Nervenkampfstoffe: Ein umfassender Überblick

Nervenkampfstoffe stellen eine ernstzunehmende Bedrohung dar, sowohl in militärischen Konflikten als auch potenziell bei terroristischen Anschlägen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Nervenkampfstoffe, einschließlich ihrer Wirkungsweise, Symptome, Behandlung und Schutzmaßnahmen.

CBRN-Gefahren erkennen und richtig handeln

Im Falle eines vermuteten CBRN-Ereignisses (chemisch, biologisch, radiologisch, nuklear) ist schnelles und korrektes Handeln entscheidend.

Erste Schritte:

  1. CBRN-Gefahr erkennen: Achten Sie auf mehrere Betroffene mit gleichen Symptomen, tote oder erkrankte Tiere am Schadensort oder sonstige Hinweise auf ein CBRN-Ereignis.
  2. Eigenschutz: Wenn keine Dekontamination stattgefunden hat und das Toxin unbekannt ist, schützen Sie sich unbedingt selbst. Tragen Sie Augenschutz, einen OP-Kittel mit Plastikschürze, sterile Handschuhe (ggf. doppelt) und eine FFP3-Maske.
  3. Dekontamination: Falls noch keine Dekontamination erfolgt ist, führen Sie diese durch. Entfernen Sie die gesamte Kleidung und spülen Sie betroffene Stellen mit Wasser. Vermeiden Sie es, die Haut mit Bürsten zu penetrieren oder zu verletzen. Definieren und trennen Sie einen "kontaminierten Bereich" und einen "sauberen Bereich". Sorgen Sie für ausreichende Belüftung im kontaminierten Bereich.
  4. Basistherapie: Wärmeerhalt ist besonders nach einer Nassdekontamination wichtig. Führen Sie eine Toxidromerkennung durch (z.B. mit dem CRESS-Schema) und behandeln Sie entsprechend. Führen Sie einen Traumacheck durch, um Begleitverletzungen zu erkennen. Überwachen Sie den Patienten engmaschig und führen Sie eine Basisdiagnostik durch (venöse BGA, EKG, Probenasservierung).
  5. Weitere Maßnahmen: Informieren Sie frühzeitig Feuerwehr und Polizei über den Verdacht und halten Sie Rücksprache mit dem Giftnotruf.

Red Flags:

  • Übersehene Begleitverletzungen (Frakturen, Blutungen/penetrierende Verletzungen)
  • (Drohende) Atemwegsverlegung
  • BGA: Laktaterhöhung, Hypokalzämie
  • Vigilanzminderung / Verwirrung
  • EKG: QTc > 500ms, (globale) Ischämiezeichen, Rhythmusstörungen

Toxidrom-Erkennung mit dem CRESS-Schema

Das CRESS-Schema dient der vereinfachten Toxidrom-Erkennung bei Verdacht auf chemische Giftstoffe und Kampfstoffe in Notfallsituationen.

MerkmalNervengift (Alkylphosphate)CyanideOpioideAtropin/DD Sepsis
ConsciousnessKrampfanfall, BewusstlosBewusstlosSomnolentAgitiert, Verwirrt
RespirationTachypnoe, ApnoeTachypnoe, ApnoeBradypnoe, ApnoeTachypnoe
EyesMiosis (Stecknadel)MydriasisMiosis (Stecknadel)Mydriasis
SecretionsVerstärktNormalNormalTrocken
SkinSchwitzendPink/BlauBlauRot, Trocken
SonstigesErbrechen, Inkontinenz, BradykardiePlötzliches AuftretenTachykardieMarmoriert

Chemische Kampfstoffe: Nervenkampfstoffe

Nervenkampfstoffe gehören zu den gefährlichsten chemischen Waffen. Sie wirken durch die Hemmung der Acetylcholinesterase, was zu einer Überstimulation der Nerven führt.

Wirkmechanismus

Nervenkampfstoffe hemmen die Acetylcholinesterase, ein Enzym, das den Neurotransmitter Acetylcholin abbaut. Dadurch reichert sich Acetylcholin an den Synapsen an und führt zu einer cholinergen Krise. Initial ist die Hemmung reversibel durch die Gabe von Oximen. Je nach Substanz und Expositionsdauer kann die Hemmung jedoch irreversibel werden.

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Stoffklassen

  • G-Reihe: Tabun (GA), Sarin (GB), Soman (GD)
  • V-Reihe: VX
  • Nowitschok-Reihe: Eine Gruppe von Nervenkampfstoffen, die in der Sowjetunion entwickelt wurden und als besonders gefährlich gelten.

Die letale Dosis (LD50) nimmt im Allgemeinen von der G-Reihe über die V-Reihe zur Nowitschok-Reihe ab. Der Wirkmechanismus ist vergleichbar, aber die Effektivität von Obidoxim kann unterschiedlich sein.

Symptome

Das Akronym "SLUDGE" fasst die typischen Symptome zusammen:

  • Salivation (Speichelfluss)
  • Lacrimation (Tränenfluss)
  • Urination (Harndrang)
  • Diarrhea (Durchfall)
  • Gastrointestinal distress (Magen-Darm-Beschwerden)
  • Emesis (Erbrechen)

Weitere Symptome sind Miosis (Pupillenverengung) und bei Hautkontakt Schwitzen. Akut lebensbedrohliche Symptome sind Bradykardie, Bronchospasmus/Bronchorrhoe und Verwirrung/Somnolenz/Koma sowie Krampfanfälle.

Therapie

  • Atropin: Wirkt den muskarinartigen Wirkungen des Acetylcholins entgegen. Bei instabilen Patienten (Koma, Krampfanfall, massive Bronchorrhoe) initial 2 mg i.v./i.m./i.o., bei leichter Symptomatik 0,5 mg i.v./i.m./i.o. Die Dosis wird alle 5-15 Minuten verdoppelt, bis eine Besserung der Bradykardie, des Bronchospasmus und der Bronchorrhoe/Sekretion eintritt.
  • Obidoxim: Reaktiviert die Acetylcholinesterase. 250 mg i.v./i.m./i.o. möglichst zügig nach Exposition.

Dekontamination und Schutzmaßnahmen

  • Aufnahme: Inhalation, ggf. Hautreizung
  • Schutz: Atemschutz (grün/gelbe Markierung am Filter), Dekontamination durch die Feuerwehr ist vorgeschrieben.
  • Dekontamination: Ausreichende Belüftung, Nassdekontamination notwendig.

Weitere chemische Kampfstoffe

Neben Nervenkampfstoffen gibt es weitere chemische Kampfstoffe mit unterschiedlichen Wirkmechanismen und Symptomen.

Senfgas (Lost)

Senfgas ist ein alkylierender Blasenbildner, der die Haut und die Atemwege schädigt.

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  • Wirkmechanismus: Alkylierung von Zellbestandteilen, was zu Gewebeschäden führt.
  • Symptome: Verzögert auftretende Augenreizung, Hautrötung, Blasenbildung, bronchiale Reizung bis hin zu Ateminsuffizienz.
  • Dekontamination/Schutzmaßnahmen: ABC-Schutz der Feuerwehr bis zur vollständigen Dekontamination notwendig. Entkleiden, Nassdekontamination mit Seifenlösung.
  • Therapie: Supportiv (Sauerstoffgabe, Analgesie). Stationäre Verlaufsbeobachtung notwendig.

Lewisit

Lewisit ist ein arsenhaltiger Hautkampfstoff, der die zelluläre Energieproduktion stört.

  • Wirkmechanismus: Störung der Pyruvatdehydrogenase und zellulären Energieproduktion, Erhöhung der Kapillarpermeabilität.
  • Symptome: Hautrötung, starkes Brennen, gräuliche Läsionen und oberflächliche Blasen, Augenreizung, Reizung der Atemwege, Husten, Lungenödem bis hin zu ARDS.
  • Dekontamination/Schutzmaßnahmen: ABC-Schutz der Feuerwehr bis zur vollständigen Dekontamination notwendig. Entkleiden, Nassdekontamination mit Seifenlösung.
  • Therapie: Supportiv (Atemunterstützung, Analgesie). Bei systemischer Wirkung Dimercaprol.

Rizin

Rizin ist ein Toxin, das die Proteinbiosynthese der Zellen angreift.

  • Wirkmechanismus: Hemmung der Proteinbiosynthese, was zum Zelltod führt.
  • Symptome: Abhängig von der Aufnahmemenge und dem Aufnahmeweg. Parenteral: Starke Schmerzen an der Einstichstelle, schweres Krankheitsgefühl, Muskelschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Schock. Inhalativ: Schwere respiratorische Symptome, Hautausschlag, Schleimhautschwellungen. Oral: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Magen-/Darmkrämpfe.
  • Dekontamination/Schutzmaßnahmen: FFP2-Maske, Schutzbrille, Handschuhe. Entkleiden, Reinigung mit Wasser.
  • Therapie: Rein supportive Therapie.

Reizstoffe: Ammoniak, Chlorgas, Schwefelwasserstoff

Diese Gase wirken reizend auf die Schleimhäute und Atemwege.

  • Symptome: Schleimhautreizung, Atemwegsschwellung, Augenreizung/-verätzung, Bronchospasmus, Lungenödem/respiratorische Insuffizienz.
  • Dekontamination/Schutzmaßnahmen: Gasmaske/Atemschutz. Ausreichende Belüftung, keine spezifische Dekontamination notwendig.
  • Therapie: Spülung mit Kochsalzlösung, Sauerstoffgabe, Inhalation bei Bronchospasmus, Beatmung bei Lungenödem. Bei Schwefelwasserstoff-Inhalation zusätzlich 4-DMAP oder Hydroxycobalamin.

Biologische Kampfstoffe

Biologische Kampfstoffe sind Mikroorganismen oder Toxine, die Krankheiten verursachen können.

Schutzmaßnahmen und Dekontamination

FFP3-Maske, Schutzbrille, Schutzkittel, Kopfhaube. Nach Patientenkontakt auf Hygiene achten (Händedesinfektion etc.). Betroffene Patienten isolieren.

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Beispiele für biologische Kampfstoffe

  • Bakterien: Bacillus anthracis (Milzbrand), Brucella sp. (Brucellose), Burkholderia mallei (Rotz), Yersenia pestis (Pest)
  • Viren: Alphavirus (Chikungunya), Arenavirus (Lassafieber), Bunyavirus (Encephalitis), Filovirus (hämorrhagisches Fieber)
  • Toxine: Clostridium botulinum Toxin (Botulismus), Ricin

Radiologische und nukleare Notfallsituationen

In radiologischen oder nuklearen Notfallsituationen ist die Art der Exposition entscheidend für das Vorgehen.

Arten der Exposition

  • Externe Exposition: Ionisierende Strahlung von außen. Vom Patienten geht keine Gefahr für das Behandlungsteam aus.
  • Interne Exposition: Ingestion, Inhalation, Haut/Wunden. Geringe Gefahr, ggf. durch Ausscheidungen.
  • Kontamination: Radioaktive Stoffe/Partikel auf Kleidung oder am Patienten selbst. Gefahr durch Kontaminationsverschleppung.
  • Kombinationsverletzungen: Verletzung plus Kontamination. Gefahr des Übersehens von Begleitverletzungen.

Vorgehen

Enge Rücksprache mit Einsatzkräften (insb. Feuerwehr) bezüglich sicheren Räumen und Dekontamination. Maximal möglichen Abstand von der Strahlenquelle halten. PSA (mindestens FFP2/3, Schutzbrille, Ganzkörperschutzanzug inkl. Haube, doppelte Handschuhe, Überschuhe). Begleitverletzungen aktiv suchen und stabilisieren.

Muskelrelaxanzien

Muskelrelaxanzien werden in der Anästhesie eingesetzt, um die Skelettmuskulatur vorübergehend zu lähmen. Sie blockieren die neuromuskuläre Übertragung an der motorischen Endplatte. Es gibt depolarisierende und nicht-depolarisierende Muskelrelaxanzien.

Geschichte der chemischen Kampfstoffe

Chemische Kampfstoffe wurden erstmals im Ersten Weltkrieg in großem Umfang eingesetzt. Der Einsatz von chemischen Waffen ist durch das Genfer Abkommen von 1925 völkerrechtlich verboten, ihre Beschaffung durch das C-Waffen-Übereinkommen von 1997 international geächtet. Trotzdem stellen sie weiterhin eine Bedrohung dar.

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