Neuritis Vestibularis: Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung

Schwindel, das bedeutet eine Desorientierung im Raum. Für manche Schwindelarten gibt es eindeutige Befunde, z.B. eine Beeinträchtigung des Innenohres. Doch manchmal findet sich keinerlei körperlicher Befund. Häufig ist es dann eher ein Benommenheitsgefühl, ein Gefühl wie betrunken zu sein oder Watte im Kopf zu haben. Meist ist es mit starker Erschöpfung, Schlafstörungen und zahlreichen weiteren Beschwerden gekoppelt ist. Über den Schwindel mit und ohne körperlichen Befund geht es auf diesen Seiten. Was ist das? Wie entsteht er?

Einleitung

Die Neuritis vestibularis ist eine Entzündung des Nervus vestibularis, der eine wichtige Rolle für unser Gleichgewicht spielt. Sie ist eine der häufigsten Ursachen für akuten Drehschwindel und kann Betroffene stark beeinträchtigen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung dieser Erkrankung.

Fallbeispiel: Alfreds Erfahrung mit Neuritis Vestibularis

Der 65-jährige Alfred erlebte nach einem Tanzabend plötzlich ein Drehschwindelgefühl auf dem Weg zur Garderobe. Seine Symptome verstärkten sich bei einem anschließenden Lokalbesuch, und er ging frühzeitig nach Hause. In den frühen Morgenstunden wachte er mit heftigem Dauerdrehschwindel, Übelkeit und einem Linksdrall auf. Seine Frau brachte ihn in die Notambulanz, wo ein Schlaganfall ausgeschlossen wurde. Die Diagnose lautete Neuritis vestibularis.

Alfred wurde zunächst mit Infusionen und Bettruhe behandelt. Er bemerkte, dass die Blickstabilisierung der Augen auf einen bestimmten Punkt ihm half, den Alltag in den ersten Tagen leichter zu bewältigen. Nach fünf Tagen wurde er entlassen, und innerhalb von vier Wochen gingen die Schwindelsymptome weitestgehend zurück. Allerdings blieben wiederkehrende Schwindelgefühle bei schnellen Kopfbewegungen und Gangunsicherheit im Dunkeln bestehen. Das Tanzen bereitete ihm Probleme, und er hatte Schwierigkeiten bei der Gartenarbeit.

Eine Schwindeltherapeutin stellte fest, dass seine Augenbewegungen und Gleichgewichtsorgane nicht richtig zusammenarbeiteten. Alfred lernte, sich weniger auf die Blickstabilisierung zu verlassen und stattdessen seine Gleichgewichtsorgane zu trainieren. Durch regelmäßige Kopf- und Standübungen wurden die Schwindelattacken kürzer und weniger stark. Acht Wochen nach Therapiebeginn waren die Schwindelprobleme verschwunden.

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Was ist Neuritis Vestibularis?

Die Neuritis vestibularis ist eine plötzliche Funktionsstörung des Gleichgewichtsnervs (Nervus vestibularis), der wichtige Informationen über Lage und Bewegung des Körpers an das Gehirn weiterleitet. Ursache ist in den meisten Fällen eine entzündliche Reizung des Nervs, oft ausgelöst durch Viren. Das Hörvermögen bleibt in der Regel normal, da der Hörnerv nicht betroffen ist.

Definition

Neuritis vestibularis ist eine Entzündung des Nervs, der vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr zum Gehirn verläuft. Bei einer Entzündung des Nervs werden die Impulse (Signale) gestört, die durch den Nerv geleitet werden. Diese gestörten Signale kann das Gehirn nicht wie üblich verarbeiten. Dadurch hat die betroffene Person das Gefühl eines Drehschwindels, der Gang wird unsicher.

Ursachen von Schwindel

Es gibt sehr viele Ursachen von Schwindel und überdies verschiedenste Formen des Schwindels. Neben Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans im Innenohr, Gehirnerkrankungen wie z.B. Schlaganfällen oder Gehirntumoren oder Erkrankungen eines Gleichgewichtsnerven können auch Rückenmarkserkrankungen oder eine Polyneuropathie für die Schwindelentstehung verantwortlich sein. Psychische Ursachen führen beim phobischen Schwindel (Angstschwindel) zum Schwindelerlebnis oder zu Panikattacken. Letztlich können auch internistische Erkrankungen, wie z.B. Herzrhythmusstörungen, Schilddrüsenfehlfunktionen, Gefäß-Verschlüsse an den hirnzuführenden Arterien, ein zu niedriger oder sehr hoher Bluthochdruck oder selbst Nierenleiden einen Schwindel hervorrufen. Bei jedem einzelnen eingenommenen Medikament sollte überprüft werden ob es nicht als Ursache des Schwindels infrage kommt. Sehr viele Medikamente können einen Schwindel als Nebenwirkung hervorrufen. Etwa 30 % aller Menschen leiden im Laufe ihres Lebens zumindest einmalig unter Schwindel. Im Alter ist der Schwindel häufiger als in der Jugend.

Ursachen und Risikofaktoren der Neuritis Vestibularis

Die genaue Ursache ist nicht bekannt. Es wird vermutet, dass die Erkrankung durch die Aktivierung eines Virus ausgelöst wird, den die meisten Menschen im Körper haben (Herpes-simplex-Virus), was zu einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs (N. vestibularis) führt. Dies wiederum verursacht eine vorübergehende Störung der Nervensignale zwischen dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr und dem Gleichgewichtszentrum im Gehirn. Vermutlich eine virale Infektion durch den Herpes simples Virus Typ 1 (ähnlich wie bei einer Erkältung oder Gürtelrose-Viren). Selten Durchblutungsstörungen oder andere Ursachen. Häufig betroffen: Menschen zwischen 30 und 60 Jahren.

Symptome der Neuritis Vestibularis

Schwindel kann als Dreh-, Schwank- oder Liftschwindel bezeichnet werden. Falls er sich nicht in dieser Form einordnen lässt spricht man vom diffusen Schwindel. Wichtig ist auch ob es sich um Attackenschwindel oder Dauerschwindel handelt. Das Sehen kann während des Schwindels verschwommen sein. Bei länger anhaltendem Schwindel können Übelkeit und Erbrechen hinzukommen. Bei manchen Schwindelformen ergibt sich eine Fallneigung oder Gangabweichung zu einer Seite oder in alle Richtungen. Manche Schwindelformen können sich plötzlich innerhalb von Minuten - andere allmählich über Tage und Wochen entwickeln. Schließlich lassen sich manche Schwindelformen durch gewisse Lagen oder Bewegungen provozieren oder verstärken und andere sind davon unabhängig. Starker Schwindel geht mit Angst einher. Angst kann das Schwindelerlebnis weiter verstärken oder selbst zum Problem werden.

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Typische Symptome

  • Plötzlicher starker Drehschwindel: Gefühl, dass sich alles um einen dreht.
  • Übelkeit und Erbrechen: häufig sehr ausgeprägt.
  • Gangunsicherheit und Fallneigung: vor allem zu einer Seite.
  • Spontannystagmus: ruckartige Augenbewegungen, die der Arzt feststellen kann. Die Augen gleiten dabei zur gesunden Seite hin und springen dann wieder zurück.
  • Keine Hörstörung oder Ohrgeräusche: das unterscheidet die Erkrankung z. B. von Morbus Menière. Das Gehör ist bei der Entzündung des Gleichgewichtsnervs nicht beeinträchtigt.

Die Beschwerden treten abrupt auf, halten in den ersten Tagen meist dauerhaft an und bessern sich innerhalb von Tagen bis Wochen allmählich. Die akute Symptomatik dauert selten länger als ein paar Tage, manchmal bis zu ein paar Wochen.

Diagnose der Neuritis Vestibularis

Die Schilderung der typischen Symptome akuter Schwindel, Übelkeit und Fallneigung zu der betroffenen Seite sind wegweisend für die Diagnose. Es können unwillkürliche Augenbewegungen (Nystagmus) beobachtet werden. Eine körperliche Untersuchung inklusive neurologischer Befunderhebung wird durchgeführt, ebenso eine Untersuchung der Gehörgänge und des Trommelfells. Das Hörvermögen muss bei HNO-Ärzt*innen durch einen Hörtest abgeklärt werden, dort erfolgen auch ggf. weitere Tests. Bei einer Neuritis vestibularis ist das Hörvermögen normal. Andere Ursachen für einen Schwindel müssen ausgeschlossen werden, insbesondere ein Schlaganfall. Dafür sind teilweise zusätzliche Untersuchungen notwendig.

Differentialdiagnose

Andere Ursachen für Schwindel müssen ausgeschlossen werden, insbesondere ein Schlaganfall. Dafür sind teilweise zusätzliche Untersuchungen notwendig.

Mögliche weitere Ursachen sind:

  • gutartiger Lagerungsschwindel
  • Morbus Menière
  • Labyrinthitis
  • Akustikusneurinom
  • Hörsturz
  • Verletzungen
  • Schwindel durch Medikamente
  • Multiple Sklerose
  • Migräne.

Wann ist eine Krankenhauseinweisung notwendig?

Eine Krankenhauseinweisung kann notwendig sein bei:

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  • akutem Pflegebedarf
  • starker Übelkeit und Erbrechen
  • Sturzneigung und fehlender häuslicher Versorgungsmöglichkeit.

Behandlung der Neuritis Vestibularis

Behandlungsziele sind:

  • Symptomlinderung
  • Verkürzung des Krankheitsverlaufs und
  • Verhindern von bleibenden Folgen.

Die Therapie richtet sich nach der Krankheitsphase.

Akutphase (1-3 Tage)

  • Medikamente gegen Schwindel und Übelkeit (z. B. Dimenhydrinat, Meclozin). In den ersten Tagen kann die Gabe von Antiemetika (Medikamente gegen Übelkeit) und Antiverginosa (Medikamente gegen Schwindel) in Kombination mit Kortison sinnvoll sein.
  • Kortison kann die Entzündung hemmen und den Verlauf günstig beeinflussen. Häufig werden Cortisontherapien durchgeführt, wenn der Arzt eine Entzündung des Gleichgewichtsnerven als Schwindel-Ursache vermutet. Oft wird auch Histidin gegeben - eine Aminosäure, die die Nervenhüllen (Myelinscheiden) schützt.
  • Bettruhe in den ersten 1-2 Tagen - danach sollte man sich möglichst bald wieder vorsichtig bewegen, um den Gleichgewichtssinn zu trainieren. Akut kannst Du erstmal nicht viel machen, außer Dich wirklich ruhig zu halten. Wenn Du Dich ruhig hinsetzt, kann das Drehen zur Ruhe kommen.

Subakute Phase und weiterer Verlauf

  • Frühe Mobilisation: Gehen und normale Bewegungen fördern die Anpassung des Gehirns. Anschließend ist es wichtig, frühzeitig ein Rehabilitationsprogramm zu beginnen: Mobilisierung mit Schulung der Gleichgewichtsfunktion im Stehen und Gehen auf ebenen und unebenen Flächen.
  • Vestibuläres Training / Krankengymnastik: spezielle Übungen unterstützen die Erholung. Training der Fähigkeiten zur Blickfixierung. Diese Aktivitäten verursachen zu Beginn erhöhtes Unwohlsein und Müdigkeit, werden aber auf längere Sicht die Symptome reduzieren, die Funktionsfähigkeit verbessern und zu einer schnelleren Heilung beitragen. Siehe auch Trainingsübungen bei Neuritis vestibularis.
  • Stressabbau und ausreichend Schlaf stärken das Immunsystem.
  • Manche Patient*innen benötigen eine besondere physiotherapeutische oder gleichgewichtstherapeutische Verlaufskontrolle
  • Als Patentrezept gilt jegliche Bewegung und Aktivität, egal ob in Form von Yoga, Joggen oder Spazierengehen.
  • Manche empfinden eine osteopathische Behandlung als hilfreich. Auch die sogenannte „Atlastherapie“ wird häufig als entlastend beschrieben: Der Atlas ist der erste, oberste Halswirbel, durch den unter anderem der Nervus vagus (der 10. Hirnnerv) verläuft, der wiederum für unsere Beruhigung und die Verdauung zuständig ist.

Medikamente, die vermieden werden sollten

Früher wurden oft blutverdünnende Mittel wie Hydroxyethylstärke (HAES) oder Pentoxiphyllin gegeben, was sich jedoch als wenig wirksam erwiesen hat. Professor Michael Strupp, Neurologie Uni München, sagte 2008 in der Deutschen Apothekerzeitung: „Beliebt, aber bei Schwindel unwirksam sind zum Beispiel Präparate, die angeblich oder tatsächlich durchblutungsfördernd wirken. Dies gilt etwa für Ginkgo biloba, Pentoxifyllin, niedermolekulare Dextrane, Hydroxyethylstärke oder diverse homöopathische Präparate. Keinen Nutzen hat in der Schwindeltherapie auch die Stellatumblockade, bei der im Halsbereich Lokalanästhetika injiziert werden, um vegetative Nervenbahnen zu blockieren und dadurch die Durchblutung des Gleichgewichtsorgans zu verbessern.

Alternative und ergänzende Behandlungen

  • Auch die Luftröhre und die Bronchialmuskulatur wird teilweise vom 10. Hirnnerv versorgt. Die richtige Musik kann zu erleichtertem Aufatmen führen, was uns auch zeigt, wie eng das Gleichgewichtssystem mit der Atmung zusammenhängt. Wenn wir summen, bringen wir unser eigenes Trommelfell zum Schwingen. Das wiederum kann das Gleichgewichtssystem stärken. Manche Gesänge zielen genau auf diese heilsame Resonanz hin wie z.B. gregorianische Gesänge.
  • Der drehende Tanz, den die Derwische tanzen, heißt „Sema“ (so heißt auch die Zeremonie); der sich drehende Derwisch ist ein „Semazen“. Der Derwisch folgt einer muslimischen Glaubensrichtung namens „Sufismus“. Die Schwingungen der Musik, die während des Tanzes erklingen, wirken auf den ganzen Körper, wobei der Muskeltonus sinkt. Auch Musik und Singen können möglicherweise Schwindel lindern. Unsere eigene Stimme bringt auch das Gewebe im Kopf zum Schwingen und wirkt auf das Ohr, dem Sitz des Gleichgewichtsorgans. Um den Tanz der Derwische zu erlernen, werden die Arme gehoben, die rechte Hand ist oben, die linke weiter unten. Die Finger der rechten Hand zeigen nach oben, die der linken Hand nach unten. Die Rotationsachse verläuft durch das linke Bein. Der Kopf ist um 25 Grad nach rechts geneigt, das Gesicht leicht nach links gedreht, die Augen sind halb geöffnet. Das rechte Ohr wird so im Tanz gleichmäßig stimuliert. Das linke Ohr bildet das oberen Abschluss der Rotationsachse.

Prognose der Neuritis Vestibularis

Die Prognose ist im Allgemeinen sehr gut, die meisten Patientinnen erhalten ihren normalen Gleichgewichtssinn zurück. Die Mehrzahl der Patientinnen hat 1-2 Tage starke Beschwerden mit anschließend allmählicher Besserung. Vollständige Erholung: meist innerhalb von 4-8 Wochen. In seltenen Fällen bleiben leichte Gleichgewichtsstörungen zurück. Das Gehirn kann die Störung durch Kompensation (Anpassung) oft sehr gut ausgleichen.

Tipps für den Alltag

  • In der akuten Phase Autofahren und Bedienen von Maschinen vermeiden.
  • Kleine, leichte Mahlzeiten gegen Übelkeit.
  • Genügend Flüssigkeit aufnehmen.
  • Geduld: Die Symptome bessern sich oft nur langsam, die Heilung dauert Wochen.
  • Gezielte Gleichgewichtsübungen beschleunigen die Genesung.

Wann sollte man unbedingt zum Arzt?

  • Bei plötzlich einsetzendem, starkem Schwindel mit Übelkeit und Erbrechen.
  • Wenn zusätzlich Hörverlust, Ohrgeräusche oder Doppelbilder auftreten.
  • Bei neurologischen Symptomen wie Lähmungen, Taubheitsgefühlen oder Sprachstörungen (Notfall - Schlaganfall ausschließen!).

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