Klavierspielen nach einem Hirninfarkt lernen: Musiktherapie und innovative Ansätze

Musik hat eine außergewöhnliche Wirkung auf unser Gehirn und kann sogar zur Heilung beitragen. Das zeigt sich in verschiedenen Bereichen, von der Rehabilitation nach einem Schlaganfall bis zur Linderung von Depressionen. Dieser Artikel beleuchtet, wie Musiktherapie und innovative Ansätze wie das Klavierspielen das Leben von Menschen nach einem Hirninfarkt verbessern können.

Musik und das Gehirn: Eine besondere Verbindung

Musik ist tief in unserer Evolution verwurzelt. Eckart Altenmüller vermutet, dass Musik bereits vor der Sprache existierte, als ein emotionales Kommunikationssystem, das Menschen mit vielen Säugetieren teilen. Im Laufe der Evolution haben sich unser Gehör, unsere Feinmotorik und unser Stimmapparat verfeinert. Musik unterscheidet sich von Sprache, da sie keine Dinge der äußeren Welt bezeichnet, sondern Gefühle und Stimmungen vermitteln kann.

Die Nervenzentren in der Hörrinde sind vom Absterben der Nervenzellen oft erst sehr spät betroffen. Das bedeutet, dass Musik selbst bei fortgeschrittener Demenz Patienten noch erreichen und zur Entspannung, Angstlösung und motorischen Aktivierung beitragen kann.

Musiktherapie bei neurologischen Erkrankungen

Musik wird bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen eingesetzt, darunter Depressionen, Schlaganfälle und in der Altersmedizin. Regelmäßiges Hören von selbst ausgewählter beruhigender Musik kann den Blutdruck senken sowie chronische Entzündungen des Darms und rheumatische Schmerzen lindern. Musik reduziert allgemein die Schmerzwahrnehmung.

Plastizität des Gehirns

Das Gehirn besitzt die Fähigkeit zur Plastizität, also zur Veränderung einzelner Synapsen, Nervenzellen und ganzer Gehirnareale in Abhängigkeit von ihrer Verwendung. Dieser Umbau dient dazu, die Funktionen des Nervensystems zu erhalten, anzupassen und gegebenenfalls zu erweitern. Plastizität ist somit eine Grundlage von Lernprozessen.

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Bei Musikern, die bereits als Kleinkind an die Musik herangeführt werden und hoch motiviert sind, verändert sich die Struktur des Gehirns. Es kommt zu raschen Anpassungen der Signalübertragung an den Synapsen, zum Wachstum von Synapsen, Nervenzellfortsätzen (Dendriten) und Neuronen. Da die neuronalen Netzwerke mehr Sauerstoff benötigen, entstehen Blutkapillaren, die ebenfalls zu einer Vergrößerung des betreffenden Hirnrindenabschnittes beitragen.

Klavierspielen als Therapie nach Schlaganfall

Die Anpassung des Nervensystems an geistiges oder musikalisches Training ist mit den Anpassungsvorgängen der Muskulatur infolge von körperlichem Training vergleichbar. Die Kapazität des Gehirns und seine Fähigkeit, neue Vernetzungen zwischen Hand- und Hörregionen entstehen zu lassen, werden mittlerweile auch bei Schlaganfallpatienten genutzt.

MUT: Musikunterstütztes Training der Feinmotorik

MUT (musikunterstütztes Training der Feinmotorik nach Schlaganfällen) ist eine Therapie, bei der Patienten das Klavierspielen beigebracht wird. Nach und nach werden zunächst einzelne Finger der beeinträchtigten Hand bewegt, dann zu komplizierteren Melodien und Fingerbewegungen übergegangen. Am Ende des Trainings können die Patienten einfache Lieder mit beiden Händen spielen, ihre Feinmotorik hat sich messbar verbessert.

Melodische Intonationstherapie (MIT)

Eine zweite Therapieform besteht im Singen. Die melodische Intonationstherapie (MIT) nutzt den Umstand, dass Schlaganfallpatienten oftmals zwar nicht mehr sprechen können, aber noch in der Lage sind, alte Melodien wie Kinderlieder oder die Nationalhymne zu singen. Man nimmt in solchen Fällen an, dass die sprachdominante linke Hirnhälfte mit der Broca-Region zerstört ist, also eine motorische Aphasie vorliegt, dass aber die „musikalische“ rechte Hirnhälfte noch funktioniert. MIT reaktiviert also nach einem Schlaganfall die Sprachkompetenz der rechten Hirnhälfte.

Musikhören als Therapie

Man muss übrigens nicht erst Klavierspielen lernen, um als Schlaganfall-Patient neurologische Fortschritte zu machen - bereits das Musikhören reicht. Musiktherapeuten spielten gerade eingelieferten Schlaganfallpatienten über zwei Monate ihre Lieblingsmusik vor. Eine Kontrollgruppe hörte eine Stunde ihre Lieblings-Hörbücher; eine weitere Kontrollgruppe erhielt keine zusätzlichen Anregungen. Die Ergebnisse nach drei Monaten waren nahezu überwältigend: Die Musikgruppe war nicht nur weniger depressiv - ihre Aufmerksamkeit, das Wortgedächtnis und sogar die Sprachfertigkeiten waren besser als in den anderen beiden Gruppen.

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Innovative Technologien zur Unterstützung der Rehabilitation

Neben der traditionellen Musiktherapie gibt es innovative Technologien, die die Rehabilitation nach einem Schlaganfall unterstützen. Ein Beispiel ist ein smarter Roboterhandschuh, der von Forschern der Florida Atlantic University entwickelt wurde. Dieser Handschuh wiegt nur 191 Gramm und besteht aus mehreren Schichten flexiblen Materials. Durch weiche pneumatische Aktuatoren in den Fingerspitzen kann der Handschuh natürliche und fein abgestimmte Handbewegungen nachahmen. Darüber hinaus sind 16 flexible Sensoren in den Fingerspitzen integriert, die dem Träger taktile Empfindungen vermitteln, wenn er mit Objekten oder Oberflächen interagiert.

Künstliche Intelligenz für das Klavierspiel

Um dem Handschuh beizubringen, den Unterschied zwischen richtigem und falschem Klavierspiel zu erkennen, haben die Forscher maschinelles Lernen eingesetzt. Der Handschuh wurde autonom mit vorprogrammierten Bewegungen getestet und konnte erfolgreich erkennen, ob ein Lied richtig oder falsch gespielt wurde. Das kann entweder durch haptisches Feedback, visuelle Hinweise oder Töne geschehen.

Vorteile des Roboterhandschuhs

Der Roboterhandschuh bietet mehrere Vorteile:

  • Präzise Kraft und Führung: Er bietet präzise Kraft und Führung bei der Wiedererlangung der feinen Fingerbewegungen, die für das Klavierspielen erforderlich sind.
  • Echtzeit-Feedback: Er überwacht die Bewegungen des Nutzers und bietet Echtzeit-Feedback und Anpassungen, die es dem Nutzer erleichtern, die richtigen Bewegungstechniken zu erlernen.
  • Personalisierte Aktionspläne: Kliniker können die Daten nutzen, um personalisierte Aktionspläne zu entwickeln, um die Schwächen der Patienten zu ermitteln und festzustellen, welche motorischen Funktionen verbessert werden müssen.

Musik als Stimmungsaufheller und Gedächtnistrainer

Musik kann nicht nur die Motorik verbessern, sondern auch die Stimmung aufhellen und das Gedächtnis trainieren. Bereits im Alten Testament wird die Geschichte des jugendlichen Hirten David erzählt, der mit seinem Harfenspiel den schwermütigen König Saul aufheitert. Auch die bekannten „Goldberg-Variationen“ entstanden, weil ein schlafloser Fürst Johann Sebastian Bach beauftragte, dem Hofcembalisten beruhigende Klänge und Melodien zu komponieren.

Studien belegen die Wirkung

In einer Studie wurden Medizinstudenten, die Fachbegriffe gelernt haben, indem sie sie gesungen haben, verglichen mit Studenten, die ganz herkömmlich gelernt haben. Die singende Gruppe hatte die anatomischen Fachbegriffe viel schneller im Gedächtnis und hat sie auch länger behalten. Die übertriebene Sprachmelodie, wenn man Begriffe singt, führt dazu, dass Liedtexte tiefer im emotionalen Gedächtnis eingespeichert werden.

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Musiktherapie bei Autismus

Auch bei der Entwicklungsstörung Autismus kann Musiktherapie hilfreich sein. Zahlreiche Autisten verfügen über ein gutes Gehör und musikalische Fähigkeiten. Über das Medium Musik sind sie in der Lage, ohne Worte Gefühle auszudrücken und eine Beziehung zu Mitmenschen aufzubauen.

Die Rolle der Angehörigen

Angehörige können einen wichtigen Beitrag zur Rehabilitation leisten, indem sie den Patienten täglich eine Stunde ihre Lieblingsmusik vorspielen. Dafür braucht man keine Therapeuten, es hat eine nachgewiesene Wirkung und kostet kein Geld.

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