Die Frage, ob Narkosen das Risiko für Alzheimer erhöhen, ist seit Jahren Gegenstand intensiver Forschung und Diskussion. Geschichten von älteren Menschen, die nach einer Operation desorientiert sind oder deren Zustand sich verschlechtert hat, sind weit verbreitet. Wissenschaftler untersuchen intensiv, wann und warum Patienten nach Krankenhausaufenthalten, insbesondere nach operativen Eingriffen oder schweren Erkrankungen wie COVID-19, einen geistigen Abbau erfahren. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse, widerlegt einige frühere Annahmen und zeigt, wo weitere Forschung erforderlich ist.
Das gefürchtete Delir: Verwirrtheit nach der Narkose
Viele Patienten erleben nach einer Narkose ein Delir, einen Zustand der Verwirrtheit. Symptome können Desorientierung, Halluzinationen, Wahnvorstellungen, das Nichterkennen von Angehörigen und sogar Aggressivität sein. Das Delir kann unmittelbar nach dem Aufwachen oder erst Tage später auftreten. Schätzungen zufolge entwickeln etwa 10 bis 20 Prozent der älteren Patienten nach einer Operation ein Delir, auf Intensivstationen sogar 50 bis 80 Prozent.
Eine Meta-Analyse im Fachblatt JAMA Neurology ergab, dass Patienten nach einem Delir ein 2,3-fach erhöhtes Risiko haben, geistig abzubauen. Es ist jedoch noch unklar, ob das Delir selbst den geistigen Abbau verursacht oder ob die kognitiven Defizite nur durch das Delir erstmals auffallen.
Ursachen und Auswirkungen eines Delirs
Mediziner haben noch nicht vollständig erforscht, wie ein Delir im Gehirn entsteht. Es ist bekannt, dass zwei Botenstoffe aus dem Gleichgewicht geraten: Acetylcholinmangel und Dopaminüberschuss. Auch Entzündungsreaktionen im Gehirn spielen eine Rolle. Es ist jedoch unklar, ob diese Veränderungen direkt zu einem dauerhaften geistigen Abbau führen.
Ein Delir kann dazu führen, dass Patienten nach einer Operation keine Rehabilitation machen können, unruhig oder aggressiv werden oder apathisch im Bett liegen bleiben. Dies kann die Rückkehr in das gewohnte Umfeld verzögern, soziale Kontakte einschränken und Alltagsaktivitäten verhindern, was vermutlich zum geistigen Abbau beiträgt.
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Entwarnung und neue Verdachtsmomente: Forschungsergebnisse im Überblick
Frühere Studien deuteten auf einen Zusammenhang zwischen Vollnarkose und einem erhöhten Demenzrisiko hin. Eine taiwanesische Studie mit 25.000 Patienten über 50 Jahre ergab, dass das Demenzrisiko nach einer Anästhesie um das Doppelte stieg. Allerdings schien der Zusammenhang nicht allein auf die Narkose zurückzuführen sein, da bestimmte Eingriffe (Augen-, Haut-, Magen-Darm-, orthopädische Operationen sowie Operationen im Bereich der Geschlechtsorgane und Harnwege) das Risiko besonders erhöhten. Die Forscher vermuteten, dass bei einigen Patienten bereits eine Anfälligkeit für Demenz bestand oder dass Anästhetika negative Auswirkungen auf das Nervensystem haben könnten.
Andere Studien kamen zu gegensätzlichen Ergebnissen. US-amerikanische Mediziner der Mayo Clinic betonten, dass die Angst vor Alzheimer kein Grund zur Sorge sei, wenn ältere Menschen operiert werden müssen. Eine französische Forschergruppe forderte jedoch längere Kontrolluntersuchungen für ältere Menschen mit kognitiven Störungen nach einer Operation, da das Risiko, eine Demenz zu entwickeln, nach mindestens einer Vollnarkose um 35 Prozent stieg.
Die Rolle der Operation versus der Narkose
Professor Dr. Roderic Eckenhoff von der University of Pennsylvania in Philadelphia glaubt, dass nicht die Narkose, sondern Entzündungsprozesse durch die Operation die Erkrankung auslösen könnten. Experimente mit gentechnisch veränderten Mäusen zeigten, dass chirurgische Eingriffe unter Desfluran-Narkose kognitive Störungen verursachten, während eine reine Narkose ohne Operation keine Demenz auslöste. Eckenhoff vermutet, dass die traumatische Reaktion auf die Operation im Gehirn eine Neuroinflammation auslöst, die das Fortschreiten der Alzheimererkrankung fördert.
Moderne Ansätze zur Delir-Prävention und -Behandlung
Um das Risiko eines Delirs zu minimieren, ist es wichtig, Klinikaufenthalte unter den richtigen Bedingungen stattfinden zu lassen. Vor der Operation sollte die kognitive Leistungsfähigkeit und die Gebrechlichkeit der Patienten beurteilt werden. Beruhigende Medikamente und Schlafmittel wie Benzodiazepine, die das Delir-Risiko erhöhen, sollten vermieden werden. Wenn möglich, sollten Teilnarkosen anstelle von Vollnarkosen eingesetzt werden.
Die Altenpflegerinnen können Risikopatienten als feste Bezugsperson bei allen Untersuchungen bis zur Operation begleiten, um Angst zu nehmen und Sicherheit zu geben. Nach der Operation ist es wichtig, Patienten zu reorientieren, indem man ihnen Uhren, Brillen, Hörgeräte und persönliche Gegenstände zur Verfügung stellt. Auch Angehörige können durch ihre Anwesenheit und die Aufrechterhaltung von Ritualen von zu Hause zur Reorientierung beitragen.
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Licht als Therapieansatz
Die München Klinik Bogenhausen plant, in ihrem Erweiterungsbau ein hochmodernes Lichtsystem einzusetzen, um den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus zu simulieren und so Delir vorzubeugen. Studien zeigen, dass die Behandlungsumgebung eine zentrale Rolle in Prävention und Therapie einnimmt. Alles, was Orientierung und Erinnerung bringt, hilft gegen Delir.
Risikofaktoren und Präventionsmaßnahmen im Überblick
Es gibt viele Risikofaktoren, die ein Delir begünstigen können, darunter:
- Hohes Alter
- Schwere Erkrankungen
- Demenz
- Gebrechlichkeit
- Gleichzeitige Einnahme mehrerer Arzneimittel (Polypharmazie)
- Neue oder abgesetzte Medikamente
- Alkoholmissbrauch
- Niereninsuffizienz
- Chirurgische Eingriffe
- Infektionen
- Flüssigkeitsmangel
- Seh- und Hörstörungen
- Akuter Schmerz
Um einem Delir vorzubeugen, sollten diese Risikofaktoren minimiert und folgende Maßnahmen ergriffen werden:
- Sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte
- Detailliert geplante Operationen mit geringer Narkosebelastung
- Aktive Vorsorge und frühzeitige Behandlung erster Symptome
- Reorientierung durch Angehörige und Pflegepersonal
- Aufrechterhaltung von Ritualen von zu Hause
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr
- Korrektur von Seh- und Hörstörungen
- Multimodale Schmerztherapie
Die Rolle der Anästhesie und die Bedeutung der Kardioanästhesiologie
Die Anästhesie spielt eine entscheidende Rolle bei der Sicherheit und dem Behandlungserfolg von Operationen. Moderne Medikamente und Geräte ermöglichen eine exakte Dosierung und kontinuierliche Überwachung aller Organfunktionen. Fachärzte für Anästhesiologie kümmern sich um die Narkose und nehmen den Patienten die Angst vor der Operation.
Die Kardioanästhesiologie ist ein Spezialgebiet, das sich mit der Anästhesie bei herzchirurgischen Eingriffen befasst. Hier ist es besonders wichtig, Risikopatienten frühzeitig zu identifizieren und ein individuelles Behandlungskonzept festzulegen. Blutdruckschwankungen und exzessive Blutzuckerentgleisungen während und nach der Operation müssen vermieden werden, da sie das Risiko für postoperative Komplikationen erhöhen können.
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Künstliche Intelligenz (KI) in der Demenzforschung
KI-basierte Tools könnten in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Diagnose und Behandlung von Demenz spielen. Das Projekt "DeepMentia" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) entwickelt ein KI-Tool, das helfen soll, die vier häufigsten Demenztypen schnell und verlässlich zu unterscheiden. Auch im Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW) wird an KI-integrierter Entscheidungsfindung gearbeitet, um postoperative Komplikationen wie Delir und akutes Nierenversagen vorherzusagen.