Neuritis Vestibularis: Ursachen, Symptome und Therapie

Die Neuritis Vestibularis, auch bekannt als vestibuläre Neuronitis oder akute unilaterale Vestibulopathie, ist eine Erkrankung, die durch eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs (Nervus vestibularis) gekennzeichnet ist. Dies führt zu plötzlichem, starkem Schwindel.

Einführung

Schwindel ist ein weit verbreitetes Symptom, das viele Ursachen haben kann. Einerseits kann es sich um einen plötzlich einsetzenden, anfallsartigen Schwindel handeln, der nur kurz andauert, wie beim Gutartigen Lagerungsschwindel. Andererseits kann Schwindel auch über längere Zeit anhalten und auf eine ernstere Erkrankung hinweisen. Die Neuritis Vestibularis ist eine solche Erkrankung, die durch eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs verursacht wird und zu anhaltendem Drehschwindel führt. Es ist wichtig, die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten dieser Erkrankung zu kennen, um eine frühzeitige Diagnose und angemessene Therapie zu gewährleisten.

Ursachen der Neuritis Vestibularis

Die genaue Ursache der Neuritis Vestibularis ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch vermutet, dass die Erkrankung durch die Aktivierung eines Virus ausgelöst wird, meist des Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1). Dieses Virus, das bei den meisten Menschen im Körper vorhanden ist, kann zu einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs führen. Die Reaktivierung von HSV-1 Viren im Bereich des N. Vestibularis wird in 60% der Fälle vermutet. Diese Entzündung stört vorübergehend die Nervensignale zwischen dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr und dem Gleichgewichtszentrum im Gehirn.

Eine weitere Hypothese ist, dass eine Durchblutungsstörung des Nervs vorliegt. Es wird eine Einschränkung der Mikrozirkulation im Rahmen einer Infektion mit neurotropen Viren angenommen.

Symptome der Neuritis Vestibularis

Die Neuritis Vestibularis zeichnet sich durch einen plötzlich auftretenden, heftigen Drehschwindel aus, der auch in Ruhe nicht aufhört. Klassischerweise kommt es zu einem Drehschwindel, bei dem sich die Umgebung zu drehen scheint, zu einer Fallneigung in Richtung der betroffenen Seite und Übelkeit, fast immer begleitet von Erbrechen. Betroffene leiden unter einem schweren Krankheitsgefühl. Die Symptome nehmen innerhalb von wenigen Tagen an Schwere ab.

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Weitere typische Symptome sind:

  • Dauerhafter Drehschwindel: Der Schwindel hält über Tage an und wird durch Kopfbewegungen verstärkt.
  • Übelkeit und Erbrechen: Begleiten den Schwindel häufig.
  • Gangunsicherheit: Schwierigkeiten beim Gehen und eine Fallneigung zur betroffenen Seite sind typisch.
  • Oszillopsien: Scheinbewegungen der Umwelt können auftreten.
  • Nystagmus: Unwillkürliche Augenbewegungen, bei denen die Augen zur gesunden Seite gleiten und dann wieder zurückspringen.

Wichtig ist, dass bei einer Neuritis Vestibularis das Gehör nicht beeinträchtigt ist. Akute Hörstörungen, Tinnitus oder zentrale neurologische Symptome gehören nicht zum Krankheitsbild.

Diagnose der Neuritis Vestibularis

Die Diagnose der Neuritis Vestibularis basiert auf der Anamnese, der klinischen Untersuchung und apparativen Tests.

Anamnese

Die typischen Symptome sind wie folgt: akut oder subakut einsetzender, mindestens 24 Stunden bis viele Tage anhaltender, initial meist heftiger Dauerdrehschwindel. Dem akuten Beginn können kurze Schwindelattacken vorausgehen. Patienten berichten über spontane Scheinbewegungen der Umgebung, Stand- und Gangunsicherheit, die sich bei Augenschluss verstärkt, sowie Übelkeit bis hin zum Erbrechen.

Körperliche Untersuchung

Bei der körperlichen Untersuchung finden sich typischerweise folgende Befunde:

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  • Spontannystagmus: Horizontal-torsioneller peripherer vestibulärer Spontannystagmus, dessen schnelle Phase zur mutmaßlich nicht-betroffenen Seite schlägt. Der Nystagmus wird durch visuelle Fixation partiell oder vollständig unterdrückt.
  • Kopfimpulstest: Pathologischer „Bedside-KIT“: bei Kopfdrehung zur mutmaßlich betroffenen Seite findet sich eine Refixationssakkade, die ein VOR-Defizit anzeigt.
  • Romberg-Test: Vermehrtes Schwanken, typischerweise zur Seite der Läsion im Romberg-Test mit Zunahme nach Augenschluss.
  • Subjektive Visuelle Vertikale (SVV): Pathologische mono- und binokuläre Auslenkung der Subjektiven Visuellen Vertikalen (SVV) zur Seite des mutmaßlich betroffenen Labyrinths.

Apparative Diagnostik

  • Vestibuläre Testung: Der Nachweis einer einseitig deutlich reduzierten Funktion des VOR ist für die Diagnosesicherung erforderlich. Dies kann quantifiziert werden mit dem Video-Kopfimpulstest (vHIT) und/oder der kalorischen Testung.
  • Audiologische Testung: Bei Hinweisen für eine akut aufgetretene Hörstörung ist ein Reintonaudiogramm indiziert.
  • Bildgebung: Bei Hinweisen für eine zentrale Ursache der Symptome ist eine notfallmäßige Bildgebung indiziert: mittels CT zum Ausschluss einer Blutung, mittels CT Angiographie mit der Frage nach einer Vertebralis-/ Basilarisstenose und mittels MRT, inklusive diffusionsgewichteter Sequenzen.

Differentialdiagnosen

Es ist wichtig, andere Ursachen für Schwindel auszuschließen, wie zum Beispiel:

  • Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS)
  • Morbus Menière
  • Labyrinthitis
  • Vestibularisparoxysmie
  • Vestibuläre Migräne
  • Vestibularisschwannom
  • Ischämie/Blutung/Entzündung im Bereich des Hirnstamms oder Kleinhirns
  • Multiple Sklerose
  • Cogan Syndrom
  • Herpes zoster oticus (Ramsay-Hunt Syndrom)

Therapie der Neuritis Vestibularis

Die Therapie der akuten unilateralen Vestibulopathie beruht auf drei Prinzipien: symptomatische, kausale und physiotherapeutische Behandlung.

Symptomatische Therapie

In der akuten Phase können Antivertiginosa gegeben werden, die mit Histamin-, Muskarin-, Dopamin-, Serotonin- und/oder GABA-Rezeptoren interagieren. Sedierende Antivertiginosa sollten nur maximal ein bis drei Tage und nur bei schwerer Übelkeit und Erbrechen gegeben werden. Zur akuten Behandlung von Schwindel, Übelkeit und Erbrechen ist die z.B. Gabe von Dimenhydrinat, Ondansetron oder Lorazepam sinnvoll.

Kausale Therapie

Eine prospektive, randomisierte, Placebo-kontrollierte Studie zeigte, dass eine Monotherapie mit Methylprednisolon zu einer signifikanten Verbesserung der Erholung der peripheren vestibulären Funktion nach 12 Monaten führte. Es wird empfohlen, bei der akuten unilateralen Vestibulopathie mit Corticosteroiden in einer Äquivalenzdosis von 250 mg Prednisolon/d oral oder i.v. die Therapie unmittelbar nach Symptombeginn zu beginnen. Innerhalb der ersten 3 Tage nach Beginn der Symptome ist die Effektivität offensichtlich am höchsten.

Gleichgewichtstraining

Das bislang wichtige Behandlungsprinzip zur Förderung der zentralen Kompensation einer akuten unilateralen Vestibulopathie ist physikalische Therapie mit aktivem Gleichgewichtstraining, mit dem so früh wie möglich nach Einsetzen der Symptomatik begonnen werden sollte. Es werden drei Übungseinheiten pro Tag von jeweils mindestens 15 Minuten über - je nach Verlauf - ca. vier Wochen empfohlen. Besonders wichtig sind dabei offensichtlich horizontale Drehungen des Kopfes, um die vestibuläre Tonusimbalance als Störreiz für die vestibuläre Kompensation zu erhöhen.

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Vestibuläre Rehabilitationstherapie

Während die Entzündung abklingt, etwa ab dem zweiten oder dritten Tag nach Einsetzen der Beschwerden, sollte schon mit vestibulärer Rehabilitationstherapie begonnen werden. Mit Hilfe der Übungen lernt das Gehirn schnell, wie es die, durch die Entzündung verlorenen Funktionen, ersetzen kann.

Prognose der Neuritis Vestibularis

Die Prognose der Neuritis Vestibularis ist im Allgemeinen sehr gut. Die Mehrzahl der Patientinnen hat 1-2 Tage starke Beschwerden mit anschließend allmählicher Besserung. Die Beschwerden klingen meist nach etwa ein bis zwei Wochen wieder ab. Die meisten Patientinnen erhalten ihren normalen Gleichgewichtssinn zurück. In 40-50% der Fälle tritt eine vollständige Restitution der Gleichgewichtsfunktion ein. 20-30% der Betroffenen erreichen nur eine partielle Restitution.

In der Regel bilden sich die statischen Symptome wie der Spontannystagmus, Schwindel und die Fallneigung zurück, während die dynamischen Funktionsstörungen bestehen bleiben. Bei raschen Kopfbewegungen können z.B. Oszillopsien auftreten.

Das Auftreten von Rezidiven der Erkrankung ist selten. Wenn es zum Auftreten von Rezidiven kommt, dann kommen sie in der Regel auf der vorher nicht betroffenen Seite vor. Dies betrifft etwa 1,9% der Fälle.

Komplikationen der Neuritis Vestibularis

10-15% der Neuritis vestibularis Patienten erleiden innerhalb von Wochen auf dem betroffenen Ohr einen typischen benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel. Eine wichtige Komplikation der Erkrankung ist der Übergang der Neuritis vestibularis in einen phobischen Schwankschwindel.

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