Die Myasthenia gravis (MG) ist eine chronische Autoimmunerkrankung, die durch Muskelschwäche gekennzeichnet ist. Betroffen sind vor allem Menschen im vierten sowie im siebten bis achten Lebensjahrzehnt, wobei Frauen eher im jüngeren Alter betroffen sind und Männer eher mit steigendem Alter. Die Erkrankung wird durch Autoantikörper verursacht, die die Signalübertragung von der Nervenzelle zum Muskel blockieren. Dies führt zu einer Ermüdung der Muskulatur, die im Laufe des Tages zunimmt. Die Deutsche Myasthenie Gesellschaft e. V. bietet Betroffenen Unterstützung und Informationen.
Die Wechseljahre (Klimakterium) stellen eine Zeit großer Veränderung für Frauen dar. Die hormonelle Umstellung kann verschiedene körperliche und psychische Symptome mit sich bringen. Da Frauen häufiger und oft in jüngeren Jahren an Myasthenia gravis erkranken, kann es zu Überschneidungen und Wechselwirkungen zwischen den Symptomen der Myasthenie und den Wechseljahren kommen.
Myasthenie: Eine Autoimmunerkrankung mit vielfältigen Symptomen
Bei der Myasthenia gravis bildet der Körper Antikörper gegen körpereigene Bestandteile, meist gegen den Acetylcholinrezeptor-Antikörper. Diese Antikörper blockieren die Rezeptoren an der Synapse zwischen Nervenzelle und Muskel, sodass Acetylcholin nicht andocken kann und eine Erregung sowie die Kontraktion der Muskelzellen ausbleibt.
Die Symptome der Myasthenia gravis sind vielfältig und können sich je nach betroffener Muskelgruppe unterscheiden. Häufige Symptome sind:
- Okuläre Muskulatur: Herabhängen des Augenlids (Ptosis) auf einer oder beiden Seiten, Sehen von Doppelbildern (Diplopie), Lähmung von Augenmuskeln
- Bulbäre Muskulatur: Schwierigkeiten beim Sprechen (Dysarthrie) und Schlucken (Dysphagie), schlaffe Gesichtszüge (Facies myopathica)
- Skelettmuskulatur: Schwäche der Extremitäten, Kopfhalteschwäche, in schweren Fällen: Schwäche der Atemmuskulatur mit Luftnot (Dyspnoe)
Die Symptome treten insbesondere bei wiederholter Belastung auf und nehmen im Tagesverlauf, bei Infekten, der Menstruation und Stresssituationen zu. Die Erkrankung kann in Schüben verlaufen.
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Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Myasthenia gravis
Frauen erhalten etwa doppelt so häufig die Diagnose MG wie Männer. Auch das Altersverteilungsmuster unterscheidet sich: Während Männer meist in höherem Alter erkranken, zeigen Frauen ein bimodales Verteilungsmuster mit einem ersten Erkrankungsgipfel zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr.
"Männer zeigen häufiger okuläre Symptome, bei Frauen hingegen stehen öfter Extremitäten-betonte Beschwerden im Vordergrund", so Dr. Sarah Hoffmann, Oberärztin an der Klinik für Neurologie. Darüber hinaus sind bei Frauen im Vergleich zu Männern häufiger entweder seltene oder aber überhaupt keine Antikörper im Serum nachweisbar.
Wechseljahre: Hormonelle Veränderungen und ihre Auswirkungen
Die Wechseljahre sind eine natürliche Phase im Leben einer Frau, in der die Eierstöcke ihre Funktion allmählich einstellen und die Produktion von Östrogen und Progesteron sinkt. Diese hormonelle Umstellung kann verschiedene Symptome verursachen, wie Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, vaginale Trockenheit und eine Veränderung der Libido.
Der Zusammenhang zwischen Myasthenie und Wechseljahren
Einige Studien deuten darauf hin, dass die Wechseljahre mit einem schnelleren Fortschreiten des Behinderungsgrades (EDSS) bei MS verbunden sein können, wobei diese Daten kontrovers sind. In diesem Kontext wird vermutet, dass die natürliche Alterung des Immunsystems, die sogenannte Immunseneszenz, aber auch abnehmende Östrogen-Spiegel zu einem Voranschreiten der Erkrankung führen könnten.
Bei MS-Patientinnen ist es wichtig, auch scheinbare Wechseljahres-Symptome ernst zu nehmen und sich damit an ihre betreuende neurologische Praxis zu wenden.
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Diagnose und Behandlung
Die Diagnose der Myasthenia gravis basiert auf der Krankengeschichte, der körperlichen Untersuchung und verschiedenen Tests, wie dem Simpson-Test, dem Edrophonium-Test und elektrophysiologischen Untersuchungen. Im Labor werden Antikörper gegen den Acetylcholin-Rezeptor nachgewiesen.
Die Therapie der Myasthenia gravis ist symptomatisch und zielt darauf ab, die Muskelfunktion zu verbessern. Zum Einsatz kommen Cholinesterasehemmer wie Pyridostigmin, Immunsuppressiva wie Prednisolon und Azathioprin sowie in schweren Fällen Plasmapherese/Immunadsorption oder hochdosierte Immunglobulingabe (IVIg). Eine operative Entfernung der Thymusdrüse kann ebenfalls in Betracht gezogen werden.
Die Behandlung von Wechseljahresbeschwerden kann eine Hormonbehandlung umfassen, wobei mögliche Komorbiditäten wie eine vorherige oder aktuelle Brustkrebserkrankung ausgeschlossen werden müssen. Bei Symptomen, die sowohl bei MS als auch in den Wechseljahren auftreten können, wie Blasenstörung, kann ein gezieltes Beckenbodentraining unterstützen. Bei Schlafproblemen können eine gleichbleibende Abendroutine und Entspannung helfen.
Wichtige Aspekte für Frauen mit Myasthenie in den Wechseljahren
- Frühzeitige und umfassende Vorsorgeuntersuchungen: Verschiedene Symptome können durch hormonelle Veränderungen im Klimakterium, durch das Fortschreiten der MS an sich und durch altersbedingte Komorbiditäten auftreten bzw. durch solche parallelen Prozesse verstärkt werden.
- Gesunde Lebensweise: Es sollte unter anderem auf klassische Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen geachtet werden, wie z. B. erhöhten Blutdruck, Blutzucker und Blutfette. Eine gesunde Lebensweise und die Reduktion von zusätzlichen Risikofaktoren (z. B. Rauchen) unterstützen als nichtmedikamentöse Therapieoptionen.
- Individuelle Therapieanpassung: Die Therapie von Myasthenie und Wechseljahresbeschwerden sollte individuell an die Bedürfnisse der Patientin angepasst werden.
- Berücksichtigung von Komorbiditäten: Mögliche Begleiterkrankungen sollten bei der Therapieplanung berücksichtigt werden.
- Aufklärung und Information: Eine gute Aufklärung über die Erkrankungen und ihre Behandlungsmöglichkeiten ist wichtig, um die Patientin in die Lage zu versetzen, informierte Entscheidungen zu treffen.
- Unterstützung durch Selbsthilfeorganisationen: Selbsthilfeorganisationen wie die Deutsche Myasthenie-Gesellschaft können Betroffene unterstützen und ihnen helfen, mit der Erkrankung umzugehen.
Medikamente, die bei Myasthenia gravis vermieden werden sollten
Es existieren einige Medikamente, die bei Myasthenia gravis gemieden oder nur mit äußerster Vorsicht eingenommen werden sollten. Jeder behandelnde Arzt ist unbedingt über die eigene Erkrankung zu informieren. Dazu zählen einige Medikamente aus den folgenden Wirkstoffklassen:
- Beruhigungsmittel wie Benzodiazepin
- Antibiotika (Aminoglykoside, Tetrazykline, Gyrasehemmer, Makrolide und Ketolide)
- Antirheumatika (D-Penicillamin, Chloroquin, Etanercept)
- Betablocker (gilt auch für den Wirkstoff Timolol in Augentropfen)
- Antimalariamittel
- Botulinum-Toxin (bekannt als Anti-Falten-Injektion, wird aber auch bei neuromuskulären Störungen eingesetzt)
- Entwässerungsmedikamente (Diuretika)
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