Die psychogene Lähmung, auch bekannt als dissoziative Lähmung oder Konversionsstörung mit Lähmung, ist eine komplexe psychische Erkrankung, die sich durch den Verlust oder die Beeinträchtigung der willkürlichen motorischen Funktion äußert, ohne dass eine zugrunde liegende neurologische oder organische Ursache festgestellt werden kann. Diese Form der Lähmung wird als Ausdruck eines ungelösten psychischen Konflikts verstanden, der sich in körperlichen Symptomen manifestiert. Der Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung dieser Störung, wobei ein besonderer Fokus auf die Besonderheiten im Kindes- und Jugendalter gelegt wird.
Einführung in die dissoziative Störung (Konversionsstörung)
Die dissoziative Störung, oft auch als Konversionsstörung bezeichnet, ist eine psychische Erkrankung, bei der körperliche Beschwerden auftreten, ohne dass eine organische Ursache dafür gefunden werden kann. Diese Beschwerden sind Ausdruck eines psychischen Konflikts, der auf körperliche Erscheinungen verschoben wird, wodurch eine Art Scheinlösung des Konflikts erreicht wird. Zu den Symptomen gehören psychisch bedingte Lähmungen, Anfälle verschiedenster Art, Zittern, Empfindungsstörungen, Schmerzzustände, Gedächtnislücken sowie Blind- oder Taubheit.
Ursachen der psychogenen Lähmung
Über die genauen Ursachen der psychogenen Lähmung ist wenig bekannt. Die Erklärungsmodelle stammen hauptsächlich aus der Tiefenpsychologie und der Lernpsychologie. Konflikte oder traumatische Erlebnisse, Lernerfahrungen und Modellerkrankungen im nahen Umfeld der Patienten spielen eine Rolle bei der Entstehung der Symptomatik. Infekterkrankungen und körperliche Traumata wie Verletzungen oder Sportunfälle können eine körperliche Grundlage für die Entstehung bilden. Iatrogene Eingriffe diagnostischer und therapeutischer Art können die Fixierung und Entstehung der Symptome beeinflussen.
Es wird vermutet, dass bestimmte Familienkonstellationen, wie eine sehr enge Mutterbindung, überprotektive Eltern oder ein überabhängiges oder überangepasstes Kindverhalten, die Entstehung fördern können. Auch Konflikte mit der Familie oder Gleichaltrigen sowie schulischer Druck können die Symptome auslösen und verstärken. Psychopathologische Faktoren oder psychosexuelle Belastungen scheinen hingegen als Ursachen weniger wahrscheinlich. Die psychogene Lähmung hat oft einen kommunikativen Charakter und eine gewisse Symbolik. Im Kindes- und Jugendalter haben Lernerfahrungen und Identifikationsmodelle eine besondere Bedeutung.
Symptome der psychogenen Lähmung
Dissoziative Störungen haben kein einheitliches Bild. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
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- Motorische Paresen (Schwäche/Kraftlosigkeit): Diese reichen von einer zeitweiligen Verunsicherung in der Bewegungskontrolle bis hin zu schweren Lähmungen. Typisch ist ein plötzlicher Beginn und ein wechselhafter Verlauf mit guten und schlechten Tagen.
- Bewegungsstörungen: Lähmungen einzelner oder mehrerer Gliedmaßen, ein unsicherer Gang, die Unfähigkeit, freihändig zu stehen oder zu gehen.
- Dissoziativer Stupor: Bewegungsstarre oder deutliche Einschränkung der Beweglichkeit. Normale Reaktionen auf Berührungen, Geräusche oder Licht können fehlen. Die betroffenen Personen sprechen nicht.
- Dissoziative Krampfanfälle: Diese ähneln epileptischen Anfällen, gehen aber in der Regel nicht mit Verletzungen wie Zungenbiss einher.
- Funktionelle Gefühlsstörungen (Sensibilitätsstörungen): Diese können in Kombination mit motorischen Störungen oder als eigenständiges Symptom auftreten. Oft ist eine Körperhälfte betroffen (funktionelle Hemihypästhesie), manchmal ein ganzer Arm oder ein ganzes Bein.
- Trance- oder Besessenheitszustände: Zeitweiliger Verlust der Einheit einer Person und der Wahrnehmung. Betroffene verhalten sich, als wären sie nicht sie selbst oder fühlen sich von einer „fremden Kraft“ beherrscht.
- Dissoziative Amnesie: Verlust der Erinnerung für oft wichtige, einschneidende Ereignisse. Meist sind diese Erinnerungslücken nicht vollständig.
- Dissoziative Persönlichkeitsstörung (Multiple Persönlichkeitsstörung): Ein sehr umstrittenes Krankheitsbild, bei dem die Betroffenen als unterschiedliche Personen handeln, die jeweils ihre eigenen Erinnerungen, Gefühle, Vorlieben oder Verhaltensweisen haben.
Bei Kindern und Jugendlichen äußert sich die psychogene Lähmung häufig durch Gangstörungen wie Humpeln, Stolpern und Hinken, durch Bewegungseinschränkung, Hüftschmerzen und Lähmungen.
Diagnose der psychogenen Lähmung
Die Diagnose einer psychogenen Lähmung ist oft eine Herausforderung, da die Symptome denen anderer neurologischer Erkrankungen ähneln können. Eine sorgfältige Anamnese und körperliche Untersuchung sind entscheidend, um organische Ursachen auszuschließen. Der Arzt achtet darauf, ob die Erscheinungen nicht zu einer der bekannten Organerkrankungen passen. Beispielsweise gehen „epileptische Anfälle“ regelmäßig ohne Verletzungen (z. B. Zungenbiss) einher. Die Symptome werden vor „Publikum“ in der Regel stärker, bei fehlender Beachtung durch die Umwelt nehmen sie ab. Der Patient glaubt, seine Probleme seien durch die Symptome verursacht worden und nicht umgekehrt.
Zusätzliche bildgebende oder elektrophysiologische Verfahren können angewandt werden, um eine Schädigung des Nervensystems auszuschließen. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass es sich nicht um eine reine „Ausschlussdiagnose“ handelt. Das charakteristische klinische Erscheinungsbild der Symptome ist ebenfalls ein wichtiger Faktor bei der Diagnose.
Differenzialdiagnose
Es ist wichtig, die psychogene Lähmung von anderen Erkrankungen abzugrenzen, die ähnliche Symptome verursachen können. Dazu gehören:
- Neurologische Erkrankungen: Schlaganfall, Multiple Sklerose, Epilepsie
- Somatische Erkrankungen: Tumore, Entzündungen des Gehirns
- Andere psychische Störungen: Depressionen, Angststörungen
Eine sorgfältige neurologische Untersuchung und gegebenenfalls weitere diagnostische Maßnahmen sind erforderlich, um diese Erkrankungen auszuschließen.
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Behandlung der psychogenen Lähmung
Zur Behandlung motorischer und sensibler funktioneller Störungen haben sich sowohl physiotherapeutische als auch psychotherapeutische Verfahren bewährt. Die Behandlung zielt darauf ab, die psychischen Konflikte zu bearbeiten, die den Symptomen zugrunde liegen, und den Patienten zu helfen, ihre körperlichen Funktionen wiederzuerlangen.
Psychotherapie
Es kommen vor allem tiefenpsychologisch orientierte Verfahren oder Verhaltenstherapie infrage. Welche Therapieform angewendet wird, hängt vom Einzelfall ab. Entscheidend ist eine gute, tragfähige Beziehung zwischen Therapeut und Patient und eine möglichst frühzeitige Behandlung, um Folgeschäden (körperlich und sozial) zu vermeiden. Durch psychotherapeutische Gespräche können psychische Auslöser erkannt und der Betroffene aus seiner selbst geschaffenen Isolation in die Realität zurückgeholt werden.
Physiotherapie
Die Physiotherapie spielt eine wichtige Rolle bei der Wiederherstellung der motorischen Funktionen. Durch gezielte Übungen und Techniken können die Patienten lernen, ihre Bewegungen wieder zu kontrollieren und ihre Kraft und Ausdauer zu verbessern.
Medikamentöse Behandlung
Begleitend zur Psychotherapie kann eine medikamentöse Behandlung sinnvoll sein, insbesondere wenn Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen vorliegen.
Behandlung im Kindes- und Jugendalter
Die psychogene Lähmung wird bei Kindern und Jugendlichen meist stationär durch verhaltenstherapeutisch orientierte Psychotherapie und individuelle Physiotherapie behandelt. Dabei steht zunächst die Annahme der Symptome als Erkrankung und die primäre Beseitigung der Symptomatik im Vordergrund. Es ist bedeutsam, dass die Betroffenen aus ihrer Umgebung herausgenommen werden. Im Verlauf der Behandlung wird auch konflikt- und problemorientierte Psychotherapie sowie Gruppentherapie eingesetzt. Daneben ist die stationäre Situation und der Umgang mit Gleichaltrigen wichtig. Die Eltern der Patienten sollten in die Behandlung einbezogen werden.
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Prognose der psychogenen Lähmung
Ohne eine spezifische Behandlung ist der Verlauf funktioneller Lähmungen in etwa der Hälfte der Fälle chronisch. Bei multimodaler Therapie zeigt die Lähmung einen günstigen Verlauf und hat eine gute Prognose. Die Remissionsraten liegen bei 85 bis 95 Prozent. Die Behandlungsdauer erstreckt sich bei etwa der Hälfte der Patienten über weniger als einen Monat. Nur jeder sechste Betroffene muss über drei Monate therapiert werden. Eine spontane Heilung ist selten, aber mit gezielter Therapie sind die Chancen gut: Bei über der Hälfte der Patienten nehmen die Anfälle stark ab oder verschwinden ganz. Wichtig ist ein offener Umgang mit der Erkrankung.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Möglichkeit eines späteren Auftretens ernsthafter körperlicher oder psychiatrischer Störungen immer mitbedacht werden muss.
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