Erfrierungen sind lokale Gewebeschäden, die durch längere oder extreme Kälteeinwirkung entstehen, meist bei Temperaturen unter 0 °C. Sie betreffen vor allem exponierte Körperteile wie Finger, Zehen, Nase und Ohren. Im Allgemeinen Sprachgebrauch werden auch Frostbeulen zuweilen als Erfrierungen bezeichnet. Im medizinischen Sinne ist das aber nicht ganz richtig.
Wie der Körper auf Kälte reagiert
Frieren ist für die meisten Menschen eine unangenehme Ausnahmesituation. Im Normalfall kommt unser Körper damit zurecht. Dann schaltet unser Körper auf Plan B, den Ernstfall, um und der ganze Organismus richtet sich auf die "Notsituation" ein. Im Extremfall werden Finger und Zehen einfach "abgeschaltet". Unsere "Oberflächentemperatur" liegt normalerweise deutlich darunter, denn sie wird von der Durchblutung und der Außentemperatur beeinflusst.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Ursache für Erfrierungen ist Kälteeinwirkung. Damit der Körper bei Kälte nicht unterkühlt, versucht er, die innere Körpertemperatur (Kerntemperatur von etwa 37 Grad) im Gleichgewicht zu halten. Das ist notwendig, um lebenswichtige Organe weiterhin mit Blut zu versorgen.
Um eine Unterkühlung zu verhindern, reduziert er die Wärmeabgabe über die Extremitäten (Arme und Beine) und exponierte Körperstellen (Nase, Wangen, Ohren), indem sich die Blutgefäße an diesen Stellen verengen. Die Gefäßverengung hält zwar die Wärme im Körper, führt aber dazu, dass das Gewebe außerhalb des Körperkerns unzureichend mit Blut und Sauerstoff versorgt wird. Wird nicht rechtzeitig gegengesteuert, kann die betroffene Stelle absterben.
Erfrierungen können in Verbindung mit Wintersportaktivitäten, Bergsteigen, langem Aufenthalt im Freien bei Kälte oder bei Arbeit unter Kältebelastung (Kühlhäuser, Arbeit im Freien, Bergbau) auftreten. Finger, Zehen, Ohren und Nase sind besonders gefährdet.
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Weitere Risikofaktoren, die Erfrierungen begünstigen oder verschlimmern können, sind:
- Wind
- Hohe Luftfeuchtigkeit
- Zu dünne, leichte oder abschnürende Kleidung
- Feuchte oder nasse Kleidung
- Körperliche Überanstrengung
- Blutverlust
- Rauchen
- Diabetes mellitus
- Durchblutungsstörungen
- Unterernährung
- Höheres Alter, Obdachlosigkeit, ein bestehendes Raynaud-Syndrom, schlecht sitzende, drückende Schuhe sowie Alkohol, Nikotin und Drogen erhöhen das Risiko für Kälteschäden.
- Eine ungeschützte Berührung von tiefkalten Metallen (≤ -10 °C) kann bereits nach wenigen Sekunden zu lokalen Erfrierungen führen (Kontaktkälte).
Symptome von Erfrierungen
Erfrierungen führen zu Sensibilitätsverlust und Schmerzen nach Wiedererwärmung. Bei schwergradigen Erfrierungen kann es zu einem dauerhaften Gefühlsverlust kommen.
Erfrierungsverletzungen können in unterschiedliche Schweregrade unterteilt werden, die sich hinsichtlich ihrer Symptomatik und Behandlung unterscheiden:
- 1. Grad: Taubheit, Rötung, Schwellung. Die Sensibilität der betroffenen Region ist meist intakt oder nur leicht gestört. Das verletzte Gewebe ist zunächst blass bis blau, später entwickelt sich oftmals eine Hautrötung durch reaktive Hyperämie (verstärkte Durchblutung des Gewebes). Leichte ödematöse Schwellungen können auftreten. Blasen oder Nekrosen sind nicht vorhanden.
- 2. Grad: Blasenbildung, Rötung, Erosionen, erhöhte Schmerzempfindlichkeit bis Gefühlslosigkeit. Deutliche Sensibilitätsstörungen der betroffenen Region mit starker Ödembildung, Hyperämie und Gewebsrötungen liegen vor. Mit einer klaren oder serumhaltigen Flüssigkeit gefüllte Blasen werden sichtbar.
- 3. Grad: mit Blut gefüllte Blasen, Gewebstod (Nekrose), Gefühlslosigkeit. Eine Schädigung der tieferen Hautschichten und des Unterhautgewebes sowie Gewebsnekrosen sind kennzeichnend für Erfrierungen dritten Grades. Eine Blau-Schwarzfärbung der Haut aufgrund eines beginnenden Gewebstodes wird sichtbar.
- 4. Grad: bläulich fahle bis schwarze Verfärbung, tiefe Nekrosen. Totalvereisung liegt vor, d.h. alle Gewebsschichten sind von der Erfrierung betroffen. Das betroffene Gewebe kann sich nicht mehr erholen und muss entfernt werden
Oftmals wird die eigentliche Verletzung durch eine Erfrierung erst Stunden bis Wochen nach dem Erwärmen sichtbar. Schmerzen und Gefühlsstörungen wie Taubheit, Pochen, Kribbeln, elektrische Schläge oder eine erhöhte Kälteempfindlichkeit können über Monate oder Jahre bestehen bleiben.
Diagnose
Eine Erfrierung ist in der Regel einfach zu diagnostizieren: Der Arzt stellt die Diagnose anhand der typischen Symptome und der Schilderung, wie es zum Kälteschaden kam. Um eine Unterkühlung auszuschließen, misst der Arzt zusätzlich die innere Körpertemperatur. Das Ausmaß der Erfrierung dritten Grades lässt sich unter Umständen erst nach Tagen feststellen, da es einige Zeit dauert, bis Gewebe abstirbt. Spezialuntersuchungen wie Knochenszintigrafie, MR- oder CT-Angiografie ermöglichen eine prognostische Abschätzung der Gewebeschädigung.
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Behandlung von Erfrierungen
Ziel der Behandlung ist die Begrenzung des Erfrierungsausmaßes, die Schmerzlinderung, die Förderung der bestmöglichen Heilung und das Vermeiden von Folgeschäden wie Funktionsverlust oder Amputationen.
Erstgradige Erfrierungen können hausärztlich versorgt werden. Zweit- oder höhergradige Erfrierungen sollten durch Spezialist*innen (mit-)behandelt werden.
Es gibt keine einheitliche Therapie. Die Standardbehandlung besteht in der Regel aus Wiedererwärmung, gefolgt von lokalen infektionshemmenden Wundverbänden und ggf. einem späteren chirurgischen Vorgehen. Wichtiger als eine Lokalbehandlung ist in der Akutphase das systemische Aufwärmen. Die betroffene Person wird unverzüglich in einen geschützten, warmen Bereich gebracht und die feuchte Kleidung entfernt.
Wenn sichergestellt ist, dass es zu keinen neuen Kälteschäden kommen kann, wird mit der Erwärmung begonnen. Ein Wechsel zwischen Aufwärmen und erneuter Kälte kann zu schweren Schäden führen.
Da die Haut bei einer schweren lokalen Kälteschädigung anschwellen wird, werden enge Kleidungsstücke und Ringe an den Händen entfernt.
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Erste Hilfe Maßnahmen
- Suchen Sie einen trockenen, windgeschützten Ort auf, um eine erneute oder weitere Kälteeinwirkung zu verhindern.
- Sorgen Sie für eine gute Durchblutung des betroffenen Gebiets: Öffnen Sie enganliegende Kleider oder zu enge Schuhe oder nehmen Sie Ringe ab, wenn die Hände betroffen sind.
- Entfernen Sie nasse, kalte Kleidung und wickeln Sie den Patienten in warme Decken.
- Erwärmen Sie die betroffene Stelle zunächst langsam mit der eigenen Körpertemperatur, zum Beispiel in der Achsel, zwischen den Oberschenkeln oder im Leistenbereich. Erfrierungen im Gesicht wärmen Sie am besten mit den Händen auf.
- Wenn möglich, erwärmen Sie die erfrorene Körperstelle langsam in einem lauwarmen Wasserbad, das Sie nach und nach auf maximal 35 Grad erwärmen. Achtung: Das kann sehr schmerzen! Erhöhen Sie die Wassertemperatur deshalb nur langsam und schrittweise. Wenn kein Thermometer verfügbar ist, können Sie die Temperatur des Wassers mit der Hand oder dem Ellenbogen prüfen. Im Wasserbad sollte der Patient den erfrorenen Körperteil aktiv bewegen. Wenn die Hautfarbe wieder rosig ist und der Patient sich wieder gut bewegen kann, können Sie das Erste Hilfe-Bad beenden. Es sollte nicht länger als 30 Minuten dauern, damit die Haut nicht aufweicht. Alternativ zum Wasserbad können Sie auch lauwarme Umschläge auflegen.
- Die betroffenen Körperteile anschließend locker mit einem sauberen, möglichst keimfreien Tuch bzw. Verband bedecken, dabei Druck vermeiden.
- Warme Getränke wie Tee oder Kaffee helfen, den Körper innerlich aufzuwärmen.
Was Sie bei Erfrierungen an Erste-Hilfe-Maßnahmen vermeiden sollten
- Die Stelle nicht rubbeln oder massieren, beides kann die Haut weiter schädigen. Erfrorene Körperpartien dürfen auch nicht mit Schnee abgerieben werden!
- Öffnen Sie entstandene Blasen nicht!
- Erwärmen Sie die erfrorene Stelle nicht mit heißem Wasser oder heißen Bädern, denn eine plötzliche Erwärmung verstärkt den Gewebsschaden.
- Erfrorene Körperpartien sind gefühllos, sodass der Betroffene nicht spürt, wenn es ihm zu heiß wird. Erwärmen Sie daher die Erfrierung nie mit direkter Hitze (Ofen, Feuer, Heizlampe)! Hier besteht die Gefahr einer Verbrennung.
- Steif gefrorene Körperteile sollten nicht passiv bewegt werden (etwa durch den Ersthelfer). Mit erfrorenen Füßen bzw. Zehen sollte der Betroffene auch nicht gehen. Sonst drohen weitere Gewebeschäden.
- Geben Sie einem Menschen mit Erfrierungen niemals Alkohol zu trinken! Dieser weitet die Blutgefäße. Der Betroffene verliert dann noch mehr Körperwärme.
- Der Betroffene sollte keinesfalls rauchen! Nikotin verengt die Blutgefäße. Erfrorene Körperpartien werden dann noch schlechter durchblutet.
Behandlung im Krankenhaus
- Bei Erfrierung wird der betroffene Körperteil für 15-60 Minuten in 37-39 °C warmem Wasser mit antibakteriellem Zusatz gebadet. Das Warmreiben der betroffenen Körperstelle oder direkte Wärme können zusätzlichen Schaden der Haut verursachen und sollten vermieden werden.
- Kälteschäden werden mit einem Luftstrahl von 22-27 °C langsam erwärmt.
- Im Falle akuter und schwerer Erfrierungen kann innerhalb der ersten 24 Stunden eine Behandlung gegen Blutgerinnsel sinnvoll sein.
- Wenn eine klare Unterscheidung zwischen gesundem und abgestorbenem Gewebe getroffen werden kann, kann das abgestorbene Gewebe operativ entfernt werden. Dies kann üblicherweise Tage bis Wochen dauern. Bei ausgeprägter Ödembildung kann eine Durchtrennung von Muskelfasern notwendig sein, um das Gewebe vom Druck zu entlasten. Tiefe Erfrierungen mit Schäden von Unterhaut, Muskulatur oder Knochengewebe erfordern unter Umständen eine Amputation.
Vorbeugung
Schützen Sie sich vor Kälte. Mehrere Schichten luftiger und weiter Bekleidung isolieren besonders gut. Die oberste Bekleidungsschicht sollte winddicht sein.
- Überanstrengung und Feuchtigkeit aufgrund von Schweißbildung sind zu vermeiden. Nasse Bekleidung sollte gewechselt werden, da die Feuchtigkeit verdunstet und zu erhöhten Wärmeverlusten führt.
- Alkohol sollte nicht konsumiert werden, da er ebenfalls die Wärmeverluste erhöht.
- Halten Sie den Aufenthalt in der Kälte so kurz wie möglich.
- Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist sicherzustellen, am besten durch warme Getränke.
- Eine unzureichende Durchblutung durch eng anliegende Bekleidung oder Medikamente sollte vermieden werden.
Tipps zur Vorbeugung von Erfrierungen
- Funktionswäsche: Tragen Sie bei Kälte direkt am Körper Funktions- oder Thermowäsche. Sie leitet Feuchtigkeit vom Körper an die nächste Schicht weiter und hält ihn warm und trocken.
- Zwiebellook: Kleiden Sie sich den Temperaturen entsprechend, am besten im „Zwiebellook“. Tragen Sie mehrere dünne Schichten statt wenige dicke übereinander. Die Luft zwischen den einzelnen Schichten dient als Wärmeisolator und verhindert, dass die Körperwärme entweicht.
- Trockene Kleidung: Ist Ihre Kleidung doch einmal feucht geworden, wechseln Sie diese sofort!
- Schuhe: Achten Sie darauf, dass Ihre Winterschuhe ausreichend weit und gut gefüttert sind.
- Mütze, Handschuhe: Tragen Sie bei Frost und eisigem Wind stets Mütze und Handschuhe! Tragen Sie in den Bergen winddichte Masken!
- Hautschutz: Schützen Sie Ihre Haut im Winter durch spezielle Kälteschutzcremes! Wichtig: Cremes mit hohem Wasseranteil können Erfrierungen begünstigen. Verwenden Sie stattdessen Produkte mit hohem Fettanteil wie beispielsweise Vaseline! Denken Sie daran, auch die Ohren einzucremen!
- Bewegung: Bleiben Sie bei eisigen Außentemperaturen stets in Bewegung!
- Ausreichend trinken: Trinken Sie ausreichend. Bevorzugen Sie warme Getränke, um den Körper von innen zu wärmen. Verzichten Sie auf Alkohol!
- Vorerkrankungen: Fragen Sie Ihren Arzt um Rat, wenn bei Ihnen Durchblutungsstörungen der Finger und Zehen (wie etwa beim Raynaud-Syndrom) bestehen!
- Vorsicht: Seien Sie beim Hantieren mit extremer Kälte (Trockeneis, flüssiger Stickstoff) vorsichtig. Schlagen Sie Kühlakkus immer in ein Handtuch ein, bevor Sie diese auf die Haut legen. So vermeiden Sie schädliche Kälteverbrennungen.
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