Einleitung
Schlucken ist ein komplexer Vorgang, der bis zu 1000 Mal täglich stattfindet und das Zusammenspiel von über 100 Muskeln erfordert. Wenn Nerven, die diese Muskeln steuern, verletzt oder beeinträchtigt sind, kann dies zu Schluckstörungen führen, die als Dysphagie bezeichnet werden. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung von Schluckstörungen, die durch Nervenverletzungen verursacht werden.
Der komplexe Schluckvorgang
Der Schluckvorgang ist ein komplexer Ablauf, an dem zahlreiche Organe und Muskeln beteiligt sind. Dazu gehören Wangen, Lippen, Kiefer, Zunge, Gaumensegel, Rachen, Kehlkopf, Zungenbein und Speiseröhre. Über 100 Muskeln arbeiten zusammen, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Der Schluckvorgang lässt sich in drei Phasen unterteilen:
- Orale Phase: Hier wird die Nahrung durch Kauen zerkleinert und mit Speichel vermischt, um einen Nahrungsbrei zu formen.
- Pharyngeale Phase: Der Schluckreflex wird ausgelöst, und der Nahrungsbrei wird in den Rachen transportiert. Der weiche Gaumen verschließt den Weg zur Nasenhöhle, und der Kehldeckel schützt die Atemwege.
- Ösophageale Phase: Muskelbewegungen befördern den Nahrungsbrei in die Speiseröhre und weiter in den Magen.
Ursachen für Schluckstörungen durch Nervenverletzungen
Schluckstörungen können vielfältige Ursachen haben. Nervenverletzungen, die zu Dysphagie führen, können durch verschiedene Faktoren verursacht werden. Oft sind Nervenerkrankungen die Ursache (neurogene Dysphagie). Zu den häufigsten Ursachen zählen:
- Schlaganfall: Ein Schlaganfall kann die Nervenbahnen schädigen, die für die Steuerung der Schluckmuskulatur verantwortlich sind.
- Schädel-Hirn-Trauma: Verletzungen des Gehirns können die Nervenfunktionen beeinträchtigen und Schluckstörungen verursachen.
- Entzündliche Erkrankungen des Nervensystems: Erkrankungen wie Multiple Sklerose können die Nervenbahnen schädigen und zu Dysphagie führen.
- Degenerative Erkrankungen des Nervensystems: Krankheiten wie Morbus Parkinson oder Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) können die Nervenzellen abbauen und die Schluckfunktion beeinträchtigen.
- Tumoren im Gehirn: Tumoren können Druck auf die Nerven ausüben und deren Funktion stören.
- Erkrankungen der peripheren Nerven: Beteiligung der Hirnnerven und Muskelerkrankungen können ebenfalls eine Schluckstörung auslösen.
- Glossopharyngeusneuralgie: Plötzliche, schneidende oder brennende einseitige Schmerzen in Kiefer, Rachen oder Ohr können vom Gesichtsnerv Glossopharyngeus stammen und Schluckbeschwerden verursachen.
- Halswirbelsäulen-Syndrom (HWS-Syndrom): Erkrankungen der Halswirbelsäule sind oft mit Schluckstörungen verbunden.
- Schleudertrauma: Eine Verletzung der Halswirbelsäule durch plötzliche, ruckartige Bewegungen kann ebenfalls Schluckbeschwerden verursachen.
Symptome von Schluckstörungen
Die Symptome einer Schluckstörung können vielfältig sein und je nach Ursache und Schweregrad variieren. Folgende Anzeichen deuten auf eine Schluckstörung hin:
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- Druck- oder Kloßgefühl im Hals
- Steckenbleiben von Nahrung oder Flüssigkeiten in der Kehle
- Erstickungsanfälle bzw. Husten nach dem Essen/Trinken
- „Feuchte“ oder gurgelnde Stimme nach dem Schlucken
- Herauslaufen von Speichel aus dem Mund
- Kaustörungen
- Verminderte Kraft und Abbau der Zungenmuskulatur mit Muskelzuckungen
- Verminderte Beweglichkeit der Zunge
- Fehlender Würgereflex
- Fehlendes oder unzureichendes, willkürliches Anheben des Gaumensegels bei normalem oder gesteigertem Gaumenbogenreflex
- Gestörte Gefühlswahrnehmung im Mund-Rachen-Bereich
- Stimmlippenlähmung bzw. Heiserkeit, Stimmstörung, Stimmlosigkeit
- Sprechstörung
- Es können nur kleine Nahrungs- und/oder Trinkmengen aufgenommen werden
- Veränderte Haltung beim Schlucken (zum Beispiel Vorneigung des Kopfes)
- Unklare Fieberschübe, akute oder wiederkehrende Lungenentzündungen
- Häufiges Räuspern
- Fremdkörpergefühl im Hals (Essen und/oder Trinken „bleibt in der Kehle stecken“)
- Häufiges Verschlucken (auch Speichel)
- Aufstoßen
- Unklare Infekte/Fieber
- Nahrungsreste im Mund
- Ungewollter Gewichtsverlust
- Belegte Stimme nach dem Schlucken
- Gurgelnde Atmung
- Schlucken deutlich verlangsamt
- Speisen bleiben lange Zeit im Mund
- Nahrungsreste sammeln sich im Mund
- Husten, Räuspern oder Heiserkeit tritt beim Essen oder Trinken auf
- Es kommt zu Aufstoßen, Verschlucken oder Würgen
- Speichel läuft aus dem Mund oder Flüssigkeit aus der Nase
- Die Stimme verändert sich und klingt nach dem Schlucken etwa gurgelig oder die gesprochenen Worte unverständlich sind
- Schmerzen oder Brennen im Brustbereich treten auf
- Ein Druckgefühl im Hals oder Brustbereich besteht oder das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben
- Unerklärte Gewichtsabnahme
In schweren Fällen kann Nahrung, auch Flüssigkeit, vom Mund nicht oder kaum mehr in den Magen gelangen. Warnzeichen für eine lebensbedrohliche Situation sind Atemnot, ein gerötetes Gesicht und blaue Lippen.
Diagnose von Schluckstörungen
Um die Ursache einer Schluckstörung zu ermitteln, sind verschiedene diagnostische Verfahren erforderlich. Zu den wichtigsten gehören:
- Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte und die genauen Beschwerden des Patienten. Dabei wird beispielsweise gefragt, ob feste oder flüssige Nahrung die Symptome auslöst, ob sich die Beschwerden kontinuierlich verschlechtern oder zwischenzeitlich nachlassen, ob es kürzlich eine Operation im Halsbereich gab oder es zu einem Schlaganfall kam, und ob bestimmte neurologische Erkrankungen oder Muskelkrankheiten bestehen.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht Mundhöhle, Zähne, Rachen, Kopf und Nacken genau, um Auffälligkeiten oder Veränderungen festzustellen, die auf eine Schluckstörung hinweisen. Zusätzlich wird die Funktion von Muskeln und Nerven geprüft, die beim Schlucken eine wichtige Rolle spielen.
- Kehlkopfspiegelung (Laryngoskopie): Ein flexibles Endoskop wird über die Nase eingeführt, um Rachen und Kehlkopf genauer zu untersuchen.
- Spiegelung der Speiseröhre (Ösophagoskopie): Bei Verdacht auf ein Problem in der Speiseröhre wird eine Endoskopie der Speiseröhre durchgeführt.
- Biopsie: Bei Bedarf können Gewebeproben entnommen werden.
- Fiberendoskopische Schluckuntersuchung (FEES): Der Schluckvorgang wird in Echtzeit beobachtet, um herauszufinden, wie die Beschaffenheit der Nahrung, die Schlucktechnik oder die Körperhaltung den Vorgang beeinflussen.
- Videofluoroskopie (VFSS): Die Phasen des Schluckens werden mithilfe von Röntgenstrahlen und Kontrastmittel sichtbar gemacht.
- Manometrie: Dieser Test misst den Druck in der Speiseröhre während des Schluckens.
- Daniels Test: Der Arzt führt einen Wasserschluck-Test durch, bei dem dem Patienten Wasser in verschiedenen Mengen zu trinken gegeben wird, um die Schluckfunktion zu beurteilen.
- Röntgenologische Untersuchung: Der Weg der Nahrung durch Mundraum, Rachen und Speiseröhre wird abgebildet und als Videoaufnahme dokumentiert.
Behandlung von Schluckstörungen
Die Behandlung von Schluckstörungen erfordert meist ein multidisziplinäres Team, bestehend aus Ärzten, Logopäden, Ergotherapeuten und Ernährungsspezialisten. Ziel der Behandlung ist es, das Essen und Trinken bestmöglich zu erleichtern und die Lebensqualität zu verbessern. Die Therapieoptionen umfassen:
- Schlucktherapie: Medizinische, logopädische, sprachtherapeutische und physiotherapeutische Maßnahmen zur Verbesserung der Schluckfunktion und Vermeidung von Verschlucken.
- Ernährungsmaßnahmen: Anpassung der Konsistenz der Nahrung an die individuellen Schluckfähigkeiten, z.B. Andicken von Flüssigkeiten oder Pürieren von fester Nahrung. In schweren Fällen kann eine künstliche Ernährung über eine PEG-Sonde erforderlich sein.
- Atemhilfen: Bei Aspiration großer Mengen Speichel kann ein Luftröhrenschnitt erforderlich sein, um den Schluckweg vollständig vom Atemweg zu trennen.
- Mundhygiene: Eine gute Mundhygiene ist wichtig, um das Risiko für Lungenentzündungen durch Aspiration von Bakterien zu reduzieren.
- Medikamente: Bestimmte Medikamente können die Schluckfunktion verbessern, z.B. indem sie den Speichelfluss verringern.
- Operation: Ein chirurgischer Eingriff kann infrage kommen, wenn Tumoren oder Divertikel das Schlucken beeinträchtigen.
- Neurostimulation: Verfahren zur Stimulation der Nerven, die an der Schluckfunktion beteiligt sind.
- Pneumatische Dilatation: Mittels eines endoskopisch eingeführten Dehnungsballons werden die unteren Abschnitte der Speiseröhre mit dem Schließmuskelapparat gedehnt.
- Perorale endoskopische Myotomie (POEM): Hierdurch wird mit dem Endoskop ein Tunnel zwischen den Schichten der Speiseröhrenwand geschaffen, um von dort aus gezielt die Ringmuskulatur des Schließmuskels zu erreichen, welche dann durchtrennt wird.
- Laparoskopische Myotomie der Speiseröhre: Die Durchtrennung des Schließmuskels wird mittels einer minimal invasiven Operation („Schlüssellochtechnik“) durchgeführt, um den Druck des unteren Schließmuskels der Speiseröhre zu senken und das Schlucken zu erleichtern.
- Botox-Injektionen: Zur Lähmung des Schließmuskels.
- Endoskopische Mukosaresektion (EMR) und endoskopisch submukosale Dissektion (ESD): Unsere Expert:innen sind seit vielen Jahren auf die endoskopische Entfernung von frühen Tumoren und deren Vorstufen in der Speiseröhre spezialisiert. Mittels dieser Methoden können Areale mit krankhaften Zellen in der Schleimhaut entfernt werden.
- Radiofrequenzablation (RFA) und andere thermische Verfahren: Nach Durchführung einer endoskopischen Resektion mittels ESD oder EMR sollte verbliebenes Barrett-Gewebe, welches keine Zeichen einer bösartigen Entwicklung aufweist, mittels eines thermischen Verfahrens entfernt werden.
- Anti-Reflux-Mukosaresektion (ARMS): In ausgewählten Fällen wie Unverträglichkeit von Medikamenten kann im Bereich des Mageneingangs mittels Endoskopie Schleimhaut entfernt werden.
- Laparoskopische Fundoplicatio: Diese Operation kann Patient:innen angeboten werden, welche insbesondere unter einem großvolumigen Reflux leiden , die medikamentöse Therapie nicht vertragen oder ablehnen.
- Endoskopische Mukomyotomie: Unsere Expert:innen sind seit vielen Jahren vertraut mit der endoskopischen Behandlung von Speiseröhren-Divertikeln wie dem Zenker-Divertikel.
Unterstützung im Alltag
Neben den professionellen Behandlungsmaßnahmen gibt es verschiedene Möglichkeiten, Menschen mit Schluckstörungen im Alltag zu unterstützen:
- Aufrechte Körperhaltung: Beim Essen und Trinken sollte eine aufrechte Haltung eingenommen werden, um die Nahrungsaufnahme zu erleichtern.
- Schlucktraining: Durch gezielte Übungen können die Muskeln und Organe, die am Schlucken beteiligt sind, trainiert werden.
- Konsistenz der Nahrung: Weiche, pürierte oder angedickte Speisen und Getränke erleichtern das Schlucken und verringern das Risiko des Verschluckens.
- Mundpflege: Eine sorgfältige Mundpflege kann Munderkrankungen vorbeugen, die die Nahrungsaufnahme zusätzlich erschweren.
- Ruhe und Konzentration: Die Nahrungsaufnahme sollte in Ruhe und Konzentration erfolgen, um den Schluckvorgang nicht zusätzlich zu belasten.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Bestimmte Lebensmittel und Getränke, wie z.B. sehr klebrige oder trockene Nahrungsmittel oder Alkohol, können das Schlucken erschweren und sollten vermieden werden.
Glossopharyngeusneuralgie
Die Glossopharyngeusneuralgie ist eine seltene Erkrankung, die durch einseitige, periodisch auftretende Schmerzen im Bereich der Gaumenmandeln, der hinteren Zunge, des Rachens oder Kehlkopfes, im Mittelohr oder im Kieferwinkel äußert. Die Schmerzen können in Nase, Auge, Kinn oder Schulter ausstrahlen und werden als einschießend, brennend, elektrisierend, scharf oder brennend beschrieben.
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Die Diagnose wird üblicherweise aufgrund von Schilderungen der Beschwerden gestellt. Um andere Ursachen auszuschließen, wird üblicherweise eine MRT des Gehirns durchgeführt.
Die medikamentöse Behandlung mit dem Antiepileptikum Carbamazepin ist die erste Wahl. Bei mangelhafter Wirkung können andere Medikamente gegen Epilepsie oder Medikamente, die bei Depressionen verordnet werden, in Betracht gezogen werden. Eine weitere Möglichkeit ist das Setzen einer lokalen Betäubungsspritze in den vom Nerv gereizten Bereich.
Wenn die medikamentöse Behandlung nicht erfolgversprechend ist, kann eine Operation in Betracht kommen. Es stehen mehrere chirurgische Verfahren zur Verfügung:
- Der Druck des Gefäßes auf den Nerv kann reduziert werden, indem in einer mikrochirurgischen Operation Nerv und Gefäß voneinander getrennt werden und ggf. ein Teflonkissen dazwischen gelegt wird.
- Bei der anderen Behandlungsmethode wird der Nerv mit einem Gamma-Knife, das ähnlich wie ein Brennglas arbeitet, durch Hitze verödet.
Schleudertrauma
Ein Schleudertrauma, auch als HWS-Distorsion bekannt, ist eine Verletzung, die durch plötzliche und starke Kräfte auf den Nackenbereich entsteht. Typischerweise tritt es auf, wenn der Kopf plötzlich nach vorne und dann wieder nach hinten geschleudert wird, ähnlich wie bei einem Autounfall oder einem Sturz.
Ein Schleudertrauma kann eine Vielzahl von Symptomen verursachen, darunter:
Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei eingeklemmtem Nerv
- Nackenschmerzen und Steifheit
- Kopfschmerzen
- Schwindel
- Schulter- und Rückenschmerzen
- Taubheitsgefühl oder Kribbeln in den Armen
- Müdigkeit
- Konzentrationsprobleme
- Schluckbeschwerden
Die Diagnose eines Schleudertraumas basiert in der Regel auf den Symptomen des Patienten und einer gründlichen körperlichen Untersuchung. In einigen Fällen können bildgebende Verfahren durchgeführt werden, um mögliche Verletzungen oder Schäden an der Halswirbelsäule festzustellen.
Die Behandlung eines Schleudertraumas zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und die Heilung zu fördern. Die häufigsten Behandlungsmethoden umfassen:
- Ruhe und Schonung
- Schmerzmittel und entzündungshemmende Medikamente
- Physiotherapie und Nackenübungen
- Wärmeanwendungen
- Massage- und manuelle Therapie
- Akupunktur