Das Ohr ist ein komplexes und faszinierendes Sinnesorgan, das uns das Hören und die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts ermöglicht. Es lässt sich in drei Hauptabschnitte unterteilen: das Außenohr, das Mittelohr und das Innenohr. Jeder Abschnitt spielt eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung von Schallwellen und deren Umwandlung in Nervenimpulse, die vom Gehirn interpretiert werden können.
Entwicklung des Ohrs
Die Entwicklung des Ohrs beginnt bereits in der 3. Schwangerschaftswoche mit der Bildung der Ohrplakode. Nach der Gastrulation und Neurulation verdickt sich diese Struktur und stülpt sich ein, um die Ohrgrube zu bilden. Die Ohrgrube löst sich schließlich vom Oberflächenektoderm und wird zum Ohrbläschen.
Das Ohrbläschen teilt sich in zwei Kompartimente: ein dorsales und ein ventrales. Aus dem dorsalen Kompartiment entsteht eine endolymphatische Aussackung, die sich zum Gehirn hin erstreckt. Amboss (Incus) und Hammer (Malleolus) entwickeln sich aus dem 1. Schlundbogen, während der Steigbügel (Stapes) aus dem 2. Schlundbogen entsteht.
Der äußere Gehörgang entwickelt sich aus der 1. Schlundfurche, während die Paukenhöhle aus der 1. Schlundtasche hervorgeht. Die 6 Ohrmuschelhöcker des Fötus wölben sich von den Schlundbögen nach außen und verschieben sich, um die charakteristische Form der Ohrmuschel zu bilden.
Das Außenohr
Zum äußeren Ohr gehören die Ohrmuschel und der äußere Gehörgang. Die Ohrmuschel, auch Aurikel genannt, besteht hauptsächlich aus elastischem Knorpel, der mit Haut bedeckt ist. Ihre trichterartige Form dient dazu, Schallwellen einzufangen und in den Gehörgang zu leiten.
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Der äußere Gehörgang ist etwa 3 bis 3,5 Zentimeter lang. Der laterale oder äußere Anteil ist knorpelig und macht etwa zwei Drittel der Gesamtlänge aus. Der mediale Anteil besteht aus Knochen. In der Haut des knorpeligen Teils befinden sich Talgdrüsen, Ohrenschmalzdrüsen und Haarfollikel. Das produzierte Ohrenschmalz schützt den Gehörgang vor dem Eindringen von Wasser, Staub und Schmutz.
Das Trommelfell (Membrana tympani) bildet die Grenze zwischen dem äußeren und dem Mittelohr. Es ist eine straffe, dünne Membran, die durch Schallwellen in Schwingung versetzt wird.
Innervation und Blutversorgung des Außenohrs
- Ventral: N. auriculotemporalis des N. mandibularis (V3) des N. trigeminus
- Mittig: N. auricularis posterior des N. facialis
- Dorsal: Plexus cervicalis des N. occipitalis minor und N. auricularis magnus
- Meatus acusticus externus: N. glossopharyngeus (IX) und N. vagus (X)
- Arterielle Versorgung: Äste der A. auricularis posterior aus der A. carotis externa und Äste der A. temporalis superficialis
- Venöser Abfluss: V. temporalis superficialis und V. auricularis posterior
- Lymphdrainage: Lymphsystem der Parotis, des Proc. mastoideus und der Halslymphknoten
Das Mittelohr
Das Mittelohr ist ein luftgefüllter Hohlraum, der auch als Paukenhöhle (Cavitas tympani) bezeichnet wird. Es enthält die drei Gehörknöchelchen: Hammer (Malleus), Amboss (Incus) und Steigbügel (Stapes). Diese Knochen sind die kleinsten im menschlichen Körper und bilden eine Kette, die die Schwingungen des Trommelfells auf das Innenohr überträgt.
- Hammer (Malleus): Ist mit dem Trommelfell verbunden und nimmt dessen Schwingungen auf.
- Amboss (Incus): Verbindet den Hammer mit dem Steigbügel.
- Steigbügel (Stapes): Ist mit dem ovalen Fenster verbunden, einer Membran, die das Mittelohr vom Innenohr trennt.
Die Gehörknöchelchen verstärken die Schallwellen und übertragen sie auf das ovale Fenster, wodurch die Flüssigkeit im Innenohr in Bewegung gesetzt wird. Der M. stapedius, ein kleiner Muskel im Mittelohr, verhindert ein übermäßiges Schwingen der Gehörknöchelchen und schützt das Innenohr vor zu lauten Geräuschen.
Die Tuba auditiva (Ohrtrompete) verbindet die Paukenhöhle mit dem Nasopharynx. Diese Verbindung ermöglicht den Ausgleich des Luftdrucks zwischen der Paukenhöhle und der Außenwelt.
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Wichtige anatomische Strukturen der Paukenhöhle
- Paries labyrinthicus: Trennt die Paukenhöhle vom Labyrinth des Innenohrs.
- Paries jugularis (Boden): Trennt die Paukenhöhle vom Bulbus superior der V. jugularis interna.
- Canalis caroticus: Enthält die A. carotis interna.
Innervation und Blutversorgung des Mittelohrs
- Paukenhöhle: Plexus tympanicus des N. glossopharyngeus (IX)
- Muskeln: N. trigeminus (V) und N. stapedius des N. facialis (VII)
- Arterielle Versorgung: Äste der A. carotis externa und A. meningea media
- Venöser Abfluss: Plexus pterygoideus
Das Innenohr
Das Innenohr befindet sich im Felsenbein und ist mit Flüssigkeit gefüllt. Es besteht aus dem knöchernen Labyrinth und dem darin enthaltenen membranösen Labyrinth (Labyrinthus membranaceus). Zwischen den beiden Labyrinthen befindet sich ein Spalt, der mit Perilymphe gefüllt ist. Das membranöse Labyrinth enthält Endolymphe. Die unterschiedlichen Elektrolytgehalte der Lymphen sind wichtig für den Prozess des Hörens.
Das Innenohr umfasst zwei Hauptstrukturen:
- Cochlea (Hörschnecke): Verantwortlich für das Hören.
- Vestibularapparat (Gleichgewichtsorgan): Verantwortlich für das Gleichgewicht.
Die Cochlea
Die Cochlea ist ein spiralförmiger, knöcherner Gang, der in drei Räume unterteilt ist:
- Scala vestibuli (Vorhoftreppe): Mit Perilymphe gefüllt.
- Scala media (Schneckengang): Mit Endolymphe gefüllt und enthält das Corti-Organ.
- Scala tympani (Paukentreppe): Mit Perilymphe gefüllt.
Das Corti-Organ befindet sich in der Scala media auf der Basilarmembran. Es enthält Haarzellen, die als Mechanorezeptoren fungieren und Schall in Nervenimpulse umwandeln. Die Stereozilien der Haarzellen reagieren auf die Bewegung der Endolymphe, die durch Schallwellen verursacht wird. Das Corti-Organ nimmt Schall in Form von Schwingungen auf und leitet die Informationen über den N. cochlearis weiter.
Der Vestibularapparat
Der Vestibularapparat besteht aus drei Bogengängen (Ductus semicirculares) und zwei Maculaorganen (Utriculus und Sacculus). Diese Strukturen sind für die Wahrnehmung von Bewegung und Lage des Kopfes im Raum verantwortlich.
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- Bogengänge: Detektieren Drehbewegungen des Kopfes.
- Utriculus und Sacculus: Detektieren lineare Beschleunigungen und die Schwerkraft.
Die Haarzellen des Vestibulums ermitteln die Bewegung und Position des Kopfes im Raum.
Innervation und Blutversorgung des Innenohrs
- Hören: N. cochlearis
- Gleichgewicht: N. vestibularis
- Nervus vestibulocochlearis (VIII): N. cochlearis und N. vestibularis vereinigen sich und bilden den N. vestibulocochlearis.
- Arterielle Versorgung: A. labyrinthi (Ast der A. cerebelli inferior anterior)
Hörvorgang
- Schallwellen gelangen über das äußere Ohr (Ohrmuschel und äußerer Gehörgang) zum Trommelfell und versetzen es in Schwingungen.
- Die Schwingungen werden über die Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel) im Mittelohr verstärkt und zum ovalen Fenster weitergeleitet.
- Die Schwingungen des ovalen Fensters erzeugen Druckwellen in der Flüssigkeit des Innenohrs (Perilymphe und Endolymphe).
- Die Druckwellen bewegen die Basilarmembran in der Cochlea und stimulieren die Haarzellen des Corti-Organs.
- Die Bewegung der Haarzellen führt zur Freisetzung von Neurotransmittern, die Nervenimpulse im N. cochlearis auslösen.
- Die Nervenimpulse werden zum Gehirn geleitet, wo sie als Schall interpretiert werden.
Häufige Erkrankungen des Ohrs
- Otitis externa: Entzündung des äußeren Gehörgangs, oft durch bakterielle Infektionen (z.B. Staphylococcus aureus) verursacht. Symptome sind Schmerzen, Juckreiz und Empfindlichkeit auf Berührung.
- Akute Otitis media: Akute Mittelohrentzündung, meist durch virale oder bakterielle Infektionen verursacht. Tritt häufig bei Kindern im Alter von 6 bis 18 Monaten auf. Symptome sind Fieber, Symptome einer Infektion der oberen Atemwege und Ohrenschmerzen.
- Hörstörungen: Werden in Schallleitungsstörungen und Schallempfindungsstörungen eingeteilt. Schallleitungsstörungen entstehen z.B. durch eine Schädigung des Mittelohrs, die eine ordnungsgemäße Schallübertragung verhindert. Hörminderung betrifft hauptsächlich tiefe Frequenzen.
- Tinnitus: Auditive Wahrnehmung von Rauschen oder Klingeln ohne externe Hörreize. Das wahrgenommene Geräusch wird als Pfeifen, Zischen, Summen, Klingeln und/oder Pulsieren beschrieben.
- Schwindel: Bewegungsgefühl zwischen sich selbst und der Umwelt. Schwindel ist nicht auf ein Rotationsgefühl beschränkt, sondern kann auch andere Bewegungsformen umfassen, wie z. B. Liftschwindel, Schwanken, Schaukeln oder nicht systematische Bewegungen.
Zusammenfassung
Das Ohr ist ein hochkomplexes Organ, das für das Hören und das Gleichgewicht unerlässlich ist. Seine anatomische Struktur, von der Ohrmuschel bis zu den feinen Haarzellen im Innenohr, ermöglicht die Umwandlung von Schallwellen in Nervenimpulse, die vom Gehirn interpretiert werden können. Das Verständnis der Anatomie des Ohrs ist entscheidend für das Verständnis seiner Funktion und der verschiedenen Erkrankungen, die es betreffen können.