgeld verpflichtet werden kann. Die Akte umfasst bereits mehr als 13.000 Seiten.
Myasthenia gravis: Eine Autoimmunerkrankung der Muskeln
Myasthenia gravis (MG) bedeutet schwere Muskelschwäche. Das Leitsymptom der Erkrankung ist eine asymmetrische, schmerzlose und belastungsabhängige Schwäche der Skelettmuskulatur, die sich typischerweise in Ruhe bessert. Vor allem wiederholte Bewegungen führen zu einer raschen muskulären Ermüdbarkeit. Die Schwäche kann im Prinzip alle willkürlich aktivierbaren Muskeln des Körpers betreffen.
Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung, deren Ursache in einer Fehlregulation des Immunsystems liegt. Im Rahmen dieser Fehlregulation kommt es u.a. zur Bildung von Antikörpern, die bestimmte Bindungsstellen an den Muskelfasern besetzen und beschädigen. Dies verursacht eine gestörte Signalübertragung von den Nerven auf die betroffenen Muskeln. Die krankheitsvermittelnden Antikörper lassen sich bei ca. 85 % aller Patienten nachweisen. Dabei ist der Acetylcholin-Rezeptor-Antikörper deutlich häufiger nachweisbar als der MuSK-Antikörper.
Symptome und Verlaufsformen
Man kann die okuläre von der generalisierten Myasthenie Verlaufsform unterscheiden. Die okuläre Verlaufsform beschränkt sich auf die äußeren Augenmuskeln einschließlich der Lidheber und kann zu Doppelbildern und herabhängenden Augenlidern (Ptosis) führen. Häufig sind diese Beschwerden Initialsymptome, nur bei ca. 20 % der Betroffenen bleiben die Beschwerden auf die Augenmuskeln beschränkt. Innerhalb der ersten zwei Jahre entwickelt sich bei vielen Patienten und Patientinnen eine generalisierte Verlaufsform, die nicht nur die Muskulatur der Extremitäten schwächen kann, sondern auch zu sogenannten bulbären Beschwerden führen kann.
Diagnose und Therapie
Die Myasthenie-Ambulanz der Charité bietet eine umfassende Diagnostik und Therapie myasthener Syndrome an, einschließlich:
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- Sicherung der Verdachtsdiagnose Myasthenia gravis mittels spezifischer Laboruntersuchungen (Antikörper-Testung) sowie elektrophysiologischer (Dekrement-Test, Einzelfaser-EMG) und pharmakologischer Tests (Tensilon-Test)
- Differentialdiagnostische Zuordnung und Therapie anderer neuromuskulärer Erkrankungen, z.B. Lambert-Eaton Myasthenes Syndrom (LEMS) und Congenitale Myasthene Syndrome (CMS).
- Abklärung einer möglichen Thymuspathologie mittels bildgebender Verfahren (CT Thorax mit Kontrastmittel oder MRT Thorax)
- Festlegung eines Therapieplans und Umsetzung entlang eines an der Krankheitsaktivität orientierten Stufenplans gemäß der aktuellen DGN-Leitlinie zur "Diagnostik und Therapie myasthener Syndrome"
- Einsatz der modernsten Therapieverfahren inklusive der neuen Immunmodulatoren (Inhibitoren von Komplement C5 bzw. des neonatalen Fc-Rezeptors) sowie der B-Zell- Immunsuppressiva bei hochaktiven Krankheitsverläufen
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem Bereich Thoraxchirurgie bei Thymektomie
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Klinik für Geburtsmedizin und Neonatologie im Rahmen von Schwangerschaften und Entbindungen
Die Therapie der Myasthenie erfolgt individualisiert in Abhängigkeit von Verlaufsform und Schweregrad der Erkrankung. Als chronische Erkrankung ist eine regelmäßige Anpassung der Therapie notwendig. Die Therapie umfasst die symptomatische medikamentöse Therapie zur Linderung der Beschwerden sowie die ursächliche medikamentöse und chirurgische Immuntherapie durch Entfernung der Thymusdrüse (Thymektomie).
Besonderheiten und Komplikationen
Ein Thymom ist ein in der Regel gutartiger Tumor der Thymusdrüse, der sich bei 15 % aller Myasthenie-Patienten findet. Daher muss bei allen Myasthenie-Patienten nach einem Thymom gesucht werden. Ein Thymom muss immer operativ entfernt werden. Die Myasthenie gilt heute überwiegend als gut behandelbar. Trotzdem kommt es bei einem Teil der Patienten und Patientinnen zu lebensgefährlichen myasthenen Krisen. Dabei handelt es sich um ein Versagen der Atmung, das durch Atem- und Schlucklähmungen bedingt sein kann.
Impfempfehlungen bei Myasthenia gravis
Patienten, bei denen die Myasthenia gravis mit immunsuppressiven Medikamenten behandelt wird, haben ein erhöhtes Infektionsrisiko, sodass gerade bei diesen Patienten der Schutz vor impfpräventablen Erkrankungen besonders groß ist. Grundsätzlich ergeben sich bei der Myasthenia gravis keine Abweichungen oder Besonderheiten bezüglich der Impfempfehlungen bei erworbener Immundefizienz der STIKO.
Allgemeine Empfehlungen
- Eine ausführliche Impfanamnese sollte zu Beginn erhoben werden.
- Alle weiteren empfohlenen oder noch nicht durchgeführten STIKO-Impfungen sollten für einen optimalen Impferfolg mindestens 2, besser 4 Wochen vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie abgeschlossen sein.
- Die Verabreichung von Lebendimpfstoffen ist unter Immunsuppression kontraindiziert.
- Totimpfstoffe sind in der Regel gut verträglich und können grundsätzlich auch unter immunsuppressiver Medikation gegeben werden.
Spezifische Impfungen
- Influenza: Jährliche Impfung mit einem Totimpfstoff, falls möglich 4 bis 6 Wochen vor der immunsuppressiven Therapie.
- Pneumokokken: Spätestens 2 Wochen vor Therapiebeginn sollte die Pneumokokken-Impfung mit dem 13-valenten Konjugat-Impfstoff (PCV13) gefolgt von dem 23-valenten Polysaccharid-Impfstoff (PPSV23) nach 6-12 Monaten durchgeführt worden sein.
- Varizella Zoster: Vor Beginn einer Immunsuppression sollte der VZV-Titer einmalig überprüft werden. Bei seronegativen Patienten sollte dann eine Grundimmunisierung erfolgen, welche durch einen Lebendimpfstoff (Zostavax®) erreicht wird und daher zwingend vor Therapiebeginn durchzuführen ist.
- Meningokokken: Bestimmte Immuntherapeutika die das Komplementsystem inhibieren (Eculizumab / Ravulizumab) gehen mit einem um das 1000-fach erhöhten Risiko einer Meningokokken-Infektion einher, sodass hier eine Meningokokkenimpfung gegen die Serogruppen A, C, Y und W135 (1 x Menveo®) und B (2 x Bexsero® im Abstand von vier Wochen) vor Beginn einer Therapie zwingend erforderlich ist.
COVID-19 Impfung bei Myasthenia gravis
Bisher ungeimpfte Patienten mit Myasthenia gravis sollten eine Grundimmunisierung und zwei Auffrischimpfungen (insgesamt also drei Impfungen) mit einem RNA-Impfstoff (Comirnaty von Biontech oder Spikevax von Moderna) nach altersspezifischer Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) erhalten. Der Ärztliche Beirat der Deutschen Myasthenie Gesellschaft e.V. rät Personen mit generalisierter Myasthenia gravis generell zu einer zweiten Boosterimpfung. Die Impfung sollte mit einem Omikron-angepassten mRNA-Impfstoff erfolgen. Die zweite Auffrischimpfung sollte frühestens sechs Monate nach der letzten Impfung oder der letzten Infektion erfolgen.
Einfluss von Immunsuppressiva auf den Impferfolg
Patientinnen mit einer chronischen autoimmunen NME und gleichzeitiger immunsuppressiver bzw. immunmodulierender Therapie bilden nach Impfungen sowohl mit einem mRNA- als auch Vektorimpfstoff Anti-Spike-Protein-Antikörper. Es zeigte sich im Vergleich zu gesunden Probandinnen eine vergleichbare Anzahl an Serokonversionen durch die Impfung. Demgegenüber zeigte jedoch insbesondere die Kombination aus MMF und Prednisolon einen signifikanten Einfluss auf die Antikörpertiter. Auch B‑Zell-depletierende Medikamente wie Rituximab oder Ocrelizumab wurden untersucht und zeigten einen suboptimalen Impferfolg.
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Messung des Impferfolges
Die Messung des „Impferfolges“, z.B. durch Bestimmung der Anti-Spike-Protein-Antikörper, kann sinnvoll sein, um frühzeitig Impfversagerinnen und -versager zu identifizieren und Impfdurchbrüche zu verhindern. Im Zusammenhang mit der fehlenden oder unzureichenden humoralen Immunantwort wäre eine Testung der T‑Zell-Antwort (Spike-spezifische CD4+- und CD8+-T-Zellen) sinnvoll.
COVID-19 und Myasthenia gravis
Eine COVID-19-Erkrankung kann das Risiko für eine neu aufgetretene Myasthenie erhöhen, die Beschwerden einer bestehenden Myasthenia gravis verschlechtern oder sogar eine myasthene Krise auslösen. Im Falle einer COVID-19-Erkrankung sollte man auf jeden Fall mit einem Arzt sprechen. Patienten mit der neurologischen Erkrankung Myasthenia gravis sollten bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 eine effektive Immuntherapie keinesfalls abbrechen.
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