Viele Migränepatienten kennen die Verzweiflung: Attacken beeinträchtigen das Leben stark, eingesetzte Mittel wirken nur kurzzeitig oder sind aufgrund anderer Erkrankungen ungeeignet. Die Freigabe neuer Medikamente im Jahr 2025 weckt daher große Erwartungen. Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die nicht nur das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigt, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Kosten verursacht.
Wirtschaftliche Auswirkungen von Migräne
Eine Studie, veröffentlicht im "Journal of Headache and Pain", untersuchte die wirtschaftlichen Folgen von Migräne. Die Forschenden werteten Gesundheits- und Wirtschaftsdaten aus, um die direkten Kosten für Behandlungen und Medikamente sowie die indirekten Verluste durch reduzierte Arbeitsleistung zu berechnen. Die Ergebnisse zeigen, dass Migräne sowohl das Gesundheitssystem als auch die Wirtschaft stark belastet. Solche Studien machen deutlich, wie wichtig bessere Prävention und Behandlung für Betroffene sind.
Die Leidensgeschichte der Betroffenen
Acht Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Migräne. Eine davon ist Annika Sandre, die eine Selbsthilfegruppe in Hamburg leitet. Sie beschreibt die Stärke ihrer Schmerzen auf einer Skala von null bis zehn: "Wenn ich bei zehn bin, dann können Sie auch mein Haus ausrauben und mein Mann könnte die Scheidung einreichen. Wenn ich dann wieder bei Sinnen bin, würde ich wieder alles zurücknehmen wollen." An manchen Tagen sind die Schmerzen so unerträglich, dass sie sich nur noch in ein abgedunkeltes Zimmer legen kann: "Zum Teil muss ich mich übergeben. Das ist besonders schlimm für den Kopf. Dann bin ich im Badezimmer auf dem Kachelboden und kann einfach nicht mehr."
Bisherige Behandlungsmethoden und ihre Grenzen
Annika Sandre nimmt unter anderem sogenannte Triptane ein. Triptane sind, anders als zum Beispiel Aspirin, keine generellen Medikamente gegen Schmerz. Prof. Dr. Arne May, Facharzt für Neurologie und Leiter der Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf, erklärt, dass bei Triptanen erstaunlich wenig Nebenwirkungen zu beobachten seien: "Manche klagen über ein Engegefühl in der Brust."
Seit einigen Jahren gibt es auch Prophylaxemittel, zum Beispiel CGRP-Antikörper. CGRP steht für Calcitonin Gene-Related Peptide, ein Molekül, dass an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt ist. Spritzt man Patienten Antikörper, wirken diese gegen das CGRP und machen es unschädlich. So entstehen die Migräneattacken erst gar nicht. Auch Annika Sandre nahm die Antikörper ein: "Ein paar Zyklen lang hat das wirklich total gut geholfen. Die Attacken-Frequenz und vor allem der Schmerz waren stärker reduziert." Ihre 25 Schmerztage konnte sie so auf 15 Tage senken.
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Die neuen Hoffnungsträger: Gepante
Bald gibt es eine weitere Behandlungsmöglichkeit: die Gepante. Sie sollen verhindern, dass die CGRP-Proteine wirken können. Der Vorteil: Diese Art der Behandlung soll nicht nur prophylaktisch wirken, sondern auch bei akuten Attacken Schmerzen lindern. Annika Sandre hat große Hoffnungen: "Wenn das bei mir indiziert ist, dann würde ich es gern ausprobieren."
Arne May vom Universitätsklinikum Eppendorf rechnet damit, dass entsprechende Arzneimittel ab Februar kommenden Jahres den ersten Patienten verschrieben werden können: "Es ist einfach ein neuer Wirkansatz. Wir haben Menschen, die eher auf den Ansatz mit dem Calcitonin-Gene-Peptid und dessen Hemmung reagieren." Ein weiterer Vorteil: Gepante kann man auch in der Therapie bei Menschen einsetzen, die herkömmliche Medikamente wie Triptane aufgrund von Herzkreislauferkrankungen nicht einnehmen können. Die Nebenwirkungen der Gepante sind mit Übelkeit und Gesichtsschwellungen aus Sicht von Experten verkraftbar, vor allem im Vergleich mit den Schmerzen einer Migräne-Attacke. Gepante erweitern also den Werkzeugkasten, um Menschen mit Migräne zu helfen.
Was sind Gepante?
Gepante sind eine neue Klasse von Medikamenten, die Migräneanfällen vorbeugen und auch im Akutfall helfen sollen. Die Wirkstoffe setzen an einem Botenstoff an, der bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle zu spielen scheint: Dem Calcitonin-Gene-Related-Peptide kurz CGRP. Dockt er an bestimmten Stellen im Hirn an, führt das zu einer Entzündungsreaktion. Gleichzeitig steigt die Schmerzempfindlichkeit. Es kommt zu einer Migräneattacke. „Gepante blockieren die Andockstelle“, erklärt Prof. Burkhard Hinz, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie an der Universitätsmedizin Rostock. Dadurch werden Migräneattacken verhindert oder abgeschwächt.
Unterschiede zu bisherigen Medikamenten
Es gibt bereits einige Medikamente, die erfolgreich bei Migräne eingesetzt werden. Zur Akutbehandlung schwerer Migräneanfälle sind die sogenannten Triptane empfohlen. Für die Vorbeugung von Migräneattacken (Migräneprophylaxe) werden unter anderem bestimmte Antikörper eingesetzt. Sie binden entweder das CGRP, sodass es erst gar nicht im Gehirn andocken kann. Oder aber sie blockieren - wie Gepante -die Andockstelle selbst, sodass CGRP keine Wirkung entfalten können.
Antikörper werden per Spritze verabreicht. „Sie wirken nicht so schnell, dafür aber länger anhaltend“, so Pharmakologe Hinz. Deshalb kommen sie nur bei der Vorbeugung von Migräneaanfällen zum Einsatz.
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Gepante können in Tablettenform eingenommen werden. Sie wirken nach der Einnahme zwar relativ schnell, werden im Vergleich zu den Antikörpern aber auch viel schneller wieder ausgeschieden. Sie sind grundsätzlich sowohl für die Behandlung einer Attacke als auch für die Vorbeugung von Migräne geeignet.
Für wen sind Gepante geeignet?
Gepante könnten vor allem für Menschen geeignet sein, die Triptane beispielsweise aufgrund ihres Herz-Kreislauf-Risikos nicht einnehmen dürfen. „Triptane bewirken eine Verengung der beim Migräneanfall erweiterten Blutgefäße der Hirnhaut. Sie können aber gleichzeitig auch andere Blutgefäße wie die Koronararterien verengen“, erklärt Schmerzforscher Hinz. Deshalb sollten unter anderem Menschen mit koronarer Herzkrankheit oder nicht medikamentös eingestelltem Bluthochdruck sowie Personen nach Schlaganfall oder Herzinfarkt keine Triptane einnehmen.
Gepante haben dagegen keine gefäßverengenden Eigenschaften. „Man kann sie grundsätzlich bei Menschen mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung verschreiben“, sagt Prof. Dagny Holle-Lee, Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerz- und Schwindelzentrums an der Universitätsmedizin Essen. Trotzdem gibt es auch bei dieser Substanzklasse eine Unsicherheit: Im Mäuse-Experiment konnte gezeigt werden, dass ein Schlaganfall unter der Einnahme von Gepanten ein größeres Hirnareal betrifft. Bei Menschen ist das bislang nur theoretisch. „Wenn jemand aber ein hohes Risiko hat, einen Schlaganfall zu erleiden, würden wir diese Präparate derzeit eher nicht geben“, so die Migräne-Expertin. „Auch wenn wir wissen, dass die Gepanten selbst das Risiko für einen Schlaganfall nicht erhöhen.“
Nicht geeignet sind Gepante auch für Menschen mit einer Überempfindlichkeit gegenüber diesen Arzneimitteln. Außerdem vertragen sie sich nicht mit allen anderen Arzneien.
Wirken Gepante auch gegen Vorboten-Symptome?
Eines der neuen Medikamente, Ubrogepant, könnte nicht nur gegen die Kopfschmerzen wirken, sondern auch schon gegen vorhergehende Symptome der Migräne. Das ergab eine Nachauswertung einer Studie, deren Ergebnisse im Mai 2025 im Fachmagazin Nature Medicine veröffentlicht wurde.
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Viele Menschen erleben bis zu zwei Tage vor Auftreten der Migräne-Kopfschmerzen - in der sogenannten Prodromalphase - Symptome wie Müdigkeit, erhöhte Empfindlichkeit für Licht und Geräusche, Nackenschmerzen und Konzentrationsschwierigkeiten. Auch eine sogenannte Aura kann auftreten, bei der Menschen Seh- und Sprechstörungen erleben.
Bislang fehlt gegen die Vorboten der Migräne eine Therapie. Prof. Dr. Holle-Lee weist darauf hin, dass die vorliegende Analyse keine Studie war, die sich gezielt mit dieser Fragestellung befasst hat. „Dennoch liefern die vorliegenden Daten erste Hinweise darauf, dass Ubrogepant in der Vorphase der Migräne wirksam sein könnte“, sagt Holle-Lee dem Science Media Center. „Besonders interessant wäre der Einsatz bereits in der Prodromalphase, da dies eine Therapieerweiterung darstellen würde, die bislang nicht zur Verfügung steht“.
Prof. Dr. Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel, sieht sogar einen möglichen „Paradigmenwechsel“: „Diese Erkenntnisse eröffnen eine neue therapeutische Perspektive: die gezielte pharmakologische Intervention in einem sehr frühen Stadium der Migräne - möglicherweise noch vor Beginn des Schmerzes.“ Allerdings ist das Arzneimittel in der EU noch nicht zugelassen.
Welche Nebenwirkungen haben Gepante?
In der Zulassungsstudie waren die häufigsten Nebenwirkungen bei der Anwendung von Gepanten Übelkeit und Verstopfung. „Einige Studienpatienten berichteten auch von Müdigkeit. Und tendenziell kommt es unter der Medikation eher zu einem Gewichtsverlust“, berichtet Prof. Holle-Lee, die selbst an einer Studie über Gepante beteiligt war. Die meisten Menschen haben aber kaum oder keine Nebenwirkungen. „Diese Medikamente sind in den USA schon länger auf dem Markt, funktionieren sehr gut und werden von den meisten Patienten auch sehr gut vertragen“, so die Neurologin.
Verfügbarkeit in Deutschland
Das erste Gepant kam am 1. März 2025 in Deutschland auf den Markt. Der Name des Arzneistoffs: Atogepant. Dieser Wirkstoff wird allerdings zunächst ausschließlich als Prophylaxe, also zur Vorbeugung von Migräneattacken eingesetzt. „Man muss ihn jeden Tag als Tablette einnehmen“, erklärt Dagny Holle-Lee. Die Neurologin und Kopfschmerzexpertin freut sich, demnächst diese neue Therapiemöglichkeit zur Verfügung zu haben. „Bisher können wir nicht allen Menschen helfen“, sagt sie. Atogepant (Handelsname Aquipta) ist seit August 2023 zur Vorbeugung von Migräne zugelassen. Es kommt für Erwachsene infrage, die mindestens vier Migränetage im Monat haben.
Ditane: Eine Alternative für Patienten mit kardiovaskulären Risiken
Eine weitere neue Medikamentenklasse sind die Ditane. Triptane sind selektive 5-HT1B/D-Rezeptor-Agonisten. Sie hemmen die neurogene Entzündung und wirken gefäßverengend. Durch diese vasokonstriktiven Eigenschaften sind Kontraindikationen bei koronarer Herzerkrankung, Herzinfarkt, Schlaganfall und anderen Gefäßerkrankungen begründet. Auch sollen Triptane nicht während der Auraphase der Migräneattacke eingesetzt werden. Ebenso stellt die Niereninsuffizienz eine Kontraindikation dar.
Die Entwicklung der Ditane zielte darauf, Migräneakutmedikamente ohne diese Kontraindikationen zur Verfügung zu stellen. Durch Aktivierung des 5-HT1F-Rezeptors im Trigeminusganglion und im kaudalen Trigeminuskern kann die durale Plasmaproteinextravasation und die c-Fos-Induktion im Nucleus caudalis des N. trigeminus gehemmt werden. Lasmiditan aktiviert in Gegensatz zu den Triptanen hochaffin und hochselektiv den 5-HT1F-Rezeptor, ohne die genannten Kontraindikationen der Triptane aufzuweisen.
Kardiovaskuläre Sicherheit von Lasmiditan
In Phase-3-Studien zur Behandlung akuter Migräneattacken wurde die kardiovaskuläre Sicherheit von Lasmiditan eingehend untersucht. In der Spartan-Studie wurden Patienten mit Migräne und gleichzeitiger kardiovaskulärer Komorbidität, wie koronare Herzerkrankung, Herzrhythmusstörungen und schlecht eingestellter arterieller Hypertonie, eingeschlossen. Kardiovaskuläre unerwünschte Ereignisse traten unter der Behandlung mit Lasmiditan bei 0,9% und bei Behandlung mit Placebo bei 0,4% auf. Am häufigsten waren Symptome wie Herzklopfen, Tachykardien und erhöhte Herzfrequenz zu beobachten.
Eine schwere Leberfunktionsstörung, Schwangerschaft und Stillzeit sind Kontraindikationen. Im Gegensatz zu den Triptanen ist eine eingeschränkte Nierenfunktion keine Kontraindikation. Häufige Nebenwirkungen von Lasmiditan schließen Benommenheit, Schläfrigkeit, Koordinationsstörungen, Sehstörungen, Schwindel, Erbrechen, Muskelschwäche und Erschöpfung ein. Lasmiditan hat somit erheblichen Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und auf die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen.
Wirksamkeit und Verträglichkeit im Vergleich
Indirekte Vergleiche zur Wirksamkeit von Lasmiditan im Vergleich zu den Triptanen zeigen eine ähnliche Wirksamkeit. In Hinblick auf die Verträglichkeit und auch auf die Wirtschaftlichkeit kann Lasmiditan für Patienten eingesetzt werden, die mit Analgetika oder Triptanen Migräneattacken nicht ausreichend behandeln können oder bei denen Kontraindikationen für deren Anwendung bestehen. Aufgrund der fehlenden vasokonstriktorischen Eigenschaften kann Lasmiditan bei kardiovaskulären Kontraindikationen für Triptane verwendet werden. Auch der Einsatz währen der Auraphase ist möglich. Dies stellt für Patienten eine Therapieoption dar, die schwere und prolongierte Auren aufweisen.
Aktualisierte Leitlinien und neue Substanzen
Für Migränepatientinnen und -patienten gibt es immer mehr Behandlungsmöglichkeiten. In die aktualisierten Leitlinien zur Migränetherapie sind einige neue Medikamente und Verfahren aufgenommen worden. "Wir haben sowohl zur Akuttherapie als auch zur Prophylaxe mehrere neue Substanzen", sagt Charly Gaul, Neurologe am Kopfschmerzzentrum Frankfurt und Mitautor der aktualisierten Leitlinie. Die Leitlinie wird jedes Jahr ergänzt und alle fünf Jahre vollständig überarbeitet. Sie dient Medizinern und Angehörigen anderer Heilberufe als wissenschaftliche Orientierung - entscheidet jedoch nicht über die Kostenübernahme durch die Krankenkassen.
"Die Leitlinie bezieht sich ausschließlich auf die wissenschaftliche Evidenz“, sagt der emeritierte Neurologe Hans-Christoph Diener, der ebenfalls an der aktualisierten Leitlinie mitgeschrieben hat. Damit auch die Betroffenen selbst einen guten Überblick bekommen, gibt es erstmals auch eine Patientenleitlinie für Migräniker, die die wissenschaftlichen Empfehlungen in verständliche Sprache übersetzt. In der Migränebehandlung ist das aber neu.
Dass es mittlerweile deutlich mehr medikamentöse Optionen gibt, liegt vor allem an dem Molekül CGRP (Calcitonin Gene Related Peptide), das im menschlichen Nervensystem vorkommt und bei Migräneattacken vermehrt freigesetzt wird. Schon seit den 1990er-Jahren wird dazu geforscht - inzwischen stehen mehrere wirksame Medikamente zur Akutbehandlung und Prophylaxe bereit, die bei CGRP ansetzen. Dazu gehören auch monoklonale Antikörper, die zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt werden. "Jetzt wissen wir nach fünf Jahren Erfahrung, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen durch das Medikament ihre Migränetage halbieren“, erklärt der Neurologe Hans-Christoph Diener.
Ganz neu ist die Substanz Atogepant, die direkt am CGRP-Rezeptor ansetzt und inzwischen für die Migräneprophylaxe zugelassen ist. Sie blockiert den Signalweg des Moleküls und kann so Migräneattacken abmildern. Zudem gibt es Fortschritte bei nicht-medikamentösen Verfahren: Bei der sogenannten Remote Electrical Neuromodulation werden während einer Migräneattacke zum Beispiel am Oberarm Nerven elektrisch stimuliert. Das soll die Schmerzintensität reduzieren. Die Methode ist ab dem zwölften Lebensjahr zugelassen - das ist vor allem deshalb ein Fortschritt, weil es für Kinder und Jugendliche bislang nur wenige Therapieoptionen gibt.
Atogepant: Der erste orale CGRP-Rezeptorantagonist
Mit Atogepant (Aquipta®) ist seit 1. März 2025 der erste orale CGRP-Rezeptorantagonist zur Prophylaxe von Migräne in Deutschland verfügbar. Für wen ist das neue „Gepant“ geeignet?
Atogepant (Aquipta®) ist ein small molecule und bindet als Antagonist an den Rezeptor des Calcitonin Gene-Related Peptides (CGRP), das eine zentrale Rolle in der Pathophysiologie der Migräne-Erkrankung spielt. Die EU-Kommission hatte Atogepant im Sommer 2023 zur Migräneprophylaxe für erwachsene Patienten mit vier oder mehr Migränetagen pro Monat zugelassen. Nun wurde das oral einzunehmende Gepant von AbbVie am 1. März 2025 auf den deutschen Markt gebracht.
Dosierung und Anwendung
Atogepant ist in den Darreichungsformen 10 mg und 60 mg erhältlich. Die empfohlene Dosierung beträgt dabei eine Tablette mit 60 mg Atogepant täglich, die unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden kann. Die Tabletten sind dabei im Ganzen zu schlucken und dürfen nicht geteilt, zerdrückt oder zerkaut werden.
Bei Patienten, die einen starken CYP3A4-Inhibitor (z. B. Ketoconazol, Itraconazol, Clarithromycin, Ritonavir) oder einen Inhibitor des Organic Anion Transporting Polypeptide (OATP) (z. B. Rifampicin, Ciclosporin oder Ritonavir) einnehmen, wird die 10-mg-Dosierung eingesetzt. Bei Patienten mit schwerer oder terminaler Niereninsuffizienz beträgt die empfohlene Dosis ebenfalls 10 mg einmal täglich.
Kontraindikationen
Atogepant sollte nicht bei Patienten mit schwerer Leberinsuffizienz zum Einsatz kommen. Indiziert ist das Arzneimittel nur bei Erwachsenen, denn zur Sicherheit und Wirksamkeit von Atogepant bei Kindern und Jugendlichen liegen keine Daten vor. Ebenso nicht empfohlen wird die Anwendung von Atogepant während der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten. Zudem kann nicht ausgeschlossen werden, dass Atogepant in die Muttermilch übergeht und ein Risiko für das Neugeborene bestehen könnte. Atogepant sollte daher nicht angewendet werden, wenn Patientinnen stillen oder beabsichtigen zu stillen.
Nebenwirkungen
In den Zulassungsstudien traten am häufigsten verminderter Appetit, Übelkeit, Verstopfung, Fatigue und Gewichtsabnahme auf. Atogepant hat keinen oder einen zu vernachlässigenden Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen. Bei einigen Patienten kann es jedoch zu Somnolenz führen.
Die Rolle von Ubrogepant bei Migräne-Vorboten
Ein Studie macht Betroffenen von Migräne Hoffnung: Es gibt Hinweise darauf, dass das Medikament Ubrogepant schon gegen Vorboten der Kopfschmerzattacken wirken könnte. Bei etwa einem Drittel der Migräne-Betroffenen, manche Schätzungen liegen auch höher, macht sich eine Kopfschmerzattacke schon im Vorfeld bemerkbar. Betroffene reagieren zum Beispiel besonders empfindlich auf Licht und Geräusche, sind unruhig und gereizt oder fühlen sich erschöpft, haben Konzentrationsschwierigkeiten und Nackenschmerzen. Bei etwa 15 bis 20 Prozent der Patientinnen und Patienten tritt kurz vor dem Einsetzen der Kopfschmerzen auch eine Aura-Phase auf. Charakteristisch dafür sind vorübergehende neurologische Symptome, zum Beispiel Seh- und Sprechstörungen, Gefühlsstörungen auf einer Körperseite oder ein Kribbeln im Gesicht.
Die Prodromal-Phase wird auch Vorboten- oder Ankündigungsphase genannt. Sie markiert den frühesten Abschnitt einer Migräne-Attacke. Sie tritt meist mehrere Stunden bis zu zwei Tage vor den eigentlichen Kopfschmerzen auf. Die Aura-Phase setzt deutlich später ein. Sie entwickelt sich über Minuten und ist meist nach maximal einer Stunde wieder zu Ende. Die Kopfschmerzen beginnen in den meisten Fällen erst danach. Manchmal überlappen sich Aura-Phase und Kopfschmerz-Attacke aber auch.
In der Vorboten-Phase kommt es zuerst zu einer veränderten Aktivität im Hypothalamus, ein Abschnitt des Zwischenhirns, erklärt der Neurologe Charly Gaul vom Kopfschmerzzentrum Frankfurt. Wenn dann die Kopfschmerzen einsetzen, würden Botenstoffe ausgeschüttet, die den Schmerz vermitteln.
Bisher gibt es keine gezielte Therapie für die Symptome der Prodromal- und der Aura-Phase. Das Ziel der Behandlung ist also bislang, die Kopfschmerzen während der eigentlichen Attacke zu lindern, beziehungsweise ihnen vorzubeugen. Ubrogepant zählt zur neuen Wirkstoffklasse der Gepante. Die Medikamente werden als Tabletten eingenommen. Sie blockieren die Andockstelle für einen Botenstoff im Gehirn - das Neuropeptid CGRP. Das Kürzel steht für Calcitonin Gene-Related Peptide. Dockt dieses Peptid an bestimmte Rezeptoren in Gehirn an, führt das zu Entzündungsreaktionen und einem gesteigerten Empfinden von Schmerz. Die Gepante behindern diese Reaktion und mildern so die Migräneattacke.
Die Studie, die Ubrogepant auch als Mittel gegen die Migräne-Vorboten ins Spiel bringt, ist eine Nachauswertung von Daten zu etwa 500 Migräne-Patienten. Die hatten entweder Ubrogepant oder ein Placebo eingenommen, sobald Vorboten-Symptome auftraten und sie Kopfschmerzen in den folgenden ein bis sechs Stunden erwarteten. Die Studie sollte zeigen, ob das Medikament die Kopfschmerzen schon vor dem Entstehen verhindern kann. Das Ergebnis: Ubrogepant konnte tatsächlich einen Teil der Attacken unterbinden.
Die Ergebnisse deuten laut den Studienautoren darauf hin, dass Ubrogepant gegen häufige Vorboten-Symptome bei Migräne wirken könnte. Allerdings plädieren nicht beteiligte Fachleute ebenso wie die Forschenden selbst für eine Folgestudie, die nicht nachträglich analysiert, wie Ubrogepant die Vorboten-Symptome bei Migräne beeinflusst, sondern den Zusammenhang gezielt untersucht. Unklar ist zudem, ob auch andere Gepante ähnlich früh wirken könnten.