Kopfschmerzen und Migräne sind weit verbreitete Leiden, die das Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen können. In Norddeutschland, wie überall, suchen Betroffene nach Wegen, mit diesen Beschwerden umzugehen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte von Migräne, von den Ursachen und Symptomen bis hin zu Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten, und berücksichtigt dabei auch die Erfahrungen von Menschen, die in Norddeutschland leben und mit Migräne zu kämpfen haben.
Kopfschmerzwetter und seine Auswirkungen
Viele Menschen reagieren auf Wetterwechsel mit Kopfschmerzen. Dr. Dietmar Krause, Schmerzexperte beim Deutschen Grünen Kreuz e. V. (DGK) in Marburg, berichtet: „Der schnelle Wechsel von warm zu kalt ist eine biologisch kritische Phase. Mehr als 20 Millionen der Deutschen klagen dann über Kopfschmerzen.“ Gerade im Herbst können Temperaturunterschiede von 10 Grad und mehr innerhalb kurzer Zeit auftreten. Solche Wetterlagen können bei vielen Menschen Kopfschmerzen und Migräne auslösen, begleitet von Symptomen wie Sehstörungen. Der Körper empfindet schnelle Wetterwechsel als Stress. „Unser Organismus muss sich auf den Wechsel der Temperaturen, des Luftdrucks und der Feuchtigkeit erst langsam einstellen“, so der Schmerzexperte. Ursächlich dafür sind wahrscheinlich Regulationsprobleme der kleinen Hirngefäße. Wenn die Blutgefäße den Spannungszustand der Gefäßmuskulatur nicht anpassen können, kann dies zu Kopfschmerzen führen.
Ursachen und Auslöser von Migräne
Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch eine funktionelle Störung der Reizverarbeitung im Gehirn entsteht. Dabei kommt es zu einer Übererregbarkeit bestimmter Hirnregionen, insbesondere im Hirnstamm und in der Großhirnrinde. Auch Entzündungsprozesse entlang der Hirngefäße und eine gestörte Regulation von Botenstoffen wie Serotonin spielen eine zentrale Rolle.
Die Entstehung von Migräne ist multifaktoriell. Die Veranlagung zur Migräne wird häufig vererbt - über 70 Prozent der Migränepatienten haben enge Verwandte mit ähnlichen Beschwerden. Zu den häufigsten Auslösern zählen hormonelle Schwankungen, Schlafmangel, Stress, bestimmte Nahrungsmittel sowie Reizüberflutung. Besonders der Wechsel zwischen Anspannung und plötzlicher Entspannung kann eine Migräne auslösen, da das vegetative Nervensystem nicht schnell genug umschalten kann.
Viele Migränepatienten haben im Laufe der Zeit bestimmte Reize identifiziert, die bei ihnen die Entstehung von Attacken begünstigen oder deren Intensität verstärken. Häufige Auslöser sind Alkoholkonsum (vor allem Rotwein), Kaffeegenuss, Stress, Erschöpfung, Wetteränderungen und bestimmte Lebensmittel wie Schokolade, Käse oder Zitrusfrüchte.
Lesen Sie auch: Hüft-TEP und Nervenschmerzen
Kategorie und Beispiele für Migräneauslöser
- Hormone: Zyklus, Eisprung, Pille, Wechseljahre
- Ernährung: Alkohol, Koffeinentzug, unregelmäßige Mahlzeiten, Schokolade, Käse
- Stress: Anspannung → Entspannungs-Migräne
Symptome der Migräne
Das Beschwerdebild bei Migräne ist vielseitig. Die Kopfschmerzen treten meist halbseitig auf, pulsieren oder pochen intensiv und werden bei Bewegung oder körperlicher Aktivität verstärkt. Hinzu kommen oft vegetative Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen, Lichtscheu (Photophobie) und Lärmempfindlichkeit (Phonophobie).
Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Patientinnen und Patienten treten sogenannte Migräne-Auren auf. Diese neurologischen Vorboten äußern sich in Form von Flimmern vor den Augen, Sehstörungen, Sprachfindungsstörungen oder Gefühlsstörungen wie Kribbeln in Gesicht oder Armen. Eine Aura dauert meist 20 bis 60 Minuten und geht dem eigentlichen Kopfschmerz voraus.
Einige Betroffene erleben auch das Alice-im-Wunderland-Syndrom (AIWS), eine seltene psychiatrische Wahrnehmungsstörung, bei der sich der Betroffene oder seine Umwelt halluzinatorisch verändert. Dinge oder eigene Körperteile erscheinen beispielsweise bizarr vergrößert oder verkleinert, es treten Schwebegefühle und ein verändertes Zeitgefühl auf.
Diagnose von Migräne
Gängige Kopfschmerzarten werden allein anhand von Symptomen diagnostiziert. Für die Indikation Migräne gibt es zahlreiche Medizin-Apps, die Patienten beispielsweise beim Identifizieren individueller Trigger helfen und dem Arzt die Diagnose erleichtern. Die Migräne-App der Techniker Krankenkasse (TK), die zusammen mit der Schmerzklinik Kiel entwickelt wurde, hat in einer Studie mit fast 1500 Anwendern gezeigt, dass sich Schmerztage durch Benutzen der App um rund 25 Prozent reduzieren lassen. Auch die Intensität der Schmerzen und die Zahl der Tage, an denen eine Akutmedikation eingenommen wurde, ließen durch die Nutzung der App nach. Die Effektivität einer weiteren Anwendung, der App M-sense, wird gerade in einer klinischen Studie an der Berliner Charité untersucht.
Behandlungsmöglichkeiten von Migräne
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Migräne zu behandeln, die von Akuttherapien zur Linderung der Symptome während einer Attacke bis hin zu prophylaktischen Maßnahmen zur Vorbeugung von Anfällen reichen.
Lesen Sie auch: Rehabilitation bei Gesichtsfeldausfall
Akuttherapie
Für leichte und mittelstarke Attacken werden Acetylsalicylsäure (ASS) oder nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac empfohlen. Bei Kontraindikationen oder Unverträglichkeit von NSAR kann Paracetamol eingesetzt werden. Brausetabletten wirken bei akuten Kopfschmerzen am schnellsten. Kombinationsanalgetika (ASS, Paracetamol und Coffein) sind gegen die Schmerzen und Begleitsymptome wie Lärm- und Lichtempfindlichkeit sowie Übelkeit und Erbrechen wirksam.
Bei starken Kopfschmerzen und Migräneattacken, die nicht auf NSAR ansprechen, sind Triptane Mittel der Wahl. Eine möglichst frühzeitige Einnahme während der Attacke ist hier von Vorteil. Nicht verschreibungspflichtig sind Almotriptan 12,5 mg und Naratriptan 2,5 mg. Ergotamine werden zur Therapie von Migräneattacken nicht mehr empfohlen, da mehr Nebenwirkungen als bei den Triptanen auftreten. Bei Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Migräneattacke werden in der Regel Metoclopramid und Domperidon gegeben.
Ein in den USA für die Akuttherapie von Migräne zugelassenes Medikament, Ubrogepant, kann auch Vorboten der Kopfschmerzattacken bessern. Der Wirkstoff zählt zur Klasse der Gepante oder CGRP-Rezeptor-Antagonisten (Calcitonin gene-related peptide). Sie blockieren den Rezeptor für einen wichtigen Botenstoff, der an Migräne beteiligt ist.
Prophylaxe
Eine medikamentöse Migräneprophylaxe kommt in Betracht, wenn die Betroffenen sehr unter der Migräne leiden, in ihrer Lebensqualität eingeschränkt sind und wenn die Gefahr eines übermäßigen Medikamentengebrauchs (ASS, Triptane etc.) besteht. Zur Vorbeugung stehen verschiedene Wirkstoffe zur Auswahl, wie Propranolol, Metoprolol, Bisoprolol (Betablocker), Flunarizin (Kalzium-Antagonist), Valproinsäure, Topiramat (Antikonvulsiva), Amitriptylin (Antidepressivum) und Onabotulinumtoxin A (Botox).
Seit einiger Zeit gibt es monoklonale Antikörper zur Vorbeugung von Migräne. Sie werden als Injektionslösung verabreicht und richten sich gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) beziehungsweise den entsprechenden Rezeptor.
Lesen Sie auch: Was Sie über epileptische Anfälle nach Hirnblutungen wissen sollten
Die vorbeugende Einnahme von Medikamenten sollte immer mit nicht-medikamentösen Maßnahmen zur Migräne-Prophylaxe kombiniert werden.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
- Allgemeine Tipps: Meiden Sie Auslöser, seien Sie kein Perfektionist, achten Sie darauf, Kopfschmerz- bzw. Migräne-Medikamente nicht zu häufig einzunehmen.
- Hausmittel: Äußerlich aufgetragenes Pfefferminzöl, Wärme- und Kälteanwendungen, Tee (Schlüsselblumentee, Ingwertee, Weidenrindentee).
- Ernährung: Magnesium, individuelle Vermeidung unverträglicher Lebensmittel.
- Entspannung: Atemübungen, achtsamkeitsbasierte Methoden wie MBSR oder regelmäßige Meditation.
- Sport: Regelmäßiger Ausdauersport.
Integrative Medizin
Die Integrative Medizin bietet zahlreiche Möglichkeiten, Migräne auf sanfte, tiefgreifende Weise zu beeinflussen. Die Osteopathie betrachtet Migräne nicht als isoliertes Geschehen im Kopf, sondern als Ausdruck gestörter Balance im gesamten Körpersystem. Ziel der osteopathischen Behandlung ist es, durch manuelle Techniken Spannungen abzubauen, die Durchblutung zu verbessern und das Nervensystem zu entlasten. In der Praxis haben sich besonders craniosakrale Techniken, die Mobilisation der oberen Halswirbel sowie viszerale Impulse im Bereich von Leber und Magen bewährt.
Leben mit Migräne in Norddeutschland
In Norddeutschland gibt es verschiedene Anlaufstellen für Migränepatienten. Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet spezielle Therapien für Migräne und andere Kopfschmerzarten an. Auch die Schmerzklinik Kiel und das Westdeutsche Kopfschmerzzentrum in Essen sind wichtige Anlaufstellen. Die Klinik in Kiel behandelt Kopfschmerzpatienten ambulant und stationär und war das erste auf diese Krankheiten spezialisierte vollstationäre Krankenhaus in Deutschland.
Es ist wichtig, die Erkrankung zu kennen und das eigene Nervensystem zu schonen. Ein geregelter Alltag mit ausreichend Schlaf und regelmäßigen Mahlzeiten kann helfen, Attacken zu reduzieren. Wissen über die Erkrankung gibt Sicherheit und Halt und hilft, das Gefühl der Ausgeliefertheit zu verlieren.
Forschung und Ausblick
Die Migräneforschung hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Es wurden etwa 30 Risikogene für die Vererbung gefunden, und es werden Antikörper erprobt, die ein Eiweiß namens CGRP blockieren sollen. In ersten Studien konnten die Antikörper die Zahl der Migräneanfälle deutlich reduzieren. Auch in der Akuttherapie gibt es neue Entwicklungen, wie die Ditane und die Gepante, die selektiv an bestimmten Serotoninrezeptoren wirken oder den CGRP-Rezeptor blockieren.
Insgesamt deute sich ein "Paradigmenwechsel" an: "Weg von der ausschließlichen Akutbehandlung in der Schmerzphase und hin zur gezielten Intervention im Frühstadium der Migräne.
tags: #nach #norddeutschland #ziehen #wegen #migrane