Anatomie der Nerven oberhalb des Schädels: Eine umfassende Übersicht

Der Schädel (Cranium) bildet die knöcherne Grundlage des Kopfes und den Abschluss des Körpers nach oben. Er setzt sich aus diversen Einzelknochen zusammen und erfüllt mehrere Aufgaben. Daher ist seine Anatomie auch recht kompliziert. Der Schädel wird grob in einen Hirnschädel und einen Gesichtsschädel eingeteilt. Das Nervensystem des Menschen ist ein komplexes Netzwerk, das die Steuerung und Koordination aller Körperfunktionen ermöglicht. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Systems sind die Nerven, die sich oberhalb des Schädels befinden. Diese Nerven spielen eine entscheidende Rolle bei der sensorischen Wahrnehmung, der motorischen Steuerung und der Regulation autonomer Funktionen im Kopf- und Gesichtsbereich.

Der Schädel: Eine knöcherne Grundlage

Der Schädel, auch Cranium genannt, bildet die knöcherne Grundlage des Kopfes und schützt das Gehirn. Er besteht aus verschiedenen Einzelknochen, die in zwei Hauptgruppen unterteilt werden:

  • Hirnschädel (Neurocranium): Umschließt das Gehirn und besteht aus dem Stirnbein (Os frontale), dem Keilbein (Os sphenoidale), den paarigen Schläfenbeinen (Os temporale), den paarigen Scheitelbeinen (Os parietale) und dem Hinterhauptbein (Os occipitale).
  • Gesichtsschädel (Viscerocranium): Bildet das Gesicht und besteht aus dem Siebbein (Os ethmoidale), den paarigen Nasenbeinen (Os nasale), den paarigen Tränenbeinen (Os lacrimale), der paarigen unteren Nasenmuschel (Concha nasalis inferior), dem Pflugscharbein (Vomer), dem paarigen Jochbein (Os zygomaticum), dem paarigen Gaumenbein (Os palatinum), dem Oberkiefer (Maxilla) und dem Unterkiefer (Mandibula).

Die Schädelknochen sind durch Schädelnähte miteinander verbunden, die bei Kindern beweglicher sind und sich im Laufe der Zeit verknöchern.

Überblick über das Nervensystem

Das Nervensystem lässt sich in zwei Hauptbereiche unterteilen:

  • Zentrales Nervensystem (ZNS): Umfasst das Gehirn (Cerebrum) und das Rückenmark (Medulla spinalis). Es ist das Steuerungszentrum des Körpers und reguliert Funktionen wie Atmung, Bewegung, Verdauung und Fortpflanzung.
  • Peripheres Nervensystem (PNS): Beinhaltet alle Nervenbahnen außerhalb des ZNS. Es leitet Informationen von den Sinnesorganen zum ZNS und umgekehrt.

Die Nervenfasern, die zum ZNS führen, werden als afferente Nervenfasern bezeichnet und übermitteln sensorische Informationen. Die Nervenfasern, die vom ZNS wegführen, werden als efferente Nervenfasern bezeichnet und steuern Körperfunktionen und Bewegungen.

Lesen Sie auch: Diagnose von Schmerzen an der Außenseite des Knies

Das periphere Nervensystem wird weiter unterteilt in:

  • Somatisches Nervensystem: Steuert bewusst steuerbare Vorgänge wie Bewegungen und die Wahrnehmung von Umweltreizen.
  • Vegetatives Nervensystem: Reguliert unbewusste Körperfunktionen wie Atmung, Herzschlag und Verdauung. Es besteht aus dem Sympathikus (Anspannungsnerv), dem Parasympathikus (Entspannungsnerv) und dem enterischen Nervensystem (Steuerung des Verdauungstrakts).

Hirnnerven: Die Nerven des Kopfes

Die Hirnnerven sind zwölf Nervenpaare, die direkt aus dem Gehirn entspringen und für die sensorische und motorische Versorgung des Kopf- und Halsbereichs zuständig sind. Sie werden mit römischen Zahlen von I bis XII nummeriert.

Die Hirnnerven treten als Hirnnervenpaare aus dem Gehirn aus und werden mit den römischen Zahlen I bis XII nummeriert. Die Nummerierung beginnt mit dem Hirnnerv, der am weitesten rostral, das heißt am weitesten “vorne”, aus dem Gehirn austritt. Die Entwicklung findet in der vierten bis fünften Woche der Embryonalperiode statt.

Faserqualitäten der Hirnnerven

Die Faserqualitäten der Hirnnerven beschreiben die Funktionen, die ihnen zugeschrieben werden. Dazu gehören:

  • Sensorische Informationen: Reize aus der Umwelt, die über Sinnesorgane zum Gehirn gelangen (z. B. Riechen, Hören, Sehen).
  • Sensible Informationen: Reize, die von der Haut zum Gehirn weitergeleitet werden (z. B. Druck, Berührung, Temperatur, Schmerz).
  • Motorische Informationen: Informationen, die vom Gehirn zur Hals- und Kopfregion gesendet werden (efferente Fasern).
  • Viszerale Informationen: Informationen, die zwischen Gehirn und inneren Organen vermittelt werden.

Überblick über die zwölf Hirnnerven

  1. Nervus olfactorius (I): Riechnerv, leitet Geruchssignale von der Riechschleimhaut zum Gehirn.
  2. Nervus opticus (II): Sehnerv, überträgt visuelle Informationen vom Auge zum Gehirn.
  3. Nervus oculomotorius (III): Versorgt den Großteil der Augenmuskulatur und steuert die Linsenkrümmung für die Nahakkommodation.
  4. Nervus trochlearis (IV): Innerviert den Musculus obliquus superior, einen Augenmuskel.
  5. Nervus trigeminus (V): Leitet sensible Informationen vom Gesichtsbereich zum Gehirn und versorgt die Kaumuskulatur mit motorischen Fasern. Er teilt sich in drei Hauptäste auf:
    • Nervus ophthalmicus (V1)
    • Nervus maxillaris (V2)
    • Nervus mandibularis (V3)
  6. Nervus abducens (VI): Innerviert den Musculus rectus lateralis, einen Augenmuskel.
  7. Nervus facialis (VII): Gesichtsnerv, steuert die mimische Muskulatur, die Geschmackswahrnehmung im vorderen Zungenbereich und die Speichel- und Tränendrüsen.
  8. Nervus vestibulocochlearis (VIII): Zuständig für das Gleichgewichtsorgan (N. vestibularis) und das Hörorgan (N. cochlearis).
  9. Nervus glossopharyngeus (IX): Innerviert Strukturen im Mund- und Rachenbereich, die Speicheldrüsen und ist an der Blutdruckregulation beteiligt.
  10. Nervus vagus (X): Hauptnerv des Parasympathikus, versorgt Lunge, Herz, Magen, Leber, Niere, Darm und Gefäße.
  11. Nervus accessorius (XI): Versorgt den Musculus trapezius, den Musculus sternocleidomastoideus und die Kehlkopfmuskeln motorisch.
  12. Nervus hypoglossus (XII): Innerviert die Zungenmuskulatur.

Hirnnervenkerne

Die Hirnnervenkerne sind der Ursprung der Hirnnerven und befinden sich im Rückenmark und im Hirnstamm. Die Sinneszellen in der Riechschleimhaut sammeln sich zum Nervus olfactorius. Dieser tritt durch die Lamina cribrosa (Knochenabschnitt mit vielen kleinen Löchern) im Os ethmoidale (Siebbein) in den Schädel ein. Die Fasern sammeln sich im Bulbus olfactorius (Riechkolben), wo sie verschaltet werden. Die Fasern der Nervenzellen in der Netzhaut bündeln sich zum Nervus opticus. Er verlässt die Netzhaut und tritt durch den Canalis opticus in den Schädel ein. Die Fasern ziehen zum “Chiasma opticum“; Fasern die von der nasalen Seite der Netzhaut kommen, kreuzen auf die Gegenseite. Die Fasern der temporalen Seite verlaufen ungekreutzt weiter. Danach erstrecken sie sich als Tractus opticus zum Thalamus, wo sie verschaltet werden. Sie ziehen dann als Sehstrahlung (Radiatio optica) zur primären Sehrinde. Der Nervus oculomotorius entspringt aus den zwei Hirnnervenkernen Nucleus n. oculomotorii und Nucleus accessorius n. oculomotorii. Die Fasern aus beiden Kernen fügen sich zum Nerv zusammen und verlassen das Mittelhirn. Der Nerv zieht in der lateralen Wand des Sinus cavernosus (venöser Blutleiter) nach vorne und verlässt den Schädel durch die Fissura orbitalis superior in der Augenhöhle. Der Nervus trochlearis entspringt am Nucleus n. trochlearis im Mittelhirn. Er verlässt als einziger Hirnnerv das Gehirn hinten, also dorsal. Nucleus mesencephalicus n. Nucleus principalis n. Nucleus spinalis n. Nucleus motorius n. Alle Fasern treten seitlich aus dem Pons aus und vereinigen sich zum Nervus trigeminus. Die sensiblen Fasern lagern sich zum Ganglion trigeminale (Nervenzellansammlungen) zusammen. Der Nerv teilt sich dann in seine drei Hauptäste (N. ophthalmicus (V1), N. maxillaris (V2) und N. Der Nervus abducens entspringt aus dem Nucleus n. abducentis und tritt ventral (vorne) zwischen Pons und Medulla oblongata (verlängertes Rückenmark) aus. Der Nervus facialis (Gesichtsnerv) und der Nervus intermedius entspringen aus den Kernen Nucleus n. facialis, Nucleus tractus solitarii und Nucleus salivatorius superior. Sie treten gemeinsam aus dem Hirnstamm zwischen Pons und Olive aus. Der Nervus intermediofacialis tritt dann in den Meatus acusticus internus (Knochenkanal im Felsenbein) ein, dessen Fasern sich dann zum Ganglion geniculi (Nervenzellenansammlungen) zusammenlagern. Die Kerne Nucleus vestibularis superior, Nucleus vestibularis lateralis, Nucleus vestibularis medialis und der Nucleus vestibularis inferior gehören zum Nervus vestibularis. Die Fasern der fünf Kerne Nucleus spinalis n. trigemini, Nucleus salivatorius inferior, Nucleus tractus solitarii pars inferior, Nucleus tractus solitarii pars superior und Nucleus ambiguus treten gemeinsam seitlich hinter der Olive aus dem verlängerten Rückenmark aus. Sie ziehen Richtung Felsenbein, verdicken sich zum Ganglion superius n. glossopharyngei und treten dann durch das Foramen jugulare aus dem Schädel aus. Nach dem Austritt verdicken sie sich abermals zum Ganglion inferius n. glossopharyngei. Die Kerne des Nervus vagus sind der Nucleus spinalis n. trigemini, der Nucleus dorsalis, der Nucleus tractus solitarii pars inferior, der Nucleus tractus solitarii pars superior und der Nucleus ambiguus. Seine Fasern treten gemeinsam hinter der Olive aus dem verlängerten Rückenmark aus und verdicken sich zum Ganglion superius. Auf Höhe dieses Ganglions gibt der Nerv sensible Äste ab. Der Nervus Vagus tritt dann, wie der N. accessorius, durch das Foramen jugulare aus dem Schädel aus. Der Nervus vagus verläuft weiter und gibt gemischte Äste ab. Er zieht dann zur Speiseröhre und versorgt diese. Schließlich vereinen sich die Fasern zum Truncus vagalis anterior (vorderer Vagusstamm) und Truncus vagalis posterior. Die Fasern des ersten Kerns, des Nucleus ambiguus treten als “Radix (Wurzel) cranialis” unterhalb des N. vagus aus dem verlängertem Rückenmark aus. Die Fasern des zweiten Kerns, des Nucleus spinalis, treten außerhalb des Schädels auf Höhe des zweiten und fünften Halswirbels als Radix spinalis aus. Sie ziehen durch das Foramen magnum, durch das auch das verlängerte Rückenmark in den Schädel eintritt, in die Schädelhöhle. In dieser lagern sich die zwei Wurzeln zum Truncus nervi accessorii zusammen und treten gemeinsam durch das Foramen jugulare aus dem Schädel aus. Die Fasern des Nervus hypoglossus entspringen am Nucleus n. hypoglossi und verlassen den Hirnstamm zwischen unterer Olive und Pyramide.

Lesen Sie auch: Nurvet Kautabletten Nerven: Die Inhaltsstoffe und ihre Wirkung.

Die Dura Mater und venöse Blutleiter

Im Schädel ist die Dura, die harte Hirnhaut, von sehnenartiger Beschaffenheit, fest mit dem Schädelknochen verbunden; mit Ausnahme der Spalträume, die die venösen Blutleiter der Dura mater bilden. Diese harte Haut hüllt das ganze Gehirn ein. Sie bildet außerdem ein sagittal gestelltes Blatt, die große Hirnsichel, die sich zwischen den beiden Hemisphären tief in die Mittelspalte hinab zieht und den Innenraum des Schädels gliedert. Das Kleinhirn ist separat von einem Durazelt eingehüllt. Im Bereich des Rückenmarks liegt zwischen der Dura und der Knochenhaut (Periost), die den Wirbelkanal auskleidet, ein ringförmiger Spalt, der Epiduralraum (Cavitas epiduralis). Die Spinnwebenhaut (Arachnoidea) liegt nur durch einen kapillären Spaltraum getrennnt, an der Dura. Von ihr gehen zahllose feine Stränge aus, die locker gespannt zur weichen Hirnhaut (Pia mater) ziehen. Dadurch bleibt zischen Spinnwebenhaut und weichen Hirnhaut ein Spaltraum (subarachnoidaler Spaltraum) bestehen, der mit Nervenwasser (Liquor) gefüllt ist.Die weiche Hirnhaut (Pia mater) bekleidet die Oberfläche des gesamten Zentralnervensystems (ZNS). In ihr verlaufen auch die Blutgefäße. Im Bereich des Rückenmarks ist der Spaltraum (subarachnoidale Spaltraum) besonders weit. Die beiden Seitenventrikel der Großhirnhemisphären stehen in Verbindung mit dem in der Mitte gelegenen dritten Ventrikel des Zwischenhirns; von hier führt der Aquädukt zum vierten Ventrikel. Dieser steht über drei Öffnungen mit dem subarachnoidalen Raum (Spaltraum) zwischen Kleinhirn und verlängertem Mark in Verbindung, der hier zur sog. Der klare, farblose Liquor füllt auch den subarachnoidalen Spaltraum im Bereich des Schädels und des Rückenmarks, so dass ein Flüssigkeitsmantel das ganze Gehirn und Rückenmark umgibt. Der Liquordruck beträgt im Liegen 7-12 cm Wassersäule. Das gesamte Volumen von Ventrikelsystem und Subarachnoidalraum liegt bei etwas 125 ml. Ungefähr das Vierfache dieser Menge wird täglich in den Hirnventrikeln produziert. Die Liquorzirkulation entspricht der Reihenfolge der Ventrikel. Die Resorption erfolgt im Subarachnoidalraum. Liquor hat eine charakteristische chemische Zusammensetzung. Der Eiweiß- und Zellgehalt ist außerordentlich gering; ansonsten besteht Ähnlichkeit mit der Zusammensetzung des Blutplasmas. Der Subarachnoidalraum (Spaltraum) ist teilweise so weit, dass sich durch Punktion Liquor (Nervenwasser) gewinnen lässt. Bei Erkrankungen kann der Liquordruck und die Zusammensetzung des Liquors in typischer Weise verändert sein.

Klinische Relevanz

Erkrankungen des Nervensystems können vielfältige Ursachen haben, wie z. B. Entzündungen, Stoffwechselstörungen, Tumore oder Verletzungen. Die Diagnose erfolgt in der Regel durch eine neurologische Untersuchung, bildgebende Verfahren (z. B. CT, MRT) und psychometrische Tests.

Einige häufige neurologische Erkrankungen sind:

  • Morbus Parkinson: Eine neurodegenerative Erkrankung, die zu Bewegungsstörungen führt.
  • Morbus Alzheimer: Eine degenerative Hirnerkrankung, die mit fortschreitender Demenz einhergeht.
  • Schlaganfall: Eine plötzliche Durchblutungsstörung des Gehirns, die zu neurologischen Ausfällen führen kann.

Lesen Sie auch: Warum Eltern manchmal nerven

tags: #nerven #oberhalb #des #schadels