Vagusnerv-Reizung in der Osteopathie: Ein umfassender Überblick

Zusammenfassung

Neben der übergeordneten Regulation durch das mesenzephale periaquäduktale Grau (PAG) spielt das Neurovegetativum, insbesondere die Vagusaktivität, eine wesentliche Rolle bei der Regulation von Stressreaktionen. Dieser Artikel erläutert, diskutiert und präsentiert wichtige Studienergebnisse und Zusammenhänge, Dysfunktionswirkmechanismen, Diagnostik und osteopathische Behandlungsansätze und -techniken sowie Selbstmanagementansätze zur Regulation des Vagus.

Schlüsselwörter: vagale Wirkmechanismen, Vagusdysfunktion, Diagnostik und Interpretation der Vagusaktivität, Selbsthilfeansätze, osteopathische Vagusnervstimulation (VNS), mesenzephales periaquäduktales Grau, psychosomatische Osteopathie

Einleitung

Verhaltenszustände wie Kampf und Flucht, Immobilisations- bzw. Freezing-Zustände und Risikoabschätzung werden übergeordnet durch das mesenzephale periaquäduktale Grau (PAG) koordiniert. Dabei werden vagale Afferenzen durch den Nucleus tractus solitarii zu PAG, Hypothalamus, Amygdala sowie zum insulären, zingulären und präfrontalen Kortex weitergeleitet, wo sie in emotionale und kognitive Prozesse integriert werden.

Auch wenn die populäre Polyvagaltheorie nicht angemessen diese anatomischen Gegebenheiten und Wirkmechanismen berücksichtigt, hat der Vagus dennoch hohe Bedeutung. So scheinen subdiaphragmale vagale Afferenzen die angeborene Angst, erlernte Furcht und andere Verhaltensweisen zu beeinflussen. Zudem modulieren vagale Afferenzen in verschiedenen experimentellen Modellen spinale nozizeptive Prozesse.

Evolutionär regelte und regelt das autonome Nervensystem die Aufrechterhaltung der wichtigsten Körperunktionen. So reagierten Beutetiere auf Gefahr durch Fressfeinde mittels Erstarrung und Herunterfahren des Stoffwechsels. Dieses Verhalten wurde durch den Parasympathikus geregelt, der ein solches Verhalten notfalls über die Belange der Stoffwechselfunktionen stellte. Daran wird deutlich, wie in regulatorischen Systemen hierarchisch der Gesamtorganismus in seinem Überleben vor einzelnen Organfunktionen steht. Der Sympathikus entwickelte sich in Zusammenhang mit Flucht- statt Erstarrungsverhalten sowie Jagdinstinkt und Kampfkontrollmechanismen. Dies äußert sich in Pupillenweitstellung (bessere Dämmerungssicht und schärfere Sehfeldrandbeobachtung), Erweiterung der Extremitäten- und Lungenblutgefäße (nötig für Flucht- und Kampfverhalten) und Anstieg von Stresshormonen für schnellere Reaktionen und Glukosebereitstellung. Auch hier steht der Gesamtorganismus im Fokus und nicht ausschließlich das Funktionieren einzelner Organe. Dabei wirken Parasympathikus und Sympathikus nicht zwangsläufig antagonistisch. Unmyelinisierte Fasern, hauptsächlich vom Ncl. dorsalis nervi vagi ausgehend, regeln die Durchblutung und Aktivität der Bauchorgane, während myelinisierte Fasern, ausgehend vom Ncl. ambiguus, die Brustkorborgane Herz und Lunge sowie die Sprache (Nn. laryngei superior und recurrens) und das Hören menschlicher Sprache (u.a. N. stapedius nach Verschaltung mit dem N. facialis) regulieren. Auch vagale Einflüsse auf die Herzratenvariabilität (HRV), die Blutzuckerkontrolle und das Immunsystem sowie Stimmlage, Appetit und Bronchienfunktion bestehen. Der N. vagus wirkt als Bindeglied zwischen dem peripheren autonomen Nervensystem und dem Gehirn. Er begünstigt auch die Speicherung von Erinnerungen. So konnte gezeigt werden, dass Vagusnervstimulation hirnplastizitäts- und gedächtnisfördernde Effekte erzielt.

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Afferenzen bestehen insbesondere vom Darm und anderen Bauchorganen. So beeinflussen afferente Fasern des N. vagus metabolisch die Mikroglia des Gehirns. Normalerweise ist das zentrale Nervensystem durch die Blut-Hirn-Schranke geschützt. Sie kann aber möglicherweise durch den Vagus beschädigt werden, indem efferent vom Magen-Darm-Trakt die Mikroglia in vagalen Strukturen aktiviert und die Darm-Hirn-Kommunikation verändern werden kann.

Pathophysiologisch ist der Vagus beispielsweise bei Kopfschmerzen, Depressionen und posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) von Bedeutung. Darüber hinaus hat der N. vagus aber auch starken Einfluss auf das Immunsystem, die Herzratenvariabilität, die Blutzuckerkontrolle, das Entstehen und die Modulation von Kopfschmerzen (u.a. bei Migräne über Serotoninausschüttung), unsere Stimmlage, die Funktion unserer Bronchien, die Appetitkontrolle, das Entstehen von Depressionen etc.

Der Vagusnerv: Ein Überblick

Der Vagusnerv, auch bekannt als Nervus vagus, ist der zehnte Hirnnerv und ein zentraler Bestandteil des parasympathischen Nervensystems. Sein Name bedeutet „der Umherschweifende“, was seine weitläufige Verteilung im Körper widerspiegelt. Vom Hirnstamm zieht er durch Hals und Brustraum bis in den Bauch, wo er zahlreiche Organe erreicht und beeinflusst.

Funktionen des Vagusnervs

Der Vagusnerv spielt eine entscheidende Rolle bei der Steuerung unbewusster Körperfunktionen, darunter:

  • Herzschlag: Verlangsamung der Herzfrequenz
  • Atmung: Regulation der Atemtiefe und -frequenz
  • Verdauung: Förderung der Verdauungsaktivität durch Anregung der Magen- und Darmtätigkeit
  • Immunfunktion: Modulation von Entzündungsreaktionen
  • Stimmbildung: Steuerung der Kehlkopfmuskulatur
  • Gefühlsregulation: Beeinflussung von Angst, Stress und sozialem Verhalten

Das Vegetative Nervensystem: Sympathikus und Parasympathikus

Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei Hauptkomponenten: dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Der Sympathikus ist für die "Kampf-oder-Flucht"-Reaktion zuständig und aktiviert den Körper in Stresssituationen. Der Parasympathikus, dessen Hauptnerv der Vagus ist, fördert Ruhe, Entspannung und Regeneration.

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In unserer modernen Gesellschaft überwiegt bei vielen Menschen die Aktivität des Sympathikus aufgrund von chronischem Stress. Dies kann zu einem Ungleichgewicht im vegetativen Nervensystem führen und verschiedene gesundheitliche Probleme verursachen.

Vagusdysfunktionen

Die Vagusaktivität kann sowohl erniedrigt als auch erhöht sein, was zu unterschiedlichen Dysfunktionen führen kann.

Erniedrigte Vagusaktivität (Hypotonie)

Eine erniedrigte Vagusaktivität kann mit folgenden Zuständen einhergehen:

  • Autoimmunerkrankungen wie Colitis ulcerosa
  • Erniedrigte Immunität
  • Malabsorption
  • Übergewicht
  • Alkoholabusus (in Kombination mit normotoner Aktivität des enterischen Nervensystems)
  • Diabetes mellitus Typ 2 (in Kombination mit normotoner Aktivität des enterischen Nervensystems)
  • Erhöhtes Risiko für neurodegenerative Erkrankungen (in Kombination mit hypotoner Aktivität des enterischen Nervensystems)

Bei einer hypotonen Vagusaktivität mit einer hypotonen Aktivität des enterischen Nervensystems sollte zunächst die niedrige Immunlage verbessert und die Viruslast vermindert und erst anschließend der N. vagus stimuliert werden. Zudem kann die Dünndarmregion gedehnt werden, um die myenterische Aktivität zu steigern.

Erhöhte Vagusaktivität (Hypertonie)

Eine erhöhte Vagusaktivität kann ebenfalls dysfunktionell sein und beispielsweise bei folgenden Zuständen auftreten:

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  • Allergien
  • Morbus Crohn
  • Fettleibigkeit

Bei einer hypertonen Vagusaktivität können mittels OMT das Zwerchfell, die Radix mesenterii sowie die hochzervikale Region gedehnt werden.

Erhöhte Vagusaktivität bei jungen Menschen kann zu einem Anstieg der Magensäureproduktion, verstärkter Magenentleerung und unter Umständen zu Durchfall führen. Hier sollte zusätzlich zu den manuellen Ansätzen die Mundregion gereinigt und die Pathogenbelastung reduziert werden.

Diagnostik der Vagusaktivität

Verschiedene Methoden können zur Beurteilung der Vagusaktivität eingesetzt werden:

  • Geruchssinn: Ätherisches Lavendelöl unter die Nase halten. Durch Stimulation des Vagus wird die Magenentleerung gefördert. Dies ist hörbar, z.B. mit dem Stethoskop in der Region des Pylorus.

  • Schlucken: Trinken von einem Glas Wasser dient zum Test des Vagus im Ösophagus (Norm etwa 5 Sekunden; bei verminderter Aktivität und z.B. bei Parkinson-Erkrankung ist der Schluckzeitraum reduziert).

  • HRV-Messung: HRV-Messparameter geben Einblick in die autonome Funktion des Herzens und ermöglichen Einschätzungen zur Funktionsweise des autonomen Nervensystems. Der N. vagus leitet Informationen viel schneller als der Sympathikus. So ist die Vagusaktivierung der Herzfrequenz bis zu 8-fach schneller im Vergleich zur Sympathikusaktivierung, sodass Schwankungen der Herzfrequenz viel stärker durch den Vagus bestimmt werden.

  • Ruffier-Dickson-Test: Zur Bestimmung einer Hypotonie des N. vagus - Nach 1 Minute in Rückenlage die Pulsschläge messen (P1), Kniebeugen 30× bzw. für 45 Sekunden durchführen, dann Pulsschläge im Stand direkt danach (P2) sowie nach 1 Minute in Rückenlage nochmals messen (P3). Der Dickson-Index dient zur Beurteilung der Erholungsfähigkeit des Herzens nach einer Anstrengung.

    • Berechnung des Dickson-Index: ((P2-70) + 2 (P3-P1))/10
    • Bewertung: <0 = exzellent, 0-2 = sehr gut, 2-4 = gut, 4-6 = mittel, 6-8 = schwach, 8-10 = sehr schwach, >10 = schlechte Anpassung
  • Weitere mögliche Hinweise für eine verminderte Vagusaktivität:

    • Verminderte Halsmobilität und Kieferstörungen, CMD (kraniomandibuläre Dysfunktion).
    • Viszeralfett: Hier kann eine Bauchumfangsmesssung vorgenommen werden (bei Übergewicht ist die Vagusaktivität erniedrigt, bei Fettleibigkeit dysfunktionell erhöht).
    • Kompression der Pars descendens des Duodenums mit der Gefahr eines Refluxes.
    • Positive Triggerpunkte der Nacken- und Kiefermuskulatur.
    • Spannungseinschränkungen im Bereich der Vagina carotica.
    • Positiver Gesret-Punkt: Dieser befindet sich meist interkostal unter der linken Achsel, seltener rechts. Der Test ist positiv bei Druckschmerzhaftigkeit und Palpation einer Art Fettkugel in dieser Region.
    • Virusbelastungen: durch Blutuntersuchungen.
    • Vorhandensein von Proprionibakterien im Mundbereich: Befundung mittels UV-Lampe.

Osteopathische Vagusnervstimulation (VNS)

Die Stimulation des Vagusnervs während einer Expositionstherapie - wie möglicherweise im osteopathischen Ansatz der multimodalen bifokalen Integration nach Liem angewendet - beseitigt Angst, Hypervigilanz, Vermeidungsverhalten und asoziales Verhalten in Tierversuchen zu posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS). VNS verstärkte im Versuch an Ratten die Löschung konditionierter Angst, ohne und mit PTBS. VNS kann außerdem Angst-Löschungsstörungen entgegenwirken, angstähnliches Verhalten reduzieren, andere PTBS Symptome verbessern sowie konditionierte Furchtreaktionen erleichtern. Es konnte zudem gezeigt werden, dass die Anzahl der Schlüsselmoleküle, die die synaptische Plastizität fördern, durch VNS erhöht werden kann, z.B. Acetylcholin, Serotonin, Noradrenalin, Fibroblasten-Wachstumsfaktor-1 (FGF-1) und der Wachstumsfaktor BDNF (Brain-derived neurotrophic Factor), Neurogenese, Fos (ein Kernprotein, das unter Bedingungen hoher neuronaler Aktivität exprimiert wird), Tropomyosinrezeptorkinase B (TrkB), Neurexin, Cadherin und Kalziumkanäle , NMDA-Rezeptoren (NMDA = N-Methyl-D-Aspartat). Die transkutane elektrische Vagusnervstimulation zeigt gleichzeitig eine Verbesserung der neuronalen Plastizität, insbesondere in Kombination mit Training, z.B. im Locus coeruleus und der Gedächtniskonsolidierung. Die Kombination von VNS mit sensorischen oder motorischen Ereignissen ist in der Lage, den sensorischen oder motorischen Kortex zu reorganisieren. Die Kombination von VNS und Exposition gegenüber unverstärkten konditionierten Signalen konnte im Tierversuch die Löschung infralimbischer präfrontaler Kortex - basolateraler Amygdala-Signalwege verbessern.

Hinweise bestehen, dass VNS zur Löschung der konditionierten Angst in Kombination mit expositionsbasierten Ansätzen angewendet werden sollte und ihre isolierte Applikation nicht ausreicht.

Eine autonome vagovagale Schleife erreicht viszerale Impulse in den Ncl. tractus solitarii (NTS), der Efferenzen zum Ncl. dorsalis nervi vagi (DMN) zur rostralen ventrolateralen Medulla (RVLM) und zur intermediären lateralen Medulla (ILM) weiterleitet, mit dem Ziel, ein Gleichgewicht zwischen den sympathischen und parasympathischen Antworten auf verschiedene körperliche Zustände zu erreichen. Der Vagus agiert dabei nicht isoliert. Modulationen der vagovagalen Schleife werden durch eine autonome Vorderhirnschleife möglich, über Wechselwirkungen zwischen dem NTS und anderen Gehirnbereichen wie Hypothalamus, Amygdala, zingulärer Kortex, Inselkortex, präfrontaler Kortex, die ebenso an neuroendokrinen, emotionalen und kognitiven Verhaltenskontrollen beteiligt sind.

Indikationen für VNS

  • Reorganisation des sensorischen oder motorischen Kortex
  • Posttraumatische Belastungsstörung und Angststörungen
  • Chronische niederschwellige Entzündungen, zur Entzündungshemmung, z.B. bei rheumatoider Arthritis (Anti-Tumornekrosefaktor α (Anti-TNF-α), d.h. antientzündliche Wirkung)
  • Gastroduodenale Entleerungsstörungen
  • Evtl. medikamentenresistente Epilepsie
  • Depression

Osteopathische Techniken zur Vagusnervstimulation

Es gibt verschiedene osteopathische Techniken, die darauf abzielen, den Vagusnerv zu stimulieren und seine Funktion zu verbessern.

Vagusstimulation im Bereich der kraniozervikalen Region nach Liem

  • Handhaltung:
    • Daumen im Bereich der Cavum conchae (Ramus auricularis nervi vagi)
    • Zeigefinger an den Anguli mastoideae.
    • Mittelfinger auf den Mastoiden.
    • Ringfinger und kleiner Finger im Bereich des Atlantookzipitalgelenks
  • Ausführung:
    • Manuell werden mittels der Daumen die Haut im Bereich beider Concha auricularis und mittels der Mittelfinger die aurikulären Äste am Proc. mastoideus sanft stimuliert.
    • Die Zeigefinger anteriorisieren den Unterkiefer. Ringfinger und kleiner Finger üben eine subokzipitale Inhibition bzw. Dekompression im Bereich der subokzipitalen Region und nahe des Foramen jugulare aus. Hier konnte bereits nicht nur eine vagusstimulierende Wirkung, sondern auch eine zerebrale Durchblutungsverbesserung nachgewiesen werden.
  • Hinweis:
    • Der N. vagus verläuft durch den mittleren Teil des Foramen jugulare, kaudal des N. glossopharyngeus und oberflächlich der V. jugularis interna.
    • Eine Stimulierung kann auch durch Elektrostimulation im Ohrenbereich in Anlehnung an Bonaz bzw. auf den Mastoid und unterhalb des Zwerchfells erfolgen. Der Vagus kann am Mastoid und Zwerchfell mit einem TENS-Gerät mit 10 Hertz stimuliert werden. Auch Nadelung ist möglich.

Vagusstimulation im Bereich der Vagina carotica

  • Auch im Bereich der Vagina carotica kann der N. vagus sanft stimuliert werden. Die Mittelfinger beider Hände werden etwa 1 cm voneinander entfernt, medial des M. sternocleidomastoideus positioniert - zwischen der A. carotis communis und der V. jugularis interna, unmittelbar unterhalb der Cartilago thyroidea. Die Stimulierung in der Region des Verlaufs des N. vagus erfolgt mittels kraniokaudaler sanfter Mobilisierung.

Vagusstimulation im Bereich des Zwerchfells

  • Medial die tiefe Zwerchfellregion im Bereich des Ösophagus (Truncus vagalis anterior und posterior) entspannen. Dafür die Daumen beidseitig am Xiphoid in die Tiefe einsinken lassen und im Bereich des Ösophagus Mikrobewegungen folgen während die übrigen Finger den unteren Interkostalräumen aufliegen. Gleichzeitig verlangsamt der Patient die Atmung um etwa die Hälfte. Im zweiten Schritt das Ganglion coeliacum, etwa mittig zwischen Bauchnabel und Xiphoid, entspannen (s. auch Fulford-Technik).

Reorganisation des sensorischen oder motorischen Kortex

  • Dadurch können Sinnesreize oder motorische Reize, Bewegungen, Körperhaltungen und funktionelle OMT mit VNS kombiniert werden. Außerdem wird die VNS auch im Rahmen der multimodalen bifokalen Integration nach Liem angewendet. Bei Ausübung der osteopathisch herzfokussierten Palpation.

Gastritis und der Vagusnerv: Eine osteopathische Perspektive

Eine Gastritis, also eine Entzündung der Magenschleimhaut, kann in akuter und chronischer Form auftreten. Stress spielt eine wesentliche Rolle bei der Entstehung und Verschlimmerung einer Gastritis.

Wie äußert sich Stress bei einer Gastritis?

In akuten Stresssituationen wird der Körper in den "Kampf-oder-Flucht"-Modus versetzt, was die Verdauung beeinträchtigen kann. Chronischer Stress kann zu Blockaden und Verspannungen in Regionen der Brustwirbelsäule führen, die für die sympathetische Versorgung von Magen und Verdauungsorganen zuständig sind.

Der Vagusnerv, als Teil des Parasympathikus, ist für Ruhe, Regeneration und Verdauungsförderung zuständig. Ein Ungleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus kann die Magenschleimhaut beeinträchtigen.

Osteopathische Zusammenhänge

Die Osteopathie betrachtet den Körper ganzheitlich und sucht nach Verbindungen zwischen Bewegungsapparat, Organen, Nerven und Gefäßen. Im Falle einer Gastritis rückt vor allem das Zusammenspiel zwischen vegetativem Nervensystem und den Organen in den Fokus.

  • Vegetative viszerale Verbindungen: Das vegetative Nervensystem unterteilt sich in Sympathikus und Parasympathikus. Während der Sympathikus in Stresssituationen dominiert, sorgt der Parasympathikus (insbesondere über den Vagusnerv) für Ruhe, Regeneration und Verdauungsförderung.
  • Embryologische Zusammenhänge: In der Osteopathie spielt die embryonale Entwicklung eine große Rolle, weil sich bereits in der frühen Entwicklungsphase „Linien“ bilden, die Kopf, Wirbelsäule und Organe miteinander verbinden.
  • Mechanische Verankerung des Magens: Unser Magen ist mithilfe mehrerer Bänder (Ligamente) im Bauchraum am Zwerchfell und weiteren Strukturen befestigt. Kommt es zu einer Verspannung in diesen Aufhängungen ist der Bewegungsspielraum des Magens eingeschränkt.

Ein Beispiel aus der Praxis

Ein 45-jähriger Büroangestellter klagt über chronische Kopfschmerzen und gelegentliches Sodbrennen. Eine osteopathische Untersuchung zeigt eine reduzierte Beweglichkeit der Brustwirbelsäule im Bereich der Segmente, die den Magen versorgen, sowie eine verspannte Nackenmuskulatur.

Im Rahmen des Behandlungsplans werden folgende Behandlungen durchgeführt:

  • BWS-Blockaden (mittlere Brustwirbelsäule), um den Nervenfluss zum Magen zu verbessern.
  • Cranio-cervicale Region (Halswirbelsäule und Schädelansätze), um den Vagusnerv zu entlasten.
  • Zwerchfell und umliegende Bänder, damit der Magen wieder seine natürliche Beweglichkeit zurückerlangt.

Wann sollten Sie zum Arzt und wann zum Osteopathen?

Liegt der Verdacht auf eine Gastritis nahe, ist es sinnvoll, zunächst einen Facharzt für Verdauungsstörungen (Gastroenterologen) oder den Hausarzt aufzusuchen. Eine osteopathische Behandlung kann die ärztliche Therapie ergänzen und unterstützen, jedoch keinen Ersatz dafür bieten, wenn zwingend medikamentös oder operativ vorgegangen werden muss.

Der Vagusnerv und Stress: Ein Teufelskreis

Viele Menschen fühlen sich gestresst, was sich in einem Gefühl von Überforderung äußert. Die Pausen und Zeiten der Ruhe kommen für viele zu kurz. In Zeiten, in denen wir stark gefordert sind, braucht es Botenstoffe wie Adrenalin zur Bewältigung schwieriger Situationen. Kommt es jedoch zu zahlreichen Stressoren in kurzem Abstand ist es dem Körper nicht möglich das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Ein neues Gleichgewicht herstellen

Durch gezielte Techniken kann Einfluss auf das vegetative Nervensystem und die angrenzenden Strukturen genommen werden. Die Behandlung der Wirbelsäule, des Kopfes und des Bauch- und Beckenraumes kann zu einer ausgeglicheneren Grundsituation im vegetativen Nervensystem beitragen.

Es ist sinnvoll möglichst viele Einschränkungen der Beweglichkeit im Muskelskelettsystem und den inneren Organen wahrzunehmen und zu behandeln, denn ein Körper der nicht mit Kompensationen beschäftigt ist, kann Stressituationen besser meistern.

Natürlich ist sinnvoll das eigne Verhalten zu überdenken. Eine Reduzierung der Bildschirmzeit und bewusste Pausen lassen uns besser zur Ruhe kommen.

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