Nervenverletzungen durch Spritzen: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Traumatische Nervenläsionen sind relativ selten und betreffen hauptsächlich jüngere Patienten. Iatrogen bedingte Läsionen von Nerven kommen noch seltener vor. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnostik und Behandlungsstrategien iatrogener Nervenschäden, um das Bewusstsein dafür zu schärfen und betroffenen Patienten eine angemessene Therapie zu ermöglichen.

Ursachen iatrogener Nervenläsionen

Iatrogene Nervenläsionen können verschiedene Ursachen haben:

  • Direkte Schädigung im Operationsgebiet
  • Druck durch Lagerung oder Zug während der Narkose
  • Injektion neurotoxischer Substanzen
  • Kompression durch ein Hämatom nach Punktion oder unter Antikoagulation
  • Tourniquet (Blutleere)
  • Orthesen oder Verbände
  • Bestrahlung

Der Anteil der iatrogenen Nervenläsionen lag in einer Studie bei 17,4 % aller operierten traumatischen Nervenläsionen. In dieser Studie stand bei 94 % der operierten Patienten die Nervenläsion in Zusammenhang mit einem chirurgischen Eingriff. Eine Dominanz postoperativer Nervenschäden wurde auch von anderen Autoren beobachtet. Studien mit großen Patientenkollektiven zeigten, dass 25,2 % der behandelten Ischiadikusläsionen Folge ärztlicher Maßnahmen waren. Ebenso waren 60 % der Femoralisläsionen und sogar 94 % der Verletzungen des N. accessorius iatrogen bedingt. In einer retrospektiven Studie wiesen 29 von 73 operierten Patienten mit iatrogenen Nervenläsionen einen Ischiadikusausfall aufgrund von intraglutealen Injektionen auf.

Iatrogene Nervenläsionen während operativer Eingriffe

Während operativer Eingriffe können Nerven durchtrennt, gequetscht, durch Cerclagen komprimiert, von Schrauben durchbohrt und aufgedreht, aber auch bei der Entfernung von Osteosynthesematerial lädiert werden. Sie können außerdem durch Retraktoren gedehnt, mit einem elektrischen Messer durchtrennt oder durch aushärtenden Knochenzement oder durch Koagulation thermisch geschädigt werden. Nerven können auch deshalb durchtrennt werden, weil sie im Operationsfeld nicht dargestellt oder nicht als Nerv erkannt, sondern als Sehne oder Gefäß verkannt wurden. Oder sie können zusammen mit einem Nervenscheidentumor oder einem Lymphknoten entfernt werden. Dies ist die häufigste Ursache von Läsionen des N. accessorius im hinteren Halsdreieck.

Der Nervenscheidentumor wird klinisch nur selten als solcher erkannt. Mit wenigen Ausnahmen sind Nervenscheidentumoren gutartig (Schwannom, Neurofibrom) und bei angemessener chirurgischer Technik in der Regel ohne funktionell relevantes Defizit entfernbar. Die Ergebnisse verschlechtern sich aber, wenn die Tumoren nicht als solche erkannt werden. Knight et al. beschreiben eine aktuelle Serie von 234 behandelten benignen solitären Schwannomen. Hierbei hatte in 36 Fällen eine auswärtige Voroperation stattgefunden, welche einen Zweiteingriff nötig machte. Bei 28 Fällen traten nach dem Ersteingriff ein deutliches neurologisches Defizit und/oder ein neuropathisches Schmerzsyndrom auf. In einer Serie von 88 benignen Nervenscheidentumoren wurde die richtige Diagnose präoperativ nur bei 8 % (7/88) der Patienten gestellt, obwohl alle ein positives Hoffmann-Tinelsches Zeichen am Ort des Tumors hatten. 31-mal hatte die Diagnose „unspezifische Schwellung“, 16-mal „unspezifischer Tumor“ und 13-mal „Ganglion“ gelautet. Ein großer Anteil der Patienten wurde allerdings vor der kernspintomographischen und neurosonographischen Ära behandelt.

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Anatomische Variationen und chirurgische Aspekte

Ein sehr wichtiger Aspekt, der jedem Operateur bewusst sein sollte, sind die verschiedenen Verlaufsvarianten der Nerven. Es ist nicht so selten, dass Nerven anders verlaufen, als es in den anatomischen Atlanten dargestellt wird. Durch die Kenntnis dieser Tatsache kann das intraoperative Risiko einer Nervenverletzung gesenkt werden. Neben den anatomischen Kenntnissen ist ein umsichtiges, schonendes Präparieren erforderlich. Auch beim Anzeichnen der Schnittführung sollte auf die subkutan verlaufenden Hautnerven geachtet werden. Wenn im operativen Zugang Nerven die weitere Präparation erschweren, dann sollten langstreckige Neurolysen durchgeführt werden, um die Nerven zu mobilisieren und aus dem Operationsgebiet zu verlagern.

Gefährdende Eingriffe und Regionen

Chirurgische Maßnahmen, die häufiger Nervenläsionen verursachen, sind:

  • Osteosynthese und Osteotomie
  • Arthrodesen
  • Lymphknotenbiopsie im hinteren Halsdreieck
  • Karpaltunneloperation
  • Varizenentfernung
  • Entfernung einer Bakerzyste
  • Leistenhernien-Operation

Von den 340 Patienten, die von 1990 bis Dezember 2012 aufgrund von Nervenläsionen von den Autoren operiert wurden, konnten bei 45 % große Eingriffe (zum Beispiel unfall-, abdominalchirurgisch, orthopädisch), 27 % kleine Eingriffe, 15 % nervenchirurgische Eingriffe und bei 4 % nichtchirurgische Maßnahmen als Ursache zugeordnet werden. Bei 9 % der Eingriffe war keine Zuordnung möglich. Besonders gefährdet sind der Karpalkanal und das Handgelenk sowie das hintere Halsdreieck und der Bereich des Knies einschließlich der Kniekehle. Hier liegen die Nerven oberflächlich, nahe beieinander oder in der Nähe der Zielstruktur, zum Beispiel eines Lymphknotens oder einer Bakerzyste. Dass der N. ulnaris am Ellenbogen und N. peroneus am Caput fibulae aufgrund ihrer oberflächlichen Lage besonders gefährdet sind, bei Lagerung oder Gipsverband gedrückt zu werden, ist allgemein bekannt.

Häufig betroffene Nerven

Von 1990-2012 wurden in der Neurochirurgischen Klinik der Universität Ulm am Bezirkskrankenhaus Günzburg 340 Patienten an iatrogenen Nervenläsionen operativ behandelt. Das ist die größte Zahl operierter Nervenläsionen, die bisher publiziert wurde. Die Patienten wurden aus dem ganzen Bundesgebiet vorgestellt. Im Laufe dieser Jahre hat die Zahl solcher Eingriffe an der Neurochirurgischen Klinik ständig zugenommen, von 10 Eingriffen im Jahre 2000 auf 27 im Jahre 2007. Bei den 340 operierten Patienten war der N. medianus der mit 17 % (58/340) am häufigsten betroffene Nerv, gefolgt vom N. accessorius (54/340, 16 %), N. radialis (44/340, 13 %), N. peroneus (43/340, 13 %), N. ulnaris (29/340, 8,5 %) und N. femoralis (17/340, 5 %). 41 der 55 iatrogenen Läsionen des N. medianus ereigneten sich bei Karpaltunneloperationen. Dabei waren die Verletzungen im Rahmen einer endoskopischen Operation (17/41) etwas häufiger als nach einer offenen Medianusdekompression (24/41). Nervenverletzungen kommen bei offener Karpaltunneloperation zum Beispiel dann vor, wenn versucht wird, es dem endoskopisch Operierenden hinsichtlich der Kürze seines Hautschnitts (Mini-Inzision) gleichzutun und das Retinaculum flexorum ohne adäquate Sicht zu durchtrennen.

Bei den Revisionsoperationen wurden in 51 % der Fälle eine Nervenrekonstruktion (End-zu-End-Naht oder autologe Transplantation), in 42 % eine Neurolyse (äußere Neurolyse, Epineuriektomie oder interfaszikuläre Neurolyse) und in 7 % eine Neuromresektion vorgenommen.

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Klinische Aspekte der Diagnose

Die Diagnose einer iatrogenen Nervenläsion ist einfach. Besteht bei einem vorher in dieser Hinsicht asymptomatischen Patienten nach einer ärztlichen Maßnahme, vor allem nach einer Operation, ein neurologisches Defizit, dann steht dieses Defizit in den meisten Fällen mit dieser Handlung in Zusammenhang. Während dieses Defizit in der Regel sofort deutlich ist, gibt es einige Nerven, deren Verletzung ohne eine genaue klinische Untersuchung nicht sofort offensichtlich ist. Das gilt besonders für die Durchtrennung des N. accessorius, zum Beispiel bei einer Lymphknotenbiopsie in Lokalanästhesie am Hals. Zwar berichten diese Patienten häufig über einen scharfen Schmerz „wie ein elektrischer Schlag“ im Moment der Nervdurchtrennung. Die anschließenden Schulterschmerzen durch Ausfall des M. trapezius werden aber oft fälschlicherweise als „Wundschmerz“ oder „Omarthrose“ interpretiert. Ein solcher Patient hat aber unmittelbar nach dem Eingriff Schwierigkeiten bei gleichzeitiger Abduktion und Rotation des Arms im Schultergelenk, einer Bewegung, wie sie beispielsweise beim Kämmen der Haare erfolgt.

Wenn ein ganzer Nerv oder ein Teil eines Nervs ausgefallen ist und dieser Ausfall mit dem Gebiet, in dem gearbeitet wurde, vereinbar ist, dann liegt auch die Ursache dazu in dieser ärztlichen Maßnahme. Es sollten somit umgehend die folgenden Fragen geklärt werden:

  • Um welche Art der Schädigung handelt es sich (Durchtrennung, Druck, Dehnung)?
  • Wo ist der Ort der Läsion?
  • Was ist zu tun?

Voraussetzung für die richtige Diagnose und die daraus zu ziehenden Schlüsse sind eine gute Anamnese und die klinisch-neurologische Untersuchung durch einen in diesen Dingen erfahrenen Neurologen oder Chirurgen zu einem möglichst frühen Zeitpunkt. Eine obligat ergänzende elektrophysiologische Untersuchung ist hilfreich im Hinblick auf die Läsionshöhe und das Regenerationspotenzial. Moderne bildgebende Verfahren wie Neurosonographie und MRN (Magnetresonanz-Neurographie) mit speziellen Sequenzen können bei entsprechender Expertise des durchführenden Facharztes, gerade auch in Hinblick auf die therapeutische Strategie, wichtige Informationen liefern.

Der Faktor Zeit

Der wichtigste prognostische Faktor in der Hand des Arztes ist der Zeitpunkt der operativen Behandlung. Sie sollte zwischen dem 3. und 4. Monat, spätestens 6 Monate nach der Läsion, erfolgen. Bei klinisch kompletten Nervenläsionen kommt es bereits nach einigen Wochen zu einem progredienten neuronalen Zellverlust, der die absolute Regenerationsfähigkeit nach einer erfolgreichen Transplantation einschränkt. Jenseits eines Intervalls von 6 Monaten verschlechtert sich die Aussicht auf eine postoperative funktionelle Erholung oder zumindest Besserung erheblich.

Die Realität sieht leider anders aus: In der bereits zitierten Studie aus dem Jahr 2001 wurden unter 126 von den Autoren daraufhin untersuchten Patienten nur 43 (35 %) während der ersten 6 Monate nach dem iatrogenen Trauma operiert, 40 (32 %) 6 bis 12 Monate danach und 41 (33 %) erst nach einem Jahr oder noch später. Zwei Drittel erreichten die Autoren jenseits des erwünschten Intervalls von 6 Monaten.

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Grundsätzlich sind folgende Ursachen für die späte Diagnose und Therapie verantwortlich:

  • Der Nervenschaden wird nicht erkannt.
  • Der Nervenschaden wird erkannt, aber es wird zu lange auf spontane Besserung gehofft.
  • Die erkannte Nervenverletzung wird vom Operateur verschwiegen und demzufolge werden entsprechende Maßnahmen nicht eingeleitet.

Behandlung von Nervenläsionen

Ein während einer Operation scharf durchtrennter Nerv sollte möglichst sofort (primär) oder im Rahmen einer frühen Sekundärversorgung 2-3 Wochen nach dem Trauma rekonstruiert werden. Letzteres gilt auch für eine nicht scharfe Durchtrennung oder Zerreißung eines Nervs. Es gelten also die gleichen Prinzipien wie bei sonstigen traumatischen Nervenschäden. Diese Operationen erfolgen unter Vergrößerung, am besten mikrochirurgisch unter optimaler Sicht und mit speziellen Mikroinstrumenten.

Ein solches Szenario ist aber die Ausnahme. In der Regel ist der Mechanismus der Schädigung unbekannt. Das Studium des Operationsberichts ist nach Erfahrung der Autoren meist unergiebig. Bei unbekanntem Schädigungsmechanismus und begründeter Annahme, dass der Nerv Regenerationspotenzial hat, wird an der Klinik der Autoren unter vierwöchigen neurologischen Kontrollen 3 Monate abgewartet. Haben sich die Ausfälle dann nicht oder nur irrelevant gebessert, sollte der Nerv bis zum 4. Monat freigelegt werden. Wenn bei der neurosonographischen Untersuchung im Anschluss an die Operation ein Neurom nachgewiesen wird, dann sollte nicht lange abgewartet werden. Die Nervenoperation muss dann 3 Wochen nach der Läsion vorgenommen werden.

Rekonstruktion und Neurolyse

Ein durchtrennter Nerv wird, wenn möglich, rekonstruiert. Meist gelingt dies nur durch eine autologe Nerventransplantation. Spendernerv ist üblicherweise der N. suralis am lateralen Unterschenkel. Andere Hautnerven, wie zum Beispiel der N. saphenus und der N. cutaneus antebrachii medialis können ebenfalls in Betracht gezogen werden. Bei erhaltener Kontinuität des Nervs gibt die intraoperative Neurographie, also die Nervenleitungsmessung am freigelegten Nerv, Auskunft über seine Leitfähigkeit im Bereich der Läsion. Ist die Leitfähigkeit aufgehoben, dann werden das betroffene Nervenstück - meist ist es als sogenanntes Kontinuitätsneurom verdickt - reseziert und der Defekt durch ein autologes Transplantat überbrückt. Andernfalls beschränkt sich der Operateur auf eine Neurolyse. In den letzten Jahren wird auch die intraoperative Neurosonographie eingesetzt. Dadurch können die Faszikelstrukturen sehr gut beurteilt werden. Auch komplette Kontinuitätsneurome können von Teilneuromen unterschieden werden.

Interdisziplinäre Leitlinien

Die Kombination der funktionellen Untersuchung (Neurographie) und der morphologischen Untersuchung (Neurosonographie) ist sehr hilfreich bei der operativen Behandlung von traumatischen Nervenläsionen in der peripheren Nervenchirurgie. Das genaue Procedere entspricht dem bei traumatischen Nervenläsionen und ist in den interdisziplinären Leitlinien der AWMF „Versorgung traumatischer Nervenverletzungen“ dokumentiert.

Ein ganz entscheidender Faktor, der die Prognose positiv beeinflusst, ist eine physiotherapeutische Behandlung, die nach Auftreten der Läsion beginnen soll und postoperativ fortgeführt wird, bis eine Reinnervation der betroffenen Muskeln nachweisbar ist.

Weitere Aspekte der Nervenrekonstruktion

Die verzögerte oder falsche Behandlung peripherer Nervenverletzungen kann zu bleibenden Beeinträchtigungen bis hin zum Funktionsverlust führen. Daher ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit gemeinsam mit neuen technologischen Entwicklungen in der Bildgebung wegweisend für eine rasche und präzise Diagnosestellung und Voraussetzung für chirurgische Behandlungsmöglichkeiten. Der Behandlungserfolg hängt wesentlich von einer engen interdisziplinären Zusammenarbeit ab - der Faktor Zeit ist für den Therapieerfolg entscheidend. Voraussetzung für ein gutes funktionelles Ergebnis ist eine rasche und gezielte Diagnose. Die Weiterentwicklung bildgebender Diagnostik erlaubt früh exakte Aussagen über den Istzustand von Nerven. Bei chronischen Neuropathien kann eine zeitnahe chirurgische Behandlung das Risiko für schwere funktionelle und psychosoziale Beeinträchtigungen vermindern.

Grundlagen der Nervenstruktur und -funktion

Hinsichtlich der Grundstruktur eines Nervs spielen folgende Einheiten eine wesentliche Rolle: das externe Epineurium, das interne Epineurium und Endoneurium sowie das Perineurium. Die Axone bilden zusammen mit den Schwannzellen die Grundeinheit des peripheren Nervensystems. Grundsätzlich wird zwischen myelinisierten und nichtmyelinisierten Axonen unterschieden. Periphere Nervenstämme werden in bestimmten Abständen von Blutgefäßen versorgt. Diese ziehen dann durch eine feine Bindegewebsschicht (das Mesoneurium), die den Nervenstamm lose an das umliegende Gewebe anbindet. Jenes Mesoneurium ermöglicht es dem Nerv auch, während normaler Bewegungen zwischen den Gewebsschichten zu gleiten. Innerhalb eines gemischten sensomotorischen Nervs sind die sensiblen und motorischen Nervenfasern in bestimmten Faszikeln beziehungsweise Faszikelgruppen angeordnet. Die einzelnen Faszikel sind häufig innerhalb des Nervs plexusartig miteinander verbunden. Axone wechseln also im Verlauf des Nervs von einem Faszikel zum anderen. Die Häufigkeit dieser Wechsel liegt proximal höher und nimmt in distaler Richtung ab.

Schweregrade von Nervenverletzungen

Verletzungen peripherer Nerven treten zwar nur bei etwa 3% aller Traumapatienten auf, können bei verzögerter, falscher oder ausbleibender Behandlung aber zu lebenslangen Einschränkungen bis hin zum kompletten Funktionsverlust z.B. einer Gliedmaße führen. Der Nervenschaden und seine Konsequenzen hängen von Ausmaß, Art und Lokalisation der Verletzung sowie dem Alter des Patienten ab. Nervenverletzungen werden in drei Schweregrade (nach Seddon) eingeteilt: Neurapraxie, Axonotmesis und Neurotmesis:

  • Neurapraxie: Hierbei handelt es sich nur um einen funktionellen Reizleitungsschaden mit Rückbildung von Sensibilitätsstörungen und motorischen Ausfällen innerhalb von Tagen bis Wochen.
  • Axonotmesis: Bei Axonotmesis kommt es zu strukturellen Veränderungen. Die Bindegewebe bzw. die Nervenhüllstrukturen bleiben als Leitschiene für die Regeneration erhalten, die Axone allerdings haben keine Kontinuität mehr. Hier ist trotz Axonverlust eine zufriedenstellende Regeneration möglich. Allerdings kann eine starke intraneurale Fibrose auch zu einer Blockade der Axonregeneration und dadurch zum Ausbleiben der Regeneration führen.
  • Neurotmesis: Bei der Neurotmesis sind nicht nur das Axon (Axonotmesis), sondern auch Myelinscheide und Peri- und Epineurium mehr oder weniger durchtrennt. Es findet keine spontane funktionelle Wiederherstellung statt, dieser Typ ist ausschließlich mit einer Bildung von Narbengewebe verbunden, sodass regeneratives Wachstum von Axonen ohne Operation erfolglos bleibt. In vielen Fällen entwickelt sich stattdessen ein Neurom am proximalen Nervenende oder auch ein Neuroma in continuitatem, das häufig im Zusammenhang mit spontanen neuropathischen Schmerzsymptomen auftritt.

Zeitfenster für die Rekonstruktion

Erhält ein Muskel keine nervale Stimulation mehr, ist mit einem Abbau von ca.1% seiner motorischen Endplatten zu rechnen. Nach einer Rekonstruktion addiert sich die Dauer, die der Nerv benötigt, um den Muskel wieder zu erreichen und zu reinnervieren. Summieren sich also der Zeitverlust bis zur Rekonstruktion und die anzunehmende Regenerationszeit (d.h. wie lange der Nerv benötigt, um von der Nahtstelle bis zum Muskel auszuwachsen) auf über 1,5 Jahre, ist eine Funktionswiederkehr sehr unwahrscheinlich, da mindestens 30% aller motorischen Endorgane reinnerviert sein müssen, um eine adäquate Funktion zu generieren. Zusätzlich kommt es zu reinnervationshemmenden Veränderungen des Perimysiums bzw.

Neuronale Veränderungen und Regeneration

Die Durchtrennung eines Axons kann das Absterben des Neurons innerhalb eines kritischen Zeitfensters nach der Verletzung induzieren, diese geschieht in unterschiedlicher Weise bei sensorischen und motorischen Neuronen. Eine frühzeitige Reparatur des Nervs scheint diesen Verlust von Neuronen zumindest reduzieren zu können. Wird die Regeneration von Axonen jedoch verzögert, hat dies einen Einfluss auf Schwannzellen im distalen Nervenende, die zunehmend die Fähigkeit verlieren, die verschiedenen Zelladhäsionsmoleküle und Wachstumsfaktoren zu exprimieren, die nötig sind, um eine funktionale Wiederherstellung zu unterstützen. Nach einer anhaltenden Denervierung des distalen Nervensegments reagieren Schwannzellen nicht mehr auf auswachsende Axone. Anhaltende Denervierung führt auch zu ZNS-Veränderungen (z. B. Remapping von Kortexarealen), diese Plastizität hat daher maßgeblichen Einfluss auf die Regeneration sowie das Endergebnis nach Rekonstruktionen von Nervenverletzungen und ist zunehmend im wissenschaftlichen Fokus.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit und Diagnostik

Zweifelsfrei ist die Reparatur von Verletzungen des Neurotmesis-Typs die größte Herausforderung im Bereich der peripheren Nervenrekonstruktion. Das interdisziplinäre Zusammenspiel von Neurologen, Radiologen und Nervenchirurgen ist hierbei der Grundstein für eine erfolgreiche Erholung der beschädigten Nervenstrukturen, um die beste Wiedererlangung der Funktion zu erreichen. Die rasche Diagnose und richtige Therapie sind essenziell für den Erfolg der Nervenrekonstruktion. Die Prüfung der Berührungs-, Schmerz- und Temperaturempfindung schließt Verfahren wie die Zwei-Punkte-Diskrimination und den Semmes-Weinstein-Monofilament-Test zur genaueren Quantifizierung ein. Auch Veränderungen der Hauttrophik (Ausprägung der Leisten, Schweißsekretion, Behaarung etc.) können auf eine sensible Nervenschädigung hinweisen, dies hat allerdings bei frischen Verletzungen keine Aussagekraft. Dieses Zeichen wird allerdings erst einige Wochen nach der Nervendurchtrennung auslösbar.

Bildgebende Verfahren

In den letzten Jahren hat sich als wichtiges diagnostisches Instrument der hochauflösende Nervenultraschall herauskristallisiert. In ähnlicher Weise bietet ebenso die MR-Neurografie völlig neue Möglichkeiten der frühzeitigen Diagnostik, sie steht aber nur selten zur Verfügung. Elektrophysiologische Untersuchungen können zusätzliche Hinweise geben, sie spielen aber vor allem im spätprimären und sekundären Abschnitt eine sehr wichtige Rolle, in der Akutphase (den ersten Wochen) ist wenig Information zu erwarten. Initial kann die Elektrodiagnostik eine vorhandene Neurapraxie (spontan und komplett reversibel) nicht verlässlich von einer strukturellen Nervenschädigung wie der Neurotmesis oder Axonotmesis unterscheiden. Im Gegensatz dazu kann der hochauflösende Ultraschall hier meist präzise Aussagen über die Struktur und Pathologie des Nervs treffen. Aufgrund der hohen Auflösung moderner Ultraschallsonden können sogar die Kontinuität und Qualität einzelner Nervenfaszikel zuverlässlich beurteilt werden.

Als besonderer Vorteil kann der betreffende Nerv ultraschallkontrolliert mit minimalen Mengen an Lokalanästhesie und sehr differenziert probeweise blockiert werden. Der genaue Verlauf kann auch auf der Haut markiert werden, was dem Operateur das Auffinden von Läsionen und Neuromen wesentlich erleichtert und die Operationszeit verringert.

Primäre und sekundäre Rekonstruktion

Die primäre Rekonstruktion richtet sich nach Art und Ausmaß eines Nervenschadens. Bei sichtbaren morphologischen Schäden am Nerv, aber erhaltener Kontinuität (In-continuitatem-Läsion) ist je nach Ausmaß der Veränderung eine Epineurotomie oder die sparsame, aber suffiziente Anfrischung bis ins sichtbar vitale Nervengewebe indiziert. Kommt es zu einer Durchtrennung einzelner Faszikel oder des gesamten Nervs, ist die spannungsfreie Wiederherstellung der Kontinuität durch mikrochirurgische epineurale Nähte das Ziel. Dies kann entweder im Sinne einer Direktnaht oder bei Substanzverlust mittels Nerventransplantaten erfolgen. Körpereigene Spendernerven stellen weiterhin den Goldstandard in der Rekonstruktion von Nervendefekten dar, sind jedoch ein limitiertes Gut. Bei kurzstreckigen Defekten an Fingernerven oder einem sensiblen Hautnerv kann die Rekonstruktion auch mittels autologer Vene erfolgen. Ebenso existiert eine Vielzahl an synthetischen Nervenersatzmaterialien, die eine Rekonstruktion ohne Hebedefekt versprechen. Selbst der Einsatz von allogenen Nerventransplantaten aus menschlichen Organspendern ist heute möglich.

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