Die Anästhesie des Nervus lingualis ist ein wichtiger Bestandteil vieler zahnärztlicher Eingriffe. Obwohl sie in der Regel sicher ist, können Komplikationen auftreten. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen für Komplikationen bei der Anästhesie des Nervus lingualis, die klinischen Erscheinungsbilder, diagnostischen Methoden und Behandlungsansätze. Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis für die Vermeidung und das Management dieser Komplikationen zu vermitteln.
Einführung
Der Nervus lingualis ist ein sensibler Nerv, der für die Sensibilität der vorderen zwei Drittel der Zunge und das Geschmacksempfinden verantwortlich ist. In der Zahnmedizin spielt er eine wichtige Rolle, insbesondere bei Eingriffen im Unterkieferbereich. Eine präzise Lokalanästhesie des Nervus lingualis ist entscheidend für das Schmerzmanagement bei Patienten.
Ursachen für Nervus lingualis Verletzungen
Nervverletzungen können grundsätzlich in therapeutische und idiopathische Ursachen unterteilt werden. Traumatische Läsionen beeinträchtigen die Fähigkeit des Nervs, Impulse weiterzuleiten, was zu Funktionsstörungen wie Lähmungen, Gefühlsstörungen oder vegetativen Störungen führen kann.
Iatrogene Ursachen
Iatrogene Schädigungen, d.h. durch zahnärztliche Behandlungen verursachte Verletzungen, sind eine Hauptursache für Nervus lingualis Komplikationen. Dazu gehören:
- Lokalanästhesie: Obwohl selten (Inzidenz: 1:785.000), kann eine Nervschädigung durch Lokalanästhesie auftreten, wobei der Nervus lingualis am häufigsten betroffen ist. Das Risiko hängt vom verwendeten Präparat und dessen Konzentration ab. Prilocain birgt ein fünfmal höheres Risiko als Lidocain oder Mepivacain. Eine intraneurale Injektion ohne Kontinuitätsunterbrechung des Nervs kann ebenfalls zu Schäden führen.
- Chirurgische Eingriffe:
- Implantationen: Unzureichende präoperative Diagnostik (Orthopantomogramm, digitales Volumentomogramm) und Operationstechnik können zu Nervschädigungen führen. Insbesondere die Schnittführung birgt das Risiko, den Nervus lingualis zu verletzen.
- Weisheitszahnosteotomie: Direkte Traumata durch scharfe oder stumpfe Instrumente, postoperative Ödeme, Hämatome oder Wundinfektionen können den Nervus lingualis schädigen. Eine unsachgemäße Handhabung von Hebeln oder dislozierte Zahnwurzeln können ebenfalls zu Verletzungen führen. Das Risiko steigt bei älteren Patienten, voll ausgebildeten Wurzeln, tiefer Verlagerung der Weisheitszähne oder Überlagerung des Mandibularkanals auf Röntgenbildern.
- Endodontische Behandlungen: Eine Überinstrumentierung oder Überstopfung mit Wurzelkanalfüllmaterial kann zu einem Nervtrauma führen. Natriumhypochlorid, das zum Spülen des Wurzelkanals verwendet wird, kann bei zu hohem Druck in den Wurzelkanal eingebracht werden und toxische Schäden verursachen.
Weitere Ursachen
- Unterkieferfrakturen: Durch Unfälle verursachte Unterkieferfrakturen können den Nervus alveolaris inferior verletzen.
- Bisphosphonate: Die Behandlung mit Bisphosphonaten kann Osteonekrosen im Kieferbereich verursachen und Sensibilitätsstörungen hervorrufen.
- Tumoren: Gutartige oder bösartige Tumoren können Sensibilitätsstörungen im Ausbreitungsgebiet sensibler Nerven verursachen.
- Infektionen: Eine Herpes Zoster-Infektion kann differenzialdiagnostisch bei Sensibilitätsstörungen des Nervs in Betracht gezogen werden.
- Direkte Nervverletzungen: Traumatisierung der Pulpa, tiefe kariöse Zerstörung, Präparation eines Zahnes, okklusale Überbelastungen und mechanische Schäden können Nervengewebe im Zahn verletzen.
Klinische Symptome
Die klinischen Symptome bei Nervschädigungen können vielfältig sein. Es können verstärkte Empfindungen von Reizen (Hyperästhesie), verminderte Wahrnehmung (Hypästhesie) oder ein kompletter Sensibilitätsausfall (Anästhesie) auftreten. Weiterhin können Missempfindungen (Dysästhesie) oder abnorme Empfindlichkeiten (Parästhesie) auftreten. Bei Verletzungen des Nervus lingualis können Geschmacksstörungen auftreten.
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Diagnostik
Zur genauen Diagnostik und Objektivierung von Nervschädigungen stehen unterschiedliche Untersuchungsmethoden zur Verfügung. Zuerst muss die Ursache, der Zeitpunkt und der Umfang der Verletzung abgeklärt werden.
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte des Patienten, um mögliche Ursachen für die Nervschädigung zu identifizieren. Hierbei werden auch Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme und frühere zahnärztliche Behandlungen berücksichtigt.
- Klinische Untersuchung:
- Sensibilitätsprüfung: Überprüfung der Empfindungsqualität der Unterlippe und Zunge (bei Verdacht auf Schädigung des Nervus alveolaris inferior bzw. lingualis). Hierbei wird überprüft, ob und wie stark der Patient Druck, Berührung, Schmerz und Temperatur empfindet. Zusätzlich wird die Spitz-Stumpf-Diskriminanz bewertet.
- Vitalitätstest: Untersuchung der Vitalität der Zähne und der Sensibilität der Gingiva.
- Funktionsprüfung: Beurteilung der Funktion der Kaumuskulatur und der Mundöffnung.
- Radiologische Untersuchung:
- Orthopantomogramm (OPG): Übersichtsröntgenaufnahme beider Kiefer, um einen ersten Überblick über die anatomischen Verhältnisse zu erhalten.
- Digitale Volumentomographie (DVT): Dreidimensionale Röntgenaufnahme, die eine detaillierte Darstellung der Knochenstrukturen und des Verlaufs des Mandibularkanals ermöglicht. Dies ist besonders wichtig bei Implantationen und Weisheitszahnentfernungen.
- Einzelzahnröntgen: Zur Beurteilung der Wurzelkanalfüllung und des periapikalen Bereichs bei endodontischen Problemen.
- Elektrophysiologische Untersuchung:
- Somatosensorisch evozierte Potenziale (SSEP): Aufzeichnung der elektrischen Aktivität des Gehirns als Reaktion auf Stimulation eines peripheren Nervs.
- Kieferöffnungsreflex: Elektrophysiologische Methode zur Objektivierung trigeminaler Sensibilitätsstörungen. Muskelaktionspotenziale werden abgeleitet, um neurogene Schädigungen zu beurteilen und zu differenzieren.
- Einteilung der Nervschädigung: Die Einteilung der Nervschädigung erfolgt nach Schweregraden in der Klassifizierung von Seddon und Sunderland.
Therapie
Die Therapie von Nervus lingualis Verletzungen richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad der Schädigung.
Konservative Therapie
- Abwarten und Beobachten: Zunächst wird die spontane Regeneration abgewartet, insbesondere bei leichten Schädigungen.
- Antiödematöse Therapie: Steroide (z.B. Decortin) können für drei bis vier Tage verabreicht werden, um eine Kompression des Nervs durch ein Ödem zu vermeiden (z.B. 1. Tag 20 mg, 2. Tag 10 mg, 3. Tag 5 mg).
- Schmerzmanagement: Analgetika zur Schmerzlinderung.
- Vitamin B-Präparate: Können zur Unterstützung der Nervregeneration eingesetzt werden.
- Weitere medikamentöse Therapien: Antidepressiva, Muskelrelaxantien und topische Medikamente können zur Beschwerdelinderung eingesetzt werden, aber es gibt kein eindeutiges, standardisiertes Protokoll mit nachweisbarem Effekt auf die Langzeitprognose.
Chirurgische Therapie
- Nervenrekonstruktion: Bei gesicherter Kontinuitätsunterbrechung des Nervs ist eine sofortige oder frühe Sekundärrekonstruktion erforderlich.
- Chirurgische Revision: Bei dauerhaftem Teilausfall (Hyperästhesie) kann nach sechs Monaten eine chirurgische Revision durchgeführt werden. Eventuell kann der betroffene Nervenanteil reseziert und durch ein Transplantat ersetzt werden (Erfolgschance 50 bis 60 Prozent).
- Entfernung von Fremdmaterial: Falls Wurzelfüllmaterial in den Mandibularkanal überstopft wird, ist eine sofortige chirurgische Therapie erforderlich, um bleibende toxische Schäden des Nerven zu vermeiden.
- Nervtransplantation: Bei Nervschädigungen chemisch-toxischer Genese stellt die Resektion des Nervensegmentes mit anschließender Nervtransplantation die Therapie der Wahl dar.
- Dekompression des Nervus alveolaris inferior: Bei Kompression des Nervs durch überpresstes Wurzelkanalfüllmaterial wird eine operative Entfernung des Fremdmaterials aus dem Canalis mandibulae in Kombination mit einer Wurzelspitzenresektion durchgeführt.
Alternative Therapieansätze
- Akupunktur: Verschiedene Formen der Akupunktur (klassische Akupunktur, Akupunktur mit Moxibution, Akupunktur mit elektrischer Nadelstimulation) werden zur Unterstützung der Regeneration von geschädigten Nerven angewendet.
Prävention
Um Schädigungen im Bereich von Nerven zu vermeiden, muss der entsprechende Nerv bei der zahnärztlichen Behandlung maximal geschont werden.
- Sorgfältige Diagnostik: Während der Diagnostik müssen die anatomischen Strukturen genauestens untersucht werden. Um eine präzise räumliche Orientierung zu bekommen, ist oft eine radiologische Untersuchung in zwei Ebenen (gegebenenfalls auch dreidimensional) erforderlich.
- Stumpfe Präparation: Grundsätzlich ist eine stumpfe Präparation anzuwenden.
- Sicherheitsabstand: Bei implantologischen Versorgungen im posterioren Bereich der Mandibula wird empfohlen, einen Sicherheitsabstand von 2mm zum Nervenkanal einzuhalten.
- Schutz der Nerven während der OP: Während der OP muss darauf geachtet werden, die entsprechenden Nerven zu schonen und eventuell mit einem Instrument zu schützen.
- Adäquate Spültechnik: Bei endodontischen Behandlungen ist eine adäquate Spültechnik mit leichtem Druck und der Verwendung von seitlich perforierten Spülkanülen unabdingbar, um die periradikulären Strukturen zu schonen.
- Vermeidung neurotoxischer Materialien: Auf die Wahl des Sealers sollte geachtet werden. Eugenol- oder paraformaldehydhaltige Sealer sind in der endodontischen Obturation wegen ihres Potenzials der chemischen Zersetzung von Nervaxonen ohnehin nicht mehr empfohlen.
- Patientenaufklärung: Bei jedem chirurgischen Eingriff muss der Patient gründlich über mögliche Risiken und Komplikationen aufgeklärt werden.
Rechtliche Aspekte
Falls nach einer Operation eine Nervschädigung diagnostiziert wird, stellt sich die Frage, ob der Schaden vermeidbar war oder auf grobe Fahrlässigkeit zurückzuführen ist. Jeder Patient muss vor jeder Injektion über Risiken informiert werden (OLG Koblenz, Urteil vom 13.05.2004 - 5U 41/03). Die Höhe des Schmerzensgeldes für Patienten, deren Nerv aufgrund einer zahnärztlichen Behandlung dauerhaft geschädigt ist, liegt zwischen 2.000 und 10.000 Euro.
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