Nerven- und Muskelstimulator: Funktionsweise und Anwendungsgebiete

Ein Leben mit chronischen Schmerzen kann für Betroffene sehr belastend sein. Medikamente stoßen oft an ihre Grenzen, weshalb die Reizstromtherapie (TENS) eine vielversprechende Alternative zur Schmerzlinderung ohne Nebenwirkungen darstellt. In diesem Artikel werden die Funktionsweise, Anwendungsgebiete, Risiken und wichtige Aspekte der Therapie mit Nerven- und Muskelstimulatoren erläutert.

Einführung in die Reizstromtherapie (TENS)

Die Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS) ist eine seit über 40 Jahren in der Medizin anerkannte und bewährte Methode zur Schmerzlinderung. Dabei werden sanfte elektrische Impulse über Elektroden auf die Haut übertragen, die als angenehmes Kribbeln wahrgenommen werden. Diese Impulse können die Ausschüttung von körpereigenen, schmerzstillenden Substanzen (z. B. Endorphine) anregen und die Weiterleitung des Schmerzempfindens an das Gehirn blockieren oder verringern.

Wirkungsweise der TENS-Therapie

Die TENS-Therapie beeinflusst die Nervenbahnen, die für die Schmerzübermittlung zum Gehirn zuständig sind. Durch die elektrischen Impulse wird die Schmerzleitung minimiert oder sogar vollständig unterbrochen, wodurch die Schmerzsymptome reduziert werden. Gleichzeitig regt die Elektrotherapie die Ausschüttung von Endorphinen an, die als körpereigene Schmerzmittel eine langfristige Schmerzlinderung versprechen. Vereinfacht gesagt, maskiert die TENS-Therapie den Schmerz, ohne jedoch die Ursache zu beseitigen. Sie nimmt sich symptomatisch dem Schmerz an und kann so die Lebensqualität verbessern.

Je nach Einsatzzweck und Schmerzstärke kommen Stromschläge unterschiedlicher Intensität und Frequenz zum Einsatz. Niedrige Frequenzen zwischen zwei und vier Hertz regen die Ausschüttung der Endorphine im Gehirn an, während hohe Frequenzen bis 150 Hertz die Schmerzleitung der Nervenbahnen unterbrechen. Die Reizstromtherapie findet auch Einsatz im gezielten Aufbau der Muskulatur als Rehabilitationsmaßnahme oder beim Sport.

Geschichte der Reizstromtherapie

Auch wenn TENS erst mit der Möglichkeit künstlichen Strom zu erzeugen eine fundierte Basis erhielt, erstrecken sich seine frühen geschichtlichen Anfänge bis in die Antike. Es wurden bereits Hinweise aus ägyptischen, römischen und griechischen Kulturen gefunden, die zeigen, dass Behandlungen von Schmerzsymptomen mittels elektrischer Impulse bereits weit vor Christus stattgefunden haben. Statt Reizstromgeräten kamen Elektrizität erzeugende Fische wie Zitteraale, Zitterrochen und Zitterwelse für die Schmerztherapie zum Einsatz.

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Mitte des 18. Jahrhunderts stieg das moderne Interesse an der Elektrizität und ihrer künstlichen Erzeugung. Der Mediziner Luigi Galvani konnte in seinen Studien an Froschbeinen Muskelkontraktionen durch elektrische Ströme stimulieren. Seine Forschung verhalf zu entscheidenden Erkenntnissen über den Zusammenhang zwischen dem menschlichen Körper und Elektrizität.

In den 1960er Jahren erwachte das medizinische Interesse an elektrischem Strom neu. Die Arbeit der Professoren Ronald Melzack und Patrick Wall mit ihrem Konzept der Kontrollschranken, welche die Schmerzleitung im Körper maßgeblich beeinflussen, schufen die theoretische Grundlage für die Schmerzbehandlung mit Strom. Es entstand die Idee, die Weiterleitung über die Nervenbahnen mittels Stromschlägen zu unterbrechen.

Anwendungsgebiete der TENS-Therapie

TENS wird zur Therapie akuter und chronischer Schmerzen jeder Art angewandt. Auch bei rehabilitativen Maßnahmen nach Operationen oder Verletzungen wird TENS eingesetzt. Grundsätzlich ist eine Behandlung bei allen Arten von Schmerzen möglich. Bei akuten, regional begrenzten Schmerzen eignet sich eine Elektrotherapie mit hohen Frequenzen. Für eine wirksame Behandlung chronischer und allgemeinerer Schmerzen kommen in erster Linie niederfrequente Impulse zum Einsatz.

Die Intensität der Schmerzen lässt nach einer Behandlung oft so weit nach, dass auf zusätzliche chemische Schmerzmittel teilweise oder sogar ganz verzichtet werden kann. Essenziell für den Erfolg der Schmerztherapie ist neben der Wahl der richtigen Stromfrequenz und Stromstärke, sowie der Dauer der Reizstromtherapie, auch die richtige Positionierung der Elektroden auf der Haut.

Beispiele für Anwendungsgebiete

  • Schmerztherapie: Rückenschmerzen, Knieschmerzen, Arthroseschmerzen, Schmerzen als Folge eines HWS-Syndroms, postoperative Schmerzen, Schmerzen aufgrund von Verletzungen
  • Muskelbehandlung: Muskelverspannungen, Muskelatrophie (Muskelschwund), Muskelkrämpfe, Verbesserung der Muskelkraft nach Schlaganfall oder Operation
  • Wundbehandlung: Beschleunigung der Heilung offener Druckstellen oder Operationswunden
  • Neurologische Erkrankungen: Schlaganfall-Rehabilitation, Multiple Sklerose (MS), Morbus Parkinson
  • Inkontinenz: Ergänzung zu aktivem Beckenbodentraining bei leichter bis mittelschwerer Inkontinenz
  • Fußheberschwäche: Stimulation des Wadenmuskels zur Verhinderung von Stürzen und Verbesserung des Gangbildes

TENS vs. EMS: Was ist der Unterschied?

Obwohl beide Verfahren elektrische Impulse nutzen, um eine Schmerzlinderung zu erzielen, gibt es wesentliche Unterschiede zwischen TENS (Transkutane Elektrische Nervenstimulation) und EMS (Elektrische Muskelstimulation).

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TENS (Transkutane Elektrische Nervenstimulation)

  • Ziel: Schmerzlinderung durch Beeinflussung der Nerven
  • Wirkungsweise: Blockierung der Schmerzübertragung an das Gehirn, Stimulation der Endorphinausschüttung, Verbesserung der Durchblutung
  • Anwendungsgebiete: Nerven-, Muskel- oder Gelenkschmerzen, chronische Schmerzen (Arthritis, Rückenschmerzen, Migräne), akute Schmerzen (Geburtsschmerzen, postoperative Schmerzen)

EMS (Elektrische Muskelstimulation)

  • Ziel: Entspannung oder Stärkung der Muskeln
  • Wirkungsweise: Direkte Stimulation der Muskeln, was zu einer Kontraktion führt, Verbesserung der Durchblutung, Entspannung des Muskels, Linderung von Entzündungen, Vorbeugung von Muskelschwund, Beschleunigung der Heilung des Muskels, Stimulation des Muskelwachstums
  • Anwendungsgebiete: Muskelkrämpfe, schlechte Durchblutung (besonders im Rücken und Nacken), Muskelschwund aufgrund einer Erkrankung, Rehabilitation nach einer Verletzung, Muskelaufbau bei Sportlern

Der Hauptunterschied liegt darin, dass TENS-Geräte die Nerven stimulieren, um Schmerzen zu lindern, während EMS-Geräte die Muskeln stimulieren, um sie zu rehabilitieren und zu stärken.

Anwendung und Bedienung von TENS-Geräten

Die Anwendung von TENS-Geräten ist einfach und kann nach einer Einweisung durch einen Therapeuten oder Arzt auch zu Hause durchgeführt werden. Moderne Geräte sind benutzerfreundlich und individuell einstellbar.

Vorbereitung

  1. Haut reinigen: Reinigen Sie die Haut an der Stelle, an der die Elektroden angebracht werden sollen, mit milder, unparfümierter Seife. Rasieren Sie die Stelle gegebenenfalls, um einen besseren Kontakt zu gewährleisten.
  2. Elektroden platzieren: Platzieren Sie die selbstklebenden Elektroden auf der Haut in der Nähe der Schmerzquelle. Achten Sie darauf, dass die Elektroden nicht direkt auf Wunden, Geschwüren oder entzündeten Hautstellen angebracht werden.
  3. Gerät einstellen: Stellen Sie die Intensität, Frequenz und Dauer der elektrischen Impulse gemäß den Anweisungen Ihres Arztes oder Therapeuten ein. Beginnen Sie mit einer niedrigen Intensität und steigern Sie diese langsam, bis Sie ein angenehmes Kribbeln spüren.

Durchführung

  1. Sitzungsdauer: Eine typische Sitzung dauert zwischen 15 und 30 Minuten. Die Anwendung kann zwei- bis dreimal täglich wiederholt werden.
  2. Überwachung: Achten Sie während der Behandlung auf Ihre Haut und überprüfen Sie sie nach jeder Anwendung auf Reizungen. Cremen Sie die Hautstellen nach der Behandlung mit einer Hautpflegelotion ein, um sie vor dem Austrocknen zu schützen.
  3. Gewöhnungseffekt: Da bei dauerhafter Anwendung Gewöhnungseffekte auftreten können, ist es empfehlenswert, die Anwendungszeiten nicht wesentlich zu überschreiten und gegebenenfalls eine Reizpause von zehn bis 15 Tagen einzulegen.

Tipps für die Elektrodenplatzierung

  • Schmerzquelle: Platzieren Sie die Elektroden in der Nähe der Schmerzquelle.
  • Nervenverlauf: Richten Sie die Elektroden entlang des Verlaufs der betroffenen Nerven aus.
  • Gegenüberliegende Seiten: Platzieren Sie die Elektroden auf gegenüberliegenden Seiten des Körpers, um den Stromfluss durch das schmerzende Gebiet zu lenken.
  • Experimentieren: Experimentieren Sie mit verschiedenen Platzierungen, um die effektivste Position für Ihre individuellen Bedürfnisse zu finden.

Risiken und Kontraindikationen

Obwohl die TENS-Therapie generell sicher ist und keine nennenswerten Nebenwirkungen zu erwarten sind, gibt es bestimmte Fälle, in denen von dieser transkutanen Elektrotherapie abgeraten wird.

Kontraindikationen

  • Herzschrittmacher oder implantierter Defibrillator: Träger dieser Geräte sollten auf den Einsatz von TENS verzichten, um eine negative Wechselwirkung zu vermeiden.
  • Metallische Implantate: TENS-Anwendungen sollten nicht in dem Bereich dieser Implantate angewendet werden.
  • Epilepsie: Menschen mit Epilepsie sollten auf die Behandlung verzichten.
  • Schwangerschaft: In der Schwangerschaft kann TENS zur Minderung der Geburtsschmerzen beitragen, sollte aber generell nur nach Rücksprache mit einem Arzt Anwendung finden.
  • Verletzte Haut, Augen, Hauptschlagadern: Die Elektroden sollten nicht direkt auf verletzter Haut, direkt über dem Auge oder den Hauptschlagadern angebracht werden.
  • Entzündungen: Da die Durchblutung der behandelten Körperstelle angeregt wird, kann es bei entzündlichen Ursachen für den Schmerz empfehlenswert sein, auf den Einsatz von TENS zu verzichten.
  • Thrombose: Bei Thrombosen in Arterien oder Venen (Blutgerinnsel könnten sich ablösen) sollte TENS nicht angewendet werden.
  • Tumorerkrankungen: Bei bösartigen Tumorerkrankungen sollte die Elektrotherapie vermieden werden.
  • Fieberhafte Krankheitsprozesse: Bei Fieber und/oder Infektionen ist TENS kontraindiziert.
  • Erhöhte Blutungsneigung: Bei erhöhter Blutungsneigung sollte auf TENS verzichtet werden.

Mögliche Nebenwirkungen

  • Hautreizungen: Bei falscher Anwendung oder Überempfindlichkeit können Hautreizungen auftreten.
  • Überstimulationssyndrom: In seltenen Fällen kann es zu einer Verstärkung der Schmerzen aufgrund einer schlecht eingestellten Intensität kommen.
  • Muskelkater: Bei zu intensiver Anwendung kann es zu Muskelkater kommen.

Kostenübernahme durch Krankenkassen

Aufgrund der in verschiedenen Studien erwiesenen Wirksamkeit übernehmen seit den 1980er Jahren viele Krankenkassen die Kosten einer Reizstromtherapie. Die Verordnung erfolgt durch den Arzt/die Ärztin nach den gesetzlichen Regelungen und Heilmittelrichtlinien. PatientInnen haben lediglich den festgelegten Eigenanteil von 10 Prozent der Kosten für die Heilmitteltherapie sowie 10 Euro je Verordnung selbst zu tragen.

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