Nationaler Expertenstandard Demenz: Definition, Entwicklung und Bedeutung

Die Pflege von Menschen mit Demenz stellt eine wachsende Herausforderung für das Gesundheitssystem dar. Um die Qualität der Versorgung in diesem Bereich zu verbessern, wurden nationale Expertenstandards entwickelt. Diese Standards dienen als Instrument zur Qualitätssicherung und -entwicklung in der Pflege.

Was sind Expertenstandards?

Expertenstandards sind Instrumente, die sowohl zur Qualitätssicherung als auch zur Weiterentwicklung der Pflegequalität herangezogen werden. Sie definieren Ziele und Maßnahmen, die für Pflegeeinrichtungen verbindlich sind. Im Gegensatz zu Pflegestandards, die innerhalb einer Einrichtung erarbeitet werden, berücksichtigen Expertenstandards zahlreiche Einflüsse und Informationen aus der Pflegewissenschaft und Pflegepraxis.

Das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) entwickelt die Expertenstandards in der Pflege und gibt diese heraus. Die Expertenstandards des DNQP sollen die Grundlage für eine kontinuierlich verbesserte Qualität der Pflege in Deutschland bilden. Das Bundesministerium für Gesundheit fördert die Entwicklung, indem es sich finanziell beteiligt.

Aktuelle Expertenstandards des DNQP

Das DNQP hat bisher mehrere Expertenstandards zu verschiedenen Themenbereichen veröffentlicht:

  • Dekubitusprophylaxe in der Pflege
  • Entlassungsmanagement in der Pflege
  • Schmerzmanagement in der Pflege
  • Sturzprophylaxe in der Pflege
  • Kontinenzförderung in der Pflege
  • Pflege von Menschen mit chronischen Wunden
  • Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege
  • Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz
  • Förderung der Mundgesundheit in der Pflege
  • Förderung und Erhaltung der Hautintegrität in der Pflege
  • Förderung der physiologischen Geburt
  • Erhaltung und Förderung der Mobilität

Expertenstandard "Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz"

Der Expertenstandard "Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz" wurde vom DNQP in Kooperation mit dem Deutschen Pflegerat und mit finanzieller Förderung des Bundesministeriums für Gesundheit entwickelt. Er soll Pflegekräften Empfehlungen und Anleitungen geben, die die Beziehungsgestaltung mit Demenzpatienten erleichtern.

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Bedeutung der Beziehungsgestaltung

Eine Demenzerkrankung bringt tiefgreifende Veränderungen für den Betroffenen, seine Angehörigen und Freunde mit sich. Die Krankheit beeinträchtigt nicht nur das Gedächtnis, sondern auch die Interaktion und Kommunikation. Der Mensch ist ein Beziehungswesen, das Kontakt zu anderen Menschen braucht. Zwischenmenschliche Beziehungen sind für pflegebedürftige oder kranke Menschen oft noch wichtiger als für gesunde Menschen. Eine gezielte Beziehungsgestaltung kann helfen, Ihren Patienten mehr emotionale Stabilität und Zufriedenheit zu verschaffen. Nicht nur die Beziehung zwischen Pfleger und Patient steht bei der Beziehungsgestaltung im Fokus - auch die Beziehung zu anderen Menschen sollte Teil davon sein.

Die Autoren des Expertenstandards „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ haben den Schwerpunkt „Beziehung“ bewusst gewählt. Die Experten stützen sich auf die Annahme, dass Pflegefachkräfte durch eine gelingende Beziehungsgestaltung die Lebensqualität bei den Betroffenen positiv beeinflussen können. Bei Menschen mit Demenz soll mithilfe des Expertenstandards „das Gefühl, gehört, verstanden und angenommen zu werden sowie mit anderen Personen verbunden zu sein, erhalten oder gefördert“ werden.

Inhaltliche Schwerpunkte des Expertenstandards

Ein wichtiger Punkt dieses Expertenstandards ist, dass eine personenzentrierte Pflege von Demenzpatienten gefordert wird. Der Expertenstandard fordert, dass die Beziehungsgestaltung von Akzeptanz, Vertrauen und Respekt geprägt sein sollte. Unterschiede zwischen Patient und Pflegekraft sollen außer Acht gelassen und hingenommen werden. Das stellt oftmals ein Problem da, da es vielen Menschen schwerfällt, mit den Auswirkungen der Demenz umzugehen. Das kann sich zum einen in Pflegeeinrichtungen zeigen, in denen Menschen mit Demenz und ohne Demenz zusammenleben. Zum anderen können solche Schwierigkeiten auch im sozialen Umfeld des Demenzpatienten auftreten. Etwa wenn langjährige Freunde sich abwenden, weil sie mit den Auswirkungen der Demenz nicht zurechtkommen.

Der Expertenstandard richtet sich mit einer Anleitung an Pflegekräfte, die sie bei der Beziehungsgestaltung unterstützen soll. Demenzkranke verlieren nach und nach die Fähigkeit, sich zu orientieren, Informationen zu verstehen und einzuschätzen. Mit anderen Worten: Sie verstehen sich selbst und ihre Umwelt nicht mehr. Nach den Vorgaben des Expertenstandards sollen Sie ihm in dieser Situation Sicherheit und Halt bieten. Dies gelingt Ihnen am besten, wenn Sie erkennen, welche Unterstützung Ihr demenzerkrankter Patient benötigt.

Der Expertenstandard enthält ein 4-Phasenmodell, das die Vorgehensweise für seine Implementierung abbildet.

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Die Phasen des Modells:

  1. Vorbereitung: Zu Beginn des Prozesses sollten Sie sich Zeit für die Vorbereitung nehmen. Um den Expertenstandard umsetzen zu können, sollten Sie Ihre Mitarbeiter schulen und ihnen den Inhalt näherbringen.
  2. Konkretisierung: Nachdem das gesamte Pflegepersonal in die Implementierung miteinbezogen wurde, geht es an die Konkretisierung. Sie setzen sich mit dem Expertenstandard auseinander und arbeiten heraus, welche Prozesse in Ihrer Pflegeeinrichtung angepasst werden müssen.
  3. Überprüfung: Mit Hilfe eines Audit-Instruments überprüfen Sie, ob die Kriterien umgesetzt wurden.
  4. Projektverlaufsdokumentation: Während der vier Phasen wird dann eine Projektverlaufsdokumentation erhoben. Sie notieren, welche Maßnahmen Sie einleiten, um die Kriterien des Expertenstandards umzusetzen.

Die Vorbereitungsphase und die Implementierung der vier Phasen sollen circa 6 Monate in Anspruch nehmen.

Struktur, Prozess und Ergebnis des Expertenstandards

Der Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ wird anhand von fünf Ebenen erfasst:

  1. Haltung und Kompetenz: Pflegefachkräfte sollen die Betroffenen durch eine personenzentrierte Haltung in ihrer Einzigartigkeit wahrnehmen.
  2. Planung und Durchführung: Der Maßnahmenplan sollte gemäß Expertenstandard personenzentriert sein und die auf der ersten Ebene ermittelten Unterstützungsbedarfe sowie mögliche fluktuierende Zustände berücksichtigen.
  3. Anleitung, Schulung und Beratung: Pflegeeinrichtungen müssen die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen, um Angehörige individuell informieren, anleiten und beraten zu können.
  4. Maßnahmen und Angebote: Alle Maßnahmen müssen dokumentiert werden. In der Dokumentation muss begründet sein, warum, welche Maßnahme ausgewählt wurde.
  5. Evaluation: Die Pflegefachkraft soll gemäß Expertenstandard laufend die Wirksamkeit der Maßnahmen überprüfen. Im Idealfall zeigt der Demenzkranke Anzeichen für den Erhalt und die Förderung des Gefühls, dass er gehört, verstanden und angenommen wird.

Um den Anforderungen des Expertenstandard Demenz gerecht zu werden, müssen sich Pflegekräfte zudem regelmäßig weiterbilden.

Herausforderungen und Perspektiven

Die Implementierung des Expertenstandards „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ stellt Pflegeeinrichtungen vor verschiedene Herausforderungen. Dazu gehören unter anderem:

  • Die Entwicklung einer personenzentrierten Haltung bei den Pflegekräften
  • Die Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse und Vorlieben der Menschen mit Demenz
  • Die Einbeziehung der Angehörigen in die Pflege
  • Die Schaffung von Rahmenbedingungen für beziehungsfördernde Maßnahmen

Trotz dieser Herausforderungen bietet der Expertenstandard eine wichtige Grundlage für die Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz. Durch eine gezielte Beziehungsgestaltung können Pflegekräfte dazu beitragen, dass sich die Betroffenen gehört, verstanden und angenommen fühlen.

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Implementierung von Expertenstandards in der Pflege

Eine strukturierte Herangehensweise hilft Ihnen dabei, die vielen Informationen zu ordnen und die Pflegequalität anhand der Expertenstandards sinnvoll zu erhöhen.

Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Implementierung:

  1. Recherchieren und Zusammentragen: Zunächst sollten Sie sich damit befassen, welche Veröffentlichungen es bereits zu den Expertenstandards der Pflege gibt. Danach organisieren Sie sich alle notwendigen Unterlagen. Alle Expertenstandards können Sie in kompletter Form bei der DNQP bestellen.
  2. Die Reihenfolge bestimmen: Entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrem Team, welche Expertenstandards als erstes implementiert werden sollten. So gelingt es Ihnen, eine Liste zu erstellen, die eine sinnvolle Reihenfolge berücksichtigt.
  3. Inhaltliche Auseinandersetzung und Konkretisierung: Nehmen Sie sich Zeit, um die Expertenstandards ausgiebig zu sichten. Dazu gehören auch die Kommentare. Im Anschluss konkretisieren Sie für Ihre Einrichtung die Standardkriterien und entwickeln einen Maßnahmenplan. Der von Ihnen entwickelte Standard muss zwangsläufig das Qualitätsniveau des Expertenstandards erreichen.
  4. Standard vorstellen: Haben Sie in Anlehnung an den Expertenstandard für sich einen Standard entworfen, der die geforderte Qualität einhält, ist es an der Zeit, diesen den Mitarbeitern vorzustellen. Geben Sie ihnen die Gelegenheit für Einwände und die Beurteilung der Praxistauglichkeit. So erhalten Sie wichtige Anregungen, um Ihren Standard noch weiter anzupassen.
  5. Fortbildungsbedarf feststellen: Um die Pflege noch qualitativer zu gestalten, benötigen Ihre Mitarbeiter womöglich eine Fortbildung. Erforschen Sie, inwiefern Wissenslücken zum Beispiel mit Blick auf Lagerungstechniken, Dekubitusprophylaxe und Co. bestehen und leiten Sie die erforderlichen Fortbildungen ein. Übrigens: Auch die Durchführung der Standards an sich sollte gemeinsam mit den Mitarbeitern geübt werden.
  6. Verbindliches Datum festlegen: In diesem Schritt kommunizieren Sie klar, ab welchem Zeitpunkt der Standard verbindlich im Pflegealltag umgesetzt werden soll. Stellen Sie sicher, dass alle Mitarbeiter die Information erhalten haben. Sie können zum Beispiel jedem Mitarbeiter eine Kurzfassung des entsprechenden Standards aushändigen.
  7. Kontrollieren und dokumentieren: Dieser ganz entscheidende Schritt trägt dazu bei, dass der Expertenstandard auch tatsächlich im Pflegealltag ankommt.

Überprüfung und Aktualisierung der Expertenstandards

Der Expertenstandard bleibt nicht immer gleich. Ein fachkundiges Team kümmert sich darum, dass die betreffenden Standards regelmäßig aktualisiert werden. Deshalb sollten Sie sich auf den Seiten der DNQP regelmäßig darüber informieren, ob es Erneuerungen gibt. Alternativ können Sie auch in die Suchmaschine Begriffe wie „expertenstandard demenz 2020“ oder „expertenstandard dekubitus 2020“ eingeben. Sollte es tatsächlich Änderungen geben, können Sie Ihre Standards überarbeiten.

Rechtliche Verbindlichkeit der Expertenstandards

Nach § 113a SGB XI werden Expertenstandards im Bundesanzeiger veröffentlicht und gehen mit einer Verbindlichkeit für Pflegekassen, die zugehörigen Verbände und zugelassenen Pflegeeinrichtungen einher. Der medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) ist der Ansicht, dass die Expertenstandards den aktuellen Stand der Pflegewissenschaft wiedergeben. Aus diesem Grund heißt es vonseiten des GKV Spitzenverbandes:

„Auch wenn die bisherigen Expertenstandards des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege keine direkte gesetzlich definierte Verbindlichkeit nach § 113a SGB XI für die Pflegekräfte und Pflegeeinrichtungen entfalten, können die Expertenstandards dennoch als „vorweggenommene Sachverständigengutachten“ gewertet werden, die bei juristischen Auseinandersetzungen als Maßstab zur Beurteilung des aktuellen Standes der medizinisch-pflegewissenschaftlichen Erkenntnisse herangezogen werden.“

Die Expertenstandards tragen maßgeblich dazu bei, die Qualität in der Pflegelandschaft zu erhöhen und zu vereinheitlichen.

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