Die Rolle von Amygdala und Hippocampus bei negativen und positiven Gefühlen und deren Einfluss auf das Gedächtnis

Emotionen spielen eine entscheidende Rolle in unserem Leben, sie beeinflussen unsere Gedanken, Handlungen und Interaktionen. Das Verständnis der neurobiologischen Grundlagen von Emotionen, insbesondere der Beitrag von Amygdala und Hippocampus, kann uns wertvolle Einblicke geben, warum wir so fühlen, wie wir es tun, und wie diese Gefühle unser Gedächtnis und Verhalten beeinflussen.

Emotionen und Gedächtnis: Eine enge Verbindung

Es gibt Ereignisse im Leben, an die sich Menschen gut erinnern können, wie die bestandene Führerscheinprüfung oder der 60. Geburtstag. Und dann gibt es Sachen, die regelrecht aus dem Gedächtnis verschwunden sind, die wir vergessen. Emotionen haben einen großen Anteil an diesem Prozess. Emotionale Inhalte oder Erlebnisse werden generell deutlich länger erinnert und auch als lebendiger wahrgenommen, wenngleich die objektive Qualität der Erinnerungen mitunter unschärfer sein kann.

Positive vs. Negative Erfahrungen

Bei negativen Erfahrungen sind die Effekte oft noch etwas stärker. Eher werden die negativen Ereignisse erinnert. Prof. Dr. Lars Schwabe, Professor für Kognitionspsychologie an der Universität Hamburg, erklärt, dass starke emotionale Erregung, wie Stress, sich eher nachteilig auf den Gedächtnisabruf auswirkt.

Die Neurobiologie von Emotionen: Amygdala und Hippocampus im Fokus

Im Zentrum unserer emotionalen Erfahrungen steht das Gehirn, ein komplexes Organ, das für die Verarbeitung und Regulierung von Emotionen zuständig ist. Mehrere wichtige Hirnregionen und Neurotransmitter spielen eine entscheidende Rolle dabei, wie wir Emotionen erleben und auf sie reagieren.

Die Rolle der Amygdala

Die Amygdala, oft als "emotionales Zentrum" des Gehirns bezeichnet, spielt eine Schlüsselrolle bei der Verarbeitung von Emotionen, insbesondere Angst und Bedrohung. Sie hilft uns, auf Bedrohungen zu reagieren, indem sie die Reaktion "Kampf oder Flucht" auslöst. Die Amygdala ist sowohl wichtig für positive als auch für negative Erfahrungen. Negative Erlebnisse aktivieren die Amygdala stärker und intensiver als positive. Dadurch wird das Ereignis prioritär abgespeichert. Gleichzeitig interagiert die Amygdala mit dem Hippocampus (Gedächtnis), um sicherzustellen, dass wir uns negative Erlebnisse besser merken.

Lesen Sie auch: Wie das Gehirn unter negativen Gefühlen leidet

Der Hippocampus: Der "Wächter der Erinnerung"

Der Hippocampus ist eine zentrale Region für unser episodisches, alltägliches Erinnern. Er spielt eine entscheidende Rolle bei der Bildung und dem Abruf von Erinnerungen. Emotionale Erfahrungen werden oft als Langzeitgedächtnis gespeichert und beeinflussen, wie wir in Zukunft auf ähnliche Situationen reagieren. Die Schaltzentrale des Gedächtnisses, der Hippocampus, wird durch Stress außer Gefecht gesetzt.

Zusammenspiel von Amygdala und Hippocampus

Zwischen der Amygdala und dem Hippocampus bestehen enge Verbindungen. Die Amygdala moduliert gedächtnisrelevante Hirnregionen, wie den Hippocampus. Studien zeigen, dass bei emotionalen Ereignissen ausgeschüttete Botenstoffe, insbesondere das Noradrenalin, die Neubildung und Stärkung von Nervenzellverbindungen fördern - und so einen für die Gedächtnisbildung zentralen Prozess beeinflussen.

Neurotransmitter und ihre Bedeutung

Es werden verschiedenste Hormone und Neurotransmitter, also verschiedenste Botenstoffe, ausgeschüttet. Ganz besonders wichtig sind hier Katecholamine, zum Beispiel Noradrenalin oder auch Dopamin. Diese aktivieren verschiedene Hirnregionen.

  • Serotonin: Für seine Rolle bei der Stimmungsregulierung bekannt, trägt zur Stabilisierung unserer Emotionen und zur Förderung des Wohlbefindens bei.
  • Dopamin: Dieser Botenstoff wird mit dem Belohnungssystem des Gehirns in Verbindung gebracht und beeinflusst Vergnügen, Motivation und Verstärkungslernen.
  • Noradrenalin: Mit Erregung und Wachsamkeit verbunden, bereitet den Körper darauf vor, auf Stress zu reagieren, und hilft, die Aufmerksamkeit und Konzentration in emotional aufgeladenen Situationen aufrechtzuerhalten.

Die Verarbeitung negativer Erfahrungen

Dass negative Eindrücke stärker wirken als positive, ist keine subjektive Wahrnehmung, sondern ein gut erforschtes Phänomen, das als „Negativitätsbias“ (Negativitätsdominanz) bekannt ist. Dieses Phänomen hat seine Wurzeln in der Evolution und wird durch die Funktionsweise unseres Gehirns sowie kognitive Prozesse verstärkt.

Evolutionsbiologische Gründe

In der gefährlichen Umgebung unserer Vorfahren war es überlebenswichtig, Bedrohungen frühzeitig zu erkennen. Gefahren wie Raubtiere oder giftige Pflanzen konnten unmittelbar lebensbedrohliche Konsequenzen haben. Positive Ereignisse waren dagegen weniger entscheidend für das Überleben. Unser Gehirn hat sich deshalb darauf spezialisiert, Negatives stärker wahrzunehmen und langfristiger abzuspeichern.

Lesen Sie auch: Die Psychologie negativer Schlagzeilen

Neurobiologische Aspekte

Die Amygdala spielt eine Schlüsselrolle in der Verarbeitung von Emotionen, insbesondere Angst und Bedrohung. Negative Erlebnisse aktivieren die Amygdala stärker und intensiver als positive. Dadurch wird das Ereignis prioritär abgespeichert. Gleichzeitig interagiert die Amygdala mit dem Hippocampus, um sicherzustellen, dass wir uns negative Erlebnisse besser merken.

Kognitive Mechanismen

  • Verlust wiegt schwerer als Gewinn: Studien zeigen, dass Verluste psychologisch etwa doppelt so stark empfunden werden wie gleich große Gewinne („Verlustaversion“).
  • Grübeln und Verweilen: Menschen tendieren dazu, über negative Erlebnisse länger nachzudenken und sie zu analysieren („Rumination“).

Soziale und kulturelle Prägung

In vielen Kulturen liegt ein starker Fokus darauf, Fehler zu vermeiden oder Probleme zu lösen, was dazu führt, dass Negatives mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Wie Emotionen das Gedächtnis beeinflussen: Schlüsselstudien und Erkenntnisse

Larry Cahill von der School of Biological Sciences an der University of California in Irvine bat bereits 1996 eine Gruppe von Probanden, sich jeweils zwölf neutrale und zwölf emotional aufwühlende Filmszenen anzusehen. Mittels Positronen-Emissions-Tomographie untersuchte der Forscher währenddessen deren Gehirnaktivitäten. Drei Wochen später sollten sich die Versuchsteilnehmer dann wieder an die Sequenzen erinnern. Wie Cahill vermutet hatte, reagierte das Gehirn schon beim Betrachten der Filmszenen stärker auf die emotional erregenden Filme als die neutralen. Besonders aktiv war die Amygdala. Je stärker die Amygdala beim Betrachten der emotional aufwühlenden Filmszenen aktiviert war, desto besser konnten die Probanden diese Filmszenen drei Wochen später erinnern. Bei neutralen Filmszenen hingegen fand sich dieser Zusammenhang nicht.

Die Rolle von Noradrenalin

Die Arbeitsgruppe von Larry Cahill konnte zeigen, dass der Betablocker Propranolol, der Noradrenalinrezeptoren in der Amygdala blockiert, die besseren Erinnerungen an emotionale Ereignisse eliminieren kann. Durch die Blockade des Noradrenalins wird also die Fähigkeit von Emotionen, das Gedächtnis zu verbessern wieder zunichte gemacht.

Robert Malinow setzte Mäuse dem Geruch von Fuchs-Urin aus, um so die Ausschüttung des Stresshormons Noradrenalin auszulösen. Als er die Gehirne der von einem potenziellen Feind geängstigten Mäuse näher untersuchte, stellte der Neurobiologe eine größere Anzahl von so genannten GluR1-Rezeptoren an den Nervenzellendigungen (Synapsen) der Neurone im Hippocampus fest. Noradrenalin bindet an diese Rezeptoren und bewirkt dadurch eine Veränderung der Zellaktivität. Auf diese Weise werden bereits vorhandene Nervenzellverbindungen gestärkt und neue Synapsen gebildet - was als zentraler Mechanismus der Gedächtnisbildung gilt.

Lesen Sie auch: Warum Negatives besser im Gedächtnis bleibt

Die Flexibilität emotionaler Erinnerungen: Können wir sie verändern?

Lange Zeit galten unsere Erinnerungen als nahezu unveränderbar, als quasi fest in den Langzeitspeicher des Gehirns eingeprägt. Inzwischen allerdings mehren sich die Hinweise darauf, dass unser Gedächtnis auch alte „Lagerbestände“ häufig nachträglich modifiziert.

Roger Redondo vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge und seine Kollegen haben in einem Experiment mit Mäusemännchen untersucht, wie die nachträgliche emotionale Neubewertung einer Erinnerung stattfindet und wie dies genau passiert. Die Forscher versuchten, die mit den verschiedenen Stellen der Arena verknüpften Emotionen der Mäuse umzukehren. Dafür aktivierten sie die Hippocampuszellen der Mäuse jeweils zwölf Minuten lang und setzten die Tiere in dieser Zeit der jeweils entgegengesetzten Erfahrung aus - aber verknüpft mit dem gleichen Ort wie zuvor: Die zuvor mit einem Elektroschock traktierten Mäuse durften nun mit einem Weibchen flirten, die zuvor auf diese Weise belohnten Mäuse erhielten dagegen nun die Elektroschocks. Und die emotionale Umprägung funktionierte: Im Gedächtnis der Mäuse war nun der gleiche Ort, der zuvor Furcht auslöste, mit angenehmen Gefühlen verknüpft und umgekehrt, wie die Forscher berichten.

Nähere Untersuchungen ergaben, dass dafür nicht die Hippocampuszellen selbst verantwortlich waren, sondern die Verknüpfung zwischen dem Hippocampus und der Amygdala, dem Zentrum der Emotionen. Eine angsteinflößende Erfahrung stärkt demnach die Verschaltung zwischen der sachlichen Erinnerung im Hippocampus und den Angst-kodierenden Zellen in der Amygdala, wie die Forscher erklären. „Diese Plastizität der Verbindung zwischen Hippocampus und Amygdala spielt eine entscheidende Rolle für die emotionale Umbewertung unserer Erinnerungen“, sagt Seniorautorin Susanna Tonegawa vom MIT. Diese veränderliche Verknüpfung erklärt, warum beispielsweise Menschen mit Phobien durch Verhaltenstherapie lernen können, diese zu überwinden.

Klinische Implikationen: Trauma, Angststörungen und Demenz

Das Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Amygdala, Hippocampus und Emotionen hat wichtige klinische Implikationen.

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Prof. Dr. Nikolai Axmacher von der Ruhr-Universität Bochum forscht zu posttraumatischen Belastungsstörungen und erklärt, dass besonders belastende Ereignisse in unserem Gehirn anders gespeichert werden. Die Schaltzentrale des Gedächtnisses, der Hippocampus, wird durch den Stress außer Gefecht gesetzt. Die Amygdala übernimmt die Verarbeitung, denn sie reagiert auf Angst und Furcht. Traumatische Erlebnisse verschwinden nicht, sie treten durch sogenannte Flashbacks unwillkürlich immer wieder auf. Nur eine Therapie kann hier helfen, das Erlebte in den richtigen biografischen Kontext einzuordnen. Mit dem Ziel, sich dann mit weniger Angst daran zu erinnern.

Angststörungen

Die spezifischen neuronalen Kreise, welche aus Emotionen ein Verhalten erzeugen, könnten bei Angststörungen ein Ansatzpunkt pharmakologischer Interventionen sein.

Demenz

Wenn wir verstehen, wie Erinnern und Vergessen funktionieren, dann können zum Beispiel auch Therapien gegen das Vergessen bei Demenzerkrankungen viel erfolgreicher eingesetzt werden.

Wege zur bewussten Gestaltung von Emotionen und Erinnerungen

Positives intensiver erleben

Bewusst innehalten, um schöne Momente länger zu genießen (z. B. Achtsamkeit üben: bewusste den Moments ohne Bewertung wahrnehmen.

Gedächtnisleistung ohne Hirnchips verbessern

Viel Bewegung, ausreichend Schlaf und eine gesunde Ernährung können vor Demenzerkrankungen und vor Vergessen schützen. Diese einfachen Mitteln sorgen für eine bessere Durchblutung des Gehirns und für ein besseres Gedächtnis. Eine Umgebung mit viel Anregung hält das Gedächtnis jung. Immer wieder Neues lernen hält unser Gedächtnis fit.

tags: #negative #gefuhle #amygdala #positive #hippocampus