Ein Schlaganfall kann das Leben grundlegend verändern. Umso wichtiger ist es, wiederholten Schlaganfällen (Rezidiven) vorzubeugen. Eine neue S2k-Leitlinie, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG), bietet hierfür aktuelle Empfehlungen. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Aspekte dieser Leitlinie und weitere präventive Maßnahmen zusammen, um das Risiko eines Schlaganfalls nach einer TIA (transitorische ischämische Attacke) oder einem ersten Schlaganfall zu minimieren.
Wiederholte Schlaganfälle: Ein häufiges Problem
Rezidivschlaganfälle sind ein ernstzunehmendes Problem. Eine Analyse der Abrechnungsdaten der AOK Niedersachsen aus dem Jahr 2019 zeigte, dass das Risiko eines Folgeschlaganfalls nach einem ersten Schlaganfall innerhalb von fünf Jahren bei fast 20 Prozent liegt. Auch nach einer TIA ist das Schlaganfallrisiko, insbesondere in den ersten Tagen, deutlich erhöht. Daher ist eine konsequente Rezidivprophylaxe von entscheidender Bedeutung.
Sofortmaßnahmen bei TIA
Eine transitorische ischämische Attacke (TIA) ist oft ein Warnsignal für einen drohenden Schlaganfall. Bei einer TIA kommt es zu einer vorübergehenden Minderdurchblutung des Gehirns, was zu plötzlichen Symptomen wie halbseitigen Lähmungen, Sehstörungen, Sprachstörungen oder einem herabhängenden Mundwinkel führen kann. Diese Symptome bilden sich meist innerhalb weniger Minuten zurück.
Wichtig: Auch wenn die Symptome einer TIA schnell verschwinden, sollte sie als medizinischer Notfall betrachtet und umgehend in einer Stroke Unit behandelt werden. Studien haben gezeigt, dass eine rasche Behandlung nach einer TIA das Risiko eines nachfolgenden Schlaganfalls deutlich reduzieren kann.
Neue Leitlinie zur Sekundärprophylaxe
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) haben eine neue S2k-Leitlinie zur „Sekundärprophylaxe ischämischer Schlaganfall und transitorische ischämische Attacke“ veröffentlicht. Diese Leitlinie basiert auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und gibt Ärzten detaillierte Empfehlungen zur Vorbeugung von Folgeschlaganfällen. An der Erstellung waren zahlreiche Fachgesellschaften beteiligt.
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Die Leitlinie behandelt sowohl die medikamentöse Behandlung klassischer Risikofaktoren als auch die Bedeutung von Lebensstiländerungen.
Medikamentöse Behandlung zur Schlaganfallprävention
Die medikamentöse Therapie spielt eine zentrale Rolle bei der Verhinderung von Schlaganfallrezidiven. Die Leitlinie empfiehlt verschiedene Medikamente, die gezielt auf die individuellen Risikofaktoren des Patienten abgestimmt werden.
Blutdrucksenkung
Ein hoher Blutdruck ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Schlaganfälle. Daher sollte der Blutdruck nach einem Schlaganfall oder einer TIA langfristig unter 140/90 mm Hg gesenkt werden. In bestimmten Fällen, abhängig von Alter, Verträglichkeit und Vorerkrankungen, kann sogar eine Senkung auf systolisch 120 bis 130 mm Hg erwogen werden. Wichtig ist, dass der Zielblutdruck erreicht wird, unabhängig von der Wahl des blutdrucksenkenden Medikaments.
Thrombozytenaggregationshemmer
Thrombozytenaggregationshemmer verhindern die Verklumpung von Blutplättchen und somit die Entstehung von Blutgerinnseln. Die Leitlinie empfiehlt hierfür ausschließlich Acetylsalicylsäure (ASS), Clopidogrel und Ticagrelor. Andere Präparate haben entweder mehr Nebenwirkungen oder es fehlt der Nachweis eines zusätzlichen Nutzens.
In bestimmten Fällen kann eine frühzeitige (innerhalb von 24 Stunden nach Symptombeginn) und kurzzeitige doppelte Thrombozytenaggregationshemmung mit ASS und Clopidogrel (für 21 Tage) oder ASS und Ticagrelor (für 30 Tage) sinnvoll sein, sofern das Blutungsrisiko vertretbar ist.
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Orale Antikoagulation
Bei Patienten mit Vorhofflimmern ist das Risiko für einen Schlaganfall deutlich erhöht. In diesen Fällen sollte immer eine orale Antikoagulation mit direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) oder Vitamin-K-Antagonisten erfolgen.
Die Wahl des geeigneten Medikaments und die Dosierung müssen individuell auf den Patienten abgestimmt werden, unter Berücksichtigung der Blutungsneigung, Komorbiditäten und Risikofaktoren.
Cholesterinsenkung
Hohe Cholesterinwerte, insbesondere ein erhöhter LDL-Cholesterinwert, können zur Bildung von Ablagerungen in den Blutgefäßen (Atherosklerose) führen und das Schlaganfallrisiko erhöhen. Als Zielwert der cholesterinsenkenden Therapie gilt ein LDL-C-Wert von unter 70 mg/dl; alternativ kann eine Reduktion um > 50 Prozent des Ausgangswerts erfolgen.
Weitere Medikamente
- Statine: Auch wenn ein kausaler Zusammenhang zwischen Hyperlipidämie, Arteriosklerose und Gefäßerkrankung unzweifelhaft ist, so ist die Bedeutung der Hypercholesterinämie für den Schlaganfall bei weitem nicht so gut belegt wie für den Myokardinfarkt. Die SPARCL-Studie zeigte, dass eine Therapie mit Atorvastatin 80 mg gegen Placebo zu einer signifikanten relativen Risikoreduktion von 20 Prozent für den vaskulären Endpunkt Schlaganfall, Myokardinfarkt und vaskulärer Tod führt.
- Pioglitazon: Pioglitazon senkte in einer großen placebokontrollierten Studie bei insulinresistenten Patienten nach Apoplex oder TIA die Rate erneuter Schlaganfälle oder Myokardinfarkte. Es führte dabei gleichzeitig zu einer erhöhten Rate an Frakturen (Knochenbrüche) und zur Gewichtszunahme. Beachte: In zahlreichen Studien ist auch für Pioglitazon eine erhöhte Inzidenz kardialer Dekompensationen ("Herzschwäche") belegt.
Lebensstiländerungen zur Schlaganfallprävention
Neben der medikamentösen Therapie spielen Lebensstiländerungen eine entscheidende Rolle bei der Vorbeugung von Schlaganfällen. Die Leitlinie betont, dass Betroffene ihren Lebensstil aktiv beeinflussen können, um ihr Risiko zu senken.
Regelmäßige körperliche Aktivität
Regelmäßige körperliche Aktivität ist ein wichtiger Baustein der Schlaganfallprävention. Fachleute empfehlen mindestens 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive körperliche Aktivität pro Woche.
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Gesunde Ernährung
Eine ausgewogene Ernährung, insbesondere eine mediterrane Diät mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und gesunden Fetten, kann das Risiko eines Schlaganfallrezidivs und vaskulärer Folgeereignisse senken. Dabei sollte der Salzkonsum reduziert werden.
Rauchstopp
Rauchen schädigt die Gefäße und erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich. Für Raucherinnen und Raucher ist der Rauchstopp die wichtigste Maßnahme in der Schlaganfallprävention.
Moderater Alkoholkonsum
Ein übermäßiger Alkoholkonsum kann das Schlaganfallrisiko erhöhen. Daher sollte der Alkoholkonsum reduziert werden.
Gewichtsreduktion
Übergewicht ist ein Risikofaktor für Bluthochdruck und Diabetes, die beide das Schlaganfallrisiko erhöhen. Schon eine moderate Gewichtsabnahme kann sich positiv auf die Gesundheit auswirken.
Stressabbau
Chronischer Stress belastet das Herz-Kreislauf-System. Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga oder Atemübungen können helfen, den Blutdruck zu senken.
Behandlung von Risikofaktoren
- Diabetes: Einem Diabetes mellitus als Risikofaktor für Schlaganfälle sollte vorgebeugt werden. Diabetiker sollten auf eine gute Blutzuckereinstellung achten.
- Schlafapnoe: Nach einer Schlafapnoe als zusätzlichem Risikofaktor sollte gezielt gesucht werden. Die nächtliche Überdruckbeatmung (CPAP) ist bei mittelschwerer bis schwerer Schlafapnoe die Therapie der Wahl.
- Hormonelle Verhütungsmittel: Schlaganfallpatientinnen, die Kontrazeptiva einnehmen, sollten andere Verhütungsmethoden erwägen.
Besonderheiten bei Frauen
Schlaganfall-Patientinnen, die Kontrazeptiva einnehmen, sollten andere Verhütungsmethoden erwägen. Die Leitlinie betont aber, dass die Mehrzahl der hormonellen Präparate mit einem nur gering erhöhten Schlaganfallrisiko assoziiert ist.
Die Rolle der Stroke Unit
Die Behandlung auf einer Schlaganfallspezialeinheit (Stroke Unit) ist entscheidend für die Akuttherapie und die Vermeidung von Komplikationen. Auf der Stroke Unit kann schnell entschieden werden, ob eine rekanalisierende Akuttherapie (Lysetherapie oder Thrombektomie) möglich ist. Zudem erfolgt hier die rasche Abklärung der Schlaganfallursache.
Langfristige Betreuung und Unterstützung
Die langfristige Lebensstilumstellung stellt für viele Patienten eine Herausforderung dar. Mediziner müssen die Betroffenen immer wieder unterstützen und eng mit Hausärzten zusammenarbeiten. Die neurologische Nachsorge sollte dabei über die medikamentöse Einstellung der klassischen Risikofaktoren hinausgehen.
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